Mythen ohne Grenzen

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 14. Juni 2016. Am Ende weint der riesige Baseball, der über der leeren Bühne des Kleinen Hauses im Staatstheater Braunschweig wie ein gigantischer Mond hängt. Unmengen von Wasser plätschern auf den Bühnenboden. Die Beschichtung löst sich auf, bildet kleine Klümpchen, die platschend und schleimig zu Boden tropfen, während ein junger Mann mit seinem Vater spricht. Alles sei ein Missverständnis gewesen, sagt er Richtung Riesen-Baseball. Als Junge habe er gedacht, er müsse Baseball toll finden, weil auch er, der Vater, Baseball geliebt habe. Nur deshalb habe er all die Regeln des amerikanischen Spiels auswendig gelernt, das auch die beiden jungen Frauen neben ihm auf der Bühne nicht verstehen. Es geht um ein kompliziertes Regelwerk und das Verschmelzen des eigenen Körpers mit dem Schläger.

Amerikas Nationalsport als Importschlager: "God Bless Baseball" von Toshiki Okada

Baseball als verbindendes Element der japanischen und koreanischen Gesellschaft – die beide, wie kleine Kinder, die Regeln und das Spiel kritiklos vom großen Vater USA übernommen haben – und sich jetzt nur mühsam auf den Weg in ihr eigenes Leben wieder lösen können. Ein "echter Profi" erklärt den drei anderen Performern, wie sich das anfühlt, wenn der Schläger zum Körperteil wird, wippt in rhythmischer Perfektion vor dem Schlag auf und ab, auf und ab. Und zeigt in einer minutenlangen Übung auch das Gegenteil. Wie man sich von seinen eigenen Körperteilen löst, sich freimacht. "Deine Hand gehört nicht mehr zu Dir. Dein Arm gehört nicht mehr zu Dir. Deine Schulter gehört nicht mehr zu Dir."

GodBlessBaseball1 560 Kikuko Usuyama u"God Bless Baseball" von Toshiki Okada © Kikuko Usuyama

Jetzt zappeln die fünf Performer wie Zombies aus der TV-Serie "The Walking Dead" an der Rampe, werfen sich in absurde Verrenkungen der Gliedmaßen, entkörperlicht und entgrenzt – jenseits der Spielregeln, der Perfektion, dem Nachahmen. Dass das aus einer anderen Kultur übernommene Spiel sich zum Schluss einfach so auflöst und jenseits der autoritären Spielregeln individuelle Konflikte gelöst werden, ist die große Überraschung dieses beeindruckenden Abends von Toshiki Okada "God Bless Baseball", der asiatische Kolonialgeschichte mit der Geschichte eines importierten Spiels verschneidet – und die Vergangenheit so in eine mehrdimensionale Performance verwandelt.

Der Schrein der malaiischen Kolonialgeschichte: "Ten Thousand Tigers" von Ho Tzu Nyen

Die koloniale Vergangenheit ist ein Grundmotiv in vielen Beiträgen dieses Asien-Schwerpunkts, mit dem das Festival Theaterformen in diesem Jahr in Braunschweig auftritt. Entdeckungsreisen nach Ostasien standen an, zu Performancestücken, in denen Künstler die Historie ihrer Heimat theatral aufarbeiten. Und es waren vor allem die leiseren Töne – nicht so sehr die notorisch schrillen "Miss Revolutionary Idol Berserker"-Gesänge –, die hier Eindruck machten.

Sehr kontrolliert und von Anfang bis Ende perfekt durchgetimed ist die Installation "Ten Thousand Tigers" von Ho Tzu Nyen, die wie ein riesiger, aufklappbarer Altar auf der Hinterbühne des Großen Hauses aufgebaut ist. Ganz zu Beginn fällt ein Spot auf einen Filmprojektor, der in einem der vielen Fächer des riesigen Setzkastens steht – und so unausweichlich wie ein Film spult dieser Abend dann auch seine Bilder ab. Da bleibt kein Raum für Improvisationen oder Schauspieler, die den Raum erobern. Im Gegenteil, die wenigen Spieler könnten auch Animatronic-Figuren sein. Zum Beispiel der Radiosprecher, der im Setzkasten oben rechts vor einem altmodischen Mikrofon vom japanischen Angriff auf Pearl Harbor berichtet, während in einem anderen kleinen Fach über einer Miniaturküstenlandschaft die Sonne aufgeht.

TenThousandTigers1 560 TheEsplanadeTheatreStudio KenCheong u"Ten Thousand Tigers" von Ho Tzu Nyen  © Ken Cheong

Daneben gibt es die Geschichte der japanischen Armee, die unter General Tomoyuki Yamashita, dem "Tiger von Malaya", 1941 Malaysia eroberte und deren Anführer als einsamer Soldat in einem Fach mit undurchdringlichem Dschungel-Gestrüpp präsent ist. Es geht um die mythologische Figur des Tigers, der in malaiischen Legenden die Seele der Ahnen verkörpert und in der kollektiven Phantasie untrennbar mit der Historie des Landes verknüpft ist und deren verschiedene Bedeutungen hier mit einem gigantischen Technikaufwand abgespult und multimedial miteinander verschnitten werden, als hätte man in einen dieser altmodischen Schaukästen zwei Euro geworfen – oder noch früher einen riesigen Kirchenaltar mit unzähligen kleinen Bildern bemalt, die gemeinsam die kollektive Erinnerung einer sozialen Gemeinschaft bilden. Nur dass die Gemälde hier Fernseher, Radios oder kleine Guckkasten-Bilder mit Schauspielern sein können, in diesem Schrein der malaiischen Kolonialgeschichte und der Tiger-Mythen, die zu einem aufwendig inszenierten Ganzen zusammenfinden.

Am Ende der britische Kolonialgeschichte in Malaysia: "Baling" von Mark Teh

Ganz anders mit der Erinnerung an die Geburtsstunde Malaysias geht die Produktion "Baling" von Mark Teh aus Kuala Lumpur um. Einen theatralen Erinnerungsraum haben die Künstler in das Braunschweiger Kleine Haus gebaut, das Publikum nimmt auf dem Boden Platz. Von der Decke hängen Zeitungen herunter und unzählige kleine Glühbirnen. In einer Ecke sind historische Bücher aufgestellt. An der Wand kleben haushoch die Protokolle der historischen "Baling Talks", der Verhandlungen zwischen kommunistischen Widerstandskämpfern und britischer Kolonialregierung um die Unabhängigkeit Malaysias 1955 in Baling.

Baling1 560 AsianArtsTheatre u"Baling" von Mark Teh © Asian Arts Theatre

Drei Performer beginnen ihre Geschichtsstunde: Chin Peng hieß der charismatische malaysische Kommunistenführer, der für die "Baling Talks" aus den Dschungel kam, um über die Zukunft des Landes zu verhandeln. Es waren harte Gespräche. Immer wieder reißen die Performer Zettel von der Wand und lesen Auszüge der Protokolle vor, gegenseitige Beschuldigungen und ein zähes diplomatisches Ringen um das Niederlegen der Waffen. Dazu flimmern Bilder alter Dokumentationen über die Wände. Regelmäßig werden wir gebeten, uns umzusetzen und so eine neue Perspektive auf das Geschehen einzunehmen.

Dabei verwandelt sich der Abend von einer historischen Doku zu einem berührenden Drama. Das Drama eines Kommunisten, der mit der Aufgabe seines Kampfes seinem Land eine unabhängige Zukunft ermöglichte und dafür einen hohen Preis zahlt. Zeit seines Lebens durfte er nicht mehr in die Heimat zurückkehren und wurde zum Mythos. Sein Geist überschritt regelmäßig die Grenze, erfahren wir von den Performern, die unaufwändig mit dem Text in der Hand in die verschiedensten Rollen schlüpfen – und ganz zum Schluss ein Videointerview mit dem alten Ex-Revolutionär abspulen. Es ist das Video eines halb-senilen Mannes, der sich jenseits der ihn umgebenden Legende nur noch die Rückkehr in seine Heimat wünscht. Ein gemeinsames Erinnern mit Sogwirkung ist dieser Abend, und ein Umgang mit historischen Dokumenten, der das persönliche Drama hinter den schreibmaschinenbedruckten Seiten erkennbar werden lässt – und einem malaiischen Mythos analytisch auf dem Grund geht.

Doku-Theater mit eigener Kinderfrau: "The Conversations" von Kyung Sung Lee

Wie lange dauert es, die ganze Bühne des Braunschweiger LOT-Theaters zu putzen – mit der Hand? Wenn die 75-jährige Ae Soon fast eine halbe Stunde auf den Knien über den Boden rutscht, erst mit einem Handfeger den Staub aufnimmt und dann mit einem feuchten Lappen nochmal alles nachwischt, wird das zum Sinnbild für das Leben der 1941 geborenen, südkoreanischen Mutter von zwei Kindern. Der in seinem Heimatland gefeierte Regisseur Kyung Sung Lee hat für "The Conversations" seine drei Schauspieler mit seiner ehemaligen Kinderfrau zusammengebracht. Auf der leeren Bühne des Braunschweiger LOT-Theaters steht ein kleines Podest mit einem Tisch und einem Reiskocher, der gemütlich vor sich hindampft.

TheConversations2 560 Creative VaQi u"The Conversations" von Kyung Sung Lee © Creative VaQi

Die Schauspieler kommen zu Besuch, im Film auf der Leinwand – und auf der Bühne in Braunschweig. Sie laden Ae Soon dazu ein, sich zu erinnern. Der Korea-Krieg zieht noch einmal vorbei und die Zeit des Militärdiktators Park Chung-hee, den die Älteren im Land noch immer verehren, "weil er Straßen und die U-Bahn gebaut hat". In diesem Moment hält einer der Performer ein Plakat in die Luft, "um die Bahn ein Jahr früher zu eröffnen, kamen viele Arbeiter ums Leben". Die Wahrheit der Jungen ist eine andere als die der Alten. Regisseur Sung Lee konfrontiert die verschiedenen Erinnerungskonstrukte miteinander, lässt seine Performer Interviews nachsprechen und gleichzeitig Schilder mit der Wahrheit einer neuen Generation hochhalten. Und seine Kinderfrau putzen, so wie sie es während der letzten sechs Jahrzehnte getan hat.

So findet dieses Festival immer wieder zu leisen Tönen und einen Blick in die Vergangenheit einer Region, deren Geschichte uns weitgehend unbekannt ist. Und die in den einzelnen Performances auf völlig unterschiedliche Weise in mehrdimensionale Kunstwerke verwandelt wird. Um diesen Abend zu rezipieren, braucht es nicht einmal eine nachträgliche Geschichtsstunde oder eine umfängliche Einführung. Dass eine komplizierte Historie in die Gegenwart strahlt und die Kunst dazu einlädt, sich diesen Mythen zu stellen, verstehen wir auch so – und sind dazu aufgefordert, uns unseren eigenen kollektiven Mythen zu stellen, die oft gar nicht so weit entfernt sind.

 

Japan
God bless Baseball
ゴッド・ブレス・ベースボール
Text und Regie: Toshiki Okada, Übersetzung und Dolmetschen: Hongyie Lee, Bühne: Tadasu Takamine, Kostüme: Kyoko Fujitani (FAIFAI), Dramaturgie: Sugatsu Kanayama (Tokatsu Sports), Hongyie Lee, Bühnenregie: Koro Suzuki.
Mit: Yoon Jae Lee, Pijin Neji, Sung Hee Wi, Aoi Nozu.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

Singapur
Ten Thousand Tigers
Text und Regie: Ho Tzu Nyen, Konzept Bühne: Ho Tzu Nyen, Andy Lim, Bühne: Andy Lim, Jed Lim, Licht: Andy Lim, Sound: Jeffrey Yue, Elekronische Komposition und Samples: Yasuhiro Morinaga, Musik: Bani Haykal, Video: Russell Adam Morton.
Mit: Al-Matin Yatim, Hiro Machida, Rizman Putra, Sim Pern Yiau.
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause

Kuala Lumpur, Malaysia
Baling
Regie: Mark Teh, Produktion: June Tan, Design: Wong Tay Sy, Visuals: Fahmi Reza, Licht: Syamsul Azhar.
Mit: Anne James, Imri Nasution, Faiq Syazwan Kuhiri, Fahmi Fadzil.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Seoul, Südkorea
The Conversations
몇 가지 방식의 대화들
Regie: Kyung Sung Lee, Dramaturgie: Su Jin Jang, Licht: Hyek Joon Go, Deutsche Übersetzung: Jan Creutzenberg.
Mit: Ae Soon Lee, Soo Yeon Sung, Myung Sang You, Sujin Jang, Kyung Min Na.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

"Ten Thousand Tigers" zähle zu den stärksten Arbeiten des Festivals Theaterformen, "ein gewaltiges Triptychon, das kurze Szenen und Bilder aufleuchten lässt" schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (16.6.2016). Die raunende bis geisterhafte Erzählung biete dabei eben nicht exotischen Kitzel, "vielmehr verschränkt Ho Tzu Nyen sie zum einen mit der verlustreichen Kolonialgeschichte Malaysias". Die grundverschiedenen Arbeiten beim Festival seien auf ihre Weise politisch, "befreit von Erwartungen und Projektionen". Toshiki Okada erzähle in "God bless Baseball" so minimalistisch, lakonisch und unaufgeregt, wie man das von ihm kenne, von den Nachwehen einer kulturellen Missionierung: der Einführung des Baseball-Sports.

Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.6.2016) lobt Kornelius Friz die Inszenierung "Ten Thousand Tigers": In düsterer Atmosphäre werde der Mythos Tiger ausgeleuchtet, der ebenso für blindes Blutvergießen steht wie für die Seelen der verstorbenen Vorfahren. "Baling" hingegen verkomme zur eindimensionalen Geschichtsstunde, "die trotz ihres hohen Anspruchs und der interessanten Anlage als kollektiver Erinnerungsraum keinen ästhetischen Mehrwert bringt". Fazit:  "Den Verantwortlichen ist ein Festival gelungen, das Horizonte erweitert, andere Formen von Theater vorstellt und zu postkolonialen und popkulturellen Überlegungen einlädt, die über die üblichen ästhetischen und dramaturgischen Grenzen europäischer Bühnenschaffender hinausweisen".

"Fast alle der jungen Theatermacher gehören einer Generation an, die Fragen an die eigene Geschichte, die Konstruktion nationaler Identität und die Geschichtsschreibung hat", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (15.6.2016) über den Asien-Schwerpunkt beim Festival Theaterformen. Die Sprache der Propaganda auf der einen Seite, biografische Befragung auf der anderen - "zwischen diesen Polen bewegten sich neben 'The Conversations' auch die Stücke von Toshiki Okada aus Tokio und Mark Teh aus Kuala Lumpur." "Doch so komplex auch der historische Kontext ist, die Aufführungen selbst ermöglichten mit ihren entschiedenen Theatersprachen meist einen Zugang, auch ohne tief in der Materie zu stecken." Mark Thes Stück "Baling" beruhe auf Protokollen von 1955, als Vertreter der britischen Kolonialmacht mit kommunistischen Widerstandskämpfern, die sich in Malaysia im Dschungel verborgen hielten, in dem Dorf Baling verhandelten und sie zur Aufgabe bringen wollten, "eine spannende, wenn auch oft anstrengende Erzählung über Prozesse der kollektiven Verdrängung auf dem Weg zu einer nationalen Identität". Und einer ähnlichen Spur folge "Ten Thousand Tigers" von Ho Tzu Nyen aus Singapur, aber mit gänzlich anderen Mitteln.

Okadas "God Bless Baseball" handelt, zumindest an der Oberfläche, von der Baseball-Leidenschaft der Japaner und Südkoreaner, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (14.6.2016). Verdeckt werden die Gewaltgeschichten hinter der Sportbegeisterung angedeutet, das komplizierte Verhältnis zwischen Japan, Korea und den USA. "Okadas Theater hat die Kunst, im Unausgesprochenen die verdeckten Konflikte auszuloten, zu einer subtilen Perfektion gebracht." In weniger minimalistischen Inszenierungen wäre das nichts als eine kleine, etwas plakative Einlage. Bei Okada, dem Regisseur der klaren, rätselhaften Zeichen, sei es ein Bild von großer Schönheit und Traurigkeit. Ein weiter Höhepunkt sei die Theaterinstallation "Ten Thousand Tigers": "Das Motiv der Tiger, die sich wie Werwölfe in Menschen verwandeln können, wird mit der Geschichte des Doppelagenten und Generalsekretärs der malaiischen kommunistischen Partei Lai Teck gekreuzt". Es entstehe ein dunkler, bedrohlicher Sog, der aus einer anderen, vormodernen Welt zu kommen scheine.

 

 

 
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