Ein Song für jedes Unglück

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 21. Mai 2016. Seit etwas mehr als drei Jahren hat Christian Schäfer jetzt gemeinsam mit Karin Sporer die künstlerische Leitung des Theater Gütersloh inne. In dieser Zeit ist es dem früheren Intendanten des Zimmertheater Tübingen gelungen, das Profil des Hauses, das bis dahin immer ein reines "Bespieltheater" war, zu erweitern. Seit der Spielzeit 2014/15 sind kleinere Eigenproduktionen ein fester Bestandteil des Gütersloher Spielplans. "Island One Way", die erste dieser eigenen Inszenierungen, hatte ihre Premiere im Mai 2014 bei den Ruhrfestspielen. In kurzen, von Live-Musik begleiteten Szenen zeichnete Schäfer, der diese teils absurde, teils boulevardeske Stationenkomödie unter dem Pseudonym Fink Kleidheu selbst geschrieben hatte, das Porträt zweier überforderter Kreativer, die ihre zerbrechende Beziehung während eines Urlaubs kitten wollen. Das Rezept war ebenso simpel wie erfolgversprechend. Ein bisschen Gesellschaftskritik, viel Musik und noch mehr Comedy bescherten dem Theater Gütersloh und den koproduzierenden Ruhrfestspielen damals einen veritablen Hit.

Mix aus Ideen und Stilen

Nun legt Christian Schäfer am gleichen Ort noch einmal nach. Wie "Island One Way" ist auch "Der letzte Cowboy (Solitary Man)" ein gänzlich unbefangener Mix unterschiedlichster Ideen und Stile. Getreu der Maxime "Never change a winnig team" hat Schäfer alias Fink Kleidheu für diese zweite Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem ostwestfälischen Theater die gleichen Mitstreiter wie vor zwei Jahren um sich versammelt. Die Hauptrollen übernehmen erneut Fabian Baumgarten und Christine Diensberg. Nur spielen sie diesmal kein Paar, sondern Mutter und Sohn. Der isländische Singer / Songwriter Svavar Knútur ist natürlich auch wieder als Musiker und Schauspieler mit von der Partie. Und Jörg Zysik hat wiederum einen Raum geschaffen, der auf der einen Seite ganz pragmatisch gedacht ist und auf der anderen ironisch mit Wahrnehmungsklischees spielt. Ein Sperrholz-Kasten, dessen Seitenwände nach hinten hin leicht schräg zulaufen, wird mit all seinen Türen, Klappen und Schubladen zu einem Bild für die Enge, der Kleidheus "letzter Cowboy" entfliehen will.

Cowboy1 560 Kai Uwe Oesterhelweg uSie spielen Cowboy und Indianer: Svavar Knútur, Fabian Baumgarten © Uwe Oesterhelweg u

Ausgangspunkt des Stücks und der Inszenierung ist das Spottlied "Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh", mit dem Thommie Bayer und seine Band 1979 ihren größten Erfolg feiern konnten. Der Song, der ursprünglich als Parodie auf deutsche Country-und-Western-Romantik angelegt war, wurde schon bald von dieser Szene umarmt und eingemeindet. Eben diese beiden gegensätzlichen Bewegungen greift Christian Schäfer gezielt auf. Die im Zeitraffer erzählte Geschichte von Joachim Ostenkötter, der 1979 zu den Klängen von "Der letzte Cowboy" gezeugt wird, ist Satire und Melodrama in einem. Burleske Absurditäten, wie Joachims Geburt, bei der Fabian Baumgarten, der gerade noch dessen Vater gespielt hat, als Riesenbaby unter der Decke hervorpurzelt, unter der seine Eltern Sex hatten, stehen neben pathetischen Momenten des Scheiterns.

Jeder Traum endet bitter

Dieser Joachim wird vom Pech verfolgt. Ständig stürzt er sich und seine Mitmenschen ins Unglück. Hedwig, seine erste große Liebe, stirbt an ihrem fünften Geburtstag beim Versteckenspielen. Später wird ihn eine überstürzte Protestaktion gegen die Zustände in dem Schlachthof, in dem er arbeitet, ins Gefängnis bringen. Und als er es endlich in die Vereinigten Staaten schafft, entpuppt sich die Frau, die er über das Internet kennen gelernt hat, als Betrügerin. Jeder Traum von Glück und Freiheit endet bitter für Joachim. Statt größer wird seine Welt kleiner und kleiner. Dabei weckt Fabian Baumgartens Spiel in manchen Momenten Erinnerungen an den hysterischen Irrsinn von Monty Python, um dann sogleich den Bogen zu den traurigen Clowns der Stummfilmzeit zu schlagen.

Der ständige Wechsel zwischen Nonsens und Pathos fordert allerdings auch seinen Preis. Nicht in jeder Szene gelingt es Christian Schäfer das Gleichgewicht zwischen den beiden Polen zu halten. Manches stürzt in den schieren Klamauk ab wie der Drogenalbtraum, der Joachim endgültig um den Verstand bringt. Anderes wie die ersten Szenen des Stücks, in denen Schäfer eine traumatische Kindheit in eine Art Slapstick-Revue verwandelt, kommt nicht schnell genug auf den Punkt. Doch immer wenn alles auseinanderzufallen droht, ist entweder Lucie Mackert, die mit kleinen Gesten und stimmlichen Eigenheiten sechs unterschiedliche Figuren erschafft und jeder ein eigenes Leben gibt, oder Svavar Knútur zur Stelle. Seine bluesig-sehnsuchtsvollen oder auch mal ironischen Interpretationen von Songs wie "Ring of Fire" und "You Can’t Always Get What You Want", "Meat Is Murder" und "Solitary Man" wiegen jeden misslungenen Gag auf.

 

Der letzte Cowboy (Solitary Man) (UA)
von Fink Kleidheu (Text) und Thommie Bayer (Inspiration und Dramaturgie)
Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Theater Gütersloh
Regie: Christian Schäfer; Bühne: Jörg Zysik; Kostüme: Julia Ströder; Musikalische Leitung: Svavar Knútur.
Mit: Fabian Baumgarten, Svavar Knútur Dauer, Christine Diensberg, Lucie Mackert.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.theater-gt.de

 

Kritikenrunschau

Stefan Pieper schreibt in der Recklinghäuser Zeitung (23.5.2016), obwohl an diesem Abend "so viele Sehnsüchte" scheitern, sei kein "depressives Betroffenheitsstück zu erleben". Dafür werde unter der Regie von Christian Schäfer viel zu virtuos "auf einer reichen Klaviatur zwischen verspielter (Selbst-)Ironie und berührender Empfindsamkeit gespielt". Das Stück sei zutiefst ehrlich, gehe unter die Haut und mache dennoch sehr viel Spaß.

Schäfer erzähle die traurige Geschichte vom Scheitern in einer verrückten Welt "als überdrehte Farce, bei der die verschiedenen Handlungsebenen so schnell wechseln wie die Kostüme der vier Schauspieler", so Thomas Klingebiel in der Neuen Westfälischen (23.5.2016). Lob gibt's für "das wunderbare Darsteller-Team". Kurz: "Eine Theater-Achterbahnfahrt, zugleich erheiternd und nachdenklich stimmend."

Einen ungemein kurzweiligen Abend, "der nur unterhalten will", hat Pitt Hermann erlebt, wie er in Herner Sonntagsnachrichten schreibt. Bei aller Slapstick-Übertreibung offenbare er "doch manch' realsatirischen Gehalt". Auch Hermann lobt das Ensemble, "dem man noch den gröbsten Unsinn des Autors Fred Kleidheu nachsieht, weil man diesem fulminanten Darsteller-Quartett auch noch weitere neunzig Minuten gerne zugeschaut hätte".

 

 
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