Was muss

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Mai 2016. Nebel zu Beginn. Dunkelheit, dann Dröhnen. Matte, trübe Lichtschimmer kämpfen sich durch die Düsternis. Ein halber Gaul hängt an den Vorderläufen vom Himmel. Blut'ge, entblößte Menschen drängen sich um ihn, beißen hier hinein, hängen dort sich an seinen Kopf. Eine Schar Geschlagene, Verzweifelte, Ausgeglühte. Sie wühlen im toten Tierleib nach Leben und finden nichts als Verderben. Und neben ihnen, in einem schlichten Holzlehnstuhl: Wallenstein, der Herzog zu Friedland, kaiserlicher Generalissimus im Dreißigjährigen Kriege. Sitzt, stiert, schweigt. Die linke Hand baumelt über der Armlehne, an der Uniformjacke Orden (ja, richtige Orden!), der Kopf gesenkt wie Stiere es tun, kurz bevor sie ihren Feind bestürmen. Zwei Stunden wird er so hocken, und wenn er sich erhebt, wird sein Weg sofort an die Rampe führen. Die Beine breit, die Hände in den Taschen, der Blick stramm. Diesem Wallenstein kann keine Hilfe werden, keine Zukunft; er ist zur Unveränderlichkeit verdammt.

Der große Gegenstand

Es ist auch in Friedrich Schillers dreiteiligem "dramatischem Gedicht" so, dass Wallenstein am Ende ist, ehe er auftritt, dass das Drama schon vorbei ist, wenn es beginnt. Aber Wallenstein taucht lange nicht auf, im ersten Teil, "Wallensteins Lager", gar nicht, im zweiten, "Die Piccolomini", erst im zweiten Aufzug. Das macht ihn zum Gerücht, zur ungreifbaren, dunklen Drohung. Das Stück gewinnt so an Fallhöhe, die Figur an Rätselhaftigkeit. "Nur der große Gegenstand vermag / Den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen", steht im Prolog. Was Größe und was große Gegenstände sind, sucht das Drama zu ermitteln, lässt die Figuren es entdecken, erleben, erleiden zuletzt. Das macht die innere Spannung dieses sperrigen, kopflastigen Stückes aus.

Wallenstein1 560 Katrin Ribbe uAm Tierkadaver: das Ensemble der Berliner Schaubühne im Militärdrama "Wallenstein".
© Katrin Ribbe

Michael Thalheimer hat sie gestrichen. Sein "Wallenstein" ist eine dreistündige Heimsuchung: Was hier geschieht, ist unausweichlich, als wären die Menschen Funktionen einer naturgesetzlichen Gleichung. Die Musik von Bert Wrede: ein stetes Schwellen und Drohen, wie Wellengang, wie Stürme. Die Bühne von Olaf Altmann: ein Käfig aus Gitterrosten; niemand kommt je hinaus, niemand hinein. Das macht aus allen Verurteilte, gefesselt von unbegreiflichen Mächten, gebunden in Schicksalsstricken. Die ersten Worte des Abends gehören, anders als in der Vorlage, Baptista Seni, dem Astrologen, die er Wallenstein in den Nacken rammt: "Nichts in der Welt ist unbedeutend." Denn alles ist in den Sternen vorbestimmt, nie dem Schicksal in die Räder zu greifen.

Politik unter Verdacht

Von Wallensteins Hang zur Astrologie, von seiner laut Thomas Mann "stellarischen Doppelnatur", seiner voraufklärerischen Melancholie, den dunklen Gründen seines Zögerns, hat die emsige Schiller-Forschung zuletzt viel geredet, Dieter Borchmeyer in seiner Studie über "Macht und Melancholie" vor allem (dem auch der lange Beitrag im Programmheft zu verdanken ist). Wallenstein, der Grübler, der Sternengucker, nicht nur Opfer von Verrat, sondern auch seiner Himmelsblickrichtung. Thalheimer spult zwar in seiner (gut gekürzten) Version das Treuebruchdrama ab, hängt die Tragik aber immer in die Sterne, ans Unabänderliche.

Weil Wallenstein jedoch auch bei Thalheimer zugleich Militär und Politiker ist, ein Pläneschmied, ein Trickser, der mit schlechten Mitteln (Krieg) das Gute zwingen will (den Frieden), wird das gesamte politische Feld unter Verdacht gesetzt: Wer sich darauf einlässt, ist der Gefangene von Zwängen, Kompromissen und falschen Freunden. Gute Politik, das kluge Aushandeln von Gegensätzen, das Arrangement mit der Praxis – das ist in diesem Theater nicht vorgesehen. Als wäre Politik stets und ständig nichts als ein schmutzig derbes Geschäft, als ließe sie sich auf solche simple Muster herunterpoltern.

Es gibt deshalb an diesem anstrengenden, zähen Abend kaum Schattierungen, kaum Zwischentöne, kaum leise, tastende, uneindeutige Töne. Die Grundtonart ist Brüll-Moll, die Hauptlautstärke forte fortissimo.

Die Worte verprügeln

Wenn Ingo Hülsmann seinem Wallenstein den berühmten Monolog aus "Wallensteins Tod" diktiert, stemmt er die Faust gegen das Bodengitter, von unten wird sein Gesicht beschienen, vom Hals baumelt die Goldkette, und jede Silbe ist ein Stampfen: "Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?" Er spricht, als gehörten die Worte einzeln verprügelt, als wolle er seine Figur zur Wahrhaftigkeit bellen. Ein Wallenstein, der sich seinen Wallenstein nicht glaubt.

Wallenstein2 560 Katrin Ribbe uUnter der Last des Unsterns: Ingo Hülsmann als Wallenstein (im Vordergrund: Ulrich Hoppe).
© Katrin Ribbe

Vor zwölf Jahren, als Hülsmann bei Thalheimer drüben im Deutschen Theater Faust war, verwandelte er diesen in eine hektische Sprechmaschine, einen flüsternden, schreienden, komischen, tragischen Verzweiflungsgymnastiker. Als Wallenstein ist er ein Monument an Monoemotionalität, ein scharfer, klobiger Satzschleuderer. An diesem Wallenstein perlt jedes Drama, jede Tragik ab. Er ist nur, was er muss. Aber es tun ihm fast alle nach. Urs Jucker streut als Buttler einmal ein paar schön böse Lacher ein, Marie Burchard erlaubt sich als Herzogin von Friedland einige sachte Sätze, Peter Moltzen als Octavio Piccolomini am Ende ein stummes Grinsen. Das sind Ausnahmen. Die Regel für dieses Theater lautet: laut, stramm, stumpf. Sie sprechen alle, als wären sie zum Sprechen abkommandiert. Denken, zweifeln, stocken ist diesen Figuren nicht erlaubt.

"Die Aufklärung", hat Schiller einst in einem Brief geklagt, "ist bloß theoretische Kultur". Er hat sein Theater darum auch als verführerisches Mittel verstanden, ihr Sinn und Sinnlichkeit zu verschaffen. Aus "bloß wilden Tieren" mittels der Bühne "freie Menschen" schaffen, das hieß sein ästhetisches Erziehungsprogramm. Thalheimer hat es längst aufgegeben: Er zeigt uns wilde Tiere, denen mit keiner Politik und keiner Hoffnung zu helfen ist.

Am Ende hängt der tote Wallenstein über der Pferdehälfte in der Luft. Regen fällt, Blut tropft. Ein schönes Bild, sonst nichts.

 

Wallenstein
von Friedrich Schiller
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nele Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Licht: Norman Plathe, Dramaturgie: Bernd Stegemann.
Mit: Ingo Hülsmann. Peter Moltzen, Laurenz Laufenberg, Felix Römer, Regine Zimmermann, Andreas Schröders, Urs Jucker, David Ruland, Ulrich Hoppe, Lise Risom Olsen, Marie Burchard, Alina Stiegler.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

So sehr sich das Material über weite Strecken auf diese Weise als blank-hierarchisches Konstrukt ganz aus Struktur erzählen lasse "und noch in jedem Gang, jeder Nicht-Bewegung immerzu von Macht und Abhängigkeit die Rede ist, ganz konzentriert auf Kraft und Gewalt – auch auf die forciert-laute Gewalttätigkeit!", so verbindlich komme dieser Bemühung um den Klassiker bald "alles Theater abhanden", klagt Michael Laages (aufgerufen am 6.5.2016) von Deutschlandradio Kultur. Was der Inszenierung fehle, sei eine Idee, die "wenn schon nicht das Spiel, dann wenigstens den Text irgendwie kenntlich macht im Hier und Jetzt“. Das sei nicht gewollt, das sei nicht zu erkennen – "und Schillers 'Wallenstein' ist bei Michael Thalheimer im Grunde so konventionell geraten, wie Deutschlehrer sich das wünschen".

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (6.5.2016) schreibt, die "Verzweiflung an der eigenen Mickrigkeit" – ein Thalheimersches Grundmotiv – beherrsche die Spielweise. "Die Spieler pumpen sich auf bis zum Überdruck. Sie nehmen ihre jeweiligen, kantig herausgeleuchteten Sprechpositionen ein, produzieren wackere Bedeutung, krampfen zusammen, schlagen an dumpfen Emotionen leck, so dass mal aus hart verzerrten, mal aus tot erschlafften Grimassen Rotz und Tränen tropfen und gegen Ende dann auch Blut aus Gurgeln platzt." Ingo Hülsmann in der Titelrolle halte selbst im Fläzen schneidigste Körperspannung "bis in die letzte manierierte Muskelfaser".

"Michael Thalheimers grandiose Inszenierung nimmt Schillers strahlendes dramatisches Pathos mit rabenschwarzer Radikalität auf", jubelt Irene Bazinger in der FAZ (7.5.2016). Die Wucht der Aufführung speise sich unmittelbar aus der Dynamik der Blankverse und der Verve der Argumente. "In ihrer wohlkalkulierten Verweigerung historischer Konkretisierung öffnet die analytische Regie den Blick auf die Wallenstein-Figur in ihrer abgründig zeitlosen Dimension."

"Nur Größenwahn, Machtgier, Irrsinn. Nibelungenstimmung", sieht Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (7.5.2016). Der Grundton der Inszenierung sei Geschrei, ausgespuckter Text. "Zu verstehen sind meist nur die Satzanfänge und die Enden." Ingo Hülsmann sei imposant auch im Sitzen, ein Herrenmensch, rettungslos von sich eingenommen, zu besiegen nur durch Wallenstein. Hülsmanns Physis, seine Dauerpräsenz könne beeindrucken, aber ihm fehlte ein Gegenüber. "Der junge und sehr brave Max Piccolomini – Laurenz Laufenberg – hat nicht mal eine rhetorische Chance. Und das macht’s monolithisch, langweilig, leer."

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (9.5.2016) findet, Thalheimers statuarisch-strenge Monumentalregie sei 'ein roh gewaltsam Handwerk' wie der Krieg. Der Zuschauer sei buchstäblich in der Gewalt von Schillers Sprache. "Dagegen mag wehren, wer sich will. Man kann sich ihr aber auch, ausgehungert womöglich durch zu viel läppisches Nonverbal-Performancetheater, fasziniert und konzentriert ergeben." "Krieg entmenschlicht. Krieg erzeugt Zombies. Krieg ist der Vater aller schlechten Dinge." Thalheimers 'Wallenstein' habe eine "große Kraft ex negativo".

Christine Wahl von Spiegel-Online (aufgerufen 9.5.2016) findet, die Schauspieler gehen mit der extremen Disziplinherausforderung, die Thalheimers Ansatz bedeute, höchst unterschiedlich um. Und wenn diese thalheimersche Formstrenge unterlaufen werde, werde aus Konsequenz schnell Eindimensionalität. "Das Restpathos, das zugegebenermaßen so schwierig ist, dass sich vorsichtshalber schon so gut wie gar keiner mehr herantraut im Theater, wendet sich in: unfreiwillige Komik."

"Ein guter Chef arbeitet mit den Stärken seiner Leute; Thalheimer entscheidet sich, sehr früh schon, deren Schwächen auszustellen. Leadership geht anders", schreibt Tom Mustroph von der tageszeitung (9.5.2016). Ingo Hülsmann kenne als Wallenstein nur zwei Modi: "stoisch still sitzen oder brüllend Worte spucken". Das hochangestrengte Rufen der Mit- und Gegenspieler, die einer immer gleichen Tonart ihren Text erbrechen, wirke, "als messe sich Schauspielkunst in erreichter Phonzahl".

 

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