Europäisches Klischee-Orchester

von Eva Biringer

Wien, 3. April 2016. Man muss ausnahmsweise über das Premierenpublikum sprechen. Während in Berliner Theatersälen Jeans und Sneaker dominieren, tragen die Wienerinnen Kleid oder Seidenbluse, nicht wenige Herren Anzug. Es liegt eine der deutschen Hauptstadt ferne Großbürgerlichkeit in der Luft, so klischeehaft stelle man sich das Burgtheaterabonnentenpublikum vor. Verzeihung, aber am Vergleich mit Berlin führt bei jeder weiteren Premiere von "Bella Figura" kein Weg vorbei. Yasmina Reza hat das Stück eigens für die dortige Schaubühne geschrieben – wo es vergangenen Mai zur Uraufführung kam – und mindestens so sehr für deren frankophilen Intendanten Thomas Ostermeier und wenigstens teilweise auch für Nina Hoss als Andrea.

Der Peters-Hoss-Vergleich

In der österreichischen Erstaufführung verkörpert Caroline Peters diese lasziv-übergeschnappte Apothekerassistentin, die ihre zu verkaufenden Präparate bevorzugt selbst konsumiert. Ein größerer Kontrast zur auf Apothekenkühlschrank temperierten Hoss ist kaum vorstellbar. Während diese selbst beim Toilettenquickie ihre ätherische Anmut bewahrt, macht Peters sich gar nicht die Mühe, eine Fassade aufzubauen, die erst bröckelt, dann einstürzt. Stattdessen macht sie ein Selfie von sich auf der caprisonnengelben Motorhaube liegend – das sagt alles, oder? Angeblich schämt ihre Tochter sich für Andreas Rocklänge, dabei ist dieser Rock gar nicht sooo kurz und außerdem glockenförmig, im Gegensatz zu dem ihrer Kontrahentin Françoise (Sylvie Rohrer), einem Bleistiftmodell mit gewagtem Schlitz.

BellaFigura1 560 ReinhardWerner uCaroline Peters, Joachim Meyerhoff © Reinhard Werner

Die Vorstellung einer Bella Figura, also der gesellschaftlichen Rolle, die ein jeder spielt, schwankt ja von Land zu Land erheblich, und Kleidung ist sowohl beim Premierenpublikum als auch auf der Bühne ein dankbares Medium. Janina Audicks Kostüme versetzen jede der Figuren an einen anderen Ort: Roland Koch als Einstecktuch-Eric nach München-Schwabing oder Sylt, seine Mutter (Kirsten Dene, auf beschwingte Art immer ein bisschen neben sich selbst) nach Bayreuth zur Festspielzeit, Françoise nach St. Tropez, Andrea dank Seidenblouson mit kritischem My body my choice-Logo ins diskursverliebte Schaubühnen-Berlin und ihren Silberkettchen-Boris nach Mailand. Den spielt Joachim Meyerhoff souverän als einen Italomacho, der sich selbst als den größten Gönner von allen wahrnimmt, egal ob er Frauen zum Essen einlädt oder denen aufhilft, die er im Rückspiegel übersieht.

French Pop und Blumenkübel

Denn so nimmt die Komödie ihren Lauf: Boris, der seine Ehefrau mit Andrea betrügt, fährt nach einem verdorbenen Abend mit dem Cabrio Yvonne um, die mit ihrem Sohn Eric und dessen Freundin Françoise in jenem Restaurant Geburtstag feiert, das Boris als Auftakt zum später zu vollziehenden Ehebruch dient. Françoise wiederum erkennt Boris als den Mann ihrer besten Freundin, enttarnt somit dessen Affäre – und wie immer bei Yasmina Reza lockert Alkohol Zungen und Hemdknöpfe, und alles eskaliert. Die 1959 geborene Pariserin ist die meistgespielte Autorin der Gegenwart und das Entgleisen großbürgerlicher Gesichtszüge ihre Königsdisziplin. Sicher gehört "Bella Figura" zu ihren schwächeren Stücken, besonders das Ende ist so Sternschnuppe wie das gleichnamige Himmelsphänomen, das Eric ganz esoterisch werden lässt ("eine dem Fegefeuer entkommene Seele, die einen neuen Körper sucht").

BellaFigura2 560 ReinhardWerner uDas Ensemble macht Bella Figura an der Bar © Reinhard Werner

Was soll's, Dieter Giesings French-Pop-beschwingte Regie und ein Bühnenbild (Stéphane Laimé), das mit Blumenkübeln vor Tapetenmeer Lust auf den nächsten Rimini-Urlaub macht, wirken ähnlich stimmungserhellend wie die auf der Bühne konsumierten Psychopharmaka. Ganz abgesehen von einem Ensemble, das sich mit Fischmessern attackiert und glauben macht, dass der Champagner in seinen Gläsern wirklich perlt. Anders als in Berlin, wo "Bella Figura" auf Verhaltenheit bis Missgunst stieß, ist sich das Publikum im Akademietheater beim Schlussapplaus einig: Die haben eine wirklich gute Figur gemacht.

Bella Figura
von Yasmina Reza
Regie: Dieter Giesing, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Janina Audick, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Peter Band, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Caroline Peters, Joachim Meyerhoff, Sylvie Rohrer, Roland Koch, Kirsten Dene.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller vom Standard (4.4.2016) findet den Abend in der "hyperrealistischen Klarheit" des Interieurs (Bühne: Stéphane Laimé) "immer schön anzusehen", allerdings auch recht "dünnsuppig". Er wirke in die Länge gezogen, der Spaß liege allein im Detail. "Im schiefen Tonfall, den etwa die Worte 'Mühe machen' verursachen, mit denen Boris unbedacht das Date benennt." Besondere Leuchtkraft entfalte Caroline Peters als Andrea, die den Drang zur (notwendigen) Eskalation spürbar in sich trage.

Rezas jüngstes Stück ist nicht viel mehr als eine locker ausgeführte Fingerübung, schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (5.4.2016). In Wien sei mit der Regie Altmeister Dieter Giesing betraut, ein Experte für das Genre Well-Made Play, "die Besetzung ist auch exquisit". "Aber darauf, dass sich auf Stéphane Laimés bunter, hyperrealistischer Bühne – gelbes Cabrio inklusive – irgendwas Spannendes entwickeln würde, wartet man vergebens." Die interessanteste Figur im Stück sei noch die undurchschaubare Andrea, die gegen das verlöschende Feuer ihrer Affäre mit einer Art Guerillataktik ankämpfe. "Caroline Peters aber legt die Rolle harmloser an, als es dieser guttut, und auch die anderen Stars richten es dann doch nicht." Nur der großen Kirsten Dene in der Nebenrolle der tendenziell dementen Alten gelinge eine überraschende, würdevoll komische Performance. Fazit: "Es wird viel Champagner getrunken in dieser Aufführung. Prickelnd ist sie trotzdem nicht." 

Hubert Spiegel von der FAZ (5.4.2016) findet, Rezas Stücke seien "sorgfältig choreographierte Selbstentblößungsballette und virtuose Dialogkaskaden". Die Figuren "müssen bei Dieter Giesing keine Bestien sein, sind in ihrer Missgunst und Schäbigkeit ebenso wenig maßlos wie in ihrem Liebes- und Geltungsbedürfnis". Joachim Meyerhoff spiele seinen Boris als Möchtegern-Playboy, der sogar ganz gern großzügiger wäre, wenn es ihn nur weniger kosten würde. Kirsten Denes Yvonne genieße das Gemetzel der anderen wie ein gelangweilter Kurgast: als raren Ausflug in Schmerz und Elend einer anderen Generation, als willkommenes kleines Seelensensationsspektakel, das sie verlängert, wo sie nur könne. "Begeisterter Beifall für einen Abend der Blicke in einen wohltemperierten Abgrund", resümiert Spiegel.

Petra Paterno von der Wiener Zeitung (4.4.2016) findet: "Das amüsante Geplauder mit Hintersinn, das sonst den Stoff bildet, aus dem die 56-jährige Pariser Autorin ihre weltweit erfolgreichen Bühnenstücke (...) schuf, zündet in 'Bella Figura' nicht." Regisseur Dieter Giesing inszenierte, interpretiere den Text punktgenau, wodurch die Aufführung indes noch behäbiger wirke.

"Regisseur Dieter Giesing hat sein großartiges Ensemble in Wien zu einem psychologisch genauen Spiel angehalten, bei dem es durchaus auf die Wirkungstube drücken darf", so Hartmut Krug im Deutschlandfunk (aufgerufen am 5.4.2016). Er hebt Caroline Peters hervor, sie sei das "Kraftzentrum der Inszenierung". Auch Kirsten Dene als Yvonne gelinge "Wunderbares": Sie nehme der Rolle einer skurrilen älteren Frau keineswegs ihre eingeschriebene unfreiwillige Komik, doch zugleich verleihe sie ihr eine trockene Selbstsicherheit und beiläufige Weisheit. "Aber auch sie, wie das gesamte Ensemble, vermögen es nicht, trotz vieler schöner Szenen, das Stück wirklich bedeutsam werden zu lassen." Man schaue all dem gern zu, es mache immer mal wieder 'Bella Figura', "mehr aber auch nicht".

 

 

 

 

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