Best of bemerkenswert

von Esther Slevogt

Berlin, 21. Mai 2016. "Was ist bemerkenswert in diesem bemerkenswerten Jahr?" sagte der Wiener Juror Wolfgang Huber-Lang nach etwa einer Stunde und fasste damit noch einmal zusammen, wovon bisher die Rede gewesen war: Ob und wie die Auswahl des Theatertreffens auf dieses Jahr reagieren könne, ein Jahr, das von Krieg und nach Europa fliehenden Menschen geprägt war, vom Tod der Vielen, die bei der Überfahrt im Mittelmeer ertranken, von Terroranschlägen in Paris und Brüssel, von Überfällen auf Flüchtlingsheime, dem immer (laut)stärker werdenden Rechtspopulismus und -extremismus. Kann man da einfach ein "Best-Of-Festival" machen? Oder hätte man für das 2016er-Theatertreffen eine Auswahl kuratieren müssen, die versucht auf das zu reagieren, was gerade geschieht?

Ob man auf den Fahrten durch deutschsprachige Theaterlandschaften auf Bahnhöfen plötzlich mit Massen von Flüchtenden konfrontiert war, in AfD- oder Pegidademonstrationen geriet: das Theater schien, so jedenfalls empfand es Juror Bernd Noack, dagegen allzu oft ziemlich machtlos und klein.

Jurydebatte 560 sle uDie Jury des Theatertreffens 2016 aus Sicht der Autorin: von links Moderator Tobi Müller und die Jurymitglieder Till Briegleb, Stephan Reuter, Barbara Burckhardt, Wolfgang Huber-Lang, Andreas Wilink, Peter Laudenbach und Bernd Noack. © sle

So geriet die diesjährige Debatte der Theatertreffenjuror*innen zu einem teilweise recht bewegenden und bewegten Werkstattbericht, wie die diesjährigen Auswahl in dem Dilemma entstanden war, dass es einerseits ein repräsentatives Best-Of-Festival zu verantworten galt, und dabei doch die Zeiten, in denen dieses Theater entstanden war, nicht ignoriert  werden konnten. Und deren Entscheidungen auch unter dem Druck der Frage standen, ob der politische Rahmen sich nicht schon wieder ins nächste Extrem gedreht haben würde, wenn das Theatertreffen in Berlin dann schließlich nach all diesen Debatten begänne.

Schiff der Träume in der Jury umstritten

Peter Laudenbach sprach davon, dass er keinen "Gesinnungsrabatt" geben konnte und wollte. Barbara Burckhardt berichtete von ihrem beharrlichen Kampf um Karin Beiers Inszenierung Schiff der Träume, in der sie das Flüchtlingsthema und die Konfrontation der westlichen Gesellschaft damit prägnant wie bildmächtig verhandelt sah: weil "Schiff der Träume" davon handele, wie Identitäten und Vorstellungen ins Wanken gerieten. Der Abend sei jedoch bei anderen Jurymitgliedern auf harsche Ablehnung und scharfe inhaltliche Kritik gestoßen. Till Briegleb machte sich für Arbeiten stark, die er politisch in ihren "feinstofflichen Mitteln" fand: der die mann von Herbert Fritsch (die einzige Arbeit, über die sich alle einig waren), Tyrannis von Ersan Mondtag, oder die Effi Briest-Version von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk – weil in diesen Arbeiten subtil Verhältnisse vorgeführt und erfahrbar werden, die das  gegenwärtige Klima prägen.

Angesprochen wurde auch der fortgesetzte Kampf um die Theaterfinanzierungen, in dem heutzutage nicht einmal eine Theatertreffeneinladung mehr helfe: Hans-Werner Kroesingers Antrag auf Förderung seiner Berliner Arbeit am HAU sei vom HKF abgelehnt worden, berichtete Peter Laudenbach. Und in Karlsruhe, wo die eingeladene Arbeit Stolpersteine Staatstheater entstand, stünden massive Etatkürzungen bevor. Der Bürgermeister, der zunächst noch stolz zur Theatertreffen-Premiere von "Stolpersteine Staatstheater" habe kommen wollen, sagte am Ende ab.

Sorgen um die Berliner Volksbühne

Diskutiert wurde auch eine Frage, die Moderator Tobi Müller aufgeworfen hatte: inwieweit die Auswahl auf laufende Debatten reagieren würde – Stichwort Berliner Theaterstreit um die Übernahme der Volksbühnen-Intendanz durch Chris Dercon. "Wir reagieren auf Aufführungen, nicht auf Debatten!", parierte Peter Laudenbach trotzig. Und während Till Briegleb bekannte, ihm komme der Aufruhr um die Castorf-Nachfolge wie ein Berliner "Inselstreit" vor, dessen Relevanz für den Rest der Welt er bezweifle, machte Peter Laudenbach dann doch sehr anschaulich, wie hier ein Theater (die Castorf'sche Volksbühne nämlich) einer Stadt aus dem Herzen gerissen wird. Und man begann sich beim Zuhören zu sorgen, wie eine neue und bisher recht ungeschickt bis ignorant agierende neue Mannschaft überhaupt einen Fuß in die Tür bekommen will. Auch wenn das wieder eine andere Geschichte ist.

Und so flog die Zeit dahin. Zwischendurch gab es kleine Hahnenkämpfe zwischen den Juroren Briegleb und Laudenbach. Bernd Noack und Wolfgang Huber-Lang füllten sehr überzeugend (und mit fast gandhihafter Ausstrahlung) ihre Rollen als elderly statesmen – äh – critics aus. Barbara Burckhardt stritt als einzige Frau in der Runde. Im nächsten Jahr werden endlich einmal die Männer in der Jury in der Minderheit sein. Und wie jedes Jahr gab es die Scharmützel zwischen den Stipendiaten des Internationalen Forums und der Jury. Die junge Berner Theatermacherin Miko Hucko empfand die Auswahl als reinen Konservativismus. Mit gekräuselter Oberlippe wurde sie dann von Peter Laudenbach belehrt, der Wunsch nach Innovation sei neoliberal. Und so war auch dieses böse Wort dann noch gefallen, das schließlich bei keiner Theaterdebatte fehlen darf.

 

TT-Finale – Gespräch mit der Jury des Theatertreffens
Mit: Peter Laudenbach, Barbara Burckhardt, Stephan Reuter, Wolfgang Huber-Lang, Andreas Wilink, Till Briegleb, Bernd Noack.
Moderation: Tobi Müller

www.berlinerfestspiele.de

 

Hier kann man die von nachtkritik.de livegestreamte Diskussion noch bis Sonntag, 22. Mai, 18 Uhr nachschauen (via Periscope). Gesammelte Tweets gibt es hier.

Was ist los auf dem Theatertreffen? – der nachtkritik-Liveblog.

Alles zum Theatertreffen in der Festivalübersicht – Videoblog, Nachtkritiken, Kritikenrundschauen und mehr.

 

Kommentare

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#1 Schlussdiskussion TT 2016: konsterniertgrrr 2016-05-22 15:18
Das war dank Internet die erste tt-Abschlussdiskussion, die ich je verfolgen wollte und konnte. Ich war von der allseitigen Bravheit so etwas von konsterniert, das glaubt man ja gar nicht! – WARUM haben sich die Juroren geweigert, ihre konkreten Für und Wider öffentlich zu machen, an ihren Urteilskriterien teilhaben zu lassen??? Wann genau bitte sollte das denn sonst geschehen?! Man kann gegen etwas gewesen sein UND gleichzeitig dafür, dass etwas eingeladen wird, wofür sich die Mehrheit findet. Ohne deshalb als „Gastgeber“ ein schlechterer zu sein! – Verstand ich überhaupt nicht... Auch der Rückverweis auf Presseartikel einzelner Juroren in dem Zusammenhang. Dann brauche ich keine Abschlussdiskussion vor Publikum! Dann kann ick Zeitungen im Foyer auslegen… Dann die Zahmheit gegenüber diesem Einwand der jungen Forum-Stipendiatin, so pikiert etwa wie: "Wir sind hier –INTERNATIONAL! interessiert am deutschen Stadttheater, ja! Und dabei alle bis höchstens 35! Und Sie, mit Verlaub, Sie werden doch entschuldigen, dass das mal gesagt werden muss, sind doch alle alte Säcke – nämlich über 35… " WARUM hat es keiner drauf da zu sagen: "Verehrte junge internationalisierte deutsche Stadttheaterfrau, ich habe im letzten Jahr mit Festival-Stütze gute 100 Inszenierungen gesehen. Das habe ich, weil ich so ungefähr seit 20 Jahren regulär im Jahr vielleicht fünfzig sehe und kritisch bespreche auf allen möglichen Kanälen. – "Sie arroganter Sack!" hätte da doch mit Verlaub die bis35jährige sagen können, was sie wohl eigentlich meinte, "Ich habe seit zwei Jahren auch fünfzig Inszenierungen gesehen! Und zwar sogar solche der Freien Szene! Und ich kriege keine Chance, auch nur einmal Ihre Kohle zu bekommen!" – Vielleicht wäre es dann dem braven Briegleb oder dem Reuter, ich weiß jetzt gar nicht mehr, möglich gewesen zu antworten: "Ja. Is okay, wenn Sie bis 35 schon 15 Jahre lang fünfzig Inszenierungen jährlich gesehen haben, so wie die meisten, die hier oben sitzen. Dann tausch ich mit Ihnen. Eventuell. Wenn Sie aber 51 pro Jahr 15 Jahre lang bis Sie 35 sind, gesehen haben, tauschen wir. SOFORT." Dann das - mit Verlaub, idiotische Gerede von „weiblicherer“ Jury... Es gibt nicht die geringste Garantie dafür, dass Frauen mehrheitlich einen „weiblicheren“ Blick auf Themen haben müssen. Unsere Verteidigungsministerin macht es gerade vor! – Ebenso gibt es nicht die absolute Gewissheit darüber, dass eine überwiegend männliche Jury keinen „weiblichen“ Blick in der Lage ist zu abstrahieren! – Und dann die schwarzen Anteile erst mal, ja… Ich mach mal ein Beispiel: (...) Warum sollte ich den nun anders behandeln als andere, Papis Auto mehr als zu Ernährungszwecken herangezogene Gemüsepflanzen berücksichtigende Halbwüchsige, weiße oder grüne oder gelbe???
#2 Theatertreffen 2016 – Video-Blog-LobJibtPilze 2016-05-22 20:09
Was ich an den Video-Blogs von nk zum tt richtig gut fand:
Georg Kaschs begeisterte Werbung für Bierbichlers Roman! Den hätt ich am liebsten dafür zum Essen eingeladen! Kasch, nicht Bierbichler- von dem ließe höchstens ich mich einladen…– Darf man natürlich nicht. Distanzen wahren ist alles, wenn es um das Verhältnis zur Kunstkritik geht! Einziger Nachteil des leidenschaftlichen Kurzplädoyers von Kasch(Buch-Pitch?): Es werden noch mehr Verlage kaum mehr ihr Glück fassen können, wie sehr gerne Theater ihnen auf eigene Kosten die Werbung für ihre zu wenig gelesenen Autoren undoder Bücher abnehmen!
Klasse auch Esther Slevogt, die mit einem Hauch hervorragend gespielter schlechter SigridLöffler-Laune ein Stück und seine Inszenierung erklärt und ohne Spott berichtet, wie sehr das dem Publikum gefallen hat, um dann selbstbewusst zum Ich-Urteil zu kommen: „mir nicht“. Kritiker, die nicht nur sagen können, ichbinjaauchunentschieden und unsicher und ichweißjaauchnichtsorecht, sondern als summery sagen können: und mir persönlich, im Übrigen, hat es aus all den erörterten Gründen gefallen/nicht gefallen...– Cool.
#3 Theatertreffen 2016: domestiziertes TheatertierSamuel Schwarz 2016-05-23 07:47
Was Micko Hucke vielleicht auch sagen wollte: die Inszenierungen sind doch meistens für den Entertainment-Betrieb gemachte Stück Kuchen, die meist am Abend verzehrt werden - 19.30 Uhr oder 20.15 - manchmal auch 15.00 Uhr, an Sonntagen. Sie erzählen "Geschichten" d.h haben Anfang und Ende in einem zeitlich immer etwa gleichen Rahmen. Hier von "Diversität" zu reden, ist schon etwas überzogen. Es ist schon immer noch ein sehr stark domestiziertes und unter Rohypnol gesetztes Theatertier, das da präsentiert wird. Mittlerweile gibt es längst andere Formate mit ganz anderen Spielregeln als diese Unterhaltungskisten für das gesättigte Bürgertum mit schlechtem Gewissen ( ein schlechtes Gewissen das - wie bei Karin Beier - leider sehr oft selber Klischees und Zuordnungsdenken reproduziert, die es überwinden will )

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