Zum Weiterleben verdammt

von Elske Brault

Karlsruhe, 9. April 2016. Hinunter, ach hinunter, geht jede Lebensbahn. Von einer Eisentür im grauen Betonquader des Karlsruher Theaterhauses fällt eine schiefe Ebene den Zuschauern entgegen, endet unter ihren Sitzreihen. Alle Personen des Dramas "Die Troerinnen" werden nacheinander aus der mächtigen Tür wie aus einem Schlund gespien und verschwinden nach ihrem Auftritt im Nirgendwo zu unseren Füßen. Alle außer Hekabe, Königin von Troja. Sie, die Älteste, ist zum Weiterleiden und Weiterleben verdammt.

Zivilisatorischer Schlagzeugdonner

Ja, schon die Existentialisten haben sich für "Die Troerinnen" interessiert. Jean-Paul Sartre hat eine schöne, moderne Textfassung geschaffen. Die wird hier aber nicht gespielt, sondern das Staatstheater hat bei seinem ehemaligen Dramaturgen Konstantin Küspert eine neue Übertragung angefordert. Was diesem insgesamt recht ordentlichen Gebrauchstext an Musikalität fehlt, machen die mal bedrohlichen, mal donnernden Schlagzeugklänge von Kostia Rappaport wett, zusätzlich markieren die Videos von Sami Bill die Szenenwechsel: Kakerlaken aus Licht laufen da über schwarzen Grund, Fetzen von rasch dahintreibenden Gewitterwolken jagen über die schiefe Ebene, oder es ist, als ob das Sonnenlicht zuckend durch sturmgeschüttelte Bäume fiele.

Die Aktualisierung ist nicht frei von Peinlichkeiten (das Programmheft spricht von "lakonischem Humor"), etwa wenn Andromache zu ihrer Schwiegermutter Hekabe sagt: "Ach Mutti, das ist doch nun Quatsch!" Aber Regisseur Jan Philipp Gloger vollbringt mit seinen Schauspieler*innen das kleine Wunder, dass selbst solche Ausrutscher sich in sein Konzept fügen.

troerinnen 560 FelixGruenschloss UHinunter auf der Lebensbahn in "Die Troerinnen" © Felix Grünschloß

Dabei war ja das Schlimmste zu befürchten: Damen und Herren in eleganter, moderner Straßenkleidung spielen antikes Drama. Ein 2500 Jahre alter Text wird als Beleg dafür angeführt, dass Europa – und damals war Europa Griechenland – von jeher Probleme hat mit seinen Standards in Sachen Zivilisation. Man ist ach so stolz auf Demokratie und Bürgerrechte und deportiert Menschen, damals wie heute. Wer ohne Kenntnis der Verhältnisse in der antiken Polis "Die Troerinnen" einfach mal so als Flüchtlingstragödie in die Gegenwart spucken will, läuft Gefahr, eine nervige Mischung aus plattem Polittheater und Volkshochschulkurs in alter Geschichte zu inszenieren.

Aufrecht im Schicksal

Und mit der Handlung, mal ganz ehrlich, ist es in Euripides' Stück nicht weit her. Es ist ein einziger Klagegesang weiblicher Opfer, ein vielstimmiges Jammern über den Grundmotiven "Mann im Krieg gefallen", "Heimat verloren", "von der Herrin zur Sklavin degradiert". Wie jede einzelne hier dieses Lied anders und auf ihre Weise singt, macht den anderthalbstündigen Abend spannend, emotional berührend, um nicht zu sagen: kurzweilig.

troerinnen 560a FelixGruenschloss UFlorentine Krafft als Kassandra, Annette Büschelberger als Hekabe, Sascha Tuxhorn als Talthybios
© Felix Grünschloß

Alle überragend Annette Büschelberger als Hekabe, Königin von Troja: Auf eleganten Pumps stöckelt sie, die große Hermès-Handtasche zur Verteidigung gegen die Brust gedrückt, auf die abschüssige Bühne wie eine alternde russische Millionärin durch den Kurort Baden-Baden. Sie will ihrem Schicksal aufrecht entgegen gehen, spornt sich, wenn sie zu Boden fällt, selbst wieder an: "Steh auf, steh auf!" Nach dem Motto: Sie können mir das Leben nehmen, aber nicht den Stolz. Doch auch der bröckelt wie ihre äußere Erscheinung. Am Ende wird sie ohne ihre blonde Perücke, mit kahlem Kopf à la Krebspatientin, einfach nur noch dasitzen. Die von Jugend an zur Disziplin erzogene, bis dahin stets aufrechte Dame hat um ihre Würde gekämpft – und verloren.

Furchtbare Hochzeit

Ganz anders ihre Tochter Kassandra: Die lässt den Schmerz umschlagen in grelles, hysterisches Lachen. Im weißen Brautkleid wirbelt Florentine Krafft über die Bühne, feiert ihre bevorstehende "Hochzeit", die Vergewaltigung durch ihren neuen Herrn Agamemnon: Als Priesterin des Apollon hätte Kassandra Jungfrau bleiben sollen. Sie hält ihre persönliche Integrität aufrecht, indem sie die fürchterliche Entehrung und Demütigung als Teil eines größeren Plans begreift: Kassandra weiß dank ihrer hellseherischen Fähigkeiten, dass Agamemnon ihretwegen ermordet werden wird. Wahnsinnige Rachegedanken lassen bekanntlich auch Brechts Seeräuber-Jenny durchhalten, nur hofft Kassandra nicht auf ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen, sondern auf den Tod an der Seite ihres Schänders.

Amélie Belohradsky als Andromache erscheint als die angepassteste der trojanischen Frauen. In typischem Büro-Outfit, mit enger beiger Hose und rosa Strickjäckchen, wird sie von Brechreiz geschüttelt, wenn sie an ihren verlorenen Mann Hektor oder ihren neuen Mann in Griechenland denkt. Demnach war Sex für sie immer nur Ekel erregende Unterwerfung – zu einem eigenen Lebens- und Liebesentwurf reicht es bei Andromache nicht. Ihre Schwiegermutter Hekabe muss den liefern und sie ermahnen, sie solle weiter hübsch brav sein, damit die nächste Männergeneration, Andromaches etwa sechsjähriger Sohn, eines Tages die Trojaner rächen könne.

Sieger und Besiegte

Ein kleiner Junge spielt das Bübchen als stumme Rolle, und seltsam, obwohl eine alte Theaterregel besagt, keine Kinder oder Tiere auf die Bühne zu schicken, weil sie allen übrigen die Schau stehlen, geht selbst diese Regieentscheidung auf. Jan Philipp Gloger gelingen "Die Troerinnen" als zeitloses Drama von (männlichen) Siegern und (weiblichen) Besiegten. Letztlich gehen alle leer aus: Die ängstlichen Griechenmännlein ebenso wie die starken Frauen Trojas. Der Krieg hat den einen die Würde und den anderen die Menschlichkeit genommen.

Die Troerinnen
von Euripides, Textfassung von Konstantin Küspert
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Marie Roth, Musik: Kostia Rapoport, Video: Sami Bill, Dramaturgie: Brigitte A. Ostermann.
Mit: Annette Büschelberger, Florentine Krafft, Amélie Belohradsky, Lisa Mies, André Wagner, Sascha Tuxhorn, Marcus Mislin, Tom Obert,/ Junias Schlenker, Marc Zschiesche.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

"Statt auf Bühnenblut und Puppenmassaker setzt Gloger (…) auf gepflegtes Mittelstandsoutfit und eindrucksvoll akzentuierten Minimalismus", schreibt Michael Hübl in den Badischen Neuesten Nachrichten (11.4.2016) und macht als Höhepunkt der Inszenierung den Auftritt von Annette Büschelberger aus, die anfangs noch "das herbe Parfüm elitärer Arroganz" versprühe, "doch mehr und mehr lässt Büschelberger an ihrer Rolle die Reste an Stolz und Selbstbehauptung bröckeln, bis sie als erbarmungswürdiges Häufchen Elend ihr zerschmettertes Enkelkind beklagt."

"Dichte 90 Minuten, die unter die Haut gehen" hat auch Ute Bauermeister gesehen und schreibt im Badischen Tagblatt (11.4.2016): "Mag an manchen Stellen das Groteske überborden, so bleibt doch die so schlichte wie erschütternde Erkenntnis von diesem sehenswerten Abend: Krieg bringt nichts als Leid. Euripides war einer der ersten Pazifisten."

Judith Sternburg von der Frankfurter Rundschau (15.4.2016) stört sich an dem "Geflapse", etwa, wenn es um Leben und gehe und Andromache zur Schwiegermutter sagt: 'Mutti, das ist jetzt aber Quatsch.' Es stehe die Frage im Raum, "ob das Tragische die Regie von heute in Verlegenheit bringt, oder ob es eben so schwer auszuhalten ist, dass es keinem zugemutet werden soll. Aber dann ist das gar nicht mehr von Belang, fügt sich sogar ein in eine Verzweiflung, an der Menschen ja irr werden, in der alte Gewohnheiten noch aufscheinen, aber nun sinnentstellt, überhaupt entstellt." Dem 90-Minüter gebe das etwas Unglattes, Ungebärdiges. Und zu deutlich erkenne man darin die Welt wieder, "wie sie war und wie sie ist".

 
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