Spiel mir das Lied von der Macht

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 2. Juli 2016. Der leere Barhocker fällt sofort ins Auge. Nur drei Menschen, eine Frau und zwei Männer, haben sich auf der Bühne versammelt. Aber der bildende Künstler und Autor Stephan Kaluza hat in seiner Eigenschaft als Regisseur und Bühnenbildner dieser Uraufführung vier schwarze Hocker jeweils in einigem Abstand voneinander aufgereiht. Einer von ihnen bleibt die ganze Zeit über frei und erzählt so auf ganz unspektakuläre Weise von einem zerstörerischen Machtgefälle. Die, die mit ihren Taten das Schicksal der Yanomami ohnehin bereits bestimmt haben, bleiben ein weiteres Mal unter sich.

Ausbeutungsverhältnisse

In Kaluzas Versuchsanordnung, die auf realen Vorgängen basiert, verfasste ein Ethnologe mit Namen Bosner eine höchst fragwürdige Studie über dieses indigene Volk, das seit Urzeiten von der Außenwelt abgeschnitten im brasilianischen Urwald lebte. In diesem Zusammenhang hatte er eine Influenza-Epedemie unter den Stämmen in Kauf genommen und auch noch ausgenutzt. Seine Veröffentlichungen über die Yanomami, die "Blutmänner", machten ihn berühmt. Mittlerweile ist sein Stern gesunken. Die Anschuldigungen, die Kaluza Bosners Kollegen Chapell nun gegen ihn vorbringen läßt, und ein Film, den die Linguistin Aneau über die wenigen überlebenden Stammesmitglieder gedreht hat, drängen Bosner in die Defensive. Also verteidigt sich der von Pierre Siegenthaler gespielte Wissenschaftler mit dem Gestus eines großen Geistes, der von kleinlichen Neidern umringt ist. Seine Arroganz ist ebenso erschreckend wie seine Kaltblütigkeit. Aber auch Moritz Führmanns Chapell, dessen sanfter Singsang-Ton Harmonie heuchelt, und Bianca Künzels Filmemacherin, die so ungeheuer selbstgerecht auftritt, haben das indigene Volk nur ausgebeutet.

BlutmaennerStudie1 560 MarcOortman uRechtfertigungsmonologe: Bianca Künzel, Moritz Führmann und Pierre Siegenthaler
© Marc Oortmann

Simple Mittel, große Wirkung

Stephan Kaluza schneidet in "Blutmänner" drei Rechtfertigungsmonologe in einander. Die einzelnen Passagen der drei Täter, die ihre eigenen Hände in Unschuld waschen und die Gewalt immer nur im Handeln der anderen erkennen, nehmen natürlich Bezug auf die Aussagen der anderen. Aber letztlich kreisen die Figuren von Bianca Künzel, Moritz Führmann und Pierre Siegenthaler nur um sich selbst.

Der erste und pointiertere Teil von Kaluzas Doppelinszenierung hat etwas von einer Installation. Immer wieder wandert der Blick von einem der drei Spieler zu den anderen und isoliert sie so. Auch wenn sie in exakt choreographierten Positionswechseln mal näher zusammenrücken und mal stärker auf Abstand zueinander gehen, bleiben sie ihrer eigenen unsichtbaren, aber doch wahrnehmbaren Blase. Man könnte sich dieses kurze Stück durchaus auch als Ausstellung mit vier Videoscreens vorstellen. Einer bliebe leer, auf den anderen sähe man Bosner, Chapell und Aneau. Und genau darin liegt die Stärke von Kaluzas szenischem Arrangement. Abgesehen von einer Leinwand im Hintergrund, die zunächst eine Urwald-Szenerie zeigt und schließlich zum Green-Screen wird, arbeitet er mit ganz simplen Theatermitteln, wie dem vierten, leeren Hocker, und schlägt zugleich den Bogen zu den Techniken der modernen bildenden Kunst. Das verleiht dieser Spielanordnung eine Klarheit und Schärfe, die alle Lügen der drei Wissenschaftler sofort offensichtlich werden lässt.

Verzerrte Gesichter, zerfließende Körper

Am Ende von "Blutmänner" steht Pierre Siegenthaler alleine auf der Bühne. Er zieht sich bis auf die Unterhose aus und verliert sich dann in einem bizarren Tanz, einer Choreographie von Zuckungen, die zunächst noch von indigenen Riten beeinflusst zu sein scheint. Doch dann drängt sich ein anderes Bild auf. Man erinnert sichan die verzerrten Gesichter und die zerfließenden Körper, die Franics Bacon gemalt hat, und gleitet so unmerklich in "Studie einer menschlichen Figur im Raum" hinein.

BlutmaennerStudie 560 MarcOortmann uDer Künstler und seine Muse: Pierre Siegenthaler und Moritz Führmann ©  Marc Oortmann

In dem zweiten Text des Abends greift Kaluza eine Episode aus dem Leben des Malers Francis Bacon auf. Es ist der Oktobertag im Jahr 1971, an dem die große Bacon-Retrospektive im Pariser Grand Palais, eröffnet wird. Bacon und sein Geliebter George Dyer, der sich noch am selben Tag in ihrem gemeinsamen Hotelzimmer umbringen wird, liefern sich einen ungleichen Schlagabtausch. Beide sprechen sie dabei ständig von Liebe. Doch in Wahrheit geht es nur um Macht. Bacon spielt mit dem ehemaligen Kriminellen, der wiederum verzweifelt versucht, die Oberhand zu gewinnen.

Ein Totentanz

Die großen politischen Fragen von Macht und Verantwortung, Ausbeutung und Abhängigkeit, die "Blutmänner" aufwirft, hallen in der "Studie" im Privaten nach. An die Stelle des kalten und präzisen gesellschaftlichen Befundes tritt ein überhitztes Psychodrama, eine Variation auf all die bitteren Ehedramen der Weltliteratur. Pierre Siegenthalers Künstler und Moritz Führmanns immer hysterischer agierender Dyer vollführen ihren ganz eigenen Totentanz: Wer hat Angst vor Francis Bacon? Auch in der Rolle des Malers ruht Siegenthaler auf faszinierende Weise in sich. Wie leicht es ihm fällt, den anderen zum Äußersten zu treiben. Ein abgeklärtes Lächeln und eine sanfte Herablassung im Ton, mehr braucht Siegenthaler nicht, um sein Gegenüber zu zerstören. Eben diese unerträgliche Leichtigkeit in seinem Spiel gibt Kaluzas Text, der bereitwillig die Klischees vom egomanischen Künstler und von der Liebe als reiner Machtphantasie bedient, doch einiges Gewicht.

 

Blutmänner / Studie einer menschlichen Figur im Raum
von Stephan Kaluza
Uraufführung
Regie, Text und Bühnenbild: Stephan Kaluza, Maske und Kostüme: Annina Dupuis, Filme: Marc Oortmann, Musik: Henk Bleichert.
Mit: Moritz Führmann, Pierre Siegenthaler, Bianca Künzel.
Dauer: 1 Stunden 25 Minuten, keine Pause.

www.stephan-kaluza.de
www.forum-freies-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Stephan Kaluza schenkt dem Publikum einen nachhaltigen Theaterabend. Einen, der bewegt. Dessen Inhalte es forcieren, eigene Verhaltensmuster zu hinterfragen“, lobt Pamela Broszat von der Neuen Rhein Zeitung (4.7.2016). Das Stück weigere sich eine Vorgabe zu geben, weshalb "die eigenen Moralvorstellungen eine Wertung übernehmen müssen".

Max Kirschner von der Westdeutschen Zeitung (4.7.2016) hält den zweiten Teil für stärker als den ersten. "Gewürzt mit ironischen Spitzen gegen die Regeln des eitlen Kunstmarkts." Das Szenario zwischen Lust und Gewalt komme dank Siegenthaler und Führmann extrem körperlich über die Rampe. "Und ertnet begeisterte Bravorufe."

"Wir hören die Ethnologen und die Sprachforscherin, die Statements werden brachial von Ausschnitten aus 'California Dreamin' von The Mamas & The Papas unterbrochen, der Zuschauer muss sich zwischen den Wahrheiten unterscheiden", schreibt Thomas Hag von der Rheinischen Post (4.7.2016). Im zweiten Stück lasse Kaluza zwei Männer aufeinanderprallen, "sie verhaken sich ineinander, seine Sprache wird beiden gerecht".

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