Jetzt neu: Der Puppen-Macho mit Knöpfen

von Harald Raab

Mannheim, 26. Mai 2016. In roten und schwarzen Ganzkörper-Trikots wuseln sie wie Lemuren im dunklen Bühnenraum herum. Weißer Nebel wabert. Volkes Stimme als antiker Chor. Er verkündet, dass es aus der Verstricktheit des Lebens keinen Ausweg gibt. Später, in Frack und Hut, wird die Truppe zur "Gesellschaft der Freunde des Verbrechens". Sie sorgt dafür, dass jeder brav im Mainstream mitmarschiert. "Vergewaltigen, erschießen, ausweisen", ist ihr Schlachtruf.

Auf einer überdimensionalen Marionettenbühne agieren die Figuren wie Puppets on the strings. Sie tragen monströse Papp-Köpfe und bewegen sich eckig mit großen mechanischen Gesten und staksigen Schritten. Baby (Anne-Marie Lux) im weißen Ballett-Röckchen verkündet trotzig: "Ich will nicht mehr so wie alle. Ab sofort bestimme ich selbst." Damit nimmt das Schicksal seinen verhängnisvollen Lauf. Andererseits ist die Göre ein Glückskind und voll up to date. Sie hat erst einen, dann zwei Puppen-Männer, lebensgroß und sextauglich.

Das Individuum im Spinnennetz der Zurichtung

Freundin Dolly (Sabine Fürst) in einem grünmoosigen Kostüm als hässliches Entlein hat hingegen auf dem kapitalistischen Jahrmarkt der geldwerten Attraktivität gar nichts abbekommen. Die Folge: Zickenkrieg der beiden Mädels. Wer Dolly geschwängert und beinahe zu Tode gewürgt hat, bleibt unaufgeklärt. Pogromstimmung allenthalben. Rache genommen wird an den anderen, den Unbekannten. Der Teufel der eigenen Lebensunzufriedenheit wird mit dem Beelzebub des Hasses auf alles Fremde ausgetrieben.Maedchen1 560 Christian Kleiner hDie Lemuren und das Baby (Anne-Marie Lux) © Christian Kleiner

In Anne Leppers neuem Stück "Mädchen in Not" geht es wie in allen anderen davor um das ersehnte kleine private Glück im falschen Leben, um das hilflos strampelnde Individuum im Spinnennetz der gesellschaftlichen Zurichtung. Familie ist dabei zugleich Himmel der Sehnsucht und Psychohölle. Ihr entkommt man nur bei Strafe des Untergangs. Anpassung als letzter Akt des freien Willens.

Das künstliche Objekt der Begierde

Das Konsumgut Glück ist vom Werbediktat zum Menschenrecht erklärt worden. Das Girlie Baby sucht das seine zuerst im Standardformat bei dem einen, dem großen Anderen. Mama (Michael Fuchs) sagt, der Mann fürs Leben sei es. Doch Baby will nicht, was ihre Gebärerin als Agentin der Gesellschaft verordnet. Sie will den eigenen Weg gehen, in gefährlichen Gegenden der Stadt und auch sonst. Es gelingt ihr aber nur in der Regression. Ein Puppen-Mann ist da genau richtig – immer verfügbar, willenlos und pflegeleicht. Wünsche, Träume, Illusionen. Liebe im realen Leben – nein danke, zu anstrengend, und dazu das volle Risiko des Scheiterns.

Anne Lepper hat das bereits lange durch die Theater- und Kunstgeschichte geisternde Motiv der Hingabe an ein künstliches Objekt der Begierde, an eine Puppe, aufgegriffen. Es ist heute, im Zeitalter der heraufziehenden Roboter-Welt aktueller denn je. Was jetzt im Sexshop aufblasbar gekauft werden kann, ist etwa schon in der Olympia-Figur aus Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" nach den tiefenpsychologisch grundierten Geschichten von E.T.A. Hoffmann verewigt.

Bei Lepper heißt der Puppenmacher (Hannah Müller) nicht Spalanzani wie bei Offenbach, sondern Duran-Duran. Die Puppen des großen Manipulators gleichen den zwei Boys Franz (Julius Forster) und Jack (Hannah Müller/Julius Forster). Sie hatten sich vorher vergeblich um die Gunst von Baby bemüht und als Machos produziert. Durch die Verwandlung in Puppen-Männer mit allerhand Knöpfen zur Befriedigung exklusiver Wünsche im Bett kommen sie jetzt an das Mädel heran. Dolly, die realiter um einen Kuss betteln muss, darf dann auch mal mit dem Puppen-Mann der Freundin spielen, aber nur bis zu einem klitzekleinen Orgasmus - mit Folgen, versteht sich.

Kommunikation im infantilen Sprechblasenformat

Mit Lust an surrealen Verwirrspielen lässt Anne Lepper ihre Erzähllinien durcheinanderschießen. Videoclip- und Comic-Strategien sind ihr Bauprinzip. Unbekümmert macht sie allenthalben sprachliche und gedankliche Anleihen, selbst bei ihren eigenen Stücken, alles rundum mit einer Atmosphäre des Grotesken bis Lächerlichen aufgepeppt. Ihr Sprachrhythmus kommt knapp und schier ohne Punkt und Komma daher. Kommuniziert wird im infantilen Sprechblasenformat. Es sind ja auch die Figuren weniger Charaktere als Abziehbilder einer Spaßgesellschaft – immer mit einem Hauch von Traurigkeit.

Regisseur Dominic Friedel hat Erfahrung mit dem ganz speziellen Lepper-Sound. In Bern hat er ihr viel beachtetes Stück "Seymour" in Szene gesetzt. Er versteht es auch in Mannheim, seine Schauspieler*innen Subtexte rüberbringen zu lassen. Kongenial ist die Regie-Idee, die komplizierte Komposition der Geschichte als Marionettenaufführung mit naiver ballettöser Choreographie spielen zu lassen. Sein Team bewältigt diese Aufgabe mit bewundernswerter Intensität. Der Fluch der Suche nach dem idealen Glück wird als perfider Businessplan für ein letztlich scheiterndes Leben eindringlich vorgeführt. Alles ist zu kaufen, wenn man selbst käuflich ist. Die Magie der schönen neuen Welt, everything goes, ein grandioses Missverständnis.

Ein faszinierendes und zugleich verstörendes Theatererlebnis ist in Mannheim geboten, nicht zuletzt wegen der phantasievollen Kostüme Peter Schickarts und der fulminanten Lichtregie von Wolfgang Schüle. Noch stringenter wäre diese Uraufführung freilich ausgefallen, hätte Regisseure Friedel den Mut gehabt, den draufgesattelten Themenstrang von der Bürgerwut gegen Überfremdung zu streichen. Diese aktuelle Pflichtübung der Theater-Gutmenschen nervt. Sie hilft keinem Flüchtling.

 

Mädchen in Not
von Anne Lepper
Uraufführung
Regie: Dominic Friedel, Bühne und Kostüme: Peter Schickart, Licht: Wolfgang Schüle, Dramaturgie: Stefanie Gottfried.
Mit: Sabine Fürst, Anne-Marie Lux, Hannah Müller, Julius Forster, Michael Fuchs.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Schillernd" fand Judith von Sternburg diese Uraufführung für die Frankfurter Rundschau (27. Mai 2016). " "Effektvolle Bilder ergeben sich (..), nicht zuletzt durch den Einsatz von Licht und Theaternebel." "Eine Freude, wie Fuchs nicht ins Parodieren gerät, sondern minimalistisch Komik produziert," findet von Sternburg und findet ansonsten den Ton "scharf, aber gedämpft."

"Es ist die gute, alte Mär von der erotischen Selbstverwirklichung mittels künstlich erschaffener Individuen", erkennt Volker Österrrich von der Rhein-Neckar-Zeitung (28.5.2016). "Sprachlich plätschert ihr Stückchen ziemlich seicht dahin: in freirhythmischer Form gehalten ohne Interpunktion, wie das seit etlichen Jahren von vielen Jungdramatikerinnen und -dramatikern praktiziert wird. (..)Man könnte die Uraufführung im Mannheimer Nationaltheater-Studio getrost in die Schublade der bemühten Dutzendware stecken und rasch vergessen, wäre da nicht die atmosphärisch dichte Regie Dominic Friedels." Durch Regie und Ensemble wird so am Ende auf "literarischem Magerquark" doch noch eine "Doppelrahm-Delikatesse".

Ralf-Carl Langhals sah für Morgenweb (28.5.2016) ein Scheitern: "Die Erkenntnis des Abends? Zwei Stunden können verdammt lang sein." Aber fangen wir vorne an: Der Stücktext winkt mit der Genderdebatte – "Das könnte ein bedeutender Abend werden."Ein wenig Dada, ein wenig Gaga - und eine Spur blöd-blöd," findet Langhals das. Und dann taucht der Chor auf und "aus einem schlicht schlechten Stück plötzlich eine Theaterunverschämtheit."  

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