Der Terror der Ästhetik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 29. Mai 2016. Die Botschaft ist einfach. Sie lautet: Das Problem ist ganz einfach. Welches Problem? Na! Das ganze Problem. Das mit der Gewalt und dem Terrorismus und der Islamophobie und dem Kolonialismus und dem Kapitalismus und dem Faschismus und alles. Inwiefern aber einfach? Darüber schweigt sich der neue Abend von Oliver Frljić aus und wiederholt anstatt dessen in zusammenhangslosen Sequenzen die Tatsache eines bestehenden Zusammenhangs zwischen den einzelnen genannten Phänomenen. Die Idee für die Dramaturgie von "Naše nasilje i vaše nasilje. Unsere Gewalt und eure Gewalt" ist nämlich auch einfach. Sie lautet: An jedem einzelnen Problem trägt jemand eine Schuld. Selbst am ganzen Problem. Diese Schuld erfahrbar zu machen, also dem wohlmeinenden Herz der westeuropäischen Wohlstandsgesellschaft zum plötzlichen erschrockenen Stillstand zu verhelfen, darauf zielt die Chose. Und verfehlt's.

Gesten-Pornographie

Der moralische Säureanschlag auf das sich potenziell in intellektuell verfeinerte Ausflüchte über die diffizilen Zusammenhänge zurückziehende Publikums besteht aus einer einfachen Hintereinanderreihung von antiintellektuellen Theatermitteln. Was sind antiintellektuelle Theatermittel? Der Abend hat einige anzubieten. Zum Beispiel die Vorhersehbarkeit der Pointen: Zunächst wird eine Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge in Paris und Brüssel eingelegt. Es folgt eine Schweigeminute für die vier Millionen Opfer in Afghanistan, Irak und Syrien, die europäische Kriege dort gefordert haben. Was inhaltlich eine wichtige und richtige Zusammen- und Gegenüberstellung von Verantwortlichkeit und Gedenkverhalten anzeigt, bleibt, weil formal vorhersehbar, weit weg vom westeuropäischen Wohlstandsherz im peinlichen Versuch stecken, Betroffenheit zu erzeugen.

UnsereGewalt2 560 Alexi Pelekanos x"Wir saufen Benzin und fressen Dynamit, oh my holy holy Ho!" Die ganze Lösung für das ganze Problem in Wien © Alexi Pelekanos

Oder: Die Aufdringlichkeit der Gesten, die wie im Boulevard-Journalismus Hysterie heucheln, gerade durch ihre Brutalität längst aber leer und leblos geworden sind. So steht ein Jesus mit Dornenkrone und Unterhose aus Österreich-Fahne vor einem Kreuz aus Benzin-Kanistern. So läuft "Stille Nacht", während die neun Darstellenden schmusen und die arabischen Schriftzeichen auf ihren nackten Körpern verschmieren. So zieht denn auch eine der Nackten, sie trägt Hidschab, eine weitere Österreich-Fahne aus ihrer Vagina.

Besonders bemerkenswert und auch besonders peinlich: Auch in Balkan macht frei inszenierte Frljić eine Vergewaltigungsszene. Dort war es eine personifizierte Germania, die von Migranten missbraucht wurde. Hier ist es also besagte Muslima, die mit ihrem Hidschab gewürgt und von besagtem Jesus vergewaltigt wird. Die sexuelle Misshandlung einer Frau durch einen Mann erscheint im inszenatorischen Baukasten als bloßes Vehikel für was auch immer.

UnsereGewalt3 560 Alexi Pelekanos xOliver Frljić' Schauspieler*innen suchen nach dem Sinn der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss  © Alexi Pelekanos

Die gruselige Analogie

Diese Einfachheit der Botschaft und die damit einhergehende kraftlose Allgemeinheit der Bilder steht in einem krassen Gegensatz zum als Ausgangspunkt genannten Text. Auf tausend Seiten zeichnet Peter Weiss in "Die Ästhetik des Widerstands" eine detaillierte Geschichte der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Für die gruselige Analogie, die zum derzeitigen Rechtsruck in Europa und zum Verlust des Stammklientels der sozialdemokratischen Parteien zu ziehen gewesen wäre, interessiert sich der Abend nicht. Ein einziges Mal verweist ein Performer  der wurde just zuvor von einer Jihadi-John-Figur enthauptet  auf den Text.

Dass der Widerstand gegen den Faschismus nur auch im Widerstand gegen den kolonial verfeinerten Kapitalismus zu führen ist, das ist wiederum eine inhaltlich wichtige und richtige Angelegenheit. Weil sich die Inszenierung über das Phänomen des Widerstands sonst aber ausschweigt und sich dem ganz entgegen gesetzt an einer Ästhetik des Terrors versucht, verkommt die wütende Parole zum hilflosen Pathos. Mit den Mitteln des Boulevards, also mit einem Terror der Ästhetik, ergänzt Frljić die Gewalt von Terrorismus und Islamophobie und alledem um seine eigene brutale Bildsprache. "Völlig einfältig" hat ein Besucher ins Schlussbild gerufen. Es ist schwer, diesem Urteil nicht zuzustimmen.

 

Naše nasilje i vaše nasilje. Unsere Gewalt und eure Gewalt
Text nach dem Roman "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss,
Textadaption: Oliver Frljić, Marin Blažević.
Regie: Oliver Frljić, Dramaturgie: Marin Blažević, Kostüme: Sandra Dekanić, Bühne: Igor Pauška, Licht: Dalibor Fugošić, Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones
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Mit: Barbara Babačić, Daša Doberšek, Uroš Kaurin, Dean Krivačić, Jerko Marčić, Nika Mišković, Dragica Potočnjak, Matej Recer, Blaž Šef.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Mehr zu Oliver Frljić können Sie im Theaterbrief aus Kroatien lesen, wo Frljić berichtet, wie die kroatische Gesellschaft auf poilitische Theatermacher reagiert.

 

Kritikenrundschau 

"Der bisherige Tiefpunkt der Saison." – Norbert Mayer von Die Presse (30.5.2016) geht hart mit dem Abend ins Gericht. Die Inszenierung strotze "von Simplizität und Rohheit, ist laienhaft gespielt und langweilt im krampfhaften Bemühen zu schockieren". Ihr fehle "sowohl die literarische Qualität als auch ein glaubwürdiges Engagement". Mayer sah ein "durch und durch" antiwestliches und antiliberales Stück, an dessen Ende "nur Hardcore-Fans" jubelten.

"Immerhin weiß man jetzt, was alles in einer kroatischen Schauspielerin stecken kann", stellt Ronald Pohl für den Standard (30.5.2016) fest. Ansonsten verbreite dieser Abend "während viel zu langen 75 Minuten den unangenehmen Geruch von Schulkabarett."

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (1.5.2016) schämt sich fremd für die die "Plakativität und Plumpheit" der Forderung, der Zuschauer möge sich dafür schämen, im Theater zu sitzen, während Tausende Menschen sterben. Das Stück sei von vornherein auf "moralischen Krawall gebürstet" und greife, "da es zu keiner anderen Sprache findet", zu Bildern der Gewalt. "Das Ärgerliche an diesem gratisradikalen Theaterabend ist, dass er auf Teufel komm raus provozieren und schockieren will – und das mit den plattesten, aufdringlichsten, grobschlächtigsten Mitteln."

Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (6.6.2016) schreibt: "Krasse Bilder, die auf den Wiedererkennungseffekt setzten, wechseln ab mit szenenartigen Passagen." Das Spiel mit den Zitaten sei Absicht; "die provozierenden Kurzschlüsse sollen uns – vermutlich – mobilisieren: Ästhetik dort, Widerstand da". Frljić jongliere – plakativ, aber gewieft – mit Realitätspartikeln, die er zum Kunst-Puzzle verfremde. Er sei "ein Spezialist ironischer Verdrehungen, der sogar das Doku-Theater auf die Schippe nimmt: Seine Schauspieler stellen sich mit erfundenen Biografien vor".

 

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