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Die neue Dramatik: Gourmethäppchen für Feingeister?

von Wolfgang Behrens

Juli 2016. Die Frage nach der Relevanz des Theaters in heutiger Zeit hat uns schon in der Magazinrundschau Juni beschäftigt. Angesichts des "Rechtsdruckes" auf die Bühnen sagt nun Volker Lösch, das Theater könne und müsse sein Publikum "in einen Zustand der geistigen Beweglichkeit versetzen". Aber Obacht! Verabschiedet sich die neue Dramatik derweil von jeglicher "Möglichkeit einer gesellschaftlichen Wirkung"?

Die Themen: Mülheimer Dramatikerpreis: Der Moderator spricht | Mülheimer Dramatikerpreis: Der Kritiker spricht | Rechtsdruck auf die deutschen Bühnen | Volker Lösch über verunsichertes Publikum | Michael Merschmeier zum Tod von Moidele Bickel | Freie-Szene-Förderung

Die deutsche Bühne

Die öffentliche Jurydiskussion des Mülheimer Dramatikerwettbewerbs "Stücke" wurde live ins Internet übertragen und erzeugte so – auf Twitter z.B. oder in der Kommentarspalte von nachtkritik.de – ein lebhaftes Echo, nicht zuletzt auch deutliche Kritik an der diesjährigen Durchführung der Preisdebatte, die vielen allzu harmonisch verlief und allzu abrupt endete. Michael Laages, der Moderator der Diskussion, gibt nun im Juli-Heft der Deutschen Bühne seine Sicht der Veranstaltung zum Besten. Er berichtet, dass durch die Internet-Übertragung "doch noch ein wenig von der Last spürbar" geworden sei, "die die Rolle des Mülheimer Moderators mit sich bringt". Und er zitiert das Verdikt, das Martin Baucks ("einer, der sehr gerne mit der Keule austeilt im Netz") auf nachtkritik.de über die Diskussion postete: "Abscheulich." Laages verteidigt sich: "Wir, die Jurorinnen und Juroren sowie Festivalchefin Stephanie Steinberg und ich – wir haben gemeinsam entschieden, wie diskutiert werden sollte. Und genau das dann auch getan." Laages stellt sich aber auch die Fragen: "Wäre grundsätzlicher [über die Texte] zu streiten gewesen […]? Das mag sicher sein. Sollte der gastgebende Moderator, sollte also ich öfter den Advocatus Diaboli spielen – und Streit vom Zaun brechen, wo eigentlich noch gar keiner ist? […] Wir werden darüber reden."

DdB 07 2016 180Solchen Streit hätte sich jedenfalls Stefan Keim gewünscht, der in diesem Jahr schon die Auswahl der sieben Stücke "zweifelhaft" fand. Dass Ferdinand von Schirachs "Terror" nicht nominiert war, lässt Keim fragen, "ob das Festival nur noch Gourmethäppchen für Feingeister präsentieren und sich völlig von der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Wirkung verabschieden" wolle. Der Sieger Wolfram Höll habe "eigentlich ein Gedicht geschrieben": Ohne den Text zu kennen, könne man in der Uraufführung von Thirza Bruncken "nicht ansatzweise" verstehen, "worum es geht". Inszenierungen nach Texten, bei denen "Theatermacher ihre Phantasie schießen lassen können", könnten große Abende werden, aber "viel öfter kommt dabei selbstgefälliger, konturloser Unsinn heraus. […] Soll es nun ein hervorstechendes Qualitätsmerkmal eines Theaterstückes sein, dass es keins ist?"

Den Schwerpunkt ihres Juli-Heftes haben die Deutsche-Bühne-Macher "Rechtsdruck" genannt: Was bedeutet ein politisches Klima, in dem Rechtsnationalismus wieder salonfähig wird, für das Theater? Jens Fischer hat dazu eine Umfrage an deutschen Bühnen lanciert und kommt zu dem Ergebnis: "Angriffen mit alten Symbolen und neuen Parolen ist die absolute Mehrheit der Bühnen Deutschlands nicht ausgesetzt." Das Publikum zeige "sich meist bürgerlich vorschriftsmäßig aufgeklärt und den Rechtspopulisten gegenüber abgeklärt verschlossen". Es sei: "Mehr ein Ohneeinander statt ein Gegeneinander."

Von hier aus ist der Weg zu einer Ansicht nicht weit, der auch der Magazinrundschauer schon manchmal Ausdruck verliehen hat, zum Beispiel gegenüber dem Regisseur Volker Lösch: dass man nämlich im Theater zu den Bekehrten predige bzw. – wie Lösch es in einem Artikel des Schwerpunkts ausdrückt –, "dass im Theater nur die Aufgeklärten und 'Guten' sitzen, dass man also nur im Kreis produziert." Lösch tritt dem entschieden entgegen: "Die extrem rechten Milieus" könne man zwar "nicht erreichen, das ist wahr. Aber das müssen wir auch nicht. Ich habe diese Menschen in Dresden erlebt, die erreicht derzeit nichts und niemand, ihre Meinung steht fest, sie ist unerschütterlich. Das ist aber nicht die Mehrheit. Die meisten Menschen sind unentschlossen, verunsichert, unschlüssig. Viele davon sitzen im Parkett: die Bürgerin, die erzählt, dass sie Ausländer mag, vor allem die beim Ballett. Der Lehrer, der findet, dass Muslimas ihre Kopftücher abziehen müssen. […] Der Intellektuelle, der es richtig findet, dass man unschöne Bilder im Fernsehen ertragen muss, bis die Flüchtlingsströme abebben werden. All diese Menschen können wir im Theater erreichen, irritieren, anstoßen, provozieren – wir können sie wieder in einen Zustand der geistigen Beweglichkeit versetzen." Wenn dem so wäre, dann hätte das Theater hier vielleicht wirklich noch einen politischen Auftrag – nicht zu den Bekehrten, zu den Unschlüssigen predigen …

Theater heute

Theater heute-Verleger Michael Merschmeier höchstpersönlich schreibt im Juli-Heft einen sehr schönen Nachruf auf die kürzlich verstorbene große Kostümbildnerin Moidele Bickel. Merschmeier markiert darin auch einen schmerzlichen Mangel in der Theaterkritik: "Einige dicke Bücher über die Schaubühne habe ich noch einmal studiert, um mir die Arbeit von Moidele Bickel […] in Text und Bild wieder zu vergegenwärtigen. In den Stablisten ist sie namentlich aufgeführt, wie es sich gehört. In den Kritiken aber, die in diesen Rückblickbänden ausführlich zitiert werden, um die Arbeit aller Beteiligten zu würdigen, steht so gut wie nichts über sie, die doch mit prägend war für das, was in den siebziger und frühen achtziger Jahren an der Berliner Vorzeigebühne Maßstabsetzendes passierte. Die Fotos hingegen zeigen so viel Prächtiges, so viel Schönes, ja: visuell Kluges, genau Gedachtes und Gearbeitetes bei den Kostümen, dass es keine Entschuldigung gibt für das Schweigen der Schreiber. […] Die Zeiten haben sich geändert. Aber KostümbildnerInnen werden weiterhin zumeist in Klammern erwähnt." Solche Sätze können einem schon die Schamesröte ins Gesicht treiben – wird es doch genügend Kritiker*innen geben (ich muss mich da wohl einschließen), denen nach einer Inszenierung nicht einmal bewusst ist, dass da Kostüme auf der Bühne waren … Gibt es eigentlich einen Theaterpreis für Kostümbild (der nicht – wie beim "Faust" – mit Bühnenbild vermischt ist)? Man sollte einen schaffen, einen Moidele-Bickel-Preis zum Beispiel! Findet sich ein Stifter?

Theaterheute 07 2016 180Im Magazin-Teil des Juli-Heftes prangert Eva Behrendt einen Missstand in der Kulturpolitik an, speziell in derjenigen von Berlin. Es geht um das "Geeiere" von Jurys, die über Förderungsgelder für die Freie Szene entscheiden und dabei mit "der Aufteilung viel zu kleiner Summen unter zu vielen förderungswürdigen KünstlerInnen und Gruppen" betraut werden. Es sei "immer ein fieser Spagat, bewährten KünstlerInnen ein Minimum an Planungssicherheit zu gewähren, gleichzeitig aber dem Stillstand vorzubeugen und neue, jüngere KünstlerInnen aufzunehmen." Wie dankbar sei "da jede Jury, wenn Künstler (…) so erfolgreich sind, dass ihnen Stadttheater und Opernhäuser Kooperationsangebote machen und man sich mit dem Argument 'Kann auch am Stadttheater arbeiten' aus der Affäre ziehen kann. Natürlich muss man dabei geflissentlich ignorieren, dass umgekehrt die festen Häuser fest damit rechnen, dass die freien Künstler auch freie Gelder mit in die Verbindung bringen." Aktuell etwa hat in Berlin der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger die Basisförderung gestrichen bekommen, "die ihm seit 2007 eine gewisse Planungssicherheit ermöglichte". Es offenbare sich hier, "bei aller häppchenweisen Verbesserung der Gesamtlage für die Freie Szene, dann doch eine strukturelle Lücke: Gerade für auch überregional oder international erfolgreiche freie KünstlerInnen besteht zu wenig Planungssicherheit und finanzielle Kontinuität." Da ist etwas dran. Umgekehrt hinterlässt es jedoch ebenfalls einen schalen Nachgeschmack, wenn große Häuser mit gut ausgestattetem Etat über das Engagement solcher erfolgreichen KünstlerInnen aus der Freien Szene auch noch an den mageren Töpfen der Basisförderung partizipieren.

Theater der Zeit hat sich in die Sommerpause verabschiedet, legt für diese aber wie gewohnt Lektüre in Form eines Arbeitsbuches bereit: 184 Seiten "Castorf". Hier freilich endet die Zuständigkeit des Magazinrundschauers – ich übergebe an die Buch-Redaktion.