Im Kulturkampf

29. Juni 2016. Seit einigen Tagen tobt der Streit wieder erbittert. Chris Dercon soll im kommenden Sommer die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz als Intendant übernehmen. Dercon, ein Museumsmann, ein polyglotter Elegant, den sogenannten Panzerkreuzer am Luxemburg-Platz, irgendwie das Bollwerk der Theaterlinken, auch wenn der Kapitän gelegentlich im Keller Ernst Jünger liest und die Antisemiten Carl Schmitt und Louis-Ferdinand Céline zitiert. Kulturkampf-Stimmung in Berlin, Berlin-Bashing im bundesdeutschen Feuilleton, heissa, juchhe. Es ist eine Debatte, die womöglich nur Verlierer kennt. Es gibt Gründe genug, sich herauszuhalten. Aber die Widersprüche treiben um. Dabei hat die Redaktion von nachtkritik.de überhaupt keine einheitliche Meinung, wie auch bei elf Redakteur*innen und vielen, vielen prägenden Autor*innen-Persönlichkeiten. Aber natürlich gibt es Positionen, einige werden hier präsentiert. 

Sehnsucht nach dem ganz Anderen | 25 Jahre, ein Wimpernschlag | Eine Position, die fehlen wird | Frank Castorf weine ich nicht nach | Die Befreier | Unsere Sowjetunion | Die reine Dialektik | Involution Kategorischer Imperativ | ZornesröteAm Jägerzaun | Ein Hauch von Cool | Für immer Punk? | Die Legende braucht keinen Ort

 

Sehnsucht nach dem ganz Anderen

von Esther Slevogt, Berlin

29. Juni 2016. Ich mag von Debatten nicht in Geiselhaft genommen werden, und diese Debatte ist hysterisch und teilweise verleumderisch. Ein Intendantenwechsel nach einem Vierteljahrhundert, das ist doch kein Skandal. Das denke ich einerseits. Und doch finde ich die Debatte in ihrer Pathologie bezeichnend. Denn an diese Debatte scheinen sich auch jede Menge allgemeiner Ängste vor Zukunft und Identitätsverlust anzudocken. Dies mit "German Angst" abzutun, wie es die künftige Programmdirektorin Marietta Piekenbrock vor einem Jahr im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung tat, verkennt wohl nicht nur diese Ängste selber, sondern auch die Bedeutung der Volksbühne für diese noch immer verwundete Stadt. Wo nix zusammen wuchs, weil nichts zusammen gehörte, und nur eine Geschichte über die andere gestülpt worden ist. Wo irgendwie die trostlose Geschichtslosigkeit der Bonner Republik sich ausbreitete, und es am Ende wesentlich die Volksbühne war, die eine "Sehnsucht nach dem ganz Anderen" bewahrte, um mal den Titel eines berühmten Interviews mit dem Philosophen Max Horkheimer kurz vor seinem Tode auszuleihen. Denn von dieser Sehnsucht lebt nicht nur das Theater.

Volksbuehne 2015 04 30 jnm"verkauft": Volksbühne in Berlin im April 2015 © jnm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warum gerade dieses Theater?

So sieht, was sich hier in Berlin gerade ereignet, nach einer Tragödie aus, wie sie in der Volksbühne so ironiefrei niemals auf die Bühne gekommen wäre: so nackt, traurig, trostlos und ohne reflexive Schleife. Wie es scheint, erleben wir hier nämlich gerade, wie einer Stadt ein Theater aus dem Herzen gerissen wird. Wohin man kommt, prägen Sorgen um die Zukunft dieses Theaters auch viele Privatgespräche. Selbst meine jüngste Tochter, die noch gar nicht geboren war, als Frank Castorf Intendant am Rosa-Luxemburg-Platz wurde, sagt: "Warum dieses Theater, das einzigartig ist? Das einzige, das glaubwürdig und authentisch ist und wo auch junge Leute hingehen. Warum haben sie sich für Dercon kein langweiliges Theater ausgesucht?" Nun könnte man natürlich sagen: alles nur Theater. Stellt euch doch nicht so an. Mit dem Slogan "Gebt uns ein Leitbild!" hatte die Volksbühne in den 1990er Jahren die Stadt plakatiert. Um dann mit ihrer Kunst vorzumachen, wie man zu sich selber kommen und sein eigenes Leitbild werden kann.
Die Bildende Kunst ist längst tot, vom Markt ausgesogen und um ihren existenziellen Kern gebracht. Das Theater erstickt sich selbst zunehmend mit Pädagogik und Sozialarbeit. Die Volksbühne hat lange gezeigt, dass Kunst auch transzendentale Dächer bauen kann. Jetzt fürchtet man Ruhrtriennale-Ästhetik-Bombast, unendlichen Kunstspaß, Salzburger Festspielpomp und Circumstance. Darüber mag sich vielleicht die Kreativwirtschaft freuen. Ich freue mich nicht.

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25 Jahre, ein Wimpernschlag

von Christian Rakow, Berlin

29. Juni 2016. Früher oder später, wenn Gespräche über die Volksbühne so richtig in die Sackgasse geraten, fällt dieser Satz; ich hörte ihn erst unlängst wieder in München: "Weißt du, nach 25 Jahren muss auch mal Schluss sein." Mich wundern solche Pauschalismen. Nicht nur, weil sie auf alle möglichen Belange passen ("Weißt du, nach 43 Jahren muss auch mal Schluss sein." #brexit). Sondern weil ich das Gefühl habe, dass mit Intendanzen wie mit Institutionen Schluss sein sollte, wenn sie nicht mehr gut sind.

von einem der auszog 280 leonoreblievernicht hMartin Wuttke, Lilith Stangenberg und der Wal in René Polleschs und Dirk von Lotzows Oper "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" © Leonore BlievernichtZum Guten der Volksbühne gehört, dass man von ihr lernen kann, das reale Leben nicht durch abstrakte Begriffe zu deckeln. Wer von "Seele" oder "Geist" spricht, der verliert die Arbeitsbedingungen aus dem Blick, unter denen der Mensch sein "Selbst" produziert. "Seele" ist "Mehrwert", so lehrt es René Pollesch, einer der Protagonisten des Hauses. In der Volksbühnen-Debatte aber vernehme ich plötzlich nur noch abstrakte, geistlich-gespenstische Begriffe: Der Aufschrei einiger Intendanten um Claus Peymann und Ulrich Khuon im letzten Frühjahr diente vielen Kommentator*innen zur groben Schematisierung: Alt gegen Jung, Ancien Regime Castorf gegen neue Flexibilität Dercons. Das war schon mit Blick aufs Alter der Protagonisten empirisch nicht haltbar. Machte aber nichts. Die globale Gegenüberstellung besorgte immerhin, dass die Debatte um die Leistungsfähigkeit des Repertoire- und Ensembletheaters gegen Produktionshäuser schnell narkotisiert wurde.

Die dürren Zeiten sind vorbei

Inzwischen erscheint mir der Begriff des Alten gegen den des "Museums" getauscht. Castorf wird als Monument weggelobt. Mitunter, wie in der Süddeutschen Zeitung, winkt man noch seinem "Piratenschiff" Volksbühne zu, das irgendwo in der untergehenden DDR abgelegt habe und dann durch die zunehmend glatten Gewässer der Berliner Republik schipperte. Once upon a time, so die Message, wir lauschen den Kamin- oder Kantinenstories from the good auld days. Die charmierende Erzählung vom wackeren Störtebecker-Dissidententum verhindert erneut die konkrete Strukturdebatte ebenso wie die Frage, welchen Ort die Volksbühne eigentlich im intellektuellen und ästhetischen Koordinatensystem Berlins einnimmt.

Es hätte Zeiten gegeben, irgendwann nach 2003, als ich bedenkenlos einen Schlussstrich unter der Ära Castorf akklamiert hätte. Es waren die Jahre, als ich mit Freunden im Rang ganze Aufführungen wie "Meine Schneekönigin" durchschwatzte, weil sich das Geschehen unten auf den Brettern in aggressiver Hermetik in sich selbst verkapselt hatte. Die dürren Zeiten sind seit 2009 vorbei, seit Castorf mit Der Spieler zu Dostojewski zurückkehrte. Es folgten René Polleschs Neujustierung seines Theaters mit den Fabian-Hinrichs-Solos (Ich schau dir in die AugenKill your Darlings), das stilbildende Gesamtkunstwerk John Gabriel Borkman von Vegard Vinge / Ida Müller, die Entdeckung der konkreten Bühnen-Poesie in der Tradition der Wiener Moderne durch Herbert Fritsch, und – um mal den Blick von der Regie wegzurücken – zahllose Auftritte einzigartiger Schauspielerinnen wie Lilith Stangenberg oder der unvergessenen Maria Kwiatkowski. Fünfundzwanzig Jahre ebenso wie sieben Jahre können eine lange Zeit sein. Oder ein Wimpernschlag.

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Eine Position, die fehlen wird

von Sascha Ehlert, Berlin

28. Juni 2016. Die Diskussion um die Volksbühne ist eine, die ich aus zweierlei Hinsicht nicht objektiv-distanziert betrachten kann. Erstens: Ich bin gebürtiger Berliner, also ohnehin sensibilisiert für jene Aufwertungsprozesse, die prekären und anti-bürgerlichen Existenzen zunehmend die Luft abschneiden. Logisch, für diese Feststellung wird ein Münchner nur ein müdes Lächeln übrig machen, auf der Maximilianstraße ist ein Leben außerhalb des engen Korsetts des gesellschaftlich Gewünschtem eben kaum mehr denkbar. Was für ihn nach Utopie klingt, war hier allerdings jahrzehntelang die Regel – weshalb auch nicht theateraffine Berliner verstehen, warum es einen persönlich angeht, was über die neue Volksbühnen-Leitung verlautet wird.

PK Dercon 280 chr uPressekonferenz zur Vorstellung Chris Dercons
im April 2015, links Berlins Kultur-Staatssekretär Tim Renner © chr
Ich verstehe auch gut, warum sich außerhalb der Stadt mancher sogar freuen wird, wenn einer der letzten Anarcho-Spielplätze in Berlins Mitte endlich geplättet und in die Zukunft gebracht, ergo: schick gemacht wird. Die Hauptstadt-Fixierung der kulturellen Sphäre nervt natürlich. Letzten Endes ist das nichtsdestotrotz eine CSU-Position.

Katharsis durch Zerstörung

Was den drohenden Verlust dieses angesifften Hauses und verschworenen Haufens für mich persönlich noch schmerzlicher macht: Ohne diese Leute, die jetzt noch da arbeiten, würde ich diesen Text hier nicht schreiben. Ja, natürlich ist es so, dass ich linker Journalisten-Heini mich aufgrund dieses Hauses ins Theater verliebt habe. Welches Haus sollte es auch sonst sein? Die Zitat-getränkten Pop-Collagen von Pollesch als Einstiegsdroge, die langen Castorf-Nächte als heilsame Exzesse, die einen vor der Kunst- und Mut-Losigkeit dieser Zeit retten. Beide prägten für mich auch das Verständnis dessen, was ich im Theater suche: Katharsis durch Zerstörung. Bei Pollesch sind es die Sprache, die Wehwehchen der schönen Berliner und die Liebe, bei Castorf die Zeit, die Konzentration, das Zerpflücken der großen Romane der Weltliteratur. All das ist längst so cool geworden, dass es schon beinahe wieder cool ist, diese Volksbühnen-Kunst als altbacken und auserzählt abzutun und kurz vor dem K.O.-Schlag ein letztes Mal in die Ring-Ecke zu schicken. Aber ich gönne Castorf und seiner Mannschaft gerne, dass sie heute oft schon bekannte Motive auf die Bühne schicken, das sei ihnen gegönnt, machen ja eh seit jeher gut 90 Prozent aller großen Künstler nicht anders. Dass sie deshalb nichts mehr zu erzählen hätten, sehe ich anders. Künstlerisch wie inhaltlich ist die Volksbühnen-Position eine, die fehlen wird.

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Frank Castorf weine ich nicht nach

von Elske Brault, Baden-Baden

25. Juni 2016. Also, ich wohne nicht in Berlin, sondern in Baden-Baden, ins Theater gehe ich demzufolge in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg. Ich habe die Volksbühne und ihre legendäre Kantine auch nur ein einziges Mal von innen gesehen, als Dimiter Gotscheff dort "Das große Fressen" inszenierte. Seine Ehefrau Almut Zilcher saß rauchend in eben jener Kantine und rief mit einer wegwerfenden Handbewegung: "Ach ne, ich hab jetzt kein Bock auf ein Interview." Das fand ich großartig, denn eine wegwerfende Handbewegung von Almut Zilcher ist mir allemal mehr wert als eine einstündige Radioaufzeichnung mit Til Schweiger.

Untergang der Theateravantgarde?

Aus meiner fernen Provinz scheint das Gewese um den Führungswechsel an der Berliner Volksbühne wie eine Politposse aus China, und meine Informationen darüber entnehme ich einem Artikel der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung. Da steht, mit Ende der kommenden Spielzeit würden die Inszenierungen von René Pollesch, Christoph Marthaler, Herbert Fritsch und Frank Castorf abgesetzt. Ganz so, als wenn Chris Dercon dann nichts mehr zu senden, Verzeihung, zu spielen hätte und überhaupt der Untergang der Theateravantgarde bevorstünde. Nun ja, René Pollesch bringt alle sechs Wochen an einer Bühne im deutschsprachigen Raum ein neues Stück heraus, und auch Christoph Marthaler bespielt alle Bühnen von Zürich bis Hamburg, wenngleich mit ungleich geringerer Frequenz. Das schlimmste, was den Berlinern blühen könnte, wäre also, dass sie mal die anderthalb Stunden Zugfahrt bis Hamburg auf sich nehmen müssten, um einen neuen Marthaler oder Pollesch zu sehen. So wie ich oft die anderthalb Stunden Fahrt bis Stuttgart mache.

span flie2 8681 thomas aurin uVolksbühne 2011: "Die (S)panische Fliege" von Herbert Fritsch animiert, besagtes Trampolin im Hintergrund  © Thomas AurinHerbert Fritsch und Frank Castorf sind tatsächlich untrennbar mit der Volksbühne verbunden, deren Inszenierungen wird man in naher Zukunft nur noch selten bis gar nicht von Berlin aus erreichen können. Ich weiß bloß nicht, wo da der Verlust für die Theaterlandschaft sein soll. Herbert Fritsch lässt prinzipiell bunt barock kostümierte, grell geschminkte Schauspieler auf ein Trampolin hüpfen, vorzugsweise, bis einer sich ein Bein bricht, dann gibt es nämlich schon VOR der Premiere große Berichterstattung, und Fritschs Inszenierungsstil wirkt GEFÄHRLICH, er kann behaupten, er würde seinen Schauspielern ALLES abverlangen. So was lieben alternde dickbäuchige Theaterkritiker, die nicht mehr hüpfen können und für die im eigenen Leben die größte Gefahr darin besteht, dass der Automatik-Mercedes Baujahr 97 nicht mehr durch den TÜV kommt. Ich für mein Teil weiß jetzt, wie Fritsch-Inszenierungen gehen, sie sehen alle gleich aus, und ich könnte durchaus eine Weile darauf verzichten.

Die größte Gefahr

Die Mammut-Inszenierungen von Frank Castorf versteht außerhalb Berlins keiner mehr. Sie dauern mindestens vier Stunden, haben irgendwie die Russische Revolution zum Thema, sofern es nicht um die Geschichte der Volksbühne geht, was für Castorf, die umwälzende historische Kraft betreffend, ja das Gleiche ist, und es wird auf der Bühne auf jeden Fall kräftig geschrien und mit Blut und Exkrementen rumgeschmiert, damit mausgraue Historientheaterverteidiger wie Daniel Kehlmann einen Grund haben, gegen das "moderne Regietheater" zu wettern. Für den Berliner, der jeden Tag Blut und Scheiße auf seinen Bürgersteigen ertragen muss, ist es bestimmt ganz toll, wenn sich an der Volksbühne die Darsteller darin wälzen, denn der Berliner kann sich dann sagen, dass er lebensbejahend mit diesen Ausflüssen umgeht, sein Berliner-Sein beweist sich in der Art, wie er Gestank und Kot als Teil des Großstadtlebens akzeptiert. Der dumme Stuttgarter Provinzler hingegen mit seinen in der Kehrwoche blank geputzten Bürgersteigen erwartet bei seinem abendlichen Theaterbesuch doch tatsächlich, inhaltlich irgendetwas zu verstehen, und da ist bei Frank Castorf Fehlanzeige. Fazit: Für Berlin ist ein Ende der Castorf-Inszenierungen ein Verlust, für den Rest der Republik nicht.

Der Reporter der Süddeutschen hat aber mit der Warnung vor dem Ende aller Castorf- und Fritsch- und Pollesch- und Marthaler-Abende in Berlin noch nicht sein Pulver verschossen. Denn das Herzstück jedes Theaters ist bekanntlich – na? – jaaa, die Kantine, und die größte Gefahr für die Volksbühne besteht darin, dass Chris Dercon dort das Rauchen verbietet. Oder die Kantine – Zitat: "deprimierendes DDR-Design", vom verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann "mit Bedacht über die Zeit gerettet" - umdekoriert. Ach nein, so blöd ist der Mann doch nicht. Er wird nur die eine Hälfte streichen. Das nennt man Dialektik. Oder Dia-paint-ik. Jedenfalls nicht Weltuntergang.

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Die Befreier

von Nikolaus Merck, Berlin

28. Juni 2016. Die erste Begegnung mit dem Castorf-Theater kann ich genau datieren. Am 30. April 1990 sahen wir "Das trunkene Schiff" von Paul Zech im 3. Stock der Volksbühne. Die Inszenierung stammte aus dem Herbst 1988, gut ein Jahr vor Mauerfall handelte es sich um Frank Castorfs Sieg über die müd' gewordene DDR, die ihn jahrelang in der Provinz eingesperrt hatte. Auch die Bundesrepublik (alt) lag ihm in diesem Frühjahr 1990 bereits zu Füßen, Wolfgang Höbel besang Castorfs erste Skandalinszenierungen (West) mit Henry Hübchen und Silvia Rieger in einer Spiegel-Story, Peter Iden, Theaterkritiker der sozialliberalen Frankfurter Rundschau, hätte ihn damals am liebsten aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Henry Hübchen, Cornelia Schmaus und Axel Wandtke pampten mit Mehl und Schlamm und ich notierte mir: "dieses Theater macht Spaß." Was offenbar so bemerkenswert war, dass es lohnte festgehalten zu werden in den Hochzeiten von Luc Bondy, Claus Peymann und kurz nach den späten Tschechow-"Kirschgarten"-Kulminationen des Peter Stein. Die Mauer war gefallen, in Ostberlin herrschte Zwischenzeit und im Theater triumphierte mit Castorf der Rock'n Roll. Castorf Frank 280 c Thomas Aurin xLeicht angegrauter Theaterrevolutionär: Frank Castorf © Thomas AurinIch glaube, die Beatles, Musik meiner Kindheit, hatte ich vor 1990 noch auf keiner Stadttheaterbühne gehört. In Castorfs "Miss Sara Sampson" am Münchner Residenztheater sang Herbert Fritsch 1989 "Why don't we do it in the road", und die Leutchen auf der Bühne stiegen aus ihren Rollen aus und fragten: "Was mache ich hier eigentlich?", genau die richtige Frage angesichts der weitgehend intakt gebliebenen vierten Wand, die im deutschen Stadttheater den Zuschauerraum von der Bühne trennte.

Das Literaturtheater in die Luft gesprengt

Vielleicht erklärt diese Erinnerung ein wenig die Schockstarre, die heute viele Kritikerinnen und Theaterleute befällt bei der Aussicht Ende Castorf-Volksbühne nächstes Jahr. Wie jede Generation ihre Regie-Helden inauguriert, die gemeinsame biographische Erfahrung und Zeitempfinden auszudrücken vermögen, so besingen die (grob gesagt) zwischen 1960 und 1970 geborenen Theater- und Kritikmenschen Frank Castorf. Da nahezu alles, was sich heute auf deutschsprachigen Bühnen abspielt, in krummer oder gerader Linie von Castorfs Ekstasen abstammt, die das bis dahin hegemoniale Literaturtheater in die Luft sprengten, dreht sich der aktuelle Kampf um die Berliner Volksbühne AUCH um eine Generationenerfahrung.

Natürlich hatte es zuvor die Avantgarden gegeben, die Schleef und Karge / Langhoff, Heiner Müller, Pina Bausch, das Living Theatre, you name it, viel früher Erwin Piscator, auf den sich Castorf gerne beruft. Aber bei ihren Theaterkämpfen hatte es sich um Vorhut-Gefechte gehandelt. Um Scharmützel, Castorf brachte die Revolution. Mit ihm endete die Herrschaft des Als-ob-Theaters. Er verlieh dem Lebensgefühl der um 1960 Geborenen endlich auch im Theater Ausdruck. Blockübergreifend in Ost und West. Und gerade darum drehen sich heute die Kämpfe. Das anti-kapitalistisch angehauchte, auf einer namenlosen Utopie beharrende, sich, wenn es sein muss, auch Asphaltboden-und-Sitzkissen-Strapazen der Kunst willig unterwerfende Publikum der 50-Jährigen und die dazugehörigen Kritiker*innen halten fest zu ihrem Helden und dessen Leuten, die sie, ob zu Recht oder Unrecht, als letzte Widerständler betrachten gegen die im Zeichen des hoffnungslosen "Neoliberalismus" strahlende Gegenwart.

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Unsere Sowjetunion

von Dirk Pilz, Berlin

28. Juni 2016. Mit der Volksbühne fing es an, ja. Ich war nie vorher im Theater, dann geriet ich in "Murx den Europäer" von Christoph Marthaler und Castorfs "Clockwork Orange". Die DDR war verschwunden, das geeinte Deutschland nicht begriffen. "Das Theater muss Fehler machen, wenn es mehr sein will, als funktionsloses Anhängsel umlaufender Ideologien", hieß es aus der Volksbühne 1993. Davon spielten sie. Theater, das auf Belehrung verzichtete, das nicht so tat, als wüsste es über alles und alle Bescheid. Rotziges, verstiegenes Theater, Jubel- und Klageschrei gleichermaßen. Castorfs "Frau vom Meer", "Die Nibelungen", "Pension Schöller: Die Schlacht", böse, komische, alberne Abende.

Endstation Amerika 560 Thomas AurinHenry Hübchen, Kathrin Angerer, Bernhard Schütz und Matthias Matschke in "Endstation Amerika" aus dem Jahr 2000  © Thomas Aurin

Was bleibt, was schmerzt

Das entsprach dem Lebensgefühl, meinem Lebensgefühl: endlich der DDR entkommen, doch im Westen nicht zu Hause. Es wohnte in einzelnen Szenen, Stimmlagen. Kathrin Angerer, wie sie die Sätze wippen lässt, als wären es verloren gegangene Sterne. Das Hocken von Henry Hübchen, als ließen sich die Verhältnisse wegsitzen. Das Grinsen von Herbert Fritsch, die Silbenspitzen von Sophie Rois. Die Zeit in Töne gefasst. Es klingt bis heute nach, und noch jetzt schreibe und denke ich über die Volksbühne in anderer Temperatur als über jedes sonstige Theater.

Zur Erinnerung gehören Schmerzen, sie kommen wieder. Es gab an der Volksbühne auch vieles, das weder befreiend noch lustig oder sonst irgend klug war, sondern plump, aufdringlich. Die mit Hakenkreuzen abgeklebten Brüste in "Hotel Lux" von Johann Kresnik (1998), Kathrin Angerer als Pommes-Tüte in Castorfs "Weber" (1997), in seiner "Vaterland"-Inszenierung (2000) sang Silvia Rieger das jüdische Lied "Es brennt, Brüder, es brennt". Davon wollen die Legendenerzählungen über die Volksbühne heute kaum etwas wissen, die Verklärungskräfte versetzen Berge. Demnächst erscheint das Buch "Republik Castorf", Gespräche mit Castorf, Fritsch, Hübchen undsoweiter: durchweg Seligsprechungen der Vergangenheit, Herabsetzungen der Gegenwart. Das genaue Gegenteil dessen, was Volksbühne einmal war.

Die Wende findet in den Köpfen statt

Castorf sagte Mitte der Neunziger: "Die Hoffnung der Volksbühne: weiterarbeiten und hoffen, dass sich diese unsere Sowjetunion nicht zu früh auflöst." Man schmunzelte, man nickte, ich nahm es nicht ernst. Das war ein Fehler. Die Volksbühne ist tatsächlich: Sowjetunion, ideologisches Einheitsgebiet, dogmenfest, leider nicht wendesicher. Sie soll jetzt fallen. Das ist ein Drama für alle Theatersowjetbürger, böses Erwachen, erhofft und befürchtet gleichermaßen.

Wieder ist die Volksbühne damit aber das Symbol und der Ausdruck ihrer Zeit: Die Wende findet in den Köpfen jetzt statt, 27 Jahre danach, in der Volksbühne wie sonst im Land auch. Das Begreifen hinkt den Ereignissen hinterher.

Am 17. Juli wird Castorf 65 Jahre, Rentenalter. Das hätte ich damals nicht für möglich gehalten: Castorf Rentner, die Volksbühne von ihrer eigenen Geschichte eingeholt. Sie träumt jetzt davon, überholen zu können ohne einzuholen. Das wird, vermutlich, nicht gelingen.

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Die reine Dialektik

von Sophie Diesselhorst, Berlin

29. Juni 2016. Ich habe mal eine denkwürdige lange Nacht in der Kantine der Volksbühne verbracht, die damit endete, dass Birgit Minichmayr mich mit einer Bierflasche bewarf, natürlich ohne mich zu meinen. Ich fühlte mich aber doch gemeint und fand das gar nicht lustig. Das lag daran, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt, als die Nacht schon fortgeschritten war, akut entfremdet fühlte von der illustren Posse, die sich hier selbst feierte. Allen voran Dimiter Gotscheff, der als spiritus rector in regelmäßigen Abständen seinen großen Gefallen an der allgemeinen Enthemmung kundtat.

Iwanow Volksbuehne 280 Thomas AurinBenebelt: Birgit Minichmayer und Silvia Rieger in Dimiter Gotscheffs "Iwanow" von 2005
© Thomas Aurin
Die Schauspieler*innen stimmten immer neue Lieder an und zweckentfremdeten immer neue Gegenstände zu Trommeln. Als Gotscheff zum gefühlt hundertsten Mal den Geist dieser "echten großen Kunst" beschwor und – auch zum wiederholten Mal – hinterherschob, dass ihm das Publikum sowieso scheißegal sei, sagte ich trotzig, dass mir die Musik nicht so gut gefiele. Worauf er mich ins Visier nahm, was in einen längeren, nur aus den Worten "Nein – doch – nein – doch" bestehenden Schlagabtausch mündete.

Wir hatten alle schon einige Biere intus, versteht sich von selbst. Mir war klar, dass ich argumentativ schwächelte, aber ich hielt mich trotzdem für heldenhaft meinungsstark. Ich bot dem Großregisseur die Stirn! Während sich mein Freund neben mir über mich lustig machte, der aber ja auch total korrumpiert war davon, dass Gotscheff gerade von seinem "wunderbaren Bariton" geschwärmt hatte.

Der Geist: immer schwerer zu greifen

Ein paar Jahre älter und weiser und Volksbühnen-Zuschauerraum-(nicht Kantinen-)erfahrener finde ich es an der nach Castorfs Absägung und Dercons Ernennung immer wieder auftobenden Debatte seltsam bis unheimlich, wie ein "Volksbühnen-Geist" beschworen beziehungsweise geleugnet wird und genau durch diese hochemotionalen Annäherungen aus allen Richtungen immer vager, immer durchsichtiger, immer schwerer zu greifen ist – als wollten ihn alle, auch die hartnäckigsten Beschwörer, eigentlich zum Verschwinden bringen, bevor sein Haus neu bezogen wird. Nein – doch – nein. Die reine, sinnentleerte Dialektik. Aber natürlich denke ich auch – oftmals als liebende Volksbühnen-Zuschauerin – an diese Kantinen-Situation zurück und dass sie vielleicht sehr viel mehr mit diesem überwältigenden "Geist" als mit mir zu tun hatte.

Damals bin ich übrigens nach dem Bierflaschenwurf nach Hause gehumpelt und war sauer, beworfen worden zu sein und vielleicht noch mehr darüber, nicht gemeint gewesen zu sein. Diese pubertäre Wut, die mich auch nach so manchem Castorf-Abend auf dem Heimweg stärker in die Fahrradpedale hat treten lassen. Ein gutes Gefühl.

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Involution

von Wolfgang Behrens, Berlin

28. Juni 2016. Benno Besson – der Held eines anderen Goldenen Zeitalters der Volksbühne – hat einmal gesagt, die Zeit einer Truppe am Theater währe sieben Jahre. Dann sei das kreative Potential aufgebraucht, die Truppe brauche neue Impulse oder werde auseinandergehen. Folgerichtig verließ Benno Besson die Volksbühne 1977 – nach (ungefähr) sieben Jahren, die er dort in leitender Position verbracht hatte.

ruehle bundesarchiv bild 183 d1005 0016 008 berlin proben moritz tassow bessonBenno Besson (2. v. r.) 1965 bei Proben zu Peter Hacks' "Moritz Tassow" in der Volksbühne. Links daneben sein Assistent Christoph Schroth.
© Christa Hochneder, Bundesarchiv
Wenn Frank Castorf 2017 gehen wird, wird er mehr als drei mal sieben Jahre Intendant der Volksbühne gewesen sein. Er und seine Truppe hatten also alle Zeit der Welt zu ermatten. Und wirklich: Es gab ja immer wieder diese Phasen, in denen die Castorf'sche Volksbühne wie tot wirkte. Aus der Theater-Revolution der 90er Jahre schien da – um einen Begriff des Anthropologen Alexander Goldenweiser zu verwenden – eine Involution geworden zu sein: das starre Festhalten an einem Habitus, der in einem veränderten Umfeld sinnlos geworden war. In solchen Jahren wiederholte die Volksbühne nur krampfhaft das Gestern.

Arbeit an der Verwechselbarkeit

Das eigentlich Sensationelle der Castorf'schen 24 Jahre aber ist, dass sich sein Haus aus diesen Lethargien immer wieder herausstrampeln und der Involution entkommen konnte. Durch ein ständiges Unterlaufen der eigenen Selbstgerechtigkeit – für das paradigmatischer noch als Castorf wohl die großen Toten einstehen können: Christoph Schlingensief und Bert Neumann – zapfte man nach Jahren des Dahindämmerns plötzlich wieder neue revolutionäre Energien an. Weswegen das große Theater oft genug und manchmal überraschend an die Volksbühne zurückkehrte.

Die Angst, die mit dem anstehenden Intendantenwechsel verbunden ist, ist wohl die, dass da keine weitere Revolution kommen, sondern von Vornherein der Geist der Involution Einzug halten werde. Dass ein Produktionsmodell, das anderswo mal revolutionär und erfolgreich war, nun auf ein Haus übertragen werden solle, das dazu vielleicht gar nicht geeignet ist. Dass aus der 24-jährigen Arbeit an der Unverwechselbarkeit nun eine Arbeit an der Verwechselbarkeit (im großen internationalen Maßstab) werde. Wie begründet diese Angst ist, wissen wir nicht, da letztlich von Chris Dercons Plänen zu wenig Konkretes bekannt ist. Wenn aber die Volksbühnen-Mitarbeiter bereits mehr wissen sollten – was nicht auszuschließen ist –, dann mag ihr Aufschrei durchaus seine Berechtigung haben: Denn Verwechselbarkeit braucht's an diesem Haus nicht – und im Grunde nirgends im Theater.

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Kategorischer Imperativ

von Thomas Rothschild, Stuttgart

2. Juli 2016. Es gab Zeiten, da kämpften Unzufriedene, mit und ohne Waffen, gegen genau definierte Missstände, für bestimmte Ziele: gegen Diskriminierung und Verfolgung, für mehr Gerechtigkeit oder für Meinungsfreiheit. Heute wird meist nur vorgegeben, dass solche Ziele angestrebt würden. In Wahrheit geht es um die partikulären Interessen eines größeren oder kleineren Kollektivs. Der Lobbyismus ist an die Stelle des Einsatzes für die Allgemeinheit getreten, der Gruppenegoismus hat das politische Engagement ersetzt. Kants kategorischer Imperativ ist zu einem lächerlichen Relikt einer moralisierenden Vergangenheit verkommen: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Chris Dercon Istanbul 2015 280 Daizafu89 CC BY SA 4 0Wohin will die Kulturpolitik mit Chris Dercon als Intendanten für die Volksbühne?
© Daizafu89 CC-BY-SA 4.0
Die Kampagne für den Erhalt der bisherigen Volksbühnen-Konzeption könnte für sich einnehmen, wenn sie nicht so überdeutlich einem Prinzip huldigte, das man sogleich zu verraten bereit ist, wenn andere als die eigenen Belange zur Disposition stehen. Was immer man von Frank Castorf halten mag: einen Klon wird es für seine Nachfolge nicht geben, und gerade, wer Castorfs Einmaligkeit betont, muss das als Bestätigung begrüßen. Was aber nachkommen soll, ist eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung. Wer für die Volksbühne beansprucht, worauf er anderswo großzügig verzichtet, macht sich der Doppelzüngigkeit oder eben des Lobbyismus verdächtig.

Worüber man sich Klarheit verschaffen muss

Will sagen: nicht um die Volksbühne geht es, sondern um allgemein politische und speziell kulturpolitische Entscheidungen, die sich, beispielsweise, für einen Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen nicht generell anders stellen als für einen Chris Dercon in Berlin. Will man ein Ensembletheater, oder will man ein Haus für vazierende Gruppen? Soll die Erhaltung von Arbeitsplätzen höchste Priorität haben, oder sollen sie einer wie immer verstandenen Effizienz geopfert werden? Will man an einem überlieferten engeren Verständnis der Eigen-Art von Theater festhalten, oder will man es öffnen, im Extremfall bis zur Verwechselbarkeit mit Installationen bei Kunstmessen oder Filmfestivals? Will man sich in erster Linie an der Auslastung orientieren oder an ästhetischen Positionen, die auch sperrig sein können und sich erst durchsetzen müssen? Will man die Kopie des vom Fernsehen geprägten Unterhaltungsbegriffs oder eine radikale Gegenposition dazu?

Darüber sollte man sich Klarheit verschaffen, ehe man sich darauf festlegt, was – unter anderem – für Berlin und für die Volksbühne gut ist. Alles andere ist unglaubwürdig.

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Zornesröte

von Andreas Wilink, Düsseldorf

3. Juli 2016. "Und mag ein Teil auch missgestaltet sein, die Wahrheit ist das Ganze." Hat Christoph Schlingensief gesagt. Das ist mein Satz für die Volksbühne der Castorf-Ära. Es blieb in den zweieinhalb Jahrzehnten nach der Wende das einzige Theater, dem es gelang, etwas herzustellen, was für 'Unternehmenskulturen' corporate identity heißt und heute und vielleicht erst recht 2017 als Marketingstrategie verstanden wird. Ansonsten gilt vielerorts, von Düsseldorf bis Wien, dass die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern veröden, wie Walter Benjamin schrieb. Das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz arbeitet (womöglich auch dank des Namenszaubers) gegen die kollektive Versteppung.

Revolte in unendlicher Spiegelung

Aus dem alten tiefen Westen kommend, roch für mich dieser Osten fremd und auch wiederum gar nicht so fremd. Nicht nur der in Oberhausen aufgewachsene Ralf Rothmann spürte das verwandte Klima. Auch Leander Haußmann, der in Bochum etwas Ähnliches versucht und sein Herz daran gehängt hat. Ohne mir dessen bewusst zu sein, wirkte, gut freudianisch, bei den Besuchen in der und meiner Haltung gegenüber der Volksbühne das Verfolgen eigener Wünsche im Anderen mit. Die Revolte in unendlicher Spiegelung, so dass Spaß und Ernst sich ineinander und aneinander brachen. Indes war es eine gar nicht so ideale Projektion, wenn ich an Castorf selbst denke, mit dessen rotziger Männlichkeit ich nur etwas anfangen konnte, wenn sie sich durch die Maske des Henry Hübchen veredelte. Der Potenzverschleiß, das Unschärfeprinzip, die Mischung aus Authentizitätsbegehren und Fiktionalitätsbewusstsein, die Blockmentalität und ihre Unterwanderung, die riskante Preisgabe der Kontrolle über eigene Gewissheiten – wo gab es das sonst?

Es geht nicht um Verklärung

Wäre Marthalers "Murx" anderswo denkbar gewesen? Der Gotscheff der Volksbühne war anders, als der Gotscheff des DT, obwohl doch Finzi, Koch und Zilcher hier wie dort dabei gewesen sind. Schlingensief konnte nur hier die Erfahrung proben, sich aufs Spiel zu setzen, Fritsch nur hier zu seinen Spielen ohne Grenzen finden. Ich bin in einem Alter, 'Damals' zu sagen – damals, als ich noch eine Telefonzelle aufsuchte, um nach einer Volksbühne-Premiere aktualisierend etwas an die Heimat-Redaktion durchzugeben.

Es geht nicht um Verklärung des Vergangenen, nicht um Verweigerung einer wie auch immer gearteten Zukunft, sondern um den Zorn über das Negieren eines noch nicht (sich selbst) historisch gewordenen Projekts. Als Sartre verhaftet werden sollte, dekretierte General de Gaulle: "On n’arrête pas Voltaire". In sehr locker und weit gebundener Schleife und Ideenassoziation heißt das: Einen Castorf entlässt man nicht.

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hangar flughafen tempelhof 560 fotocommunity AndreasLembke Volksbühne 5:0? Unter einem Intendanten Chris Dercon käme der Flughafen in Berlin-Tempelhof als Spielort dazu. © Fotocommunity.de / Andreas Lembke

 

Am Jägerzaun

von Falk Schreiber, Hamburg

3. Juli 2016. Man darf sagen, dass man es schade findet, wenn die Ära Frank Castorfs an der Volksbühne kommendes Jahr endet.

Man darf sagen, dass man es schade findet, aber, mal ehrlich, nach 26 Jahren Intendanz ist auch mal gut. (Zumal nur eine Intendanz endet, nicht aber die Karriere eines sehr, sehr wichtigen Theatermachers. Die besten Castorf-Inszenierungen sah ich übrigens zuletzt nicht an seinem Stammhaus, sondern in Wien und in Hamburg.)

Man darf sagen, dass man es eine eigenartige Entscheidung findet, Chris Dercon zum Volksbühnen-Chef zu ernennen, einen Ausstellungsmacher, der praktisch keine Theatererfahrung mitbringt.

Man darf fragen, welche Entscheidung denn die bessere gewesen wäre? Einen verdienten Intendanten aus der sogenannten Provinz zu holen, Kay Voges vielleicht, der dann in viel zu großen Schuhen gestanden hätte? Oder eine interne Lösung, René Pollesch als Volksbühnen-Intendant? Die langweiligste, uninspirierteste Lösung überhaupt? Nichts gegen René Pollesch.

Man darf sagen, dass es nervt, wenn Dercon in allen Verlautbarungen, was er denn nun mit der Volksbühne anstellen möchte, unkonkret bleibt.

Man darf fragen, seit wann designierte Intendanten eigentlich lange vor Amtsantritt mit konkreten Plänen an die Öffentlichkeit zu treten haben. Man darf fragen, ob das nicht Zeit hat bis zur ersten Programmpresssekonferenz. Ach ja, die Programmpressekonferenz. Ja, es war doof von Dercon, dafür in seinem Vorbereitungsetat 100 000 Euro zu veranschlagen.

Was man aber nicht darf: eine Diskussion wie die aktuelle führen. Eine Diskussion, geprägt von Ressentiments, Unterstellungen, Dummdreistigkeiten.

Glaubt tatsächlich jemand, ein Kommunikationsprofi wie Dercon würde sich bei René Pollesch einschleimen, indem er ihm mit dem Ausruf "Ich mach' dich weltberühmt!" Honig um den Mund schmiert?

Fragt irgendjemand, was Dercon sich dabei denkt, Englisch zur zentralen Bühnensprache zu machen?

Sieht irgendjemand, dass Beiträge wie "Festivalmist", "Kunstscheiße" und "Eventbude" keine Argumente sind, sondern das Gemotze verunsicherter Spießbürger, deren Horizont am theatralen Jägerzaun endet?

Frank Castorfs Volksbühne war mir immer wichtig. Ein Theater aus dem Geist des Punk, ein Theater, das Grenzen einreißen konnte, ein Theater der Verausgabung, des Exzesses. Ein Theater, auf das ich Jochen Distelmeyers Songtext "Wir sind politisch / und sexuell anders denkend" anwenden konnte. Ein Theater, das es nicht verdient hat, dass jetzt Kleingeister für es streiten, Kleingeister, die weder politisch noch sexuell denken. Sondern nur geifern.

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Ein Hauch von Cool

von Esther Boldt, Frankfurt

7. Juli 2016. Ich habe nie in Berlin gelebt. Ich lebte immer in der sogenannten Provinz. Als ich in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studierte, war Frank Castorf einer der Godfathers, deren Geister über die sogenannte "Wilsonstraße" spukten, unseren Flur. Einige Kommilitonen kamen "von der Volksbühne". Einer lief sein gesamtes erstes Semester im Volksbühnen-T-Shirt herum, was ein bisschen peinlich war, und dennoch wehte ein Hauch von Cool hinter ihm her.

Scheitern ist erlaubt

Heute nun erreichen mich Anrufe erregter Berliner Freunde, die den Untergang des Theaters beschwören. Es erreicht mich das nervöse Rascheln der Feuilletons, das seit über einem Jahr nichts Geringeres als Weltuntergangsszenarien entwirft. Und ich denke, was für Luxusprobleme Berlin mal wieder hat, diese unsere Hauptstadt, die zu den lässigsten auf Erden gehören soll und sich doch so wichtig nimmt. Es soll – nach 25 Jahren – einen Intendanzwechsel geben. Seitdem ich hauptberuflich über Theater schreibe, habe ich im Rhein-Main-Gebiet acht Intendanzwechsel miterlebt, und im kommenden Jahr wird auch Schauspiel-Intendant Oliver Reese gehen – nach Berlin. Warum also die Aufregung? Veränderungen gehören zum Leben, und gescheitert werden darf auch. Wenn nicht im Theater, wo dann?

Castorfs ehemaligen Dramaturginnen und Dramaturgen haben heute ihre eigenen Häuser, Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele, Matthias Pees den Frankfurter Mousonturm und Bettina Masuch das Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Irgendwas Zukunftsträchtiges müssen sie da also gelernt haben in den 1990er Jahren. Nun aber ist 2016, und wenn es nach mir geht, dürfen die alten Herren auch mal gehen. Es darf sich eine neue Generation breit machen im deutschen Theater, die weniger patriarchal denkt und mehr kollaborativ und emanzipiert arbeitet, die es nicht für notwendig hält, das Haus ständig mit interdisziplinären Dauerfestivals unter Volldampf zu setzen, um die eigene Relevanzbehauptung hoch zu halten.

Rufschädigung und Schuldzuweisung

Doch die Person Dercon, über die man so wenig weiß, scheint zur perfekten Projektionsfläche zu werden, denn in ihr soll sich all das diffuse Unbehagen an der globalisierten, hochkapitalisierten Gegenwart manifestieren. Man kann sich natürlich mit Rufschädigung und mit voreiligen Schuldzuweisungen aufhalten. Aber wäre es nicht viel grundstürzender und wesentlicher, darüber zu sprechen, wie wir uns ein Theater vorstellen, das dieser unbehaglichen, beängstigenden, unüberschaubaren Gegenwart gerecht wird – oder das ihr meinetwegen den Kampf ansagt und herausfindet, welche Rolle die Linke einnimmt zwischen Brexit, Kriegen und Geflüchteten?

Denn natürlich ist es hochproblematisch, dass Politiker derzeit kaum Visionen für "ihre" Theater an den Tag legen, und allerorten weniger Künstler als kluge Geschäftsführer in Leitungspositionen heben, die sich auf Fördermittelakquise und auf einen gewissen Populismus verstehen. Das wird sich aber nicht ändern, wenn sich auch der öffentliche Diskurs weiterhin auf Personen einschießt, anstelle über Inhalte und Strukturen zu sprechen.

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karamasow4 560 Thomas AurinAlexander Scheer in Castorfs Dostojewski-Inszenierung "Die Brüder Karamasow"
© Thomas Aurin

 

Für immer Punk?

Katrin Ullmann, Hamburg

7. Juli 2016. Ich habe die Volksbühne immer geliebt, aber ich gehe nicht mehr hin. Warum, frage ich mich. Berlin ist nah. Die Zugfahrt kurz. Jetzt, denke ich, jetzt müsste ich mal wieder in die Volksbühne gehen. Erinnerungen aktivieren, die Rest-Aura atmen, noch einmal all das intravenös. Jetzt, da das Ende dieser Volksbühne scheinbar beschlossene Sache ist. Jetzt, da eine Ära zu Ende geht. Eine, die mit Eintrittspreisen begann, die man heute mit dem hässlichen Wort "niedrigschwellig" bezeichnet. Für fünf Mark kam man Anfang der Neunziger in dieses Theater. Das war verrückt, das war anders. Und dort war alles anders. Dort war das Theater Punk. Wild und nahbar. Der rote und grüne Salon. Das waren dunkle, verrauchte Orte, in denen es nach nassem Hund roch und schlecht geputzten Toiletten. Oft spielten Bands. Irrsinnig laut. Hier war man mittendrin im Umbruchsgefühl der frühen Neunziger.

Alles war anders

Auch die Inszenierungen waren anders. Sie waren im Jetzt. Politisch. In der Gegenwart. Frank Castorfs "Die schmutzigen Hände", seine "Endstation Amerika", Marthalers "Murx den Europäer" und überhaupt Johann Kresniks "Rote Rosen für Dich", später "Picasso". Wir sind hingefahren. Zu vielen in einem Ford Fiesta. Oft nur für einen Abend. Eine Inszenierung. Nachts wieder zurück. Dieses Theater da in Berlin war politisch und pulsierend. Mit all seinen prägenden Protagonisten von Castorf bis Pollesch. Von Fritsch bis Marthaler. Von Gotscheff bis Schlingensief. Von Henry Hübchen bis Sophie Rois. Mit all seinen guten und schlechten Tagen. Mit seinen besonderen Schauspielern und seinem speziellen Publikum. Diese Haus war fast wie ein Kollektiv.

Noch immer Kult

Dieses Theater war Kult. Und ist es noch immer. Sogar so sehr, dass man bestimmten Menschen schon fast wieder abrät, dorthin zu gehen. Da ist so viel Geschichte, sind so viele Insides. Bald soll diese Ära ein Ende haben. Eine Entscheidung ohne tatsächliche Not. Ich nehme es hin und stelle fest: Ich war lange nicht mehr dort. Ich habe die Volksbühne eine Zeit lang geliebt, aber ich gehe nicht mehr hin. Habe ich mich satt gesehen? An dieser Überdrehung, diesem Hochkultur-Trash, diesem Kult, der schon längst deutschlandweit exportiert wird?

Alles soll anders werden. Und Veränderung macht Angst. Das Ensemble schreibt einen Brief. Gegen Dercon und seine vermeintlichen Pläne. Gegen die Veränderung. Sicher, diese kulturpolitische (Be)Setzung hat vielleicht die Wucht, einen taumelnden Stein ins Rollen zu bringen. Einen, der das Ensembletheater per se in Frage stellt. Und: Sicher, dieses massive, zentrale, nach Osten gerichtete Haus, diese Festung ist der falsche Ort für einen Kurator wie Dercon. Der falsche Ort für noch ein international ausgerichtetes Schauhaus. Und doch: Die Ensemblemitglieder des Hauses schreiben einen Brief. Ich hätte gedacht, sie besetzen es.

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Die Legende braucht keinen Ort

von Alexander Kohlmann

8. Juli 2016. Wer erinnert sich noch an das Centraltheater in Leipzig? Wer sieht ihn noch vor sich, den geschwungenen Schriftzug am umbenannten Schauspielhaus? Wer erinnert sich noch an die Hartmann-Premieren, in denen ein sehr junges Publikum wie in einer Messe trinkend und johlend fünf Stunden "Der nackte Wahnsinn" ertrug? wasihrwollt1 280 david baltzer h"Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt", inszeniert
von Sebastian Hartmann  2011 am Leipziger Centraltheater  © David Baltzer
Das Centraltheater ist immer noch da, es ist eine Theater-Legende geworden wie Leander Haußmanns Bochumer Theaterjahre oder die Intendanz von Kurt Hübner in Bremen. Und wie bei allen Legenden braucht es dafür keinen konkreten Ort. Für die kollektive Erinnerung ist es vollkommen nebensächlich, was heute in Leipzig passiert. Oder in Bochum. Oder in Bremen, wo die derzeitige Leitung mit dem alten Hübner-Logo eine Art Geisterbeschwörung versuchte, aber natürlich kaum ankommt gegen die Legende, in der jede Inszenierung viel größer, jedes längst vergangene Haus viel essentieller erscheint als die dröge Gegenwart.

Bayreuth des Sprechtheaters

Vieles spricht dafür, dass es genauso auch mit Castorfs Volksbühne kommen wird. Wie auch sonst? Mindestens so unklar wie Chris Dercons Ideen bleibt, was sich die Castorf-Gralshüter allerorten eigentlich als dessen Nachfolge wünschen? Eine Art Bayreuth des Sprechtheaters, in dem der Hausherr auch in hundert Jahren unheimlich präsent ist und sich eine ergraute Schickeria trifft, um des großen Künstlers zu gedenken? Einen Nachfolge-Intendanten, der mit dem alten Ensemble und denselben Gästen das Kunstverständnis und den Geist der Castorf-Zeit fortführt, am besten mit regelmäßigen Gast-Inszenierungen des Ex-Hausherren? Einen Stellvertreter-Intendanten, der wie im Diadochen-Reich nach Alexander dem Großen stets einen leeren Stuhl für den Hausherren bereit hält? Und sich am besten regelmäßig bei der Berliner Volksbühnen-Avantgarde darüber informiert, was an diesem Haus geht – und was nicht?

Nein, ein radikaler Schnitt und ein Neuanfang ohne Wenn und Aber ist auch an der Volksbühne die einzige Option, die nach legendären 25 Jahren bleibt. Er wird den Eintritt des alten Tankers in das Reich der Legenden kaum verhindern – wo der Mythos weiter wachsen wird –, während der Neue im Hier und Jetzt in der Berliner (Kultur-)Schlacht bestehen muss.

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Sehnsucht nach dem ganz Anderen | 25 Jahre, ein Wimpernschlag | Eine Position, die fehlen wird | Frank Castorf weine ich nicht nach | Die Befreier | Unsere Sowjetunion | Die reine Dialektik | Involution | Kategorischer Imperativ | Zornesröte| Am Jägerzaun | Ein Hauch von Cool | Für immer Punk? | Die Legende braucht keinen Ort

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