Puppen

von Teresa Präauer

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19. April 2016. Puppen am Theater: gibt es wohl, seit es Theater gibt. Die Bedenken gegen Puppen am Theater, sie hätten etwas Kindisches oder Verstaubtes an sich, wird man rasch ausräumen, wenn man aktuell, neben vielen anderen Beispielen, an Nikolaus Habjans Handpuppen auf deutschen und österreichischen Bühnen denkt oder, weiter zurückliegend, an die monströse Jelinek-Puppe, die 1995 bei Castorf ihren Auftritt hatte. Ist sie wirklich so groß gewesen? Ich glaube mich zu erinnern, sie sei übergroß gewesen. Vielleicht war ich damals aber selbst einfach so klein. Oder man wird, im Publikum sitzend, so sehr zum Hinaufschauen vergattert.

Mitunter meint man vielleicht auch, selbst eine Puppe zu sein in den Händen eines Spielers oder an den Fäden von jemandem, der, statt uns, die Geschicke lenkt. Dass die beiden österreichischen Mediensatiriker von maschek in manchen ihrer Sketches auch Politikerinnen und Politiker als Handpuppen sprechen lassen, mag uns beim Zusehen zu komischer Einsicht und tragischem Lachen verhelfen.

kolumne teresa2Die abgedankte österreichische Innenministerin, deren Charme mittlerweile auch aus deutschen Talkshows bekannt ist, wird als 30 Zentimeter kleine Puppe kenntlich als der Wurschtl, nein, das Krokodil, das sie auch in Lebensgröße ist. Und das gilt nicht für sie allein, sondern für so viele Akteurinnen und Player in der Politik der europäischen Gemeinschaft: Was frustriert, ist die stumpfe Ideen- und Utopielosigkeit, die, neben anderen, auch Österreich dazu bringt, beispielsweise aktuell die Grenze zu Italien mit sogenannten Baumaßnahmen zur Grenzsicherung aufzurüsten.

Verbrennen im eigenen Haus

"Freiheit sichern, Grenzen setzen", steht auf den Wahlplakaten der Wiener ÖVP, und das erinnert ein bisschen an das Wording bei Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge, aber ein bisschen mehr noch kokettiert es mit den Sprüchen der Rechtspopulisten, wie man sie jetzt in vielen Ländern Europas hören und lesen kann. Das ist so armselig, so kleinlich, so kleingeistig, dass, hoho!, die Puppen jeden Figurentheaters dagegen groß sind wie Riesen, ja, es ist nicht einmal realpolitisch gedacht, nicht konstruktiv, es zeigt keinen Überblick, keinen Weitblick, keine Fähigkeit, übernational zu denken usw.

Manchmal denke ich an das alte Ehepaar aus der kleinen Kleinstadt, in der ich für einige Zeit aufgewachsen bin. Das Ehepaar hatte sich das Eigenheim mit einbruchsicheren Sicherheitsmarkisen ausgestattet, die nur elektrisch zu bedienen waren. Und als es dann im Haus einmal gebrannt hat, da haben sich die Sicherheitsmarkisen von innen her nicht mehr öffnen lassen, da die Stromzufuhr durch den Brand unterbrochen gewesen ist. Man ahnt bereits die traurige Pointe: Das Ehepaar ist, nach außen gesichert, innen eingesperrt ins eigene Haus, in eben jenem verbrannt. – Und ich, ich will nicht, dass wir verbrennen in einem Haus, das so gut gesichert ist, dass wir selbst nicht mehr hinauskommen, wenn wir in Gefahr sind, oder wenn wir hinein und hinaus wollen, weil wir uns eben frei bewegen wollen. Und wie sehr es ein erkämpftes Privileg ist, sich frei zu bewegen, das sehen wir ja oder haben es auch immer sehen können, wenn wir die Augen aufgemacht haben. Dass diese Freiheit gleichermaßen auf Kosten anderer gebaut ist, zeigt nur, wie prekär es im Weiteren um die Einhaltung von menschlichen Grundrechten steht. – Ich will nicht, wie das alte Ehepaar, die Marionette der eigenen Angst werden. ("Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", denke ich jetzt.)

Für wen ist die scheiß Kunst da?

Haben wir die Dinge in der Hand? Haben wir uns selbst in der Hand? Im Griff? Liegen einander in den Armen? Bleiben beweglich, auch wenn unsere Gelenke steif sind? Gehen ein und aus, öffnen jede Tür, betreten jedes Haus? – Sind die Theater offene Räume für offenes Gespräch? Für wen ist die scheiß Kunst da, für wen wird sie gemacht, wer macht sie? Muss ich das Wort Scheiße schreiben? Ich will nicht steif werden, ich will beweglich sein in meinem Hirn und in meinem Handeln und in meiner Begeisterung und in meinem Schreiben und Schauen ... – und ich hänge hier noch einen zweiten Text an, der beinahe zehn Jahre alt ist. Es geht darin nämlich um ein paar poetische Thesen zwischen Starre und Lebendigkeit, zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Puppe. Geschrieben im Februar 2007, zu "Beethoven in Camera" von Roman Paska, einer Koproduktion des Schauspielhauses Wien mit dem Dead Puppet & Grand Théatre de la Ville Luxembourg, aufgeführt vom 20. Jänner bis zum 4. Februar in Wien. Ich meine, es ist ein Text, der noch immer mit meinem oder unserem Leben zu tun hat. Es ist ohnehin eine ganz große Lüge und ein ganz großer Irrtum, dass das Poetische oder das Literarische oder das Philosophische oder das Künstlerische ach-so-entfernt sei von der Wirklichkeit. Wo man hinsieht, überall Baumaßnahmen zur Grenzsicherung, im Denken und im Sprechen und im Handeln, aber wir hüpfen darüber. So:

Mutmaßungen über Puppen
Beim Betrachten des Spiels von Roman Paska

Puppenleben
Das Gesicht der Puppe trägt ein entgeistertes Lächeln, das vieldeutig wird im Lichtwechsel zwischen Spiel und Schatten. Das Holz ihres Körpers ist hell und elfenbeinfarben lackiert: Sie scheint anwesend und ist doch engelsgleich.

Puppenmensch
Die Figuren besitzen ein Drittel an Menschengröße, ein zweites Drittel machen sie wett durch die Höhe der Bühnenrampe, ein drittes durch das Möbelchen, auf dem sie thronen. So sitzt ihnen im erhöhten Zuschauerraum die Betrachterin auf Augenhöhe gegenüber. Ihr wird innerhalb dieser Konstellation von Puppe, Puppenspieler und Publikum das die anderen überragende Maß an Starrheit abverlangt, im Dunkel regungslos ihrer selbst nicht mehr gewärtig.

Menschenpuppe
Der Puppenspieler arbeitet nicht wie beim Marionettenspiel mit dem Hilfsmittel der unsichtbaren Fäden, sondern führt die Figur in der Berührung von Haut und Holz direkt mit seinen Händen. Die Schnürchen, die die vermeintliche Illusion des Lebenden auf Zug halten, fehlen.
Doch scheint es, während bis zu drei Menschen in schwarzer Kleidung die Bewegungen der Figur lenken und hierbei zur sechshändigen Unperson werden, als erlange da die Figur Eigenständigkeit wie Leichtfüßigkeit, ja Menschennähe. Je lebendiger die Puppe, desto gehilfenhafter wirken die Puppenführer; ja, mehr von den Bewegungen der Puppe geleitet denn umgekehrt.

Mensch, Puppe, Tod, Leben
Des Puppenspielers "Dead Puppet Theatre" (Paska) birgt an der Stelle einer rhetorischen Tautologie tatsächlich – in der Performanz – eine Vielzahl an Varianten zwischen Lebendigkeit und Tod, zwischen Persönlichkeit und Funktionalität: Es gibt Puppen und Puppenteile und zugleich Menschen und Menschenausschnitte, sichtbar als Mechanik aus Einzelteilen: Hände im Licht, Wangen; ein Hut. Plötzlich greift sich eine Puppe einen zweiten, in der Mitte durchtrennten Puppenkörper und spielt mit ihm, als wäre er der verletzte Rest, der von einer Liebe übrig geblieben ist. Später nimmt sie deren lose Beinchen in die Arme und hantiert damit wie mit einer Gerätschaft; puppentotes Menschending.
Erst hier bemerkt die Zuschauerin, wieder einer Illusion aufgesessen zu sein und sich im Gegenüber das Lebende gewünscht zu haben.

Sie ist, indem sie spielt zu sein (ein kleiner Puppengott).

Anmerkungen
"Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel", schreibt Rilke in der vierten Duineser Elegie.
Die Puppe ist nicht, wie der Mensch, lebend, aber lebendig. Sie ist daher nicht wie lebendig, sondern wie lebend.
Zwischen den Extremen von Leben und Tod sind Lebendigkeit und Starre graduell, Varianten. Ist die unbewegte, unbelebte Puppe nun tot (innerhalb eines Puppenlebens)? Oder ist sie ein Gegenstand, ein Ding – oder "nicht mehr" und "noch nicht"?

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag, als Taschenbücher bei S. Fischer, und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Künstlerroman "Johnny und Jean", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt war in Teresa Präauers Kolumne Peter Handke und die Grimasse des Widerspruchs Gegenstand der Betrachtung.

 

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