Theater heißt Warten?

von Sabine Leucht

München, 18. Juni 2016. "Ja glauben Sie denn, dass das die Menschen in Deutschland interessiert? Irgendwas mit einer syrischen Königin und alten Steinen?" Spätestens der betont herablassende Ton dieser Frage und die rüde Art, wie Moderator Peter Arun Pfaff danach den Gesprächsfaden zerreißt, legen den Schalter auf Theater um: Bislang sah es so aus, als würde man an den Münchner Kammerspielen einer Diskussion über die antike Stadt Palmyra und die Zerstörungskultur des IS beiwohnen, zu dem das transkulturell engagierte Netzwerk "Göthe Protokoll" den (Post-)Migrations-Soziologen und Autor Erol Yildiz, die Archäologin und Syrienspezialistin Adelheid Otto und eine deutsch-syrische Regisseurin geladen hat, die hier am Haus eine Arbeit über Zenobia, die antike Herrscherin Palmyras, vorbereitet.

Wer allerdings die Schauspielerin Berivan Kaya kennt, kam bei der Vorstellung dieser Regisseurin als "Samira al Baharat" bereits ins Stutzen – und noch mehr bei den betont nervösen Blicken, mit denen diese die Bühnen- und Saalumgebung wie Feindesland absuchte. Nach ihrem Dramaturgen, der noch nicht da sei, sagt sie schließlich. Und nach dem Schauspieler, den sie für die Rolle der Zenobia casten will. Und das müsse schon irgendwie Platz inmitten dieser Diskussion finden, denn man sei für ein Rechercheprojekt engagiert worden, und da wisse man bislang nur, dass das etwas mit ganz wenig Geld und Ressourcen sei, daher müsse man enorm effektiv sein.

Fokus auf Münchner Arbeitsbedingungen statt auf Syrien

Was jetzt wohl jemand denkt, zu dem nicht vorab bereits durchgedrungen ist, dass heute Abend auch Frust abgelassen werden soll über die Art, wie die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal mit den Menschen und Produktionen der freien Szene umgehen, die sie in ihrer ersten Spielzeit zuhauf in Kooperationen einbinden und in unzähligen Nebenprogrammschienen, Gastspiel-, Gesprächs- oder Sonstwas-Reihen präsentieren oder irgendwie mitmischen lassen?

Palmyra2 560 x uIntervention mit Elefantenkopf © (von der Bühne aus geschossen) Berivan Kaya

Diese Reihe hier heißt "The Rest and the West", wird von Mitgliedern des "Göthe Protokolls" veranstaltet und ist im April mit einem Gastspiel von Transit@Stuttgart gestartet: Emre Akals Stück "Ostwind" entwarf ein Panoptikum europäischer Zuwandererbiografien, von Gedemütigten und Überangepassten, Klofrauen und Wutbürgern in spe, die Berivan Kaya und Ismail Deniz nicht als Opfer, sondern als Anpassungskünstler, Selbstbildpfleger und Glücksjäger zeigten, die sich zwar selbst belügen (und darum wissen), aber dennoch an die Zukunft glauben.

Ein Dramaturg basht seine eigene Einladung

"Das ist pralles Theater: Lustig, aber niemals lächerlich; derb, poetisch und wahr", schrieb ich damals in der SZ. Und diese Meinung muss man nicht teilen, um zu wissen, dass es kein guter Stil ist, als einladendes Haus seine Gäste zu beschimpfen. Das hat der reale, mit der Gastspielbetreuung beauftragte Dramaturg der Kammerspiele damals laut Auskunft des "Göthe-Protokolls" getan. Und sein endlich auf der Bühne erschienenes Double tut es ihm nun nach: "Das war das schlechteste, was ich jemals erlebt habe", eifert und geifert er in die "Palmyra"-Diskussion hinein und verlässt türenknallend die Kammer 3.

Palmyra1 560 x uSyrische Regierungstruppen, die Anfang des Jahres in Palmyra einmarschieren, nachdem sie den
Daesch vertrieben haben © Bernd Wiedemann für Göthe Protokoll

Diesmal allerdings muss man ihm leider beipflichten, denn was den launigen Auslassungen von Yildiz über die abzuschaffenden Begriffe "Identität" ("Eine westliche Erfindung. In anderen Ländern hat man andere Probleme"), "Authentizität" und "Integration" und Adelheid Ottos wirklich kundigen Einsichten unter anderem in die Doppelrolle Palmyras als griechisch-römische Kulturruine (für den IS) und vermeintliches Symbol syrischer Identität (für den Westen) immer wieder pausenclownhaft in die Kandare fährt, ist schlimmstes Schmierentheater und dem Thema wie der Qualität der geladenen Gesprächspartner gänzlich unangemessen: Da kommt ein Schauspieler als lebendes Orient-Klischee auf die Bühne und greint mit dem Rücken zum Publikum Sätze wie "Ich bin nicht Trümmerfrau, aber ihr seid ruiniert". Später – nämlicher Schauspieler sitzt inzwischen mit einem Blick mit in der Runde, als müsse er dringend aufs Klo, oder drängt sich mit einer Elefantenmaske profilneurotisch in den Mittelpunkt – taucht zwischen lauter Totenschädeln ein "kulturbringender" Römer mit Hitlerstimme auf, von dem die "Regisseurin" vermeintlich nichts weiß.

Vernachlässigte Sorgfaltspflicht?

Offenbar soll die Peinlichkeit dieser Darbietungen darauf hinweisen, dass an einem Haus, an dem die Eingeladenen neben dem für Freie naturgemäß selbstverständlichen Übermaß an Neugier und Zeit auch noch eigenes Geld mitbringen müssen und nicht einmal ein Probenraum zur Verfügung steht, eben nichts Besseres zu machen ist. Statt dessen schießt sich das Theater hier selbst ins Bein und desavouiert sich als unablässig um die eigene Befindlichkeit kreisende Kunstform, die in dieser Form wirklich keiner braucht.

Was umso ärgerlicher ist, wenn es denn stimmt, dass Lilienthals Kammerspiele eine derart wahllose Einladungspolitik verfolgen, die Eingeladenen nicht ausreichend betreuen ("Ist denn jemand von der Bühne da? Nein? Kann vielleicht jemand aus dem Publikum helfen?") und mit Floskeln wie "Wer am Theater arbeitet, muss lernen zu warten!" abspeisen. Denn darüber wäre wirklich ernsthaft zu diskutieren. Es müsste dann um die Sorgfaltspflicht gehen, die bei einem derart unübersichtlichen Spielplan vor argen Herausforderungen stehen dürfte. Um die schon rund um die "Shabbyshabby Apartments" ruchbar gewordene, als Gönnerhaftigkeit getarnte Arroganz – aber auch um strukturelle Unterschiede zwischen freier und Stadttheater-Szene, die sich auf Dauer nicht ignorieren lassen.

The Rest and the West: Palmyra, eine Recherche
von Göthe Protokoll/Pico Be, Tuncay Acar, Berivan Kaya, Peter Arun Pfaff, Peter Schultze
Mit: Erol Yildiz (Autor, Sozialwissenschaftler), Prof. Dr. Adelheid Otto (Archäologin, Syrienspezialistin), Samira al Baharat (syrischstämmige Regisseurin), Christian Kaya.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr über Matthias Lilienthals erste Spielzeit an den Münchner Kammerspielen in unserem Podcast vom 27. April 2016.

Hier unser Bericht über die – wegen der Arbeitsbedingungen für die Künstler*innen – umstrittene Eröffnungsinszenierung "ShabbyShabby Apartments" mit ausführlicher Presseschau und großer Kommentardiskussion

Alle Nachtkritiken zu Premieren an den Münchner Kammerspielen gibt's hier.

 

Kritikenrundschau

"Wenn kleine Gruppen in einem großen Haus so lässig missachtet nebenher mitlaufen dürfen, ist niemandem damit geholfen", findet Petra Hallmayer in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2016). Dass Berivan Kaya, Tuncay Acar und Peter Arun Pfaff dies nicht stillschweigend hinnehmen wollten, sei mutig und richtig. Doch "der Versuch, in eine spannende Debatte über die Zerstörung von Kulturstätten durch den IS satirische Intermezzi über theaterinterne Probleme einzubauen, misslang kläglich", wirkte störend und deplatziert. "Da verpufft jede Kritik. Dabei wäre eine Diskussion über den künstlerischen und menschlichen Umgang der Kammerspiele mit freien Gruppen durchaus geboten."

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