Wir zahmen Haustiere

von Dorothea Marcus

Köln, 29. September 2016. Das nennt man wohl aktive Traumabewältigung: Trotz der in unbestimmte Zukunft verschobenen Neueröffnung des Kölner Schauspiels verfällt Intendant Stefan Bachmann ob des Baudesasters nicht in Depression, sondern hat nun einen Teil der Theaterdauerbaustelle in Betrieb genommen. Ironisch genug: Während das Schauspiel mindestens drei weitere Spielzeiten im rechtsrheinisch peripheren und als problematisch geltenden Köln-Mülheim Gentrifizierungsarbeit leistet, heißt das Theater im Stadtzentrum nun "Außenspielstätte".

Und obwohl erst knapp 24 Stunden vorher die Spielgenehmigung kam, in letzter Sekunde Stühle nummeriert und Teppiche fixiert wurden, wirkt das neue "Kleine Haus" mit bodentiefen Fenstern und der Bar "Britney", pink angestrahlt, edel verkleidet und nun von vier ehemaligen Regieassistenten kuratiert, völlig nagelneu und fertig. Eine von ihnen, Pınar Karabulut, die mit ihrer viel beachteten Laucke-Inszenierung von Furcht und Ekel unter anderem zum Heidelberger Stückemarkt geladen wurde (und dort den NachSpielPreis gewann), hat hier nun gleich eine Uraufführung des Autors an Land gezogen. Die "Karnickel" in Dirk Lauckes neuem Stück tauchen zunächst gar nicht auf – am ehesten ist es noch das pelzbesetzte Kostümungetüm von Ina (Yvon Jansen), die sich mit energischem Bauchtanz aus einer eingefahrenen Ehe befreien will, das vorerst an die Haustiere erinnert.

Optimiert in die Gruft

Laucke lässt in "Karnickel" mit leichter Hand drei Generationen aufeinandertreffen und erzählt von ihren linksliberalen, politisch bewussten Lebensläufen auf dem Weg von der Wiege zum menschlichen Ausschuss. Aus einem für Menschen zu kleinen Vorzeige-Häuschen mit rot angestrahlten Fenstern und zweidimensionalen Baum-Abbildern, das sich auch sehr schön drehen kann, steigt zunächst Hermann (Werner Rehm), der demente Vater, wie ein ausrangierter Bilderbuch-König in Stern-Bademantel und Taschenlampe, der meist die klügsten Dinge sagt, während er mit Erinnerungsfragmenten seines Lebens kämpft. Eine davon ist das Kaninchen Blacky, das einst von seinem Sohn Robert befreit wurde, nur um sogleich vom Rottweiler nebenan gefressen zu werden – Zuchttiere sind für Freiheit eben nicht gemacht. Ein Schelm, wer dabei an den überzivilisierten westlichen Mitteleuropäer denkt, der sich im rasenden Stillstand selbstoptimiert, um danach eben auch nur in die Gruft zu fahren.Karnickel2 560 David Baltzer uProgressiver Professor gerät ins Straucheln: Benjamin Höppner als Robert (rechts)
und Mohamed Achour © David Baltzer

Robert als Erwachsener (Benjamin Höppner) ist die eigentliche Hauptfigur des Stücks: Der progressive Filmhochschulprofessor mit Ehe, Haus sowie Aussicht auf Leitungsposition gerät ins Straucheln, als auf die Stelle eine international vernetzte Frau gesetzt und er zum Gastprofessor degradiert wird – wie schnell kann einem das Leben entgleiten. Sein Sohn Juri (Thomas Brandt) ist Dark Waver mit schwarzer Haartolle, Veganer und Weltverbesserer, der das linksliberale Establishment seines Vaters ablehnt ("hoffentlich sterbe ich, bevor ich so tot bin"), aber Panik vor Keimen auf Parkbänken hat und nicht mitbekommt, dass seine Freundin Nadja von ihm schwanger ist.

Imbissbuden-Philosophie

Und dann gibt es da noch den Sozialarbeiter Matschke, der mit maximaler Toleranz und in verharmlosender Wischi-Waschi-Sprache eine Mediation zwischen Opfern und "Übergriffigen" anstrengt, die dann doch einfach abhauen. Mohamed Achour changiert genau zwischen betulicher Schmierigkeit des Empowerment-Sprechs und echter Kommunikationshilfe. Mit der elliptischen Rotzigkeit von Lauckes Sprache, in deren Zwischenräumen Poesie liegt, schafft er es, jeder Figur ein würdevolles Eigenleben zu geben und sie trotzdem über sich hinausweisen zu lassen: als jeweils gültige Versuche, dem unbarmherzigen Lebenskreislauf aus Geborenwerden, pubertärer Zwangsrebellion, saturierter Mittelstandsbehäbigkeit und Altersentsorgung irgendwie Sinn abzutrotzen.

Sehr schön kulminiert das in jener Szene, als Robert (Benjamin Höppner ist grandios in seiner durchlässig-empfindsamen Betrunkenheit) sich an einem Imbiss Wodkas hineinschüttet, dabei Siegfried Kracauer zitiert, während er von unsichtbarer Hand ein Krakauer-Würstchen angereicht bekommt, das er verächtlich ablehnt (und schließlich doch isst): "Wenn man kein Fundamentalist sein will, dann kann man nicht mehr DIE Idee verteidigen ... Dabei wärs so schön mit einer Idee. Man liebt ja seine Helden und Lügen." Die Theorien des Soziologen und Philosophen Kracauer, zugleich ein wehmütiger Abgesang auf die Möglichkeit der linksideologischen Weltverbesserung, liegen wie ein roter Faden unter dem Stück. Einmal wird traurig der DDR-Trauermarsch "Unsterbliche Opfer" gesungen – aber es gibt eben keine Ideologien mehr im Durch- und Nebeneinander der Welten.

Aus dem Hamsterrad gestolpert

Pınar Karabulut gelingt durch Bildverknüpfungen, Schattenspiele und Musikeinsatz, assoziative Räume zu öffnen – manchmal sind ihre Einfälle aber auch nur lustig, wenn etwa die Figuren mehrmals fast in den neon-orangenen Kotzhaufen der schwangeren Nadja hineintreten. Eine dichte und souveräne Inszenierung, die den Figuren bei aller Lustigkeit ihre Würde lässt und sie nie zu Karikaturen macht. Immer wieder tauchen maskierte Kaninchen oder andere warnende Vergangenheits-Geister am Rande auf und geben dem, was auf den ersten Blick wie Alltagssprech wirkt, eine Tiefenschicht: dass wir zahmen kleinen Haustiere, die hier das Leben absitzen, mal aus dem Hamsterrad stolpern sollten in ein Zwischenreich, jenseits von Polit-Zwang und Wohlstands-Starre.

 

Karnickel
von Dirk Laucke
Uraufführung
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Franziska Harm, Kostüme: Bettina Werner, Musik: Daniel Murena, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Benjamin Höppner, Yvon Jansen, Mohamed Achour, Thomas Brandt, Magda Lena Schlott, Werner Rehm.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 


Kritikenrundschau

Eine "eine Abrechnung mit sich über drei Generationen erstreckenden linksliberalen Selbstgewissheiten“ hat Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (1.10.2016) in Dirk Lauckes neuem Stück entdeckt. Regisseurin Pinar Karabulut "setzt zunächst auf Tempo, lässt Lauckes scharfgeschliffene Alltagsdialoge überlappen, findet schlagend komische Bilder fürs Eingepferchtsein ins Eigenheim und für die Lächerlichkeit selbstgehäkelter Befreiungsversuche aus dem Wohlstands-Gatter". Fazit: "Spielwütiges Ensemble, rasante Regie, halbgare Komödie: Kein perfekter Abend, aber ein rosa Hoffnungsschimmer für die Stadtkultur."

"Lauckes Stärke sind rasend verzahnte Dialoge, in denen kaum jemand das donnernd Ungesagte hört", konstatiert Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (1.10.2016). Karabulut nehme den Begriff 'Komödie' "als Ansporn zu wahren Gagkaskaden". Sie schieße von Slapstick bis Zeitlupe das ganze Sortiment von der Effektrampe. "Dabei setzt sie Lauckes garstig-traurigen Verriss linken Utopieverrats so heftig unter Strom, dass die Sicherungen rausfliegen."

"Von Experiment" ist zum Auftakt in der neuen Spielstätte des Schauspiels Köln "nicht viel zu spüren, zu mitteilsam und bemüht das Stück 'Karnickel' von Dirk Laucke, eine klischeeselige Komödie, zu brav, illustrativ und faxensatt die Inszenierung von Pinar Karabulut", meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.10.2016).

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