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Passen

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Passen auf nachtkritik.de bisher: 771 Mal

7. Juni 2016. Ich bin mit meiner Freundin M. im Charlottenburger Zwiebelfisch gesessen, und wir haben darüber beraten, ob die Zeit fortschreitet: ja oder nein. Vor 16 Jahren haben wir uns beim Studieren in Berlin kennengelernt, heute trinken wir zusammen zwei Asahi und acht kleine Kölsch. Alte Kleider wegwerfen: ja oder nein?

kolumne 2p praeauerEin Zwiebelfisch, man kennt das ja, ist ein Buchstabe, der sich fälschlicherweise eingeschlichen hat beim Setzen mit Bleilettern, eine falsche Schriftart oder ein falscher Schriftschnitt. Ein fetter, wo kein fetter hingehört, ein kleiner, wo kein kleiner hingehört zum Beispiel.

M. sagt, ich wäre zu ihrer Abschiedsparty damals in einem Tüllrock gekommen. Ha! Den hab ich noch. Nee, ich werf ihn jetzt weg. Und ich fahre nicht nach Friedrichshain, wo ich mir mit zwei Freunden eine Wohnung teilte. Drei Wochen habe ich im Café Halleluja gejobbt, die Bezahlung waren 6 DM die Stunde. Mit sechs Mal 6 DM bin ich zum Friseur gegangen und hab mir die Haare abschneiden lassen. Ob dir das gepasst hat, ja oder nein.

Jeden Tag Theater

Irgendwo auf Facebook habe ich diese Frage gelesen: Wieso haben sie von Mario Götze kein Kinderfoto auf die Schokoladenverpackung gegeben? – Schreitet sie nicht fort, die Zeit, nicht für Mario Götze? Wird er sich selbst jemals weniger ähnlich sehen? Ein bisschen Fett, wo keines hingehört? Groß, wo ein Großer hingehört? In ein Erwachsenenleben: ja oder nein?

Als wir klein gewesen sind wie die Kinder auf der Schokolade, da haben wir jeden Tag Theater gespielt. Ich habe meinen Cousin geheiratet und über das Land geherrscht. Dein Vater war ein Pferd, du bist auf seinem Rücken gesessen. Dann war ich der Pfarrer, habe dich beerdigt und Halleluja gesungen. Du bist aufgesprungen und hast dagegen protestiert. Eine Leiche rührt sich nicht, habe ich gerufen.

Ob du einen dieser Preise gewonnen hast?

Unsere Kindergesichter passen uns manchmal noch. Bei Mats Hummels ist die Lippe noch da und das Grinsen. Mehmet Scholl hat Frisur und Brille seither abgelegt, sehr zu seinen Gunsten. Bei Schürrle sieht das Kinderfotogesicht aus wie zusammengepixelt, aber vielleicht ist das auch so mit seinem Erwachsenengesicht.

Auf der Website der Schokolade kann man die Kinderfotos den Erwachsenen zuordnen: "Super! Du hast allen Fußball-Stars die richtigen Kinderbilder zugeordnet. Registriere dich und finde jetzt sofort heraus, ob du heute einen dieser Preise gewonnen hast!" Super! Ich will meine Preise abholen: jeden Tag Theater, abends Kölsch mit M., späte Reue und satte Gehaltsnachzahlung vom Café Halleluja, Haare ohne Spliss. Passt. Und so darf sie fortschreiten, die Zeit.

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag, als Taschenbücher bei S. Fischer, und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Künstlerroman "Johnny und Jean", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt waren in Teresa Präauers Kolumne Puppen und Menschen Gegenstand der Betrachtung.