Schwall und Rauch

von Anne Peter

Berlin, 4. Mai 2016. Bei Pollesch wurde ja schon oft gequalmt, was das Zeug hält: Zigaretten aus Prinzip. Eine regelrechte Pro-Nikotin-Kampagne, rauchschwadiger Protest gegen die Mainstream-Doktrin vom vernünftigen, gesunden Leben. Diesmal riecht es schon beim Betreten des Asphalt-Schrägen-Raums in der Volksbühne unverkennbar: nicht nach Zigaretten, sondern nach Gras. Es dauert auch gar nicht lange, bis wir den vier Schauspieler*innen dabei zusehen, wie sie die Joints rumreichen. Sie tun das dope-mäßig verlangsamt – und ja, es ist schön anzusehen, wenn Kathi Angerer ihren Kulleraugenaufschlag in Slow Motion performt.

Niemand reißt die Augen auf wie Kathrin Angerer

Das entspannte Gechille passt irgendwie auch wunderbar zum sonnigen Mai-Himmel draußen, wo auf dem Räuberrad noch immer rote Grabkerzen an Bert Neumann erinnern. Drinnen ebenfalls Bert-Neumann-Revival: Die Zuschauer fläzen wahlweise im schwarzen Sitzsackmeer oder auf den wohlbekannten weißen Plastikstühlen, vor ihnen stehen drei Container aus Neumanns Rollende-Road-Schau-Fundus, mit denen die Volksbühne einst – vor allen anderen – in den Stadtraum ausschwärmte.

Auch sonst ähnelt dieser knapp anderthalbstündige Pollesch-Abend vom Look her jenen aus "RRS"-Zeiten: Kaum Slapstickerei, kein Chor, keine One-Man-Hinrichs-Show. Stattdessen: Kameras (und ein grandios stoischer Tonangel-Halter) fürs Container-Innen, Songs (und ein Fahrrad) für die wuseligen Zwischenspielszenen. Und vier aufgeregt aneinander vorbeidiskutierende, aufeinander eingestikulierende Spieler*innen, die sich immerzu ins Wort fallen und gegenseitig anstaunen. Ebenjener Augenaufreiß-Gestus, der noch jede Banalität zum welterklärenden Aha-Moment veredelt, passt Kathrin Angerer so angegossen, dass man sich fragt, warum sie erst zum zweiten Mal mit von der Pollesch-Partie ist. Neben ihr die bewährten Polleschianer Inga Busch und Trystan Pütter, aber auch der junge Filmschauspieler Samuel Schneider mit (ziemlich überzeugendem) Bühnendebüt.

Der Versuch einer Komödie

Der Titel des Ganzen ist mal wieder hinreißend – und mal wieder hat Pollesch ihn auf Twitter aufgelesen, bei @rational_heart: "I love you, but I've chosen Entdramatisierung". Was freilich auch schon eine der unzähligen im Netz und anderswo herumschwirrenden Varianten des Namens der US-amerikanischen Indie-Band "I love you but I've chosen darkness" ist. Es geht, mal wieder, um die Dekonstruktion der Liebe, die eben keineswegs alles zusammenhält und die man in eine "rituelle Komödie" verwandeln müsse. Gegenseitiges Anranzen zum Spannungsabbau statt des ewigen Rücksichtnehmens und Nettzueinanderseins. So wie das angeblich im 13. Jahrhundert im viel-ethnischen Westafrika zur sozialen Praxis wurde: Schimpf- und Spottworte, bis sich alle vor Lachen krümmen, statt Hauen und Stechen – auch eine Möglichkeit, "den sozialen Frieden wieder herzustellen"? "Beleidigungen können ja auch was Kathartisches haben. Das Problem ist nur, man nimmt sie sich gegenseitig so leicht übel", seufzt Angerer. Reihum frotzelt man sich mit "Du Hohlbirne!" und "Ficksau!" an, was entrüstete Blicke und Klapse zur Folge hat. Und schon ist die schöne Theorie an der Praxis zerschellt.

iloveyou 2 560 leonoreblievernicht uRauchen macht noch viel mehr Spaß, wenn man dabei gefilmt wird! © Lenore Blievernicht

Als lose gezimmertes Figuren-Gerüst dient diesmal laut Programmzettel die Neunziger-Jahre-US-Komödie "Half Baked" – womit wir wieder beim Gras wären. Ein Filmlexikon stuft sie als "Komödienversuch" ein, "dessen Handlung jeder Beschreibung spottet" und der "bei klarem Verstand nicht zu ertragen ist". Das gut gelaunte Volksbühnen-Publikum allerdings amüsiert sich prächtig über Kalauer um das heißgeliebte Marihuana alias "Mary Johanna". Und wenn die Schauspieler*innen zwischendurch zur Mucke über die Schräge wetzen, um sich gegenseitig die Bong abzujagen, meint man sogar, irgendwo aus dem Sitzsackhaufen ein spontanes Zuschauer-Rauchwölkchen aufsteigen zu sehen. Grundstimmung also: laid-back und heiter.

Bashing oder Feier des "YOLO"-Lifestyles?

Irgendwann geht es auch mal um Folter oder Jesus oder um den wahren Kapitalisten. Dieser sei keineswegs ein Egoist, allzeit bereit, für die Reichtumsmehrung "seine Gesundheit und sein Glück zu opfern". Quasi Gegenfigur zu den "hedonistischen Egoisten"-Kiffer-Kids, denen überhaupt nicht klar ist, "dass das No future der 80er irgendeine Form des Jammerns gewesen sein könnte." Denn: "Heute vermisst keiner auch nur auf irgendeine Weise die Zukunft." So richtig kommt man allerdings nicht dahinter, ob das ganze Gequalme und Geblubber im Endeffekt eher zum Bashing oder zur Feier des "YOLO"-Lifestyles beiträgt.

Überhaupt muss man diesmal  ziemlich im Rauch herumstochern, um die Glimmstengel der Erkenntnis aus der Vergnüglichkeits-Asche zu bergen. Allzu vereinzelt tauchen Diskurspartikel im Qualm auf und gleich wieder unter, Verdichtung zu pollesch-typischen Kernsätzen oder durchgehenden Denkschneisen findet vergleichsweise spärlich statt. Und von der existentiellen Dringlichkeit, mit der mindestens die Pollesch-Wuttke- oder Pollesch-Hinrichs-Abende die großen Leben-Lieben-Sterbensfragen umkreisten, fliegt hier höchstens mal eine Nuance vorbei. Zu viel Schwall und Rauch. Man müsste vielleicht mitkiffen, um diesem Abend "I love you" sagen zu können.

I love you, but I've chosen Entdramatisierung
von René Pollesch
Uraufführung
Regie: René Pollesch, Bühne entwickelt von Lenore Blievernicht-Neumann und Nina Pellner mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau von Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Kamera: Ute Schall, Mathias Klütz, Videoschnitt: Cemile Sahin, Tonangel: William Minke, Soufflage: Elisabeth Zumpe, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter, Samuel Schneider.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Eva Behrendt von Deutschlandradio Kultur (4.5.2016) findet, Pollesch habe mal wieder besonders eng an der Gegenwart entlanggeschrieben: "Die Böhmermann-Affäre steht, ohne eigens erwähnt zu werden, Pate." Es gehe um Nutzen und Nachteil der political correctness und um die Frage, wie viel Freiheit, aber auch wie viel Angst eine Gesellschaft vertrage. Der Abend selbst sei aufreizend provokant und zugleich völlig harmlos, "dabei aber intelligente Unterhaltung".

"Es behaupte bitte niemand hinterher, er (oder sie) könne schlüssig und kompakt zusammenfassen, worum es gerade 90 Minuten lang gegangen ist", mahnt Michael Laages vom Deutschlandfunk (5.5.2016). "Zunehmend scheint es völlig egal zu sein, worüber Polleschs Personal vor sich hin räsoniert – wie in Trance folgt die Gemeinde dem von gut sortierten Pop-Songs unterbrochenen Sermon." Polleschs Text mäandere hierhin und dorthin. Es werde viel gelacht. "(I)n Erinnerung bleiben vor allem die Bauwagen, die im Theater stehen – und dort zu Hause sind."

"Ist das nun Sein oder Schein, Herz oder Schmerz, angewandte Existenzphilosophie oder einfach gehobener Small-Talk für die gebildeten, städtisch alternativen Stände?", fragt sich Irene Bazinger in der FAZ (6.5.2016). Sicher ist nur: "Pollesch hat seine Diskursmaschine wieder voll Energie, Humor und Leidenschaft angeworfen und bringt die Verhältnisse gehörig in Schwung." Seine "hochintelligente Unterhaltungsrevue" sei mit einem "anarchisch beschwingten Ensemble hübsch anzusehen".

Andreas Rosenfelder von der Welt (7.5.2016) fragt sich, ob die Volksbühen das Theater abschaffen möchte. Polleschs Abend findet er "ganz großartig." Man sitze im Sitzsack und es passiert nichts, "nur im Reden selbst, da werden Abendpläne diskutiert, Beziehungen beendet und gerettet oder monologische Einkaufslisten durchgegeben." Und draußen, vor der Volksbühne, spüre man dann ebenso plötzlich, dass man gerade doch im Theater gewesen sei. "Nicht in einem Theater, sondern im Theater überhaupt, wenn man so will, im Wesen des Theaters: dass in einer Zeit etwas Unwiederholbares geschehen sei, das nirgends sonst geschehen kann. Und alles ist anders als vorher."

"Es hat zwar schon Pollesch-Abende gegeben, die man frohgemuter, beschwingter, auch erkenntnisreicher verließ als diesen. Aber sonderbar getröstet schlendert man auch diesmal aus der Volksbühne hinaus", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (6.5.2016). Inzwischen würden die über kreuz gelegten, ineinander gewürfelten Diskurse und selbstgebastelten Sorgen der Polleschen Figuren zwar wirken "wie niedliche Problembärchen, die zum trauten Knuddeln einladen". Aber wie tröstlich sei es doch, dass es noch solch Weltablenkungs- und Unterhaltungstheater gebe. "Die gute alte Sofapopcornware."

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