Jenseits der Ansprüche

von Michael Wolf

Berlin, 30. Mai 2016. Mit der Freien Theaterszene verhält es sich wie mit der Sozialdemokratie. Sie hat die Theaterlandschaft so sehr geprägt, dass sie an Kontur verliert, disparat und orientierungslos wirkt. "Früher ...", raunt man sich auf Probebühnen zu, "früher gab es noch diese herrlich produktive Opposition zum Stadttheater. Und es gab die Verachtung für feste Strukturen, Selbst- statt Fremdausbeutung war noch allein unser Ding, der freie Künstler hatte die Armut auf seiner Seite und Hans-Thies Lehmann noch volles Haar." Dieses "Früher" muss gewesen sein, lange bevor Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele übernommen hat, Gruppen wie Rimini Protokoll und Gob Squad zu Big Playern wurden und Gerhard Stadelmaier in Rente ging.

FastForward 2015 MarkusundMarkus 560 u"Peer Gynt" von Markus&Markus  © Paula Reissig Inzwischen ist die Freie Szene so heterogen und so frei wie nie. Das verdeutlicht ein Besuch des Berliner Performance Art Festivals, dessen Programm Überforderung ist. Eine Woche lang bespielen freie Gruppen ganz Berlin. Das PAF löst das 100 Grad Festival ab, das in den Jahren zuvor an drei Tagen all jenen ein Forum bot, die sich rechtzeitig anmeldeten. Das Konzept bleibt bestehen, allerdings sind inzwischen auch ein paar bekannte Namen mit erprobten Produktionen dazu gekommen wie Gob Squad mit Western Society, Turbo Pascal mit ihren Algorithmen oder Markus&Markus mit ihrem weit gereisten Peer Gynt.

Die Checkliste orthodoxer Postdramatik

Für eine verantwortungsvolle Inspektion wäre eine Hundertschaft Theaterkritiker vonnöten, vorerst bin ich allein, allein gegen alle. Das zumindest versucht mir Elisa Müller vom Institut für Widerstand im Postfordismus in der schwer akademischen Performance "Desertieren" weis zu machen: In einer Mischung aus RAF-Folklore und Proseminar beschreibt sie zunächst die Geschichte als Folge repressiver Systeme ("Wenn du da raus willst, dann bist du entartet."), um schließlich in einem Stuhlkreis mit dem Publikum gegen die ganze systematische Repression anzugehen. "Lasst uns zusammen was losmachen." – "Gerne, Elisa, aber was für ein System meinst du denn eigentlich konkret? Diesen Stuhlkreis?" Elisa Müller stimmt mir zu und schreibt die Frage mit Edding auf einen Bogen Papier.

Vielleicht hakt sie aber auch nur einen weiteren Posten auf der Checkliste orthodoxer Postdramatik ab: Einbindung des Publikums (Check), bitte nicht unterhalten (Check), Video finden wir gut (Check), Dramaturgie finden wir nicht gut (Check), offenes Ende / im Prozess bleiben (Check), Ereignishaftigkeit (Check). Aber ist das schon die Überwältigung durch ein von Erika Fischer-Lichte abgesegnetes Ereignis, wenn eine Zuschauerin vorschlägt: "Was haltet ihr davon, wenn sich jeder sein eigenes System ausdenkt?!"

The Sauhaufn 560 "The Sauhaufen" von Compagnie Compagnie

Ebenfalls politisch engagiert ist Rolf Kemnitzers Gruppe "Compagnie Compagnie", die sich in ihrem Stück "The Sauhaufen" moderner Arbeitsbedingungen in einem Baumarkt annimmt. "Ich will, dass Baumhaus mich braucht. Ach, Mist, das war jetzt nicht authentisch." Die Filialleiterin entreißt der Belegschaft die Kinderbilder ihrer Berufswünsche (Astronaut, Fußballer, Erfinderin) und fordert Leidenschaft beim Schrauben zählen. "Aber was ist denn meine Aufgabe?  Deine Aufgabe bist du selbst."

Rotzig inszenierte Szenen gehen ineinander über, einer der Darsteller schwäbelt sehr breit, was zuverlässig für Lacher sorgt und wenn ein Spannungsloch droht, schütteln sich die Darsteller zu Techno-Musik. Klar, dabei kommt nicht viel mehr als unterhaltsame Kleinkunst heraus. Für mehr fehlt den meisten Darstellern dann doch das schauspielerische Handwerk. Das ist inzwischen ein Problem der Freien Szene. Für den ehemals als authentisches Faustpfand eingesetzten Dilettantismus gibt es zu viele Ernst-Busch-Absolventen ohne festes Engagement und für Laien zu viele Experten des Alltags.

Kein großes Theater - einfach nur dem Weltuntergang Beine machen

Erfrischend dagegegen, wie falsch und herzlich zugleich Fabian Holle, Baly Nguyen, Damian Rebgetz und Melanie Jame Wolf ins Publikum lächeln. In ihrer Elegy for Television schwelgen sie in Erinnerungen an das angeblich sterbende Medium Fernsehen und das goldene Zeitalter, "als wir alle zur gleichen Zeit dasselbe fühlten". In Videos und exakten Choreographien stellen die Schauspielerinnen, wie in der Sendung Switch, typische Momente aus Fernsehsendungen nach – mit viel Freude an der Überzeichnung.

Nach und nach sterben sie ihre Serientode und erstehen im Off gefilmt auf Bildschirmen wieder auf, um von ihren eigenen Fernsehbiographien zu erzählen. Berührend, wie Fabian Holle erzählt, dass er vor dem Tod seiner Mutter jeden Samstagabend zwischen ihren Beinen saß, mit der ganzen Familie Pommes mit Apfelmus gegessen und seine Comic-Sendungen geguckt hat. Zwischen diesen ehrlichen Momenten wird, einem Fernsehabend angemessen, leider ein bisschen zu viel geschäkert und geglitzert.

elegy for television4 560 dorotheatuch"Elegy for Television": When I think of all the good times, that I've wasted ...  zwischen den Beinen
der Mutter Pommes mit Apfelmus essen und Comic-Sendungen glotzen.   © Dorothea Tuch

Katja Hensel und Tilla Kratochwil hingegen bauen sich in "Utopia TV" aus den Resten des Fernsehens eine bessere Zukunft. "Utopia" von Thomas Morus wird endlich umgesetzt. Wenigstens medial. Die beiden spielen zwei Sprecherinnen, die in einem Studio Ausschnitte aus Fernsehfilmen und Polittalks synchronisieren. So darf Frauke Petry sich in einem Ausschnitt aus dem Polittalk "Hart aber Fair" gegen die Einführung einer klassenlosen Gesellschaft aussprechen: "Gehen Sie mal in die Buchläden. Da finden Sie nicht 'Utopia'. Da finden Sie 'Fifty Shades of Grey'. Belohnung und Strafe! Das ist, was die Leute wollen."

Auch dieses Verfahren ist aus Kabarettsendungen bekannt, aber im Gegensatz zur Heute-Show hier wirklich witzig – spätestens, wenn die Sprecherinnen sich in einer Aufnahme-Pause mit Piccolos betrinken. "Ich glaub' ja nicht an die Verbesserung der Welt. Im Gegenteil, ich denk', ich muss den Niedergang beschleunigen. Ich fahre auch nur noch Auto! In der Stadt! Allein!" Die Inszenierung wirkt in ihrer liebevollen Absurdität wie ein zu Unrecht vergessener Loriot-Sketch. Was macht es da, dass "Utopia" wieder kassiert wird und die Synchronsprecherinnen recht unvermittelt ihre Taschen packen? Feierabend, heißt es aus der Ton-Regie. Kein großes Theater, alle Fragen offen – na und?

FUX GEWINNT 1 560 Annika PinskeDie Gruppe Fux (Falk Rößler, Nele Stuhler und Stephan Dorn, v.l.) mit ihren Gewinnen:  "Von allen, die einen Eierkocher hätten gewinnen können, habe nur ich den einzigen Eierkocher, den man gewinnen konnte, gewonnen." © Annika Pinske

Ballast abwerfen

Vielleicht liegt die Zukunft der Freien Szene ohnehin – Hoppla! – im Unpolitischen? Dafür spricht ausgerechnet eine Arbeit von Absolventen des Gießener Theaterinstituts – früher als Kaderschmiede intellektueller Freudlosigkeit gefürchtet. Acht Wochen haben Stephan Dorn, Falk Rößler und Nele Stuhler von der Gruppe Fux an Gewinnspielen teilgenommen. Über 1.200 Spiele sind dokumentiert, vom Kreuzworträtsel über Rubbellose bis zur Teilnahme am DSDS-Casting. Im von den Münchner Kammerspielen, dem Frankfurter Mousonturm, der Kaserne Basel und dem Berliner Theaterdiscounter koproduzierten Fux gewinnt 3/3 präsentieren sie in gewonnenen Outfits ("Star Wars"-Socken, Bandshirts, eine beim Dosenwerfen gewonnene Südstaatenflagge) feierlich ihre Preise (Thermobecher, Plüschtiere und sogar ein iPad), singen von Freud und Leid des Berufsspielers und berichten von Betrügereien auf der Siegerstraße.

Dem Trio, das in diesem Jahr den ersten Ponto Performance Preis gewann, gelingt es sehr charmant zu gefallen, ohne gefällig zu wirken. Wem das nicht reicht, kann sich als Trostpreis ein bisschen Konsumkritik aus dieser Wundertüte fischen. Nur wozu? Fux gewinnt durch seine Bescheidenheit. Hier wirft das Recherchetheater den Ballast der Weltrettung und den überkommenen Anspruch einer moralischen Anstalt ab. Wenn sie am Ende im Kanon singen, dass das Spielen nach Wochen keinen Spaß mehr macht, ist das keine unerwartete Erkenntnis. Fux wollen nicht problematisieren, wollen die Welt nicht verbessern, sie machen etwas viel Besseres. Mit einem Abend, der dem Publikum zugetan und ehrlich ist, erinnern sie beharrlich an die notwendige Bedingung allen Theaters: einen Ort zu schaffen, an dem Menschen gern zusammen einen Abend verbringen. Das ist auch schon alles – und nicht wenig.

 

Performing Art Festival Berlin vom 23. bis 29. Mai 2016

Desertieren

Institut für Widerstand und Postfordismus / müller*****
von und mit: Elisa Müller, Rike Flämig, Vega Damm, Michaela Muchina.
Mitarbeit Recherche: Inga Schaub und Joshua Wicke, Mitarbeit Video: Franziska Richter.
Produktionsbüro ehrliche arbeit – freies Kulturbüro 
Dauer: 1 Stunde 
www.institut-wip.de

The Sauhaufen
von Compagnie Compagnie
Text und Regie: Rolf Kemnitzer
Mit: Abdul Matouk, Amadea Leonore, André Flemming, Erik Thews, Naja Meunier, Sara Reichert und Wojciech Zopoth.

Elegy for Television
Produktion: Damian Regbetz, Video: Benjamin Krieg, Bühne und Kostüme: Belle Santos, Dramaturgie: Rahel Spöhrer, Künstlerische Assistenz: Hannah Saar, Künstlerische Beratung: Sharon Smith, Licht: Tobias Klette, Produktion: björn & björn.
Performance: Fabian Holle, Baly Nguyen, Damian Rebgetz, Melanie Jame Wolf.
Koproduziert von HAU Hebbel am Ufer, Münchner Kammerspiele, Gessnerallee Zürich.
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten
www.hebbel-am-ufer.de

Utopia TV
Performance: Katja Henkel, Tilla Kratochwil in Kooperation mit Theaterdiscounter Berlin
Dauer: 1 Stunde
www.theaterdiscounter.de

Fux gewinnt
Konzept, Texte, Musik, Performance: Stephan Dorn, Nele Stuhler, Falk Rößler; Bühne und  Technische Gestaltung: Jost von Harleßem, Mitarbeit Bühne und Technik: Alexander Buers, Hanke Wilsmann, Produktionsleitung: Franziska Schmidt (stranger in company).
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten
www.gruppefux.de


www.performingarts-festival.de

 

Mehr zu den Showcases der Freien Szene: Fast Forward, das fünfte europäische Festival für junge Regie in Braunschweig im November 2015 und das Spielart Festival im November 2015 in München.

 

Kritikenrundschau

"Spannend" fand Felicitas Boeselager das Performing Arts Festival im Deutschlandradio Kultur Fazit (30.5.2016) und resümiert: "Die erste Ausgabe war vielleicht noch etwas unübersichtlich und sicher brauchen nicht alle Vorstellungen eine Bühne, aber es öffnet doch neue Perspektiven auf die Erfahrung des urbanen Raumes. Und macht Kunst durch diese Perspektiven und die Nähe zum Publikum lebendig."

 
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