Schwarz auf Weiß

Von Andreas Wilink

Köln, 20. April 2008. Vor zwei Wochen erst hat am Schauspiel Köln der lettische Regisseur Alvis Hermanis seine Kölner Affäre mit vier Alltagsmenschen aus der Stadt am Rhein publik gemacht, deren modellhafte Lebensgeschichte an wiederum vier Schauspieler delegiert wurde. Jetzt wird der Radius vergrößert, die Beziehungen der Theatermenschen zur existentiellen Welterfahrung knüpfen sich überregional fort.

"Deutschland  privat" könnte man auch die neun Soli nennen, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel gesammelt und aufgezeichnet haben, um einen Chor der "Schattenstimmen" zu komponieren. Der Schatten, das ist die Illegalität, das ungesicherte Aufenthaltsrecht, sind die fehlenden Papiere. Status ungewiss.

Steht ein schwarzer Mann am Schwarzen Meer ... 

Schon mit seinen "Schwarzen Jungfrauen" – Vagina-Monologe von fünf Muslima, die zugleich in Kästchen gesteckt und aus dem Klischee herausgeholt wurden – hat das Autorenteam eine "neue Wirklichkeit" postuliert, ist mannhaft in Tabugelände vorgestoßen und hat den Dialog der Kulturen als frommen Wunsch ad absurdum geführt.

Das aktuelle Protokoll ist nicht weniger anstößig, zumindest in der Hälfte seiner Prosapassagen, die allerdings von einem lyrischen Intermezzo aufgelockert und auf den Punkt gebracht werden. Und das geht so: "Steht ein schwarzer Mann am Schwarzen Meer / Schiebt sich seine schwarze Vorhaut hin und her / Sieh da, man glaubt es kaum / Aus schwarzer Tube weißer Schaum."

Der schwarze "Penishalter" und "Mohr vom Dienst" mit seinem "Bohrer" oder "ZammaZinga" erfüllt die Rolle des agent provocateur – als Lustobjekt, Angstphantasie und Buhmann – auf derart penetrante Weise, die man Zaimoglu/Senkel vorhalten müsste, wenn man nicht damit vermutlich genau die Reaktion zeigte, die das dramatische Duo beabsichtigt.

Denn das Rassistische, Poly-Sexistische, Vulgäre ist so demagogisch raffiniert durchmischt, dass Autoaggression und Selbsthass der Sprechenden, Wille zur Gewalt, Verachtung, pornografisches Vorurteilsdenken und Heiner-Müllersche-Rebellion gegen die Erste Welt, ihre "schweinischen" Repräsentanten (vor allem die Schwulen) und "weißen Mehlwürmer" nicht mehr klar zu trennen sind und klischierte Erwartungen ebenso gefoppt werden sollen wie jede "aufgeklärte" Haltung dazu.

Atmosphärische Lockerungsübungen 

Zaimoglus/Senkels afrikanischer Stricher-"Sklave", eine marokkanische Spülhilfe und ein Drogenhändler, der AIDS buchstabiert als "Afrika Ist Dumme Sau", in ihrer abgefuckten Kunstsprache sind triviale Popanze einer literarischen Brüderschaft, die Figuren anderen Kalibers wie Shakespeares Othello oder Aaron hervorgebracht haben. Wenn man all die "Lustlöcher" addiert, die sich auftun, nimmt das Stückwerk die Struktur eines Schweizer Käses an. Nach 35 Seiten Lektüre ist die von Sperma und anderen Körperessenzen gesättigte Luft raus, man kann durchatmen und sich auf die übrigen, freilich banaleren Fälle einlassen.

Die von Nora Bussenius inszenierte Uraufführung in der Schlosserei des Schauspiels Köln zieht sich mit atmosphärischen Lockerungsübungen und ausgedehnten Raumbewegungen aus der Affäre. Bastelt sich variables Spielmaterial aus den unfrohen Monologen, kratzt die Textflächen auf, lappt Schwarz auf Weiß und umgekehrt, indem sich die fünf Darsteller Gesichter und Körper färben und eine Minstrel-Show abziehen, und kitzelt dialektischen Witz hervor, der auch schon mal darin Genüge findet, dass ein Farbiger eine Banane mampft oder den wilden Mann markiert. 

Kalte Sauberkeit und saurer Kitsch

Auf einer dem Publikum gegenüber liegenden Tribüne sitzt das Schauspieler-Quintett im Finstern, aufgehellt nur durch einzelne Scheinwerferspots. Die im Dunkeln aber hört man doch: als Stimmengewirr, so dass sich das Rabiate der Texte im Wechselgesang zunächst auflöst zu Fetzen und miteinander korrespondierenden Stichworten, vom Plappern und Plätschern klassischer Musik höhnisch begleitet. Die einzelne Erzählfigur macht sich auf diese Weise ebenfalls dünne: der fliegende Händler, den es aus einem Wohnsilo bei Rom über die Alpen in das Sechser-Zimmer eines Männerheims führt, wo er die Erkenntnis Ausdruck gibt: "In Deutschland ist es sauberer als im Süden. Aber die Sauberkeit ist kälter."

Das "EU-erweiterte Puderdöschen" Nora, das souverän darlegt, als wäre sie eine Marquise de Merteuil, wie sie zum Luxus anderer Männer wurde. Ein 24-jähriges Au-Pair-Mädchen mit Hochschulabschluss aus Kiev berichtet, wie es von seiner Gastfamilie in einem Kaff bei Wiesbaden ausgebeutet wurde und sich nach Berlin absetzte, wo es erkennt, mit Party-Machen seine Zeit vertrödelt zu haben. Eine Witwe aus Russland hat als schwarzarbeitende Haushaltshilfe und Altenpflegerin Heimat in einer Kleinstadt gefunden.

Das letzte Wort hat eine mythomane "Herrin der Verwünschung", deren bigotter Fundamentalismus und Moralismus ein Wahnsystem propagiert, das "Abart" und "Gutart" scheidet und zeigt, dass der eine Underdog des anderen Outcasts schlimmster Feind ist. Was aber in Köln nicht weiter auffällt, weil die Hetzpredigt von einer litaneihaften Parodie der Heiligen Drei Könige übertönt wird.

Derart kann man mit den "Schattenstimmen" kurzen Prozess machen und ihnen, wenn zwar die Relevanz fehlt, so doch die Brisanz nehmen. Dealer, Vogelfreie, Aussortierte aus aller Herren Länder formieren sich zur Schicksalskette. Die Penetranz der aufgereihten Elendskundgebung verwandelt die Realität in sauren Kitsch, was mit der Tatsächlichkeit nichts, mit deren Dramatisierung aber umso mehr zu tun hat.

 

Schattenstimmen
von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, UA
Regie: Nora Bussenius; Grundraum: Thomas Dreißigacker, Bühne: Daniela Flügge, Kostüme: Sebastian Ellrich, Dramaturgie: Jan Hein. Mit: Renate Fuhrmann, Andreas Grötzinger, Patrick Gusset, Anja Herden, Murali Perumal.

www.buehnenkoeln.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.4.) schreibt Andreas Rossmann: Wie Senkel und Zaimoglu  ihre "Informanten" aufgespürt und zum Sprechen gebracht haben, was davon O-Ton und was Kunstsprache sei, bleibe das Geheimnis der Autoren. "Entstanden ist ein Reigen der Rechtlosen, deren Auskünfte bei aller Ausführlichkeit doch nicht genauer werden als tiefenscharfe Sozialreportagen. Schon dass die Personen ihrem Umfeld entzogen werden und sich Schauspieler ihrer annehmen müssen, unterminiert die kritische Aussagekraft." Bei Regisseurin Nora Bussenius würden die Texte "zum Material, das so komponiert wird, dass Wiederholungen und Widersprüche entstehen, sich Kommentare und Konterkarierungen ergeben: Die einzelnen Porträts, die der Text aneinanderreiht, werden zu einem Gruppenbild collagiert". Doch je mehr die Inszenierung "dabei ihren Kunstanspruch unterstreicht" desto stärker entstelle sie "Befindlichkeiten und Verhältnisse von Menschen, für die das Theater, wenn es ihnen schon nicht gerecht werden kann, doch Interesse wecken könnte."

In der Frankfurter Rundschau (22.4.) lobt Stefan Keim die Aufführung. Gerade was Rossmann kritisiert, den Kunstanspruch, findet Keim plausibel. Schließlich gehe es nicht um Psychorealismus, sondern um Annäherungen. Bussenius habe die von Zaimoglu und Senkel protokollierten und gestalteten Monologe aufgebrochen. "Jeder Schauspieler übernimmt mehrere Rollen, die anderen bleiben als Sprechchor im Hintergrund präsent, schaffen Stimmungen, wiederholen Sätze, kommentieren, widersprechen manchmal." In den von Zaimoglu und Senkel protokollierten "harten Geschichten" schafften sich manche Menschen mit "rotziger Energie und Galgenhumor" eine Existenz. Dennoch hätten die Autoren nur wenige Geschichten gefunden, "die einen emotional wirklich packen." Es müsste doch möglich sein, "spannendere Biografien zu entdecken und noch näher an die Realität im Untergrund heran zu kommen."

Im Kölner Stadt-Anzeiger (22.4.) schreibt Christian Bos, das Doku-Stück hätte eine "weniger pathetische" Uraufführung verdient gehabt. Man könne Zaimoglu und Senkel den Vorwurf machen, "dass sie … ihre Dokumente aus dem Schattenreich der Illegalität systematisch auf Blut und Sperma abgeklopft haben. Man könnte andererseits argumentieren, dass der invertierte Rassismus und Sexismus der Marginalisierten wirksam ist, wenn es darum gehen soll, ihnen eine Stimme zu geben, ohne sie zugleich als liebenswerte Opfer darzustellen." Bussenius' Umsetzung lasse diese Fragen an den Text aber nicht zu. Bei ihr verschwinde das Dokumentarische hinter einem Anklagetheater, und man erfahre nichts von den Menschen, um die hier es doch gehen soll. Sondern "die auf der Bühne nehmen Partei für die Randständigen, strecken den Rücken in gerechter moralischer Haltung durch. Die im Parkett lassen die stellvertretend dargebrachten Vorwürfe der Besitzlosen über sich ergehen. Und fühlen sich ein bisschen aufgeklärter, wenn sie sich wenige Stunden später wieder in ihr Wohnzimmer gerettet haben." Nur beim verwirrten Monolog des schwarzen Dealers über AIDS und Afrika, der sich aufgeregt "in dunkle Verschwörungstheorien und hellsichtigen Kommentaren zur Herzblut-Liberalität aufgeklärter Weißer" verhaspele, verdichte "sich der dokumentarische Text zur Kunstsprache". Hier sei einmal das inszenatorische Pathos der "handwerklich durchaus geschickten Inszenierung" angebracht.

 "Wenn sie uns doch wirklich was von ihren alltäglichen Sehnsüchten und existenziellen Nöten erzählten, die ‚illegalen’ Menschen, die in ‚Schattenstimmen’ versammelt sind", seufzt auch Günther Hennecke in der Kölnischen Rundschau (22.4.), "doch sie geben sich vor allem laut und ordinär." Was sich im Kölner Schauspiel als Ausflug in eine Welt geriere, in der "die Unauffälligkeit eine Frage des Überlebens ist", habe die junge Regisseurin Nora Bussenius auf Lautstärke und Anbiederung getrimmt. Vermeintlich aufgebrochene Klischees feierten dabei unfreiwillig fröhliche Urständ. Längst geöffnete Türen würden wie mit dem Rammbock noch einmal traktiert. "Das alles soll unserer saturierten Gesellschaft die Maske der Scheinmoral vom Gesicht reißen. In Wirklichkeit werden die schmutzig aufbegehrenden Fremden in die kriminell-asoziale Ecke gedrückt, aus der sie gerne herauskämen."

Auch Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (23.4.) stellt fest, dass Zaimogluus und Senkels Auswahl von Illegalen eigenwillig sei. "Vermutlich bis zu einer Million Illegale leben in Deutschland, die wenigsten davon als Drogenhändler oder Prostituierte." Das Spektrum der Schicksale werde jedoch "schnell zum Panoptikum", die "Typologie zum Reigen der Tabubrüche". Zaimoglu und Senkel legten als "gewiefte Arrangeure" den "Fokus auf das Spektakuläre". Das Spezifische am Status der Illegalen interessiere kaum noch. In der Inszenierung von Nora Bussenius gerate es dann vollends aus dem Blick. Nach dem "feinen und cleveren Beginn" entwickle sich der Abend zu "einem grellen, aktionistischen Schmink- und Verkleidungsfest", so dass man nicht mehr wisse, ob es "ums Auffallen um jeden Preis" gehe oder "um Multikulti-Color".

 

 

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