Der kommende Laufstand

von Sabine Leucht

München, 23. September 2016. Als "aufsehenerregend" war sie vom Haus bereits angekündigt, die Eröffnungsinszenierung des Münchner Residenztheaters, vor deren antizipierter Größe der Intendant nobel auf den zweiten Spielzeittag und die kleinere Bühne auswich. Vor seine eigene Auseinandersetzung mit Sartres "Die schmutzigen Hände" hat Martin Kušej also Schillers "Räuber" in der Regie von Ulrich Rasche gesetzt. Und vieles deutet darauf hin, dass ihm damit ein Coup gelungen ist wie vor drei Jahren mit Gotscheffs Zement, ja geradezu ein Coup de Force, denn nicht nur das Bühnenbild, an dem eine vermutlich erlesene Mannschaft von Technikern ein Jahr lang gearbeitet hat, sondern auch der Aufmarsch von zwei Dutzend skandierenden, singenden, musizierenden und marschierenden Menschen ist gigantisch.

Laufbänder

Rasche hat den ungleichen Brüdern Moor für ihre Familienzerlegungs- und Mordbrenner-Arbeit zwei riesige Laufbänder auf die Bühne gestellt. Und so langsam und unaufhaltsam, wie sich Franzens Selbstermächtigungsmaschinerie und die aus Verzweiflung und Idealismus erwachsene Selbstzerstörung des Räuberhauptmanns Karl bei Schiller zum finalen Desaster hin in Gang setzen, bewegen sich auch die Bänder, auf denen intime Begegnungen wie die kolossalsten Räuberaufmärsche gleichermaßen vonstatten gehen.

Raeuber 03 560 c Dashuber uFranz allein auf den Förderbändern des Theaters: Valéry Tscheplanowa  © Thomas Dashuber

Tscheplanowa-Glanz

Hier nur ein Rädchen im Getriebe zu sein mag Bibiana Beglau missfallen haben, die sich wegen "künstlerischer Differenzen" vorzeitig aus der Produktion verabschiedete. Sie hätte den Franz spielen sollen, den missgestalteten jüngeren Sohn des alten Moor. Nun spielt ihn Valéry Tscheplanowa – und nichts als eine linkische Krümmung im schmalen Mädchenleib weist darauf hin, dass da einer/eine aufgrund körperlicher Defekte zum ungeliebten Kind geworden sein könnte. Auch die betreffenden Textstellen sind in Rasches Version gestrichen. Offenbar sollte dieser Beweggrund für den Vater- und Brudermord wegfallen und der Ausbruch einer Frau aus den Fängen einer durch und durch patriarchalen Gesellschaft der Figur mehr Sympathie verschaffen. Doch auch wenn Tscheplanowa mit einem zaghaft ausgestreckten Arm mehr Verletzlichkeit ausdrücken kann als andere mit einer kompletten Nervenzusammenbruchs-Pantomime und "Morast" bei ihr wie eine Liebkosung klingt, so ganz erschließt sich diese Besetzungsstrategie nicht. Denn sie spielt zwar glänzend – aber eben auch weiterhin den intrigierenden und mordenden Franz.

Zartheit in der Überwältigung

Mehr gibt es aber auch nicht zu bemäkeln an einem Abend, dessen Überwältigungsästhetik man freilich mögen muss. Der hypnotisch wirkt durch Ari Benjamin Meyers minimalistische Kompositionen, die zunächst nur in Gestalt einiger Trommelschläge und einer zirpenden Geige auf die Bühne tropfen, um sich dann unaufhörlich zu verdichten und mit Sing- und rhythmischen Sprechstimmen anzureichern. Und die scheinbare Gleichförmigkeit der Bewegungen – kleine, langsame Schritte auf sich drehenden, gegeneinander verschiebenden und auf- und niederfahrenden Bändern – schärft die Aufmerksamkeit für emotionale und Bewegungs-Details ganz so, wie man in der nach dem Regen erblühenden Wüste die zartesten Farben feiert. Mag sein, dass Rasche-Kenner müde abwinken ob des alles in allem voraussehbaren Verfahrens: Chöre fast wie bei Schleef, eine Bühnenmaschinerie, die die Menschen in ihr Getriebe einspannt, Mut zum Pathos und ein Stoff, der die Spannung zwischen Individuum und Gruppe betont.

Raeuber 01 560 c Andreas Pohlmann uMit Beckengurten festgezurrt wie Galeerensklaven: Die Räuber in München © Andreas Pohlmann

Die Katastrophe: ein Theaterexerzitium

Für den Rasche-Neuling aber ist der Abend ein Ereignis. Wie geisterhaft die Räuber wirken, deren Stimmen beim Angriff auf den Pulverturm von überall her zu kommen scheinen, auch wenn sie mit hellen, vierfach gesicherten Beckengurten auf schwarzer Kleidung wie Galeerensklaven an den sich wieder und wieder neu aufbäumenden Laufband-Rampen festgezurrt sind. Wie man Schillers reiche Sätze buchstäblich mitdenken kann. Und wie frisch sie wirken in einer Zeit, wo die Selbstoptimierung nach Maßgabe der egoistischen Vernunft über allem steht und selbst die linke Freiheitsrhetorik sich gerne mit Gewalttoleranz und Menschenverachtung paart.

Rasche und sein Dramaturg Sebastian Huber haben die Räuber-Chöre mit einzelnen Sätzen aus den Schriften des Unsichtbaren Komitees angereichert, das 2010 zur Rebellion gegen den Menschen selbst aufrief ("Die Katastrophe ist nicht das, was erst kommt, sondern das, was da ist.") Diese "Räuber" zeigen den Sog und das Grauen von Gemeinschaften, sind Exerzitium wie Exorzismus, elektrisierend, kirremachend und reinigend. Kurz: Groß!

 

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie und Bühne: Ulrich Rasche, Komposition: Ari Benjamin Meyers, Kostüme: Heidi Hackl, Chorleitung: Alexander Weise, Choreinstudierung: Toni Jessen, Mitarbeit Bühne: Sabine Mäder, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Götz Schulte, Valery Tscheplanowa, Franz Pätzold, Nora Buzalka, Thomas Lettow, Max Koch, Leonard Hohm, Marcel Heuperman / Alexander Weise, László Branko Breiding, William Bartley Cooper, René Dumont, Toni Jessen, Moritz Borrmann, Yasin Boynuince, Kjell Brutscheidt, Emery Escher, Max Krause, Bekim latifi, Cyril Manusch, Sandro Schmalzl (Tenor), Martin Burgmair (Bassbariton), Gustavo Castillo (Bassbariton), Mariana Beleaeva (Violine), Jenny Scherling (Viola), Heiko Jung (E-Bass), Fabian Löbhard (Percussion).
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Rasches 'Räuber'-Unternehmung ist tatsächlich eine Schau. Sie ragt so steil und gesamtkunstwerklich kühn aus dem Normalspielbetrieb heraus, dass man erst mal staunen und sich dann dazu verhalten muss. Love it or hate it", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.9.2016). Und die Rezensentin liebte den Abend tendenziell eher, sah "titanisches Beeindruckungs- und Überwältigungstheater, wuchtvoll, humorfrei, gewaltig gestählt". Natürlich müsse man von dem Bühnenungetüm erzählen. Aber der Abend begnüge sich nicht mit technoiden Muckis, sondern zelebriere feierlich Sprache. "Ausgestellt wirkt so manches in diesem Frontaltheater. Und, auch das muss gesagt werden, es schrammt mitunter durchaus die Grenze zum Kitsch, vor allem gesangsmusikalisch. Und doch: ein Ereignis, dieser Abend!"

"Ohne dabei konkret zu werden, verweisen diese 'Räuber' (...) auch auf unsere unmittelbare Gegenwart, in der sich nicht unerhebliche Strömungen wieder in dumpfer Polemik und Gewalt gefallen", meint Sven Ricklefs vom Deutschlandfunk (25.9.2016). "Und so ist diese Schillerinszenierung durchaus ambivalent in ihrer Wirkung und zugleich; großartiges Theater, das diesen Saisonauftakt am Münchner Residenztheater tatsächlich zu einem Ereignis macht."

Parick Bahners ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.9.2016) viel weniger begeistert: Rasche siedle "Die Räuber" auf schiefer Ebene an, in endloser Bewegung. "Wie im Fitnessstudio müssen die Schauspieler gegen die Laufrichtung des Bandes marschieren." Es werde gebrüllt. "Aber was das Ohr des Zuschauers erreicht, kommt aus dem Apparat. (...) Dieses Hinhören, diese natürliche Herstellung von Gemeinschaft unter Fremden, wird ausgeschaltet." Das Räderlaufwerk stehe vermutlich für die konstitutionelle Unfähigkeit der Deutschen zur Revolution. "In jedem Fall für Fatalismus. Die Personen sehen einander nicht an, gehen aneinander vorbei. Ist das nicht furchtbar? (Ja. Weil man es nach dreißig Sekunden verstanden hat.)"

"Rasche zeigt eine Welt, die unaufhaltsam in Bewegung geraten ist, in eine Massenbewegung", schreibt K. Erik Franzen von der Frankfurter Rundschau (26.9.2016). "Geradezu weggerissen von der Wucht dieses Perpetuum Mobile eines kollektiven, extrem uniformierten Entwicklungsrausches werden nicht nur die Zuschauer, sondern schließlich auch 'Die Räuber'." Offengelegt werde die Ordnung der Gewalt. Rasches gewagtes Spiel mit totalitärer Ästhetik ende "zum Glück immerhin nicht-heroisch".

"Es ist kein berührender Abend, sondern ein bombastisches, fast vierstündiges Ereignis, das auch dem Zuschauer viel an Ausdauer abverlangt", schreibt Michael Stadler von der Abendzeitung München (27.9.2016). Rasche bombardiere mit visuellen-akustischen Eindrücken, dass keine Luft zum Durchatmen bleibe. "Schrecklicher Kitsch, könnte man urteilen. Oder es beeindruckend finden, wie hier ein Abend geschaffen wurde, der einen überrollt und im Kopf noch weiter und weiter läuft."

Förderbänder, auf denen nicht Kohle, sondern kriegerische Menschen transportiert werden, "eine Art archaische, ans Theater der alten Griechen anknüpfende Jahrmarktsensation, die man in Rasches Aufführung bestaunen kann", schreibt Wolfgang Höbel auf Wolfgang Höbel auf Spiegel online (24.9.2016). Schillers Helden seien hier schon optisch Spielfiguren in einer großen Maschinerie, "der Mensch in der Revolte bei Rasche ein Winzling im großen Fließband- und Räderwerk." "Für die Schauspieler ist das nicht unbedingt eine Einladung zu exakter oder gar psychologischer Detailarbeit. Und doch schaut man ihnen die allermeiste Zeit mit großer Faszination zu." Vielleicht sei der größte Trumpf die Musik des Komponisten Ari Benjamin Meyers, "die vollkommen gleichberechtigt mit dem gesprochenen und im Chor gebellten Wort ist". Fazit: "'Das Recht wohnt beim Überwältiger', sagt bei Schiller der Schurke Franz. An diesem Theaterabend gilt es für den Regisseur."

Kommentar schreiben