Gestorben wird hässlich

von Tobias Krone

Jena, 5. Mai 2016. Was Sterben ist, was Krieg unmittelbar mit der menschlichen Physis anstellt, in seinen Detonationen – diese Frage ist unserer Gegenwart post Afghanistan wieder nah. Und so fesselt schon der Botenbericht in der ersten Szene dieses Dramas: Das ganze Trauma der Gefechtssituation durchzuckt den Körper von Klara Pfeiffer, wenn sie vom siegreichen Helden Macbeth Kunde bringt. Und am Ende ihrer Schlachtenerzählung stirbt die Botin (Pfeiffer wird noch mehrfach an diesem Abend auch in anderen Nebenrollen Sterbeszenen haben, die sie stets in vortrefflicher Authentizität meistert).

Von Anfang an herrscht Krieg, und gestorben wird hässlich. In einer Zeit, in der Plakatwände das Bundeswehrleben wieder zum Pfadfinder-Event stilisieren, trifft diese Aussage präzise. Macbeth wird in Jena in der Inszenierung des holländischen Regisseurs Ivar van Urk zum Teil unserer Gesellschaft. Eine überzeugende Aktualisierung des Mythos.

Die Krankheit der Macht

Macbeth, eingangs noch strahlender Kriegsheld, kommt durch die Prophezeiungen dreier Hexen, die ihm die Königsherrschaft Schottlands vorhersagen, auf den Pfad der Tragödie. Er hilft der Weissagung selbst nach, bringt erst König Duncan und dann andere mögliche Widersacher um, besteigt den Thron und etabliert seine Schreckensherrschaft. Aus der Distanz betrachtet ist Shakespeares Story ein echtes Anti-Märchen.

MACBETH11 560 Joachim Dette uErst der Champagner, dann das Gefecht: Thomas Gerber (Banquo), Klara Pfeiffer (als Soldatin im Hintergrund) und Benjamin Mährlein (Macbeth) © Joachim Dette

Um das Drama heute glaubhaft zu erzählen, bedarf es eines sehr reifen Ensembles – und einer resoluten Regie. Ivar van Urk macht von vornherein klar, wo dieser Anti-Held herkommt. Macbeth ist letztlich ein einfacher Soldat. In Jena ist er das umso mehr, als Duncan (Sebastian Thiers) und die dazugehörige Aristokratie dem Heeresführer mit eisiger Arroganz und bürokratisch-verquerer Ignoranz begegnen. Schon Anja Hertkorns Bühne ist, bis auf drei Bürotische und Stühle nichts als ein grauer Verwaltungs-Schuhkarton. Eine solche Atmosphäre drückt der blutigen Hierarchie den Stempel moderner Rationalität auf. Wie bei seinem Vorgänger so schlägt auch bei Königs-Aufsteiger Macbeth die monarchische Willkür durch (bei ihm steigert sie sich noch bis in den wahnsinnigen Glauben, gegen das Schicksal immun, ja unsterblich zu sein). Van Urk erklärt Macht zu einer allgemeinen, zu einer gesellschaftlichen Krankheit.

Schlafwandlerin mit Heroindosis

Macbeth (Benjamin Mährlein) ist zunächst ein blauäugig vor sich hin schmunzelnder Schelm, dem das Geschäft der Großen ganz egal zu sein scheint, seine Gattin Lady Macbeth (Ella Gaiser) eher eine kleinbürgerliche Hausfrau zierlicher Statur, die vom eigenen Mordplan vor allem schockiert ist. Mährlein und Gaiser ziehen sich als Ehepaar Macbeth gegenseitig in den Strudel aus zunächst sehr zarter Machtgier und Verzweiflung.

MACBETH17 560 Joachim Dette uDie Schlipsträger und ihr Fußvolk: Sophie Hutter (als Verwalterin) und Benjamin Mährlein (Macbeth)
© Joachim Dette

Diese Dynamik spielen beide so bestechend glaubhaft, dass es schmerzt – und in seiner gaunerhaften Tragikomik anrührt: Lady Macbeth als zaudernde Antreiberin, als fassungslose Mittäterin und schließlich als – hier heroinspritzende – Schlafwandlerin. Das ist nicht furienhaft pathetisch, das ist menschlich. Während Mährlein in Macbeth genüsslich und meisterhaft die Nuancen der Verkümmerung vom einfältigen Charakter bis zum Wahn ausspielt. Allein akustisch verhallen die shakespeareschen Verse in der Übersetzung von Thomas Brasch mitunter etwas zu rasch im Sog der Macht.

Verwaltungsapparat statt Ritterburg-Firlefanz

Neben dem Duo leuchten auch andere Figuren: Leander Gerdes mimt mit beeindruckender Körperbeherrschung gleich drei jeweils ganz unterschiedlich unbeholfene Adelssöhne in hochkomisch verpeilter Schlacksigkeit. Sophie Hutter gibt die weibliche Version eines königlichen Verwalters in kühler Prägnanz, wenn sie ihren Monolog am Handy performt.

Regisseur Ivar van Urk hat Shakespeare gekonnt an unsere Zeit herangerückt, indem er dort, wo der Meister die Komödie vorgesehen hat, ernst macht – und umgekehrt, den tiefsten Ernst des Dramas ironisiert: Er verzichtet auf Kunstblut und anderen üblichen Ritterburg-Firlefanz (vgl. die neueste Michael-Fassbender-Verfilmung). In der Erfüllung der finalen Hexen-Weissagung vom 'gehenden Wald' von Birnam bietet van Urk Soldaten in Nadelwald-Camouflage auf. Mit Augenzwinkern bringt der Holländer den Mythos Shakespeare unter Kontrolle. Dem Theaterhaus-Publikum haben er und sein Ensemble einen sehr menschlichen, sehr politischen Macbeth geschenkt.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Ivar van Urk, Bühne und Kostüme: Anja Hertkorn, Dramaturgie: Friederike Weidner, Regieassistenz: Felix Jauch, Ausstattungsassistenz: Cornelia Stephan, Regiehospitanz: Daniel Schütz, Bundesfreiwilligendienst/Ausstattung: Maxi Poser, Bundesfreiwilligendienst/Dramaturgie: Christine Geißler.
Mit: Benjamin Mährlein, Ella Gaiser, Sophie Hutter, Maciej Zera, Klara Pfeiffer, Leander Gerdes, Sebastian Thiers, Thomas Gerber.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Wolfgang Hirsch von der Thüringer Allgemeinen (7.5.2016) beklagt: "Offenbar kann sich der Regisseur nicht recht entscheiden." Er tauche das kahle, graue Bühnenbild nach dem Königsmord in surreales Licht und zitiere die Geister der Opfer Banquo und Duncan zum Bankett herbei, wolle dabei jedoch realistisch erzählen. Plagt nun Macbeth das Gewissen, oder war er bereits vorher traumatisiert?“ Irgendwie passe das alles nicht zusammen. "Handwerklich liegt bei dieser Produktion vieles im Argen, die unbedarft hölzerne Personenführung vor der Pause ebenso wie die durchweg völlig unzureichende Sprechtechnik der Akteure."

Henryk Goldberg von der Ostthüringer Zeitung (7.5.2016) findet, die Inszenierung sei so aufregend, als verhandelten die Figuren einen kleinen Beschiss im Gebrauchtwagenhandel. "(W)er auf einer Bühne worum auch immer kämpft, um eines geht sein Kampf doch in jedem Falle: um Aufmerksamkeit. Und der ist hoffnungslos verloren." Der Abend dümpele durch die Stationen. Als Macbeth sterbe, "sind wir doppelt erleichtert: Zum einen, er ist wirklich tot, zum anderen: Es ist zu Ende."

 

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