Das rote Tuch

1. Juni 2016. Das Theater Trier und sein Schauspieldirektor gehen getrennte Wege. Das melden sowohl der Trierische Volksfreund als auch der Trier Reporter. Beide berufen sich auf eine interne Hausmitteilung des Theaters, derzufolge Intendant Karl Sibelius ab sofort (also dem 1. Juni) kommissarisch die Leitung der Schauspielsparte übernehme.

Wörtlich heiße es darin: "Ulf Frötzschner ist mit Wirkung vom 31. Mai 2016 nicht mehr Mitglied des Hauses. Die Aufgaben des Schauspieldirektors werden bis auf Weiteres von mir übernommen." Ob Frötzschner gekündigt wurde oder selbst die Kündigung eingereicht habe, gehe aus der Mitteilung nicht hervor, so der Trierische Volksfreund. Das Theater Trier gibt "zu personalrechtlichen Angelegenheiten" "zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Stellungnahme ab", so die Pressestelle auf Nachfrage von nachtkritik.de.

Die Chemie zwischen dem Intendanten und seinem Schauspielchef sei in letzter Zeit "immer vergifteter" gewesen, "zuletzt wurde Frötzschner nicht einmal mehr zu Mitarbeiterversammlungen hinzugezogen", so der Trier Reporter. Im Februar 2016 habe Frötzschner bereits ein Auflösungsvertrag zum 31. Juli 2017 vorgelegen, den er allerdings nicht unterzeichnet habe. Eskaliert sei die Situation nun an der Absage einer geplanten Inszenierung ("Die rote Wand" von Lothar Kittstein).

Vor Frötzschner sei bereits vor Saisonbeginn eine Spartenleiterin abgefunden worden, berichtet der Trier Reporter. Auch die ursprünglich als Marketingleiterin vorgesehene Mitarbeiterin klage inzwischen gegen die Stadt und das Theater. Im März habe Sibelius den Opernsänger Christian Sist fristlos entlassen. Der stellvertretende Intendant und Chefdisponent Tobias Scharfenberger habe von sich aus das Theater verlassen. Noch davor habe Sibelius sich mit Dirk Eis überworfen, der in der noch zu gründenden Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) als stellvertretender Intendant für Finanzen vorgesehen gewesen wäre. "Eis wechselte schließlich zurück ins Rathaus."

Update vom 10.6.2016: In einer Mail, die uns am 10. Juni 2016 erreichte, melden sich die am Theater Trier arbeitenden RegisseurInnen zu Wort. Von Thorleifur Örn Arnnasson bis Christina Friedrich – 11 Personen haben das der Mail angehängte Schreiben unterzeichnet, das die Solidarität der RegisseurInnen mit dem entlassenen Schauspieldirektor Ulf Frötzschner ausdrückt: "Als Schauspieldirektor arbeitet Ulf Frötzschner ausschliesslich für die künstlerischen Inhalte, er begegnet Regisseuren auf Augenhöhe, schafft geschützte Freiräume, in denen wir unsere Inszenierungen entfalten können, gibt Rückendeckung, und ist ein unaufhaltsamer, energetischer, positiver Arbeitsmotor für die gesamte Sparte. All dies ist in unserer Branche keine Selbstverständlichkeit und für uns von grossem Wert." Gerichtet ist das Schreiben an Wolfram Leibe, Thomas Egger, den Kulturausschuss der Stadt Trier und den Personalrat des Theaters Trier: "Wir appellieren dringend an Ihre Verantwortung und bitten Sie inständig und zeitnah Voraussetzungen zu prüfen, die eine Rückkehr Ulf Frötzschners an das Schauspiel Trier ermöglichen." Das ganze PDF können Sie hier lesen.

(Trier Reporter / sd/ sae)

Mehr zur Krise am Theater Trier in der Presseschau vom 26. Mai – Trierer Medien berichten über Turbulenzen am Ende der ersten Spielzeit von Neuintendant Karl M. Sibelius

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