Die Freiheit des Draußen

von Georg Kasch

26. April 2016. Jetzt also auch noch Prince. Nach David Bowie, dem Identitätsjongleur, hat der nächste androgyne Großkünstler die Bühne verlassen. "Wenn man irgendwo lernen kann, dass Grenzen Blödsinn sind, sexuell, ästhetisch, ethnisch, dann bei Prince", schrieb der geschätzte Kollege @zahnwart auf Facebook. Peaches, selbst eine queere Ikone, fasste ihn so: "Er ist weder eine Drag Queen, noch ist er eine Frau, die ihre maskuline Seite betont. Nein, er ist trotz allem dieser absolute Machotyp, der sich aber wie selbstverständlich aufrüscht und in High Heels und Reizwäsche herumstolziert."

Prince war R&B, Schwarz, Funk, schwul, Bart, Soul, Falsett, Rüschen, Pop, Pumps, Brusthaar, Rock, Tenor, Weiß, Jazz, hetero. Weil ihm Begriffe egal waren, passten sie alle in eine Performance: "Am I black or white? / Am I straight or gay? / Controversy / ... / Listen, people call me rude / I wish we all were nude / I wish there was no black and white / I wish there were no rules", sang er 1981 in "Controversy“. Bezeichnend, dass er sich ein Symbol erfand, das zu gleichen Teilen aus dem männlichen und dem weiblichen Logo besteht.

kolumne georg... die Masken so erstarrt

Natürlich war das alles inszeniert. Warum nicht? Authentizität ist eh nur ein Pollesch-Schimpfwort. Das Faszinierende an seiner queeren Show: Der Mainstream hat das geschluckt, vermutlich, weil diesem Mainstream seine Musik gefiel und erfolgreichen Künstler schon immer der Regelbruch zugestanden wurde. Vielleicht aber auch, weil das Alles-in-der-Schwebe-halten, das Die-Eindeutigkeiten-auflösen riesige Assoziationsräume öffnet, in denen sich viele wiederfinden können.

Was übrigens auch ein Geheimnis ist von Ersan Mondtags wortlosem Tyrannis. Ein Abend, der queer ist, nicht etwa, weil er LGBTII*-Identitäten bilderbuchhaft vorführen würde wie jüngst Sasha Marianna Salzmann in Meteoriten. Sondern weil hier alles flirrend in der Schwebe bleibt. Weil es keine eindeutige Geschichte gibt, sondern nur Andeutungen und Einzelbilder, die man im Kopf zusammenfügt. Die Leiber sind hier so aus dem Takt geraten, die Masken so erstarrt und die Perücken derart toupiert, dass man nicht nur hinter der Schwester, die mit einem männlichen Schauspieler besetzt ist, sondern auch hinter anderen Figuren ein Crossdressing vermutet. Auch die Zitatflut ist so reichhaltig, dass sie zu flirren beginnt: Ist dieses Trippeln und Stöckeln der Figuren noch Robert Wilson oder schon Vegard Vinge? Oder gar Computerspiel? Frank Castorfs "Endstation Amerika"-Spiegeleier treffen auf den psychedelischen Fußboden aus Stanley Kubricks The Shining, hinten lockt der an Tschechow, Stanislawski und Peter Stein erinnernde Birkenwald, dazu flimmern Überwachungsbilder, die aus der Truman-Show, Big Brother oder aber einem beliebigen Hotel stammen könnten. Camp, der bedeutungsschwer raunt und uns diese Bedeutungsschwere im Falstaff'schen Schlussgelächter um die Ohren haut. Oper gibt's hier ja auch satt, es wird sogar gesungen (natürlich ist die Musik vom Band, auch das ist Teil der Hyper-Künstlichkeit), dass einem die Tränendrüsen drücken.

Fortlebende Entgrenzungsarbeit

Wovon wird hier erzählt? Von der Angst vor dem und den Fremden? Oder vom Fremden in uns? Von spießiger Erstarrtheit im durchdesignten Heim? Von der Freiheit des Draußen? Mit seinen vielen gelegten Spuren, seinem Wechsel aus vorbereitetem Video und blindem Spiel, seinem traumwandlerischen Surrealismus und seinem Loriot-haften Realismus spannt der Abend seine Arme weit, hebt die Begrifflichkeiten aus den Angeln. Und knirscht doch genügend im Showgetriebe, um – zumindest beim Gastspiel beim Festival Radikal jung in München – reihenweise Zuschauer noch während der Vorstellung zum Gehen zu bewegen.

"Tyrannis“ ist seltsam, merkwürdig, pervers. Queer. Natürlich ist es eine Binse, zu behaupten, dass Mondtag diesen Abend nur schaffen konnte, weil es Künstler wie Prince und Bowie gegeben hat. Und doch ist der Gedanke tröstlich, dass ihre Entgrenzungsarbeit fortlebt. Zum Beispiel im Theater.

 

gkportraitschmalGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken. 

 

Zu allen Queer-Royal-Kolumnen von Georg Kasch: hier entlang.

 

 
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