Belmondos Lippen

Von Falk Schreiber

Hamburg, 24. August 2016. Wenn András Siebold gut drauf ist, dann ist der Leiter des Internationalen Sommerfestivals Hamburg ein begnadetes Lästermaul. Zum Beispiel bei der Pressekonferenz zum diesjährigen Sommerfestival: "Internet und Theater: Das heißt meistens, dass Nachtkritik irgendwo ein Symposium veranstaltet." Danke für die Blumen. Aber eine Punchline ist gesetzt, und außerdem hat Siebold ja recht: Ein echtes Verhältnis zum Netz hat das Theater wirklich noch nicht gefunden.

Alljährlich leistet sich das Sommerfestival einen Themenschwerpunkt zur Festivalmitte, das Durchdenken einer gesellschaftlichen Problemlage mit Workshops und Lectures, mit Kunst und Performances. Und im besten Fall nimmt dieser Schwerpunkt den Charakter eines Festivals im Festival an. Nach "Fantasies that matter" (über Sexarbeit in der zeitgenössischen Kunst, 2014) und "This is not Greece" (über das Griechenlandbild in Kunst und Medien, 2015) geht es dieses Jahr um "Kunst und digitalen Aktivismus". Zumindest das Workshopangebot ist mit praxisorientierten Titeln wie "Programmieren für alle ab 8 Jahren" und "Makersday – Handybau Workshop" programmatisch kunstfern angelegt, ebenso wie die mal soziologischen (Lawrence Lessig spricht zum Thema "How democracy gets defeated", Malte Spitz zu "Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts"), mal feuilletonistischen (Kübra Gümüsay über digital organisierte Liebe) Vorträge. Also: Passt schon, aber der Performanceraum wird durchaus in einem sehr weiten Sinne verstanden, damit sich hier ein Link zum Theater setzen lässt.

03 machina green screen 560 c unbekannt umachina eX spielen kleine, böse Spiele © Machina Ex

Feierabend beim BND

Angesichts dieser Wucht des Praktischen kämpfen die genuin künstlerischen Beiträge ein wenig um Relevanz. In "Lessons of Leaking" der Berlin-Hildesheimer Performer von machina eX sieht man ein Stück, das Theater mit Computerspielstrukturen zu verbinden versucht und leider in beiden Disziplinen auf halber Strecke steckenbleibt (von nachtkritik.de anlässlich der Aufführung beim Münchner Minifestival Europoly im Februar ausführlich besprochen).

Und auch bei "Call a Spy" vom Berliner Peng! Collective erschließt sich der Bezug zum Themenschwerpunkt nicht sofort. Im Zentrum steht eine Telefonanlage, die es ermöglicht, anonym diverse Geheimdienste anzurufen, gespeichert sind Nummern vom kanadischen Geheimdienst, von der NSA, theoretisch auch vom BND, aber: Freitags nach 17 Uhr erreicht man in deutschen Behörden niemanden mehr, sorry. Eine Woche lang gibt es Schulungen, die das Publikum auf Gespräche mit den Schlapphüten vorbereiten (ein Projekt, das unter anderem schon im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein zu sehen war – es ist nicht so, dass das Thema Kampnagel-spezifisch ist), der Nachtkritiker besucht allerdings das theaternähere Format "Call a Spy – Die Show": Drei Kandidaten müssen den zufällig angerufenen Spion zum Lachen bringen, bestimmte Begriffe ins Gespräch einflechten ("Drones", "Whistleblower", "Obama", das ist schon lustig) oder einfach das Telefonat möglichst in die Länge ziehen.

Einbruch des Realen

Was nicht uninteressant zwischen Fake und Realität schillert – tatsächlich wirken die Telefongespräche als Einbruch des Realen in den Theaterraum, andererseits weiß man bis zum Ende nicht, ob die umständlich beschriebene Verschlüsselungstechnik nicht doch ein großer Schmu ist, ob hier, haha!, womöglich die ganze Zeit Theater gespielt wird? Der Kopf schwirrt, als per Video ein jämmerlich schlecht animierter Fake-Edward-Snowden zugeschaltet wird, der die Menschwerdung der Spione zur subversiven Aktion erklärt: "Go unleash your humanity to those people!"

Freilich krankt "Call a Spy" an der ästhetischen Anspruchslosigkeit, mit der diese Idee durchgeführt wird, der Charmefreiheit der Moderation, der nachlässigen Dramaturgie der Quizshow. Vielleicht hätte sich die Produktion mehr erschlossen, hätte der Kritiker auf die Performance verzichtet und tatsächlich an einer Schulung teilgenommen, mag sein. So bleibt vor allem ein eindrucksvolles Konzept, das sich nicht schlüssig auf die Bühne übertragen lässt.

01 LIGNA The Kommunity 560 c Anja Beutler uBei Ligna werden Daten choreographiert © Anja Beutler

Außer Atem

Narrativ sind Spione ohnehin gut durchdekliniert – von der glamourösen Märchenfigur James Bond über die zynischen Spießer bei John le Carré bis zu den technokratischen Datenauswertern aus "Homeland". "The Kommunity" von der Hamburger Gruppe Ligna versucht, all diese Daten, die man im Alltag ständig aussendet, unlesbar zu machen, zu travestieren, zu verwischen. Praktisch heißt das, dass der Zuschauer alleine in einem Kabinett steht, Filmszenen sieht und per Kopfhörer aufgefordert wird, die gezeigten Gesten einzuüben – das ist formal recht nahe an dem von Ligna jahrelang immer weiter verfeinerten Konzept des philosophisch und politisch unterfütterten Audiotheaters. Inhaltlich bezieht sich die Produktion unter anderem auf Guy Debords "Die Gesellschaft des Spektakels", es führt allerdings auch eine (nicht ausgesprochene) gedankliche Linie von "The Kommunity" zu Camp: Was bedeutet die Effemination von Jean-Paul Belmondos Körper in Godards Außer Atem? Eine erotische Aufladung, natürlich, aber parallel zur zwischen Filmbild und Zuschauer gedoppelten Aktion flüstert eine Stimme im Kopfhörer: "Ne travaillez jamais!", "Arbeite niemals!" Es geht hier um eine Zurückweisung bürgerlicher Verhaltensnormen im Fetisch. Die Erkenntnis, dass der eigene Körper diese Zurückweisung imitiert, verschafft dem Zuschauer ein Hochgefühl, das zeigt, wie raffiniert dieses Stück gearbeitet ist.

Nachdem man Gesten, Verwirrungen, Tänze und Störungen eingeübt hat, wird man aufgefordert, das Kampnagel-Foyer zu betreten und das Gelernte unter Menschen auszuprobieren. Nur ist im Foyer leider niemand, die Gesten und Aktionen laufen ins Leere, wo keiner zuschaut. Andererseits: Wahrscheinlich stehen wir in Wahrheit ständig unter Beobachtung. Besser noch einmal Belmondo-like die Lippen nachziehen, ne travaillez jamais.

02 MyStoriesMyEmails 560 c Hugo Glendinning uUrsula Martinez erhält viel unerwünschte Post © Hugo Glendinning

Ein Penis per E-Mail

Ein erotisch aufgeladener Körper steht auch im Zentrum von Ursula Martinez' "My Stories, your Emails", allerdings ist die Aufladung hier ein unfreiwilliger Akt. Die Zauber-Strip-Show "Hanky Panky" der ehemaligen Forced-Entertainment-Performerin wurde einst gegen Martinez' Willen mitgeschnitten und ins Netz gestellt, woraufhin die Künstlerin unzählige Mails von Männern erhielt, manche anzüglich, manche beunruhigend, wenige liebenswert unbeholfen. In "My Stories, your Emails" liest Martinez diese Kontaktgesuche vor und zeigt dazu die mitgeschickten Fotos – "Perverts, Pussy, Penis" kündigt sie das Gezeigte an, und, ja, der Penis ist mit in erigiertem Zustand 19 Zentimetern Länge wirklich recht eindrucksvoll. Doch bei aller Begeisterung über dieses schöne Teil: Was die Performance macht, ist ein Übergriff, ein konsequentes Verletzen der Persönlichkeitsrechte von "Big Eric" oder "Naked Brazilian", das nicht wirklich sympathischer wird, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es Martinez' Persönlichkeitsrechte waren, die zuerst verletzt wurden. Immerhin schlägt "My Stories, your Emails" die Brücke zwischen Praxis und Kunst. Die Produktion nämlich kann man als Anleitung lesen, was zu tun ist, wenn die eigenen Daten im Netz auftauchen – man könnte künstlerisch darauf reagieren. Mit Theater.

Überall Theater, überall Internet

Gleichwohl, dass das Theater kein echtes Verhältnis zum Netz hat, ist auch nach diesem Themenschwerpunkt noch gültig. Was nicht zuletzt am sehr avancierten, offenen Theaterbegriff liegt, den Kampnagel hier zu Grunde legt. Eigentlich ist alles Theater, sagt das Programm des Sommerfestivals, und eigentlich ist auch das Netz überall. Wenn man diesen Gedankengang vollzogen hat, wenn man also den Alltag als performativen Raum definiert hat, dann funktionieren auch die hier gezeigten Widerstandsstrategien. Aber für all die, die noch nicht so weit sind, dürfen auch gerne noch weitere Symposien veranstaltet werden.

 

Lessons of Leaking
Konzept: machina eX, Clara Ehrenwerth
Text: Dmitrij Gawrisch, Regie: Anna Fries, Bühne: Anna Fries, Franziska Riedmiller, Technik, Programmierung und Interaction Design: Lasse Marburg, Philip Steimel, Videoanimation: Konrad Jünger, Kamera: Paula Reissig, Sounddesign: Mathias Prinz, Dramaturgie: Clara Ehrenwerth, Kostüme: Daniela Bayer, Mitarbeit Bühne: Winnie Christiansen, Mitarbeit Interaction Design und Programming: Benedikt Kaffai, Übersetzung: Lucy Renner Jones, Technische Produktionsleitung: Philip Steimel, Produktionsleitung: Sina Kießling
Mit Nora Decker, Ayana Goldstein, Roland Bonjour (im Video: Benita Sarah Bailey, Cora Frost, Walter Hess, Maria José Morales Folgueras)
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten
www.machinaex.de

The Kommunity
von Ligna
Konzept, Text, Produktion: Ole Frahm, Michael Hüners, Torsten Michaelsen, Filmbearbeitung, Übertragungstechnik: Anton Koch, Bauten: Christine Ebeling, Musik: Günter Reznicek, Tobias Gronau
Stimmen Deutsch: Christiane Nothöfer, Samuel Weiß, Stimmen Englisch: Christiane Nothöfer, Harvey Friedmann
Dauer: 45 Minuten
www.ligna.org

Call a Spy
Konzept: Peng! Collective
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten
www.pen.gg

My Stories, your Emails
Von und mit Ursula Martinez
Dauer: 55 Minuten
www.ursulamartinez.com

 

 
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