Am Berg der großen Fragen

von Willibald Spatz

München, 19. April 2008. Wenn man Johan Simons' Theaterbearbeitung von Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" gesehen hat, weiß man, dass der Regisseur einen Hang zu den großen Themen und Fragen hat, zum Beispiel: Was soll das Ganze? Was bedeutet Glück? Wo ist Gott? Ein Roman wie "Hiob" von Joseph Roth schreit also fast danach, auch von ihm umgesetzt zu werden. Er handelt von dem frommen Juden Mendel Singer, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts in einem ostgalizischen Schtetl lebt. Er wandert mit seiner Familie nach Amerika aus. Dort wird ihm praktisch alles genommen, sterben Frau und Kinder.

Und doch wird er am Ende reich beschenkt: Ein Sohn, den er damals in der Heimat zurücklassen musste, weil er krank und behindert war, findet den Vater mit Gott hadernd im fremden Land wieder; er selbst ist inzwischen gesund und erfolgreicher Musiker. Anders als der biblische Hiob ist der Mendel Singer des Romans bereits zu Beginn dabei, mit seinem Leben abzuschließen. Er ist Lehrer, bringt den Kindern das Alte Testament bei, weil es vor ihm sein Großvater und sein Vater so gemacht haben. Seine Frau – in den Kammerspielen Hildegard Schmahl – bedauert ihren gemeinsamen, körperlichen Verfall, dass sie zu geschlechtslosen Zwillingen würden beim Warten auf den Tod.

An den Ohren ums Karussell schleifen

Sie trabt ihrem Ehemann, den André Jung spielt, wippend hinter drein. Beide haben sie ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Zeitgleich trainiert am entgegengesetzten Bühnenende Wiebke Puls als ihre Tochter Mirjam barfuß den Gang mit den Stöckelschuhen – sie blüht auf, verwandelt sich vom Mädchen in eine hungrige junge Frau, die die Kosaken reihenweise ins Kornfeld zieht. Die anderen Kinder machen ebenfalls Kummer: Die beiden älteren Söhne versuchen, ihren behinderten Bruder zu ersticken. Damit sie aufhören, muss ihr Vater sie an den Ohren einmal rund um das Karussell schleifen, das Bert Neumann mächtig ins Zentrum des Geschehens gestellt hat. Vernünftig werden sie dadurch freilich nicht.

Der eine geht nach Amerika, der andere wird Soldat. Steven Scharf spielt jenen Sohn und verschwindet mit übermütigen Sprüchen zum Militär: "Wenn ich betrunken bin, werde ich die Mädchen schwängern." Danach kehrt er den Rest des Stücks immer wieder in verschiedenen Rollen zurück. Mal ist er Kosake oder bester Freund des Amerika-Bruders, aber im Prinzip immer derselbe naive und wilde Verführer der Tochter Mirjam.

Wiebke Puls dagegen bleibt Mirjam, verändert sich aber ständig, ist mal kleines Mädchen in der Provinz, dann eine Genießerin des wilden Treibens, und – kaum in Amerika angekommen – schon völlig in dieser neuen Art zu leben aufgegangen.

Ein Plastikstuhl als Grabstein

Sie bringt dem Vater die bösen Nachrichten vom Weltkriegstod des Bruders und schildert, wie die Mutter sich in der Küche selbst auflöst, indem sie sich das Haar büschelweise ausrupft. In der Inszenierung gehört das zu den bewegendsten Momenten, hier zu den Worten von Wiebke Puls dem Gesicht André Jungs beim Verfallen zuzusehen, mitzukriegen, wie ein Mensch in wenigen Augenblicken alles aufgibt, woran er immer geglaubt hat. Er redet mit dem Plastikstuhl, auf dem seine Frau eben noch gesessen hat – nun stellt er ihren Grabstein dar. Er schwört, fortan niemanden mehr zu lieben, da seine Liebe allen davon Betroffenen nur Unglück gebracht habe.

Der große Reiz von Joseph Roths Geschichte liegt darin, dass er durch eine Parallelschaltung der biblischen Vorlage – der Geschichte von Hiob, den Gott prüft, in dem er ihm erst Frau und zehn Kinder, dann seinen Besitz und schließlich die Gesundheit nimmt – mit dem Schicksal eines Menschen in der modernen Welt, zu den äußeren Unglücksfällen dessen innere Not noch vervielfacht. Ständig muss sich Mendel fragen, ob er nicht in Wirklichkeit selbst schuld ist an seinem Unglück ist, weil er, als er sein Glück besaß, nicht in der Lage war, es als solches zu erkennen.

Das Glück des Zuschauers

Er kann sich nicht wie Hiob darauf berufen, alles richtig gemacht zu haben. Er hat alles gemacht, weil er nie darüber nachgedacht hat, etwas anderes zu machen. Und die wahre Strafe besteht nun darin, am Ende seines Lebens vor einem Fragenberg zu stehen, den er unterwegs hätte abarbeiten sollen. Sylvana Krappatsch spielt den anfangs kranken Sohn. Wenn sie ihre epileptischen Anfälle bekommt, sieht das gut aus und wie ein Tanz, wenn auch jeder nur den Krüppel sehen will. Wenn sie am Ende zu ihrem Vater kommt, dann strahlt sie keineswegs, sie schleicht schlaksig und unsicher auf den Mann zu, der den Sohn einst zurückgelassen hat.

Sylvana Krappatsch setzt sich nur an den Rand des Plastikstuhls und gibt zögernd ihre Identität preis. Der Vater kann freilich sein Kind jetzt anders anschauen, allerdings nur kurze Zeit, denn nun geht es endgültig ans Sterben. Keine Frage, hier werden große Dinge verhandelt und als unbedeutender Theaterzuschauer erhält man ein Stück Glück, indem man von da oben voll angepackt wird. Das fühlt sich gut an.

 

Hiob
nach dem Roman von Joseph Roth
Fassung: Koen Tachelet
Regie: Johan Simons, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Dorothee Curio, Dramaturgie: Koen Tachelet, Julia Lochte, Musik: Paul Koek. Mit: André Jung, Hildegard Schmahl, Sylvana Krappatsch, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, Steven Scharf, Walter Hess.

www.muenchner-kammerspiele.de


Mehr in der Regie von Johan Simons: Tankred Dorsts Merlin bei der Ruhrtriennale.

 

Kritikenrundschau

Johan Simons' Roman-Adaption "Hiob" nach Joseph Roth an den Münchner Kammerspielen verleitet Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (21.4.2008) zu grundsätzlichen Reflexionen über das Verhältnis Theater und Literatur: Die Regisseure entlaste "der Griff ins Regal von dem Druck zur Zwangsoriginalität." Zugleich aber erneuere "das Theater seinen Bund mit dem geschriebenen Wort, dem treu zu sein es lange als Fessel verstand. Indem es aber nicht der Dramatik, sondern der Epik die Hand reicht, festigt es zum anderen seine erworbene Freiheit." Johan Simons' Inszenierung verkörpere "glückhaft diese aufgeklärte Beziehung. Der Regisseur gibt sich seinem Stoff hin, aber er gibt sich dabei nicht auf. Künstlerische Selbständigkeit ist hier nicht das Gegenteil von Hingabe, sondern ihre Voraussetzung." Und so erlebt Schmidt den Abend als "großes Wunder" und "schweres Glück". Die Fassung von Koen Tachelet bewahre "den Rhythmus und den poetischen Bilderreichtum Joseph Roths", indem sie "den Erzählstrom auf die Lippen der Figuren umgeleitet hat."

Johan Simons falte "Joseph Roths zum Weinen schönen Emigrationsroman noch einmal wie ein stockfleckiges Konzeptpapier auseinander", meint Ronald Pohl im Wiener Standard (21.4.2008). Die Schauspieler müssten "in Simons' betörend kluger Arbeit den Überdruck unleidlicher Verhältnisse in den jeweils knappestmöglichen Haltungen und Gesten ausstellen." Es gelinge, jubelt Pohl, "eine der berührendsten Inszenierungen seit sehr langer Zeit." Sie werde "den Wiener Festwochen zur Zierde gereichen".

Zu Beginn brauche der Zuschauer "einige Zeit, um sich in der abstrahierten Geschichte zurechtzufinden", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (21.4.2008), "um sein Mitgefühl zu ordnen, um sich überhaupt erst dazu durchzuringen, die sechs abstrakten Figuren, die Simons dem Nachnamen Singer zuordnet, als exemplarische Schicksalsträger und nicht bloß als skurrile Individuen zu betrachten." Zum Ende hin aber erschaffe "der holländische Regisseur eine naive, unkitschige Menschlichkeit, gerade weil er den kleinen Schritt höher wagt, hin zur Künstlichkeit". Joseph Roth sei seinen Romanfiguren stets mit "der gleichen lakonischen Poesie, ungekünstelten Schönheit und leichten, (vor)urteilslosen Ironie" begegnet", und ganz ähnlich begegne nun Simons "der Fassung seines Dramaturgen Koen Tachelet". Nur einen "jahrmarktähnlichen Grundton" habe Simons dazuerfunden. Und finde doch "zu einer schönen, unaufdringlichen Wahrhaftigkeit."

Matthias Heine berichtet in der Welt (21.4.2008), dass die Hiob-Geschichte "von Simons und seinem Ensemble ganz geradlinig erzählt" werde. Wobei sich die Jungen "schauspielerisch ein bisschen mehr austoben". André Jung, der den Mendel Singer spielt, sage "auf der Bühne der Münchner Kammerspiele mit der allergrößten nüchternen Komik religiöse Ungeheuerlichkeiten". Und es dauere dann "eine Weile, bis Jungs Mendel vom rechthaberischen Bibelphrasendrescher zum wirklichen Schmerzensmann wächst. Aber dann!" Tatsächlich scheine die Figur des Mendel Singer "ja durch viele geistige und historische Brüche sehr weit von uns Gottlosen entfernt. Doch Jung rückt sie wieder ganz nah an uns heran. Wenn er seinem letzten verbliebenen Enkel, dem Sohn Sams, die Liebe aufkündigt, weil seine Liebe ein Fluch ist, der den Vernichtungswillen Gottes auf sich zieht, ist er in der Hochtragik angelangt. Wer davon nicht berührt wird, dessen Herz müsste taub sein."

Eva Behrendt
rätselt in der Frankfurter Rundschau (21.4.2008), was Johan Simons an "Hiob" so gefesselt haben könnte, "dass er das Buch auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringt? Der Plot, die Sprache, die Ideen, die darin noch einmal aufscheinende Frage nach Gott angesichts des Bösen?" Es setze sich aber nur "wie aus dem Lehrbuch für episches Theater ... das Hiob-Karussell in Gang. Anfangs sprunghaft und holpernd, später auch mal versiert und geschmeidig. Brecht hätte seine Freude, sonst hält sie sich in Grenzen. Zumal Dramaturg Koen Tachelet alle wichtigen Stellen mit Leuchtstift markiert und zu einer straffen Fassung zusammengeschraubt hat, ohne die hässlichen Kanten zu verschleifen." Der ganze Roman werde in zwei Stunden durchgehechelt. "Darüber, dass Roths Musikalität auf der Strecke bleibt, tröstet auch Paul Koeks Toncollage aus Uhrenticken, Regenprasseln und Musikfragmenten nicht hinweg."

Des künftigen Kammerspiele-Intendanten Johan Simons "Hiob"-Inszenierung bekräftige "alle Hoffnungen auf spannendes, anspruchsvolles Theater zum Mitdenken", schreibt Gabriella Lorenz in der az (21.4.2008). Die Textfassung Koen Tachelets "aus erzählenden Monologen und Dialogen bewahrt meist einen episch-trockenen Grundton, das schafft zunächst eine gewisse Sprödigkeit. Doch die Schauspieler holen die Figuren ins Leben." Allen voran der "phänomenale" André Jung, der "seinen Schauspieler-Triumph" feiere, "wenn es dem kleinen Mann Mendel am schlechtesten geht."

In der taz (22.4.2008) schreibt Sabine Leucht: "Wie Johan Simons [Roths Roman] das Happy End weder nimmt noch lässt, gehört zu den wenigen rundweg gelungenen Momenten einer klug angelegten Inszenierung." Ein anderer "gelungener Moment" sei Hildegard Schmahls Gesicht, die ihre mannstolle Tochter Mirjam "zugleich tadeln wie beneiden muss: Da fließen Sehnsucht, Schmerz und die Trauer um ein verschenktes Leben ineinander, leuchten kurz gemeinsam auf und hinterlassen eine Wüste." Andre Jung bringe "das Kunststück fertig", das Mendels "Scheitern als Vater und Ehemann“ zu spielen und „dabei weiter liebenswert zu wirken".

 

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