Kein richtiger Sarg fürs falsche Leben

von Bernd Noack

Nürnberg, 26. April 2008. Der Tote ist noch nicht richtig unter der Erde, da beginnen die Leichen, die hier jeder der Hinterbliebenen im Keller hat, schon zu leben. Und über den Verblichenen wird selbst noch an der Grube nur abgrundtief schlecht geredet, damit die Schweinereien, in denen man selber steckt, nicht (gleich) zur Sprache kommen. Die Beerdigung in irgendeinem tristen westdeutschen Winter gerät dann aber doch zur Abrechnung mit der unbequemen persönlichen und gesamtdeutschen Wirklichkeit, in der sich die Familie verlogen und dürftig eingerichtet hat.

Da steht sie nun in Polle Wilberts Stück "Am Tag der jungen Talente" wie man eben steht an offenen Gräbern: voller Hass auf den Weggegangenen und voller Wut auf das eigene Überleben, und ist sich letztlich nur einig darüber, dass es keinen richtigen Sarg im falschen Leben gibt. Denn die Frage, ob der Vater nun in Eiche-Natur oder Birke-Furnier, mit oder ohne "Matratze", im bestickten Hemdchen oder in Feinripp zur letzten Ruhe gebettet werden soll, kann noch eine ganze Zeit die Gemüter erhitzen und von den Wahrheiten ablenken.

Dieses verkorkste Sein 

Der Tote ist nun mal in unserer aus den Fugen geratenen Gesellschaft die letzte Beute der Beliebigkeit, mault da freilich der steife, ums Geschäft geprellte Beerdigungsunternehmer, und stellt wieder einmal fest: "Die Bestattung ist der Spiegel des Lebens." Für dieses verkorkste Sein, dessen sterbliche Hülle hier verbuddelt werden soll, ist folgerichtig auch der billigste Schrein gerade recht. Schließlich war es eine ziemlich miese Existenz, die man dem entschlafenen Familienoberhaupt attestieren kann.

Und wer weint schon einem eine ehrliche Träne nach, der sich als Säufer und menschliche Sau durch die Jahre mogelte? Der sich aus der DDR in den Westen absetzte und dort natürlich gleich in der Rüstungsindustrie Karriere machen musste? Der einen Berg Schulden hinterließ, den eigenen Töchtern untern Rock guckte und die Frau aus dem Haus prügelte? Da kann man, bei aller Verbundenheit und Pietät, nun wirklich keine samtgepolsterte Kiste verlangen!

Die Stasi auf dem Sofa 

Polle Wilbert hat kein Mitleid mit dem Toten. Aber nicht minder unbarmherzig geht er mit denen um, die sich in dessem Namen im Gastwirtschaftsnebenzimmer versammeln, um die letzte Ehre zu heucheln. Es wird Leichtes gegessen und schwer getrunken. Wenn Onkel Otto aus dem Osten (Frank Damerius) kommt, der sich stets von den Panzern, die sein Bruder konstruierte, persönlich bedroht sah und als Verwandter eines Geheimnisträgers ständig die Stasi auf dem Sofa hatte, dann bleibt kein Glas trocken: Otto ist längst, wie sein Bruder, "ein trauriges Aquarium", der Fisch in seinem Bauch schwimmt nur in Alkohol.

Und so schwappt der Wodka über seine Erinnerungen hinweg und auch gleich durch die Gehirne der restlichen Trauernden, und er spült die Abgründe ihrer schwerst deformierten Persönlichkeiten frei: Otto hatte schon lange, über die angeblich so dichte Zonengrenze hinweg, ein Verhältnis mit seiner Schwägerin (Adeline Schebesch); die taucht im quietsch-orangenen Kostüm auf dem Friedhof auf und wünscht ihren ehemaligen Peiniger keifend noch tiefer unter die Erde.

Dass sie einst ihre Kinder hat sitzen lassen, ist ihr heute noch egal; dass die Töchter und der Sohn jedoch dadurch einen Knacks davongetragen haben, bekommt sie nun zu spüren: die hysterische Kamilla (Julia Bartolome) ist vertrocknet in ihrer Einsamkeit, die ausgeflippte Sibylle (Gina Henkel) nervt mit dilettantischen Kunst-Ambitionen und der leicht tumbe Ludwig (Thomas L. Dietz), der einst in einer Nacht aus Gewalt und Suff gezeugt wurde, schubst Modellpanzer durch die Gegend und grölt ordinär gereimte Trinksprüche.

Gemeingefährlich komisch 

Seelenkrüppel allesamt, und sie hauen sich die Krücken um die Ohren, bis die Frau Pfarrer zur Aussegnung kommt. Eine Familie zum Knutschen. Christoph Mehler macht in seiner Nürnberger Uraufführungs-Regie mit diesem Panoptikum keine großen Anstalten. In einem sarg-kargen Holzkasten (Bühne: Nehle Balkhausen) stachelt er lediglich allzu oft die verbal so unchristlich streitfreudige Trauergemeinde zu Exaltationen und Kabbeleien auf, wo die garstigen, perfekt gedrechselten Dialoge Wilberts gar keine emotionalen Zugaben mehr bräuchten.

Da muß aber der ganze Frust auf das Dies- und das Jenseits unbedingt herausgeschrieen werden, und das gemeingefährlich Komische, das aus der Hilflosigkeit entsteht, mit der wir dem Tod begegnen, wird irgendwie verschämt ins Absurde gekünstelt. Die Schauspieler machen da mit, aber sie statten ihre Figuren doch auch mit einer herben Melancholie, mit einer trotzigen Traurigkeit aus, an der die sich festklammern, die immer wieder spürbar wird, auch wenn es noch so ans Eingemachte geht. Die Rituale der Trauer sind aufgebraucht, die alten Rechnungen sind beglichen. Was bleibt, ist das Erschrecken vor dem plötzlichen Alleinsein. Auch wenn der Verstorbene der letzte Dreck war – er fehlt einem.

So setzt sich am Ende der einsame seriöse Bestatter (Rolf Kindermann) neben die einsam nervöse Kamilla: und sie planen ein Leben über den lästigen Toten, auf den gerade ein Päckchen Blumenerde aus dem Obi-Markt gerieselt ist, und überhaupt über den lausigen Tod hinaus. Eine spätere Heirat wollen sie nicht ausschließen.


Am Tag der jungen Talente (UA)
von Polle Wilbert
Regie: Christoph Mehler, Bühne und Kostüme: Nehle Balkhausen.
Mit: Gina Henkel, Julia Bartolome, Thomas L. Dietz, Adeline Schebesch, Frank Damerius, Rolf Kindermann.

www.staatstheater-nuernberg.de


Kritikenrundschau

Hans-Peter Klatt schreibt in der Nürnberger Zeitung (28.4.2008): Das "kastenartige, unibraune Bühnenbild" verströme das Flair einer "Laderampe für Waschmaschinen". So flach wie dieses "trostlose Konstrukts" sei die Darstellung. Unmotiviert die Auftritte, "bizarr" das "Verhalten der Personen". Offenbar seien dem eigenwilligen Regisseur "seine Ideen wichtiger als das Stück oder die Zuschauer". "Künstlichkeit, der in Theatern und modernen Museen vorherrschende Ersatz für Kunst, ist die Substanz von Mehlers Veranstaltung." Polle Wilberts Stück scheine deutlich besser zu sein als dessen Inszenierung: Zwar sei die Idee, "bei einer Beerdigung die Fassaden der Familie mit ins Grab stürzen und an ihrer Stelle die Lebenslügen zu Tage treten zu lassen", nicht originell. Doch habe der Autor das "abgewrackte Grundgerüst mit einer interessanten Ost-West-Problematik" hinterfüttert. Leider habe Mehler aus diesem Potenzial nichts gemacht. Die Vorstellung sei "spannungsarm", sie schleppe sich nur von einer Albernheit zur nächsten.

In den Nürnberger Nachrichten (28.4.2008) schreibt Katharina Erlenwein: Wilbert habe "ein solides, zwischen Tragik und Komik flirrendes Stück geschrieben", das "die Gesellschaft auf die Kleinstform Familie" reduziere mit "all ihren Ungeheuerlichkeiten und Banalitäten". "Sprachliche Pointen", "Wendungen ins Absurde" und "genau gezeichneten Figuren" entschädigten für "die allzu bekannte Ausgangssituation". Christoph Mehler zeige das Begräbnis als "absurde Farce im bühnenfüllenden Familiensarg", setze auf "deftige Übertreibung, viel Hysterie und noch mehr Alkohol". Doch was im Text "eine allmähliche Steigerung" erfahre, sei in Mehlers Regie eine "rasante Fahrt auf immer gleichem Niveau". Es mangele an Zwischentönen, dennoch gebe es eindrucksvolle Momente, etwa wenn "Kamilla, verheddert in ihre heruntergezogene Strumpfhose, tanzt wie das willenlose Aufziehpüppchen, zu dem sie allen Männern gegenüber wird."

In der Nürnberger Ausgabe der Abendzeitung (28.4.2008) schreibt Dieter Stoll: In der Uraufführung werde "das Grapschen an Leib und Seele zur Grundhaltung". Da könne keiner mehr Kichern und Schreikrampf unterscheiden. Der Autor stemme "die Banalität des Alltags in die Höhenluft der Kunstfertigkeit". Wilbert, das Pseudonym des Münchner Kammerspiel-Dramaturgen Björn Bicker, stehe "vor lauter Zuspitzung am Ende mit leeren Händen da" und wirke dann "mindestens so ratlos wie seine ruppig hingestellten Figuren". Die "hochtourige Aufführung, eher unterhaltsam als herausfordernd angelegt und unterschwellig doch erfreulich frech", könne sich vor allem "auf das Frauen-Ensemble im Zickenalarmzustand" verlassen. Durch die "arientauglichen Schreikrämpfe" der Schauspieler lerne Nürnberg die Attacken-Ästhetik eines René Pollesch auch ein wenig kennen.

 
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