Entfremdung der Gefühle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. September 2016. Es ist eine geradezu inflationäre Erscheinung: Regisseur*innen, die bislang nur im Schauspielbereich tätig waren, zieht es an die Opernhäuser. Allein an den vergangenen beiden Wochenenden fanden zwei durchaus prominente solcher Operndebüts statt: Simon Stone inszenierte in Basel Korngolds "Tote Stadt" ("solides Handwerk – texttreu im allerbesten, nämlich kreativ weiterdenkenden Sinne", schrieb der Kollege von der NZZ), und an der Deutschen Oper Berlin hat sich Robert Borgmann nun gleich an ein Zentralstück des Repertoires gewagt, an Mozarts "Così fan tutte". 

Apparat aufbrechen

Den Regisseur*innen kann man diesen Schritt kaum verdenken – mitunter kann man aus den Häusern vernehmen, wie sehr sie von dem riesigen Apparat, über den sie plötzlich gebieten, gekickt werden. Und die Intendanten, die sie engagieren, mögen sich von ihnen einen Ausbruch aus Konventionen der Personenführung erhoffen, die in der Oper noch immer äußerst wirkungsmächtig sind.

Sollte dies auch die Ambition von Dietmar Schwarz, dem Intendanten der Deutschen Oper, gewesen sein, so ist sein Plan gründlich misslungen. Nein, die Personenregie von Robert Borgmann ist nicht schlecht, beileibe nicht – aber sie ist alles andere als originell. Seine Sängerdarstellerinnen spielen gewissermaßen ganz normale, recht neckisch anzuschauende Mozart-Komödie. Auch hier also könnte man sagen: "solides Handwerk". Doch das ist nur der eine, der uninteressante Teil der Geschichte. Denn Robert Borgmann ist ja auch sein eigener Bühnenbildner – und als solcher hat er Visionen ersonnen, die mit "Così fan tutte"-Konventionen dann doch nicht mehr allzu viel zu tun haben.

Traumlogische Welt

Es gibt ein ungemein böses Wort von Theodor W. Adorno über den Komponisten Jean Sibelius – seine Motive seien zwar geläufig, aber "in einen sinnlosen Zusammenhang gebracht: wie wenn man die Worte Tankstelle, Lunch, Tod, Greta, Pflugschar mit Verben und Partikeln wahllos zusammenkoppelt." Nach dem Prinzip Tankstelle-Lunch-Tod scheint auch Borgmanns Raum entworfen: Im zweiten Akt etwa kreisen auf der schwarz reflektierenden Drehbühne eine langsam vor sich hin wippende, raumbeherrschende Erdölförderpumpe, ein Kronleuchter, ein Cembalo, hohe Stellwände und Spiegel, der Buchstabe "S". Im Hintergrund wird mal ein abendlich beschienener Windpark projiziert, mal eine felsige Bergwelt. Aha! Hmm! Soso! Was will der Künstler damit sagen?

COSIFANTUTTE 1 560 c BerndUhlig uUnter der Erdölförderpumpe: surrealistische Landschaften in "Così fan tutte" © Bernd Uhlig

Man könnte sich nun mit ausgiebiger Dechiffrierarbeit verlustieren – und ginge damit möglicherweise am Wesen dieses Arrangements vorbei. Borgmann bringt vielmehr eine eher traumlogische Welt auf die Bühne, die das ohnehin völlig unrealistische Stück mit seiner Komödienmechanik und seinem Verkleidungswahnsinn (warum, so muss man sich ja immer wieder fragen, erkennen diese bekloppten Frauen wegen eines bisschens Maskerade ihre eigenen Verlobten nicht mehr?) ins Unvertraute und Ferne rückt.

Großer Gesang, große Lichtkunst

Zusammen mit der exquisiten, streckenweise sensationell schönen Lichtregie von Carsten Rüger und den dezent eingesetzten, atmosphärisch aber ungemein dichten Videobildern Lianne van de Laars ergibt das wunderbare Momente: Wenn etwa Nicole Car als Fiordiligi in ihrer mit stecknadel-stiller Innigkeit dargebotenen Arie "Per pietà, ben mio, perdona" (ein musikalischer Höhepunkt der Aufführung) verloren unter der schummrig beleuchteten Pferdekopfpumpe kauert, dann ist das ein großes Bild für die Entfremdung vom so sicher geglaubten eigenen Gefühlshaushalt – womit wir doch wieder beim Dechiffrieren wären.

COSIFANTUTTE 3 560 c BerndUhlig uNono oder No no? Hauptsache Verwechslung in "Così fan tutte" © Bernd Uhlig

Zuweilen erzeugen Borgmanns Bilder einen regelrecht surrealen Sog: Wenn im ersten Akt eine Art überdimensionales Distelgestrüpp, von dem sich ein riesiges, kunstvoll drapiertes neongelbes Tuch herabwindet, gemeinsam mit Rokoko-Musikinstrumenten seine langsamen Drehbühnen-Kreise zieht, wenn dann plötzlich grell pinke Neonlichter aufscheinen oder sich ein großes weißes Neonröhren-Quadrat vom Bühnenhimmel herabsenkt, dann könnte man meinen, Salvador Dalí und der Lichtkünstler Dan Flavin hätten sich zu einer Bühneninstallation zusammengetan. Die Neon-Signalfarben finden sich übrigens auch – gleichsam als Paar-Zuordnungshilfe – in den erlesenen Kostümen wieder, für die der Berliner Stardesigner Michael Sontag verantwortlich zeichnet.

Beliebige Bildfantasien

Eine Deutung im klassischen Sinne bietet Borgmann indes nicht. Und gänzlich entrinnt dieses berückende Bildernetz dann doch nicht der von Adorno beschworenen Gefahr: Möchte man nicht gleich Zusammenhanglosigkeit unterstellen, so lugt doch zumindest eine gewisse Beliebigkeit der Bildfantasien um die Ecke. Wem allerdings die avancierte Optik so gar nicht zusagt, der kann sich immer noch an die robuste Personenregie halten – und natürlich an die Musik.

Glücklicherweise hat das blendend aufgelegte Sänger*innen-Team der Versuchung widerstanden, in dem riesigen Raum der Deutschen Oper allzu sehr zu forcieren, und so hört man an diesem Abend durchweg schlanken, einnehmenden Mozart-Gesang. Woran auch Generalmusikdirektor Donald Runnicles seinen Anteil hat, sind die Sänger*innen bei seinem straffen, lebendig durchpulsten, aber niemals überhetzten Dirigat doch bestens aufgehoben.

Così fan tutte
von Wolfgang Amadeus Mozart, Text von Lorenzo da Ponte
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Musikalische Leitung: Donald Runnicles, Kostüme: Michael Sontag, Video: Lianne van de Laar, Licht: Carsten Rüger, Chöre: Raymond Hughes, Dramaturgie: Jörg Königsdorf.
Mit: Nicole Car, Stephanie Lauricella, John Chest, Paolo Fanale, Noel Bouley, Alexandra Hutton, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.deutscheoperberlin.de

 

Kritikenrundschau

Felix Stephan von der Berliner Morgenpost (26.9.2016) schreibt, der Regisseur gebe im Laufe des Abends "Rätsel um Rätsel auf, die sich auch nach über drei Stunden kaum lösen lassen". "(D)as Prinzip 'Theater im Theater' entlarvt das Bühnengeschehen, raubt die Publikumsillusionen, demaskiert die Sänger." Das Ensemble sei bis auf Ausnahmen hochklassig, während Generalmusikdirektor Donald Runnicles einen "routiniert begleitenden Mozart" pflege.

Clemens Haustein von der Berliner Zeitung (27.9.2016) schreibt: Zügig und mit eleganter Spannkraft werde musiziert. "Das korrespondiert einerseits gut mit Borgmanns Einfall, die Oper als schummriges Nachtstück zu präsentieren, führt andererseits mit fortschreitendem Abend aber zu unguter Schattenhaftigkeit." Zu fein sei dieses Orchesterwispern, um der Sogkraft des schwarzen Loches auf der Bühne widerstehen zu können.

"Allerhand Inszenierungsmüll wird da lustlos verschoben, die Rokoko-Zuschauer auf ihren Stühlchen, das Ansingen des Publikums bei Saallicht, (…), (a)usgestellte Lichtbrücken, ständig rotierende Teile eines nie zusammengesetzten Bühnenraums – schon verstanden, das ist alles Theater hier. Aber von der Sorte, die einem für immer die Lust an dieser Ausgeburt von Trostlosigkeit nimmt", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel (26.9.2016). Borgmann beschädige unbekümmert alle seine Darsteller, "lässt sie die Finten aufs Affigste hinschmieren, als Tölpeliade ohne jeden metaphysischen Witz".

Borgmann nähere sich mit philosophischer Demut Mozarts Oper, schreibt Niklaus Hablützel von der taz (27.9.2016). Ein gutes Stück sei es nicht, jedoch: "Bei Borgmann ist diese dramaturgische Nullnummer kein Problem, weil er kein Drama inszeniert, sondern ein Gedankenexperiment." Leider, denn es komme etwas wenig für Mozart heraus, "der seine Figuren sehr viel mehr leiden lässt unter der Last ihrer Gefühle, als Borgmann zeigen kann". Sein ehrfurchtsvolles Gedankenexperiment ende mit zwei braven Mädchen und zwei artigen Jungens, die sich dem besseren Argument beugen. "War es das? Nein, wenn Nicole Car in ihrer großen Arie der Fiordiligi weit ausholt, sich selber auf die Probe stellt, Moral, Gefühl und Lust abwägt, um sich selbst die Untreue zu erlauben, dann geht es weit mehr unter die Haut als die didaktische Installation, die Borgmann um sie herum gebaut hat."

Auf welt.de (8.10.2016) möchte Elmar Krekeler statt von Inszenierung lieber von "Opern-Installation" sprechen. Das Problem im vorliegenden Fall ist aus seiner Sicht, "dass, wenn man erst mal alles weitgehend leer geräumt hat, sich die gigantische Bühne, auf der Mozart immer ein bisschen verängstigt aussieht, in eine Falle verwandelt. Was gesungen wird, huscht zu allen Seiten weg, muss nach vorne geholt werden, sonst wird es wie von einer akustischen Ölpumpe erschlagen. Und das wiederum wäre wirklich schade gewesen." Donald Runnicles lege einen feingewirkten, beinahe allwissenden Klangteppich von erstaunlicher Durchsichtigkeit aus. "Darauf findet in Borgmanns wenigstens angedeutetem Coming-of-Age-Liebesdrama eine ebenso erstaunliche Jugendmesse sich ineinander verschlingender schöner Stimmen statt." So dürften nun die Jungen an die Pumpe und Borgmanns kurbelnder Künstlichkeit geben, "was sie dringender brauchte als andere 'Così'-Intensität", nämlich Authentizität und Herz.

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