Abschied vom Ich

von Sascha Westphal

Weimar, 25. August 2016. Der erste Eindruck ist schier überwältigend. Im großen Festsaal des Schießhauses fällt mein Blick sofort auf die weiße Tür, die mitten im hinteren Drittel des riesigen Raums steht. Es ist fast so, als trete man in ein Gemälde René Magrittes. Und mit jedem Schritt, mit dem ich mich angeleitet von einer der Begleitpersonen dieser Tür nähere, wird die Wirklichkeit brüchiger, bis da nur noch diese Tür ist. Sie löscht den Saal aus und mit ihm alles Vertraute. Es bleibt nur eins, sie öffnen und in das kleine Sperrholz-Kabuff eintreten, das sich hinter ihr verbirgt.

Goethe vom Verschwinden 01 560 c heinz holzmann uTür zu einer verborgenen Welt in uns selbst @ Heinz Holzmann

Als sich die Tür dann wieder schließt, schrumpft die Welt auf diesen bedrückenden Raum zusammen, in dem es nichts gibt außer einer Holzbank und einer an einem Haken hängenden schwarzen Augenbinde. Und die Kopfhörer. Man gab sie mir auf dem Platz vor dem berühmten Weimarer Schützenhaus, dessen Bau von Johann Wolfgang von Goethe persönlich beaufsichtigt wurde. Erstmals erklingt eine Stimme aus ihnen: "Hast du geträumt? Denk nach! Dein Herz schlägt bis zum Hals." Genau, das Herz schlägt mir bis zum Hals, und daran wird sich in der kommenden Stunde auch nichts mehr ändern.

Zustand der ständigen Verunsicherung

In den vergangenen sieben Jahren haben der Regisseur Bernhard Mikeska, der Dramatiker Lothar Kittstein und die Dramaturgin Alexandra Althoff eine ganz eigene Form von Theatererlebnissen entwickelt. Es sind Installationen für jeweils einen einzigen Zuschauer, der mit Kopfhörern ausgerüstet an verschiedenen Stationen Schauspielerinnen und Schauspielern begegnet, die nur für ihn agieren. Er wird so zu einem Mitspieler, ohne etwas machen oder sagen zu müssen. Die Nähe zwischen ihm und den Spielern schafft eine andere Realität, in der die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit verwischt. In dem Moment, in dem die Spieler dem Zuschauer direkt in die Augen blicken, wird er auf sich selbst zurückgeworfen und gerät so in einen Zustand ständiger Verunsicherung. Wer spielt hier nun für wen?

In "Goethe: Vom Verschwinden", einer Koproduktion mit dem Kunstfest Weimar und dem Deutschen Nationaltheater Weimar, gehen Mikeska, Kittstein und Althoff noch einen Schritt weiter. Die Stimme aus dem Kopfhörer, die damit auch eine Stimme im Kopf des Zuschauers ist, befiehlt ihm, die Augenbinde anzulegen. Und wenig später fordert sie einen auf, die Tür vor einem zu öffnen und diese Zelle zu verlassen, ohne auch nur das Geringste zu sehen. Es ist Zeit sich fallen zu lassen, in die Schwärze, die einen umgibt, in die Stimme und die Geräusche, die durch den Kopfhörer zu einem dringen. Vor der Tür wartet dann die Begleitperson, die einen langsam aus dem Saal und auch aus dem Haus heraus führen wird.Goethe vom Verschwinden 03 560 c heinz holzmann uEin Spiel, das auf die Pelle rückt © Heinz Holzmann

Nichts wie weg aus Weimar

Während Hanna Binders Stimme mich in den November des Jahres 1777 entführt, als Goethe inkognito aus Weimar floh, wird jeder kleine Schritt zu einem Erlebnis. Das Knarren des Holzbodens, das Knirschen des Schotters draußen, schließlich Schritte auf Erde oder Gras, selbst kleinste Veränderungen der Bodenbeschaffenheit oder ein aufkommender Windhauch lösen teils berauschende, teils auch dramatische Vorstellungen aus, während Hanna Binders Stimme weiterhin eine Sehnsucht nach Flucht, nach einem Leben jenseits von Weimar, heraufbeschwört. Irgendwann findet man sich in einem kleinen Sperrholz-Raum wieder und darf die Augenbinde absetzen. Doch das ist nicht mehr das Kabuff im Festsaal. Wenn man die Tür öffnet, tritt man in einen kleinen Raum, in dem ein Sessel steht und der von Simone Müller gespielte Stellvertreter wartet.

Während meines Weges durch die Dunkelheit bin ich also zu Johann Wolfgang von Goethe geworden und bin es doch wieder nicht. Vordergründig mag es hier in diesem kleinen Raum und an den weiteren Stationen, die alle im Keller des Schießhauses liegen, wo man zunächst dem Vater, dann der Schwester und der Stimme, dem letzten Gast, begegnet, um Goethes Verschwinden aus Weimar gehen. Doch letzten Endes verschwindet auf dieser Reise das Ich des Zuschauers. Nicht zufällig tritt Simone Müllers Stellvertreter als Verführer auf. Er bietet Goethe an, dessen Leben zu übernehmen, damit der Dichter die Freiheit erlange.

Goethes Geheimnisse

Es ist verlockend, nicht mehr man selbst zu sein. Und genau dieser Verlockung gibt man in "Goethe: Vom Verschwinden" nach. Der Weg in und durch den Keller ist einer ins Unterbewusste. Dort leben die Geister der Kindheit und Jugend, der strenge, von Sebastian Kowski verkörperte Vater, der sich selbst zum Gott der Familie erhebt, und die abgöttisch geliebte Schwester. Nora Quest lockt einen heran, ist ganz die sehnsuchtsvoll Liebende, die nur enttäuscht werden kann und einen schließlich verstößt. Alles, was Goethe so geschickt aus seiner Biographie getilgt hat, wird in diesen Kellergewölben lebendig. Aber sind es wirklich Goethes Geister oder doch die des Zuschauers?

 

Goethe: Vom Verschwinden (UA)
von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff
Regie: Bernhard Mikeska; Text: Lothar Kittstein; Dramaturgie: Alexandra Althoff, Verena Elisabet Eitel; Bühne: Friederike Meisel; Kostüme: Hannah Petersen; Sounddesign: Knut Jensen; Choreografie Begleitpersonen: Neele Ruckdeschel; Begleitpersonen: Djuna Delker, Kirsten Dornbusch, Kirsten Heyerhoff, Lieselotte Illig, Neele Ruckdeschel; Projektleitung: Jana Herkner; Produktion: RAUM+ZEIT, Deutsches Nationaltheater Weimar, Kunstfest Weimar
Mit: Hanna Binder, Sebastian Kowski, Simone Müller, Nora Quest.
Dauer: 1 Stunde

www.kunstfest-weimar.de
www.nationaltheater-weimar.de
www.vereinfuerraumundzeit.de

 

Kritikenrundschau

Diese verzaubernde Performance beim Kunstfest Weimar bleibe eng an Goethe und vermittele "eine spekulative, faszinierende Ahnung vom Untergrund unter des Nationaldichters Selbstbild", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (29.8.2016). "Vergisst man Goethe, dann bleibt die Poesie naher Augenblicke und das Empfinden von dem Schmerz, den sich nur Liebende antun können". Diese Intimität könne man weitertragen, "auch wenn das Kunstfest vorbei ist, Goethe und Schiller wieder in eherner Unnahbarkeit vor dem Nationaltheater stehen werden und die Kunst in Weimar wieder aufgeräumt dort stattfindet, wo sie hingehört, damit sie nicht stört." Zu den besonderen Leistungen des Kunstfestes gehört es aus Sicht dieses Kritikers auch, das noch vom Goethe mitgeplante verschlafene Schiesshaus als Theaterspielstätte erlebbar gemacht zu haben.

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