Maßlose Reaktion

24. März 2016. In den Schweizer Medien schlagen die Wellen nach der Aktion "Schweiz entköppeln", die Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) im Rahmen des Festivals "Krieg und Frieden“ Zürcher am Theater Neumarkt initiierte (hier die Nachtkritik von der Veranstaltung) hoch.

Der Tages-Anzeiger (20.3.2016) berichtet über Kritiker, die die Aktion verurteilen und teils Subventionskürzungen für den Neumarkt daraus ableiten. So der Berner Satiriker Andreas Thiel, der im Interview mit der "Sonntagszeitung" die Aktion als "Verleumdung, Beschimpfung und Aufhetzung" einstufe und fordere, dass dem Theater die Subventionen gestrichen werden sollten. "Wenn solche Volksverhetzungen mit Steuergeldern finanziert werden, dann finanziert der Staat eine Straftat."

Ebenfalls im Tages-Anzeiger (20.3.2016) nimmt Andreas Tobler, der die Aktion "Schweiz entköppeln" selbst kritisch diskutiert hatte, das Zürcher Theater Neumarkt in Schutz: "Wenn im Fussball ein Foul geschieht, entlässt man ja auch nicht den Trainer und die anderen Spieler."

Im Radio-Interview mit dem SRF (21.3.2016) zeigt Neumarkt-Leiter Peter Kastenmüller Verständnis für die heftige Kritik an Ruchs Aktion. Die Leitung des Festivals "Krieg und Frieden", in dessen Rahmen die Aktion stattfand, habe es nicht geschafft, den "klar satirischen Charakter dieser Internetseite", die die Aktion begleitete, herauszustellen. Es sei fahrlässig gewesen, nicht genau zu prüfen, ob die Leute "diesen Dada-Schwachsinn" nicht aus den Inhalten heraus lesen könnten. So sei eine eine rote Linie überschritten worden, die Kunst nicht überschreiten sollte (mehr aus diesem Interview in der nachtkritik.de-Presseschau).

In der Neuen Zürcher Zeitung (21.3.2016) berichtet Thomas Ribi von der Zürcher Kantonsratssitzung, auf der die Aktion "Schweiz entköppeln" von allen Parteien verurteilt worden sei und legt verschiedene Szenarien dar, über die die SVP Subventionskürzungen für das Theater Neumarkt erwirken wolle. Die stuft Ribi zwar schon aufgrund bestehender Vertragsverhältnisse und Kündigungsfristen als nicht sehr erfolgversprechend ein. Aber: "So oder so wird es eng für das Theater Neumarkt. Ein grosser Sponsor, die Swiss Re, hat sich bereits im Februar, also noch vor dem Rummel um Philipp Ruchs Kunstaktion, abgewandt. Und viel Goodwill hat sich das Theater in den letzten Tagen nicht geschaffen."

In einem Offenen Brief (22.3.2016) protestieren Schweizer Künstler*innen und Kulturschaffende gegen eine Bestrafung des Theaters Neumarkt (mehr in der Meldung).

Im Interview mit dem Deutschlandfunk (23.3.2016) versucht Stephan Märki, Intendant des Konzert Theaters Bern und Präsident des Schweizerischen Bühnenverbandes, die Wogen zu glätten. "Die ganze Aufgeregtheit entspricht, glaube ich, nicht unbedingt dem Kunstwert dieser Aktion." Diese halte er für "unterkomplex" – deswegen aber Subventionen und Freiheit der Kunst infrage zu stellen, sei "maßlos".

Die Parteien SVP, FDP und CVP beauftragen in einer Motion (23.3.2016) den Zürcher Stadtrat, "dem Gemeinderat eine Weisung zur Kündigung des unbefristeten Subventionsvertrags mit dem Theater Neumarkt AG auf den nächstmöglichen Termin vorzulegen". In der Begründung des Vorstoßes nehmen die Parteien explizit Bezug auf die Aktion "Schweiz entköppeln" des ZPS: "Mit der Performance und Fluchaktion gegen einen nationalen Politiker am 18. März 2016 wurde aber mehr als nur eine rote Linie überschritten." Die Aktion verletze unter anderem gesellschaftliche Grundwerte auf eine Art und Weise, "die weder mit dem Strafgesetzbuch noch mit der Kunstfreiheit vereinbar ist" (mehr in der Meldung).

(chr)

 
Kommentar schreiben