Terror gegen das Grundgesetz?

1. August 2016. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (31.7.2016) üben die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch harsche Kritik an Ferdinand von Schirachs "Terror". (Hier unsere Nachtkritiken zur Doppel-Uraufführung am Deutschen Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt.) Das Stück handelt von einem Gerichtsprozess gegen einen Major der Luftwaffe, der ein entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat, das offenbar in ein vollbesetztes Fußballstadion gesteuert werden sollte. Am Ende jeder Aufführung werden die Zuschauer aufgefordert, über Schuld oder Unschuld des Kampfpiloten abzustimmen.

Hirsch kritisiert, Schirach mache die Zuschauer zu Richtern in einer Sache, die sie für die Wirklichkeit halten, ohne die eigentliche Konfliktlage erkennen zu können. Er erwecke den Anschein, der Rechtsstaat sei wehrlos, wenn nicht alle Passagiere, Männer, Frauen, Kinder, und möglicherweise weitere Personen an der Absturzstelle vorsätzlich getötet würden. "Das ist schlicht falsch. Der Pilot tötet sie auf der Grundlage seiner eigenen Vermutungen." Das Stück führe einen nicht zu der eigentlichen Frage, nämlich, wie weit steht das Leben eines Bürgers zur Disposition einer Regierung. Das ganze Gedankengebäude – auch in dem Stück – hängt doch davon ab, dass man das Gefühl hat, jawohl, da werden Menschenleben gerettet, in 'Terror' 70 000. In Wirklichkeit weiß niemand, ob die wirklich überhaupt bedroht sind!"

Ein Stück unter Populismusverdacht

Baum und Hirsch hatten 2005 Verfassungsbeschwerde gegen das Luftsicherheitsgesetz der rot--gründen Bundesregierung eingelegt. Das Gesetz sollte den Abschuss eines Flugzeugs im Falle einer Entführung erlauben. Die Beschwerde war erfolgreich, ein Abschuss wäre verfassungswidrig.

Mit Baum müsse man sich bei Schirach also für den Piloten oder für die Verfassung entscheiden. Hirsch kritisiert: "Schirach bringt die Leute dazu, eine falsche Entscheidung zu treffen und sie in die Wirklichkeit zu transponieren." Die Zuschauer würden etwas Falsches lernen. "Schirach hätte das Stück ja auch so anlegen können, dass es nach dem Urteilsspruch noch einen Moment gibt, in dem gegenüber dem Publikum aufgegriffen wird: So haben Sie abgestimmt, das bedeutet Ihre Entscheidung. Es entspricht nicht dem Grundgesetz, was Sie gerade gemacht haben." Baum hält Schirachs Verzicht, darauf hinzuweisen, dass der Freispruch eine Abstimmung sei, die sich gegen das Grundgesetz wende für "populistisch". "Verrechnung von Menschenleben ist die Logik des Krieges. Aber gerade in Zeiten der Bedrohung müssen wir uns auf unsere freiheitlichen Grundrechte berufen und diese nicht relativieren."

Gerhart Baum war Bundesinnenminister unter Helmut Schmidt. Burkhard Hirsch war von 1994 bis 1998 Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Ferdinand von Schirach sei laut FAS ebenfalls zum Gespräch eingeladen gewesen, habe sich der Runde aber nicht anschließen wollen.

Auffällig illiberal

Der Literaturkritiker Uwe Wittstock reagierte in einem Blogpost auf das Interview: Man solle Gerhard Baum und Burkhard Hirsch nicht böse sein, wenn sie nichts von
Literatur verstünden. Allerdings wäre es klug von ihnen gewesen, sich im Urteil zu literarischen bzw. dramatischen Arbeiten zurückzuhalten. "Ihre Argumente gegen das Stück machen einen auffällig illiberalen Eindruck, so als würden sie einem Autor das Wort verbieten wollen, der das brisante Thema anders behandeln möchte, als es ihren Vorstellungen entspricht." Merkwürdig sei auch, dass es Schirachs Stück nicht als Verdienst angerechnet werde, einen so spröden Stoff wie ein Urteil des Verfassungsgerichts zu einem in vielen Theatern heftig debattierten Diskussionsthema gemacht zu haben.

(miwo)

 
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