Presseschau vom 19. Juni 2016 – Deutschlandradio Kultur interviewt den Kulturwissenschaftler Thomas Renz zur Frage, warum Leute nicht ins Theater gehen

Das Rätsel des Gelegenheitsbesuchers

Das Rätsel des Gelegenheitsbesuchers

19. Juni 2016. "Das Interesse wird in den jungen Jahren geprägt und es gibt auch kaum statistisch messbare Fälle, wonach das grundlegende Interesse an Kunst und Kultur, also gute, positive Erfahrung mit der Rezeption erst im mittleren oder gar hohen Alter irgendwie geprägt wird", sagt der Kulturwissenschaftler Thomas Renz von der Universität Hildesheim auf Deutschlandradio Kultur im Interview zu seiner Studie "Nicht-Besucherforschung. Die Förderung kultureller Teilhabe durch Audience Development", die sich damit auseinandersetzt, warum etwa 50 Prozent der deutschen Bevölkerung überhaupt niemals öffentlich geförderte Kulturveranstaltungen wie Theater, Museen oder Konzerthäuser besucht.

"Die kulturelle Infrastruktur ist natürlich das A und O. Und wenn es kein Theater gibt, kein Museum gibt, dann kann ich da auch nicht hingehen", so Renz weiter. Das Angebot sei aber mit ca. 140 Stadttheatern in Deutschland eigentlich ganz gut, auch wenn es eine sehr hohe Diskrepanz zwischen ländlichen Räumen mit historisch gewachsener geringerer Infrastruktur und urbanen Räumen mit teils immensem Überangebot gebe.

Inspiration vom Kino

Am interessantesten und schwierigsten zu erforschen seien die Gelegenheitsbesucher (seltener als einmal pro Monat, aber mindestens einmal pro Jahr), die statistisch 35 bis 45 Prozent des Publikums ausmachten. Die meisten von ihnen verfügten, so Renz, über wenig Rezeptionserfahrung. "Und dann ist die Frage, mit welchen Strategien versuchen Gelegenheitsbesucher sich beispielsweise ein Theaterstück anzueignen, und viel läuft da übers Verstehen. Also, die Leute versuchen, irgendwie etwas herauszufinden, was denn der Autor oder der Theatermacher jetzt in seinem Kunstwerk versteckt haben könnte."

Es gebe kleine gute Teile oder Formate des Kinos, die das Theater übernehmen könne. "Wenn man beispielsweise an den Trailer denkt, bevor ich ins Kino gehe, gucke ich es mir an, zeigt schon die Kinowebsite den Trailer und ich kann fünf Minuten angucken, was mich da erwartet." Das übernähmen Theater zunehmend, "weil, das sagen uns die BWLer, die legen das ganz klar deutlich hin: Kunst- und Kulturbesuche sind mit einem sehr großen Risiko bei der Kaufentscheidung verbunden, ich weiß nicht, was da passiert, und es ist eine ganz gute Sache, das zu ebnen".

(sd)

Kommentare

Kommentare  
#1 Nicht-Besucherforschung: Trailer sind WerbekramOmma 2016-06-19 22:47
Na fein. Als ich das letzte Mal meinen Kindern und meinem Enkel vorschlug, einen Trailer anzuschauen oder den Klappentext eines Buches zu lesen, bevor man etwas kauft, haben die mir einen überdeutlichen Vogel gezeigt und gemeint, dass dort ganz bestimmt nicht ehrlich steht, was einen erwartet, weil man von diesem Werbekram ("kram" kommt von mir, die waren nicht so höflich) das nicht erwarten darf - Wenn das Theater das jetzt auch noch übernimmt, gehe ich da auch nicht mehr hin. Vielleicht wäre ein Blind-Abo eine Lösung? Nach dem Motto "mitgegangen mitgefangen"?
#2 Nicht-Besucherforschung: FilterblaseJürgen Bauer 2016-06-20 12:02
"Kunst- und Kulturbesuche sind mit einem sehr großen Risiko bei der Kaufentscheidung verbunden, ich weiß nicht, was da passiert, und es ist eine ganz gute Sache, das zu ebnen."

Das mag für den "Kauf" zwar stimmen - die Kunst wird dadurch aber zum Vollkasko-Kunsthandwerk, und das finde ich schade. Man sieht sich nur mehr an, was vorher schon in 30 Sekunden abgetestet wurde.

Ist das dann das künstlerische Äquivalent zur Filterblase?

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