Im Darknet der Willkommenskultur

von Sophie Diesselhorst

Potsdam, 9. Juni 2016. Das Wort AfD fällt kein einziges Mal an diesem Abend im Hans Otto Theater Potsdam, der den Rechtspopulist*innen eine erhöhte Aufmerksamkeit zu verdanken haben dürfte: Im Mai forderte die AfD-Fraktion der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung die Absetzung der Inszenierung des Stücks "Illegale Helfer" von Maxi Obexer, weil darin "Gesetzesbrüche honoriert und für gut befunden" würden. Im – durch den AfD-Vorstoß explizit gemachten – Theater als Schutzraum setzt Yvonne Gronebergs Inszenierung des größtenteils dokumentarischen Stücks über Fluchthilfe in der Grauzone zwischen Menschenrechten und Nationalrechten der Erregungslogik der AfD konzentrierte Konkretion entgegen.

Die Grenzen des Gesetzes

Das im Januar 2016 in Salzburg uraufgeführte Stück basiert auf Interviews mit Fluchthelfer*innen, die auf ihrem Hilfsweg die Gesetzes-Grenzen ihrer europäischen Heimatländer überschritten haben, sich also mehr auf ihr persönliches Gerechtigkeitsempfinden als auf das festgeschriebene Recht verlassen haben, das sie zu legalen Staatsangehörigen macht. Da ist der Alt-Aktivist, der auf die Frage, warum er so handelt, erst sagt: "Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr politisch tätig" und dann mitsamt seinem "Hass gegen das Unrecht" explodiert. In der an dieser Stelle untypisch plakativ agierenden Inszenierung von Yvonne Groneberg wird ihm seine Anzugjacke vorsorglich falsch herum als Zwangsjacke angezogen, seine Hände werden mit der Krawatte zusammengefesselt.

illegale helfer 560 HLBoehme uDie illegalen Helfer: Denia Nironen, Christoph Hohmann, Andrea Thelemann © HL Böhme

Da ist die mitteljunge Frau, für die sich aus dem Angebot an einen Flüchtling, doch ihr Telefon zu benutzen, um bei seiner Familie anzurufen, ergeben hat, dass sie eine Reihe von untergetauchten Menschen bei sich versteckt hat. Die aber das Wort "Widerstand" nicht für sich beanspruchen möchte, weil es für sie denen gehört, die während der Nazi-Diktatur Verfolgten geholfen haben. Zivilcourage statt Heldentum. Da ist noch der Richter, der eigentlich "nie vorhatte, die Grenzen des Gesetzes zu verlassen" und es jetzt doch "immer öfter tut". Er hat nämlich, nachdem er das erste Mal Fluchthilfe geleistet, eine Frau in seinem Auto über die Grenze gebracht hatte, "zum ersten Mal seit langem wieder Stolz empfunden".

Die vielbeschworenen Grundwerte

Die Protokolle wollen in ihrer Aneinanderreihung einerseits eine Bewegung zeigen, so echt wie die unterschiedlichen und unterschiedlich motivierten Menschen, die ihr angehören. Andererseits hat Obexer sie so montiert, dass sie einander anzustecken scheinen mit kreativem Ehrgeiz. All diese Menschen, die aufgebrochen sind, die so-vielbeschworenen-dass-sinnentleerten humanistischen europäischen Grundwerte dann doch wieder wörtlich zu nehmen, entwickeln eine Energie, die sie immer wieder selbst überrascht und die in dem lakonischen Satz einer älteren Helferin ihren prägnantesten Ausdruck findet: "Da musste dir was einfallen lassen." Sie erzählt dann davon, wie sie einen befreundeten Arzt überredet hat, einen afghanischen Jugendlichen fälschlicherweise als suizidgefährdet einzustufen, um ihn vor der Abschiebung in das Land zu bewahren, aus dem er geflüchtet ist, nachdem er dabei zugeschaut hatte, wie seine Eltern von einer Bombe zerfetzt wurden. Derart kurvenreich sind viele der Geschichten.

Sie bekommen von Maxi Obexer als Hintergrund und gleichzeitig Brücke rüber zum höchstwahrscheinlich hilfloseren Publikum eine einzelne erfundene Figur gestellt: Lukas, der nicht hilft, weil er nicht weiß wie. Der sich vor allem auf sein privilegiertes Selbst zurückgeworfen fühlt, Schuldgefühle hat, sich aber dem Dogma "Handeln ist sinnvoller als Denken", das in den Helfer*innen-Statements wiederkehrt, nicht beugen mag. Es ist ein großer Verdienst des Stücks, dass Lukas mit seiner unaufgelösten Frage: "Was für einer will ich sein?" nicht diskriminiert wird – Yvonne Groneburgs Inszenierung macht ihn noch wichtiger, indem sie ihn immer wieder still zuschauend und hörend dabeistehen lässt, wenn die Helfer*innen erzählen.

Kollektiver Gerechtigkeitssinn

Das dürfte aber schon auch daran liegen, dass der Stücktext sonst wenig szenisches Futter bietet; man merkt ihm an, dass er als Hörspiel konzipiert worden ist. Die Inszenierung konzentriert sich darauf, betont schmucklos eine Normalität des Helfens zu beschwören. Grau in grau dreht sich die Drehbühne, die Figurenwechsel werden markiert durch dezente Kostümwechsel. Das macht es schwierig für die Darsteller*innen und manchmal peinlich fürs Publikum, sich zu den dramatischen Momenten der Helfer*innen-Erzählungen aufzuschwingen. Am markantesten bleiben deshalb die "praktischen Tipps", wie zum Beispiel die Information, dass eine Petition ein Mittel sein kann, eine Abschiebung zumindest zu verzögern.

In diesem Sinne bieten Obexer und Groneberg aufklärerisches Gebrauchstheater für die Willkommenskultur. Und das ist tatsächlich nicht harmlos, hallo AfD!, denn am Ende steht deutlich im Raum: Die "Illegalen Helfer" verlassen sich nicht nur auf ihren individuellen Gerechtigkeitssinn, sondern auf den kollektiven einer offenen Gesellschaft, zum Beispiel eines Theaterpublikums. Und ihr Glaube daran ist ansteckend.

 

Illegale Helfer
von Maxi Obexer
Deutsche Erstaufführung
Regie: Yvonne Groneberg, Bühne / Kostüme: Nikolaus Frinke, Dramaturgie: Helge Hübner, Musik: Marc Eisenschink.
Mit: Friedemann Eckert, Christoph Hohmann, Denia Nironen, Andrea Thelemann.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Von einer "nüchtern referierende wie anrührend grundierte Szenenfolge" spricht Irene Bazinger in der FAZ (11.6.206). Der Dramatikerin Maxi Obexer gelingt aus ihrer Sicht, "den Blick wieder von den Massen auf die Individuen, von der Menschheit auf den Menschen zu lenken. Das Stück ist so etwas wie ein Diskurs über den Widerstand der Anständigen, den sie gänzlich unaufgeregt und ohne die Anmaßung, dass ihre Protagonisten auf alle Fragen eine Antwort wüssten, dem Publikum vorschlägt". Der Regisseurin Yvonne Groneberg gelinge es, "über gut siebzig Minuten, die sperrigen, brüchigen, unverbundenen Texte zu einem formal ausgestalteten, sinnlich-spannenden Bilderbogen zusammenzufügen." Die besonnene, klug strukturierte Inszenierung sei "in ihrer unsentimentalen Akribie bedrückend – und eindrucksvoll."

"Wenn chorisches aggressives Zitieren der nüchternen EU-Verordnungen die Übermacht des Staates zeigen soll, dann geht dies deutlich in Richtung Agitprop", befindet Harald Asel vom Inforadio des RBB (10.6.2016). Dennoch sei der Abend wichtig. "Theater ist der Ort, an dem wir Debatten anders führen können als in anderen Medien, vor allem, weil wir gemeinsam uns diesen moralischen Fragen aussetzen. Es müsste also nach jeder Aufführung ein organisiertes Publikumsgespräch geben."

Lars Grote von der Märkischen Allgemeinen (10.6.2016) ist enttäuscht. "Handwerklich zeigt sich die Inszenierung durchweg glänzend. Doch letztlich fehlt dem Stück die Dialektik, der Wille, das komplexe Thema abzuwägen." Es konzentriere sich auf den Aufschrei, der berechtigt scheine, doch intellektuell auf Dauer etwas dünn wirke.

Bei Lena Schneider von den Potsdamer Neuesten Nachrichten (11.6.2016) hinterlässt der Abend drei starke Eindrücke: "Erstens: Das Stück will unbedingt und ungebrochen das Richtige zeigen, die Mitmenschlichkeit gegenüber Menschen, die kein Bleiberecht haben. Zweitens: Es rennt damit offene Türen ein. Drittens: Es ist ziemlich unkünstlerisch. Und viertens, könnte man ergänzen: Ausgerechnet da, wo es Kunstgriffe wagt, funktioniert es am wenigsten."

 
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