"Dann tut es keiner"

3. August 2016. Im äußerst lesenswerten Interview mit Jörg Seewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begründet Schauspieler Shenja Lacher, warum er am Münchner Residenztheater gekündigt hat und – zumindest vorübergehend – dem Theater den Rücken kehren wird, um sein Geld unter besseren Arbeitsbedingungen beim Film zu verdienen: "Ich liebe Theater über alles, aber die Strukturen innerhalb des Theaters sind mir zu autokratisch, fast noch feudalistisch. Das ist nicht neu, ich weiß, aber ich möchte mich diesem System nicht mehr aussetzen und zur Verfügung stellen."

Lacher erwähnt das bundesweite Ensemble-Netzwerk, das sich derzeit mit einer Theaterreform beschäftigt: "Es wurde über Gagen, Nichtverlängerungsschutz, Mutterschutz, Arbeitszeiterfassung, Mitbestimmung und den Schutz der Ensemblevertretung geredet. Das alles sind Dinge, die völlig normal sein sollten, auf die aber im Theater unter dem Deckmantel der Kunst keine Rücksicht genommen wird."

Vor allem kritisiert Lacher die Allmacht des Intendanten: "Warum hat ein einzelner Intendant das Recht, sich über alle beteiligten Künstler hinwegzusetzen und nur seine künstlerischen Interessen durchzusetzen? Warum darf bei einem Intendantenwechsel ein fast komplettes Ensemble gekündigt werden, obwohl die Leute super Schauspieler sind und sich verdient gemacht haben?" Stattdessen fordert er, einander zuzuhören und zu vertrauen. "Nur Material zu sein, das ist mir zu wenig. Ich habe auch was zu erzählen."

Außerdem hinterfragt Lacher, warum der Ton im Theater rauher ist als anderswo. "Langsam kriege ich davon Tinnitus. Du kannst mir die Sachen ja normal sagen. Ich habe so viel Feuer in meinem Arsch, das ich mich allein pushen kann. (...) Ich zerfleische mich schon selbst und mache mich genug kaputt für meine Rollen. Ich brauche niemanden, der mich anschreit." Schließlich habe die Leistung auf der Bühne auch nichts damit zu tun, dass man im Leben leide. "Ich habe in diese Abgründe geschaut und weiß zumindest, worüber ich rede. Aber ich muss ja niemanden töten, um einen Mörder spielen zu können. Dafür habe ich meine Phantasie."

(geka)

 

Update, 6. August 2016. Es sei mutig von Shenja Lacher, "die Probleme zu benennen und sich dafür gegebenenfalls als 'Nestbeschmutzer' beschimpfen zu lassen. Seine Kritik trifft das patriarchale System empfindlich", schreibt Christine Dössel in einem Kommentar zu Lachers FAZ-Interview in der Süddeutschen Zeitung (6.8.2016).

"Die Klage über den hierarchisch-autoritären Theaterbetrieb" sei zwar "nicht neu, aber selten kommt sie so direkt und deutlich von innen heraus. Dort herrscht nämlich Angst. Die Arbeitsbedingungen sind am Theater besonders prekär und die Abhängigkeiten groß. Selbst festangestellte Ensemblemitglieder haben in der Regel fortlaufende Jahresverträge, die jederzeit aufgrund 'künstlerischer Gründe' nicht verlängert, sprich: gekündigt werden können. Was 'künstlerische Gründe' sind, befindet der Intendant."

Martin Kušej, der regierende Intendant am Residenztheater, dürfe, so Dössel, "toben ob solcher Worte. Kušej ist ein Theaterpatriarch par excellence, der Kritik nicht duldet. Die Verfasserin dieser Zeilen hat er jüngst bei einer Premierenfeier im Hof – zu der das Publikum ausdrücklich eingeladen war – zur unerwünschten Person erklärt und des Ortes verwiesen, wegen einer negativen SZ-Kritik." (wb)

 

Mehr zu Shenja Lacher? Nachtkritiken zu Inszenierungen mit ihm erschienen zuletzt über Philoktet (Regie: Ivan Panteleev), Prinz Friedrich von Homburg (Regie: David Bösch), Drei Schwestern (Regie: Tina Lanik) und Peer Gynt (R: David Bösch).

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