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Was alles geht

von Thomas Rothschild

Bregenz, 29. April 2016. Kurz vor Ende spricht eine Mitwirkende jenen viel zitierten Satz, den der Bundespräsidentschaftskandidat genau so bedrohlich meint, wie er klingt: "Ihr werdet euch noch wundern, was alles geht." Näher an der Gegenwart kann Theater nicht sein. Beim Bregenzer Frühling wurde, zwischen Wim Vandekeybus und Shen Wei Dance Arts, "Jeder gegen Jeden" vom Aktionstheater Ensemble uraufgeführt. Die Bezeichnung "Tanzfestival" führt in diesem Fall ein wenig in die Irre. Mit Tanz hat dieser Abend nur insofern zu tun, als er mit choreographischen Elementen arbeitet. Aber das gehört mittlerweile zum Alltag des Sprechtheaters.

Auch die Kategorie der "Freien Gruppe" weist beim Aktionstheater Ensemble Unschärfen auf. Eine feste Gruppe, wie es einst Conny Hannes Meyer mit den "Komödianten" oder George Tabori mit dem "Kreis" tat, hat Martin Gruber nicht um sich geschart, sondern vielmehr einen Pool von auch anderweitig beschäftigten Schauspielern, aus dem er einzelne für seine Produktionen aussucht. Diesmal sind es sieben Frauen und zwei Männer, mit denen er auch den Text erarbeitet hat.

Reden, beschimpfen, missverstehen

Im Übrigen verdeutlicht das Aktionstheater Ensemble, das es bereits seit 27 Jahren gibt, dass die "Freie Szene" nicht so brandneu ist, wie ihre Anhänger gerne behaupten, und dass sie nicht den diametralen Gegensatz zum etablierten Literaturtheater bildet. Sie ist nicht das ganz Andere, sondern eher eine Variante in veränderter Organisationsform.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gehörten wohlgeformte Dialoge zum unabdingbaren Bestand des Dramas. Mit Tschechow und später mit Beckett verbreitete sich das Aneinandervorbeireden auf der Bühne. Martin Gruber treibt die Methode auf die Spitze. "Den anderen verstehen – ob das überhaupt möglich ist?", heißt es an einer Stelle. Auch in der Sprachverwendung setzen Gruber und sein Ensemble einen Prozess fort, der sich vom Naturalismus bis hin zu Wolfgang Bauer und Werner Schwab radikalisiert hat: die Ablösung des gehobenen Stils durch eine zunehmend vulgäre Alltagssprache.

JEDERGEGENJEDEN1 560 Gerhard Breitwieser uAuschoreographiert und ausgeschimpft in "Jeder gegen jeden" © Gerhard Breitwieser

In der Textmontage "Jeder gegen Jeden" stoßen die unterschiedlichsten Themen auf einander. Martin hat sich in Memphis ein Tatoo stechen lassen. Roswitha beschimpft in ordinärem Vorstadt-Wienerisch ihre Partner. Vom Watschen-Geben ist die Rede, vom Leiden unter Tinnitus, vom Blutspenden und was man dafür kriegt, das Publikum darf darüber abstimmen, ob man einem Nazi Blut spenden soll, und die Mode der Publikumsbeteiligung wird zugleich ad absurdum geführt, dem Menstruationsblut wird ein Lob gesungen und über die schlechte Bezahlung von lebenden Maskottchen für Banken wird geklagt. Das Publikum wird mit antiarabischen und frauenfeindlichen Witzen provoziert und amüsiert sich dabei.

Rythm is it

Die Frauen in hellrosa Kleidchen und barfuß sowie die beiden Herren, von denen einer unausgesetzt Kaugummi kaut, sprechen meist frontal zum Publikum. Sie spielen keine Rollen, sondern Typen. Dazwischen erklingt, begleitet von Andreas Dauböck hinter den die Bühne begrenzenden roten Stoffplanen am Schlagzeug und an Keyboards, ein Gospelgesang. Die sitzenden Schauspielerinnen und Schauspieler vollziehen parallele Minimalbewegungen, die sich im Lauf des Abends zu einer Choreographie zwischen "Chorus Line" und Pina Bausch steigern.

Das überhaupt zeichnet Martin Grubers Theater aus: die Musikalität der Abläufe. Dennoch: von Tanztheater zu sprechen überstrapaziert den Begriff, lässt seine Konturen verschwimmen und macht ihn letzten Endes inhaltsleer. Wohl aber hat Gruber verstanden, wie bedeutsam Rhythmus für das Theater ist, in der gesprochenen ebenso wie in der Körpersprache, und dass der Einsatz von Musik in der eigentlichen Bedeutung nicht der Beliebigkeit anheimfallen sollte.

Champagner im Liegestuhl

An einer Stelle wird aus dem Schnürboden eine Strickeiter herabgelassen. Sie ist so etwas wie ein Red Herring, denn sie erfüllt keine Funktion. Eine Schauspielerin erklimmt sie bis zu halber Höhe, und das war's dann. Die eigentliche Bühnenaktion ist das Wechselspiel der Körper im Raum. Während mehrere Akteure im Hintergrund auf einem Podium, zu dem drei flache Stufen führen, reden, tänzelt eine vorne mit einer Querflöte in der Hand unaufhörlich vor und zurück. Später gesellt sich eine zweite fast beiläufig zu ihr.

Am Schluss tut die Drehbühne, wozu sie geschaffen ist: sie dreht sich, gibt den Blick auf die Musiker frei, bis das restliche Ensemble wieder zum Vorschein kommt und mit ihm eine rätselhafte Frau in Rot mit Sonnenbrille und Champagnerflaschen auf einem Liegestuhl. Wir kennen sie aus dem Eröffnungsbild.

Jeder gegen Jeden
von Martin Gruber und Aktionstheater Ensemble
Regie: Martin Gruber, Bühne und Kostüme: Ona B., Musik: Andreas Dauböck, Martin Hemmer, Dramaturgie: Martin Ojster.
Mit: Babett Arens, Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Alev Irmak, Isabella Jeschke, Alexander Meile, Kirstin Schwab, Roswitha Soukop.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.aktionstheater.at