Ausräucherungsfantasie

von Esther Slevogt

18. Juli 2016. So, so. Unser Berliner Staatssekretär für Kultur möchte also ein Theater ausräuchern. Es handelt sich um das Berliner Ensemble, dessen Intendant zur Zeit noch Claus Peymann heißt. Im Zuge der umstrittenen Ernennung des belgischen Museumsmannes Chris Dercon als Nachfolger des Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf hatte Peymann im April 2015 in einem Interview mit der ZEIT Staatssekretär Tim Renner als "leeres nettes weißes Hemd" bezeichnet. Renner sei einer "dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben". Und Renner müsse weg. Das ist natürlich nicht schön. Keiner möchte so etwas über sich lesen. Doch ein derart angesprochener Politiker von Format täte gut daran, das nicht persönlich zu nehmen und sich schon gar nicht zu Rachefantasien hinreißen zu lassen.

Tim Renner aber hat nichts Besseres zu tun, als nun in der Berliner Morgenpost davon zu sprechen, dass "wir" (also wahrscheinlich er und die Stadtregierung, zu der er gehört) das Berliner Ensemble ausräuchern wollen. Vielleicht meint er das das ja humoristisch. Man könnte aber auch fragen, ob der Mann eigentlich auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung steht. Öffentlich über das Ausräuchern von Institutionen nachzudenken, weil man beleidigt ist, das traut man bisher eher Politikern Marke Putin oder Erdogan zu.

Zum Punk geadelt

Besonders pikant ist, dass Renner seine Ausräucherungsfantasie ausgerechnet in einem Glückwunsch zu Frank Castorfs 65. Geburtstag untergebracht hat. Mit der routinierten Geste des Berufsjugendlichen biedert er sich erst in längeren impressionistischen Ausführungen über seine Theatererfahrungen mit "Frank" bei Castorf an, um ihn dann schulterklopfend zum "Punk" zu ernennen.

Debattentext sle 18 7 2016 280bScreenshot Tim Renners Geburtstagstext in
der Berliner Morgenpost
Alles mit dem Ziel, dann noch einmal umständlich seine Entscheidungen in Sachen Volksbühne zu erläutern: warum er, Renner, verhindern musste, dass Castorf die Volksbühne weiter zu seinem persönliche Bayreuth umbaut, dass dort eines Tages dann statt 100 Jahre Volksbühne (wie 2015) 100 Jahre Castorf gefeiert werde.

Herbert Fritsch oder René Pollesch habe er auf eine Volksbühnen-Intendanz erst gar nicht angesprochen, weil er sie davor schützen wollte, mit Frank Castorf verglichen zu werden. In Castorfs Fußstapfen zu treten, das sei nämlich, findet Renner, ein Himmelfahrtskommando. Oh je. Ganz davon abgesehen, dass der ganze Text danach klingt, als sei die Entscheidung für die Castorf-Nachfolge auf Grund von persönlichen Ressentiments und der Basis des Privatgeschmacks von Tim Renner erfolgt: ist das wirklich als Motiv einer so folgenschweren Entscheidung der Berliner Kulturpolitik ernstzunehmen, Künstler vor einer Castorf-Nachfolge schützen zu wollen? Die Neubesetzung der Volksbühnen-Intendanz mit Chris Dercon "wurde demnach unterstützt von der Volkstheaterfürsorge" lästert heute im Newsletter des "Tagesspiegel" auch Chefredakteur Lorenz Maroldt.

Kommunikationsfehler

In seinem Geburtstagstext für Castorf räumt Renner sogar Kommunikationsfehler bei der Vermittlung des Nachfolger-Modells ein  –  um seine vergifteten Glückwünsche schließlich mit eben jener Ausräucherungsfantasie zu krönen: Das BE müsse, sollte Castorf einmal dort inszenieren (dass dies unter der Intendanz Oliver Reese passieren könnte, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern der gutinformierten Berliner Kreise), erst einmal ausgeräuchert werden, um Peymanns Geist dort zu entfernen. Zu legitimieren versucht er sein kulturpolitisches Voodoo-Projekt ausgerechnet mit einem perfide eingesetzten angeblichen Castorf-Zitat. O-Ton Renner: "Peymann, der Castorf beistand im Streit um Dercon. Peymann, dem Castorf bei einem Abendessen, als ich ihn zum ersten Mal sah, ins Gesicht sagte: 'Bevor ich hier überhaupt irgendetwas sage, möchte ich erstmal zu Protokoll geben, wie sehr ich Claus Peymann und seine Arbeit verabscheue ...'"

Darauf spielte ich an, als ich gestern unter die Presseschau des Textes schrieb: "Den Rest der kulturpolitischen Ausführungen zu Punk, Castorf-Anbiederung und Intendanz-Entscheidungen wollen wir hier lieber nicht dokumentieren." Der Text war ja auch im Original verlinkt, so dass es jeder selbst lesen konnte, wenn er wollte. Aber Leser*innen haben zurecht gefunden, statt zu raunen, solle ich die Dinge benennen. Voilà.

In einem an @nachtkritik und @EstherSlevogt adressierten Tweet hat Tim Renner gemutmaßt, man hätte seinen Text gar nicht gelesen.

Versteht er gar nicht, was man an seinen Ausführungen irritierend, ja, auch skandalös finden kann? Hält er die Ausführungen zu Peymann tatsächlich für Kritik? Man muss wohl wirklich befürchten: der Mann weiß nicht, was er tut.


Mehr dazu: Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner gratuliert Frank Castorf zum Geburtstag und räumt Kommunikationsfehler bei der Ernennung seines Nachfolgers Chris Dercon ein - Presseschau vom 17. Juni 2016

Mehr Presseschauen zur Kontroverse um die Castorf-Nachfolge an der Berliner Volksbühne hier.

Kontroverse Beiträge von Nachtkritiker*innen zum Berliner Kampf um die Volksbühne hier.

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