Im multimedialen Bienenstock

von Elisabeth Maier

Heilbronn, 3. Juni 2016. In ihren dunklen Fantasien wünscht sich die Schülerin Ida, den Vater mit Honig einzuschmieren und bewusstlos unter einen Bienenstock zu legen. Für den Allergiker würde das den sicheren Tod bedeuten. "Voll schlimm" ist ihr einziger Kommentar. Das Computersystem "Iris" zeichnet die Rebellion des Mädchens mit dem Pickelgesicht auf. Keine geheime Fantasie entgeht dieser Spionage-Software, der drei Teenager in Tim Staffels Jugendstück "Im Netz" ausgeliefert sind.

Der Traum von Freiheit

Die Freunde Emil und Joris lassen sich vom "Urknall des Internets" mitreißen. Als Emil von seiner Mutter eine Linse geschenkt bekommt, die ihm unbegrenzten Zugang zum Internet verspricht, stehen ihm nicht nur Reisen in ferne Länder und sämtliche Computerspiele offen. Der Junge prahlt mit seiner neuen Errungenschaft, obwohl seine Mutter keinen Hehl daraus macht, dass sie ihren Sohn mit der Spionage-Software nur überwachen will. Felix von Bredow lässt seinen Joris vom Internet-Zugang träumen, der ihm einen Ausweg aus seiner Außenseiterrolle verspricht. Weil seine Eltern kein Geld haben, wird er zum Hacker und beschafft sich und seiner Schwester Ida ebenfalls die Wunderlinse "Iris", die ihn direkt in die Wunderwelt des World Wide Web katapultiert. Anja Willutzki als pickelgesichtiges Schwesterchen hinterfragt die gefährliche Technik da schon eher. Dass sich Jördis Johannson am Ende gar als Beauftragte des Überwachungsstaats entpuppt, ist etwas zu dick aufgetragen.

ImNetz10 560 Thomas Braun uSie sehen sich nicht, sie vernetzen sich: Henry Arturo Jiménez (Emil), Felix von Bredow (Joris), Anja Willutzki (Ida) © Thomas Braun

Dennoch: Staffels Text ist direkt, klar und in einer Sprache geschrieben, die nicht nur ein junges Publikum berührt. Der Autor, Regisseur und Blogger, der seinen Roman "Jesus und Muhammed" 2011 unter dem Titel "Westerland" verfilmt hat, reiht die Sequenzen so rasant wie im Drehbuch für einen Action-Thriller aneinander. Mit diesen medialen Möglichkeiten spielt "Prinzip Gonzo" virtuos. Anders als in der Produktion Spiel des Lebens, mit der Prinzip Gonzo 2015 das Nachtkritik-Theatertreffen gewannen, sind die Zuschauer nicht direkt in das High-Tech-Spektakel einbezogen. Wer mag und nicht an der Technik scheitert, darf sich ein Computerspiel aufs eigene Handy laden, das im Vorfeld ein "Fenster zum Netz" öffnet. Aber wie weit will man dieses Fenster öffnen?

Ein dystopisches Setting

Das Regiekollektiv inszeniert den Text in einer hässlichen neuen Welt, dominiert von Webcams und Kontrollsystemen, als medialen Alptraum. Gedanken und Gefühle fangen sie mit Close-ups der Kamera ein, die übergroß auf die Bühne projiziert werden. In diesem dystopischen Setting geben die Figuren ihr letztes bisschen Intimsphäre preis. Gnadenlos werden ihre Gefühle zur Schau gestellt. Heraus kommt ein Abend über Identität im Zeitalter der Vernetzung und ihre Bedrohung durch die Gefahr medialer Überwachung. Und all das, zum Glück, ohne pädagogische Keule.

 

Im Netz
von Tim Staffel 
Uraufführung
Regie und Ausstattung: Prinzip Gonzo (Alida Breitag, Robert Hartmann, Holle Münster); Dramaturgie: Stefan Schletter, Eva Bormann.
Mit: Felix von Bredow, Anja Willutzki, Henry Arturo Jiménez, Jördis Johannson und Manuel Sieg
Spieldauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-heilbronn.de

www.prinzip-gonzo.de

 

Kritikenrundschau

"Machen sich Jungs, die in Ballerspielen lautstark und hingebungsvoll Zombies massakrieren, tatsächlich so viele Gedanken über Freiheit, Demokoratie und Überwachung, wie man es hier nahe legt? Eher nicht." Das sei vielleicht der einzige Schwachpunkt eines Stücks, das sich sehr eindringlich und mit zeitgemäßen Tempo entwickele, schreibt Uwe Deecke von der Heilbronner Stimme (6.6.2016).

 

 

 
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