Die letzten der weißen Männer

 von Jan Fischer

Göttingen, 30. September 2016. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft. Die letzten der weißen Männer, Akteure des "letzten deutschen Volksaufstands" rollen auf elektrischen Rollstühlen durch einen klinisch weißen Raum. Hin und wieder krakeelen sie durch den Nebel ihrer Altersdemenz "Deutschland erwache!", oder murmeln etwas davon, dass sie Reichsbürger seien.

So sieht der Rahmen aus, den Kevin Rittbergers Text "Peak White oder Wirr sinkt das Volk" sich steckt, das zeitgleich am Deutschen Theater Göttingen und am Theater Heidelberg Premiere feiert. Aus der wohltuend entfernten Perspektive Near-Future-Utopie betrachtet der Text die rechten Bewegungen unserer 2010er Jahre. Diejenigen, die sich heute so wichtig nehmen, leiden in Rittbergers Zukunft an altersbedingtem Bedeutungsverlust und ihre einst gefährlichen Parolen sind nicht mehr von den eingebildeten Zuständen ihres Gedächtnisverlustes zu unterscheiden.

PEAKWHITE2 560 thomas muellerIn der Rollstuhl-Dystopie: Gabriel von Berlepsch, Marco Matthes, Nikolaus Kühn, Andrea Strube, Andreas Jeßing, Florian Eppinger  © Thomas Müller

Gebrabbel im Whitecube

In Göttingen inszeniert Katharina Ramser das Stück, die Bühne rein weiß, ein großer, leerer Whitecube, in dem die alten Herren ihren Lebensabend in endlosen Runden auf ihren Rollstühlen verbringen und niemand interessiert sich für sie. Alles ist Routine, solange, bis die Pflegerin Amsel (eine umgeschulte Schauspielerin) vom Pflegeroboter Tante Atlanta abgelöst wird. Dessen Rassismus-Wortfilter mit dem Gebrabbel der alten Herren nicht klarkommen. Das sei der Punkt, sagt sie, an dem die Redefreiheit aufhöre. Also bringt sie sie einen nach dem anderen um.

Es könnte so einfach sein

Whitecube, übertrieben auf alt geschminkte Schauspieler, die Komik des elektrischen Rollstuhlballettes und die Absurdität der von den alten, dementen Männern deklamierten Parolen aus der Vergangenheit, ein paar Schockmomente, wenn die Brandparolen aus vollem Herzen von der Bühne herunter gebrüllt werden, eine Künstliche Intelligenz, die ambivalent moralisiert und die Utopie langsam zugunsten von etwas Dunklerem auflöst. Kann man so machen.

PEAKWHITE1 280 thomas mueller uWo der Mistkäfer wütet: Anna Karstens, Andrea Strube  © Thomas MüllerAber so einfach ist es selbstverständlich nicht. Gleich am Anfang lässt sich die Pflegerin Amsel als Mistkäfer verkleidet von der Decke herab und wirft mit ihren Patienten einen Dungball hin und her. Kinder tauchen auf, mit Masken, die den Gesichtern der alten Männer ähnlich sehen, spielen Verstecken und singen im gruseligen Kinderchor. Der Pflegeroboter gibt in einem langen Monolog die Geschichte des Nationalismus vom Deutschen Reich bis in die Jetztzeit zum Besten, möchte dann aber Schauspieler werden, leiht sich von Amsel das Käferkostüm und spielt eine Kurzversion von Kafkas "Verwandlung". Dann kommt der Meta-Move, Amsel meint, das Theater sei der letzte Ort, an dem die Kultur der alten, weißen Männer sich selbst feiern könne. Es gibt zwei, drei Musical- Einlagen. Die weißen Männer waren dann doch keine Rassisten und Nationalisten, sondern V-Männer, die ihre Einstellung wie eine Maske an- und ablegen können. Und Tante Atlanta fragt, ob man denn auch die Algorithmen und Künstlichen Intelligenzen mit offenen Armen in der Gesellschaft empfangen würde.

Besoffen von Referenzen und Reflektionen

Es ist ein schöner Kunstgriff des Autors, die Debatte um rechte Tendenzen und Bewegungen in der Gesellschaft aus der sicheren Entfernung einer nahen Zukunft zu betrachten – das nimmt ihr viel Feuer und Sprengkraft, und erlaubt einen ruhigeren Blick. Vor allem aber erlaubt es ihm, absurde Parolen als solche zu enttarnen, ohne ihnen ihre Kraft zu nehmen: "Deutschland erwache!" in einem Theater von der Bühne zugebrüllt zu bekommen, tut weh, zumindest in dieser Inszenierung, und sei es aus Gründen der Altersdemenz. Der leere, weiße Raum bietet viel Platz für die Fallhöhe zwischen den Parolen und der Komik der auf alt geschminkten Schauspieler in ihren elektrischen Rollstühlen.

Allerdings verliert sich die Inszenierung irgendwann fast schon besoffen in ihren eigenen Referenzen und Reflektionen, zieht Ebene um Ebene ein, wo es vielleicht gar keine bräuchte. Ein kleiner geschichtlicher Exkurs? Gut und schön. Eine kurze Reflexion des Theaters als Inszenierungsraum der Geschichte? Ja, warum nicht. Eine Debatte um Künstliche Intelligenzen anreißen? Ist vielleicht ein bisschen viel. Was soll der Chor der alten Kinder? Warum unbedingt Musicalnummern? Warum der Mistkäfer, woher kommt jetzt Kafka? Das alles erklären Text und Inszenierung kaum. "Peak White“ ist ein kluges Stück und eines, das an seiner eigenen Absurdität Spaß hat. Aber es ist auch irrsinnig dicht gepackt und steht sich damit letzendlich oft selbst im Weg.

 

Peak White oder Wirr sinkt das Volk
von Kevin Rittberger
Uraufführung (parallel mit Heidelberg)
Regie: Katharina Ramser, Bühne und Kostüme: Elisa Alessi, Musik: Michael Frei.
Mit: Andrea Strube, Florian Eppinger, Andreas Jeßing, Marco Matthes, Nikolaus Kühn, Gabriel von Berlepsch, Fabienne Adam, Karlotta Bartosch, Tilla Jeßing, Anna Karstens, Emma Menssen, Ide Nossek, Mia Sophie Qu.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Mehr zu Peak White: Der Autor selbst inszenierte die zeitgleich stattfindende Uraufführung in Heidelberg.

Kritikenrundschau

Auf der Website der Hessischen-Niedersächsischen Allgemeinen aus Kassel schreibt Bettina Fraschke (4.10.2016): Rittberger habe ein "klasse vertracktes, thematisch recht überladenes Auftragsdrama" geschrieben. Regisseurin Ramser bringe "Übersichtlichkeit in die vielen Themenfelder", indem sie "die Handlung" in einen "stilisierten Kontext" rücke. "Wunderbar gruselig" die Idee, Kinder auftreten zu lassen mit "Altmänner-Masken" und im exakt selben Kostüm wie die vier Alten. Florian Eppinger, Andreas Jeßing, Marco Matthes und Nikolaus Kühn als Alte gäben "wunderbar differenziert die vier Typen wieder". Ergiebiger als Exkurse zu aktuellen Trends sei der Handlungsstrang, in dem Pflegerin Amsel durch Roboter Atlanta ersetzt wird. Gabriel von Berlepsch spiele den "toll exaltiert".

Tomke Aljets schreibt im Göttinger Tagblatt (4.10.2016), Stück und Inszenierung gäben einen "teilweise irrsinnig komisch verpackten Blick auf vier Heimbewohner, die vom Rechtspopulismus zu hasserfüllten, ängstlichen Menschen geformt wurden. Durch das "Herunterrattern von historischen Zusammenhängen", den "schnellen Monologen" und den "teilweise abstrusen Szenen" bleibe "das Wesentliche allerdings auf der Strecke und viele Fragen offen".

 

 
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