Die Folter endet nie

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 7. Oktober 2016. Die Bühne liegt im Dunkeln, ist zugestellt mit alten Büsten, mit antikem Mobiliar, Lampenschirmen, Klavier und Plattenspieler. Dazwischen ein großes Gerüst, bei dem man nicht sicher ist, ob es mehr Globus oder Käfig sein soll: Die ganze Welt ist ein Gefängnis, scheint es uns zu sagen. Am Rand ein Misshandelter, über und über voller Kunstblut, das Feinrippunterhemd vollgesaugt mit roter Farbe, er trägt Schlieren an den Beinen. Und dann wird es laut. "We love you", dieses lysergsäurediethylamidschwangere Meisterwerk der Stones, schallt aus den Boxen. Man hört das nervöse Klavier, den psychedelischen Chor, den Krach.

Hier geht es um Folter, hier wird einer verhört, hier wird misshandelt. "One for the Road" aus dem Jahr 1984 ist eines der politischen Stücke des britischen Autors und Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter, der 2008 verstarb. Die argentinische Militärdiktatur und das totalitäre türkische Regime sollen ihn beschäftigt haben, als er den Text schrieb. Das Verhör, das das Stück beschreibt, bleibt zeit- und ortlos. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels steht es am Beginn eines Pinter-Doppelabends von  Jürgen Kruse, der außerdem noch "Der stumme Diener" (uraufgeführt 1959) inszeniert.

Teil 1: "Töten Sie mich"

"One for the Road" lebt von Oliver Kraushaar, der Nicolas spielt, den Folterer. Im Bürostuhl bewegt er sich über die Bühne, schenkt sich Whisky ins Glas ("one for the road" / "noch einen Schluck für den Weg"), redet – jeweils einzeln – auf seine Opfer, eine dreiköpfige Familie, ein. Er spricht seltsam abgehackt, künstlich, betont die einzelne Silben, dehnt die Wörter. Er wirkt mal albern, dann wieder kühl und teilnahmslos, wie ein Bürokrat des Terrors. Victor, den er verhört und der von Isaak Dentler gespielt wird, steht daneben, spuckt Blut und kleine Kügelchen aus dem Mund, fleht seinen Peiniger an: "Töten Sie mich!"

DerstummeDiener1 560 Birgit Hupfeld uIsaak Dentler, Oliver Kraushaar © Birgit Hupfeld

Nicolas, gekleidet wie der Sheriff aus einem Western, schnappt sich den Malträtierten, tanzt mit dem leblosen Körper im Arm über die Bühne, minutenlang. Es sind eindringliche, bedrückende Momente, die Jürgen Kruse, der alte Wilde des deutschen Stadttheaters, da erschafft. Wie so häufig bei ihm spielt die Musik, spielen Blues, Rock und Punk, eine zentrale Rolle. "Guns of Brixton" von The Clash erklingt in der fragmentarischen Version vom Doppelalbum "Sandinista", bei der ein junges Mädchen singt, später wird zu Italo-Pop geschwoft.

Teil 2: Little Britain

So verstörend der erste Teil des Abends ausfällt, so kalt lässt einen die zweite Hälfte. "Der stumme Diener" stammt aus der Zeit, als Harold Pinter noch stark vom absurden Theater und von Samuel Beckett geprägt war. Zwei Auftragsmörder, dargestellt wieder von Kraushaar und Dentler, warten in einem Hotelzimmer auf ihren nächsten Job. Der Globus wurde etwas zur Seite gerückt, auf der Bühne stehen nun Retro-Betten mit Metallgitterstäben. Die Männer fläzen darin, schlagen die Zeit tot, verstricken sich in ziellose Dialoge. Sie lesen aus dem Vermischten der Zeitung vor, giggeln über einen Greis, der von einem Auto überrollt wurde. Über einen Speisenaufzug, den "stummen Diener", erhalten die beiden Essensbestellungen, die sie natürlich nicht erfüllen können. Diese Prozedur wiederholt sich gleich mehrere Male.

Was in seiner Zeit einen Bruch mit den Konventionen des Theaters darstellte, wirkt heute kraftlos. Kruse hat dem Stoff von Pinter wenig beizufügen – außer einer Handvoll Gags. Da wird aus Großbritannien dann Großbrexitannien und aus dem Münzautomat ein Münzeuromat. Es gibt wirklich Witzigeres. 

One For The Road / Der stumme Diener
von Harold Pinter
Übersetzung: Willy H. Tiem ("One For The Road"), Heinrich Maria Ledig-Rowohlt ("Der stumme Diener")
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Raphaela Rose, Dramaturgie: Christian Franke.
Mit: Oliver Kraushaar, Isaak Dentler, Alexandra Finder, Daniel Kravtsenko, Statisten: Stefan Biaesch, Andreas Tillmann.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Cornelie Ueding schreibt (runterscrolen in der zweiten Hälfte geht's um Kuse) auf der Website des Deutschlandfunkes (9.10.2016): "Ein klug gedachtes Doppelprojekt." Aber: in Teil eins spucke das Opfer eine Stunde lang "Blut und ausgeschlagene Zähne", die Frau blubbere "Seifenblasen" aus dem misshandelten Körper und der Folterverwalter sondere "gestelzte Sottisen ab". Seinen Sätzen fehlten jedoch "Subtext" wie "die bestialische Gemeinheit". "Instinktsicher" gelinge es Kruse auch im zweiten Stück des Doppelabends "jede Doppelbödigkeit, Doppeldeutigkeit zu vermeiden - und damit jedes Spannungsmoment zu unterlaufen". Was bei dem Sujet beinahe ein Kunststück sei.

Judith von Sternburg schreibt in der Frankfurter Rundschau (10.10.2016) über den "mittlerweile verlässlich auftretenden Jürgen-Kruse-Abend der Frankfurter Schauspielsaison": man werde ihn vermissen, auf die Art, "in der man verstörte Individualisten auf einer Fußgängerzone vermisst, wenn sie dann doch irgendwann spurlos verschwinden". Der Abend sei wie üblich eine "skurrile Ansammlung von Kruse-Ideen und –Routinen" – eine "zugerümpelte Bühne", "lässige Schauspieler" und noch "jeder Kalauer, der sich am Wegesrand fand". Man könne bloß "nicht direkt sagen, dass Jürgen Kruse sich für die Details und Wendungen der Geschichten interessieren würde". Über Oliver Kraushaars "Tiefstsprechlage" könne man auch kichern, Abteilung "ein Späßchen geht immer noch". Isaak Dentlers Kichern sei sensationell, aber natürlich "wirklich nicht mehr als ein sensationelles Kichern".

Astrid Biesemeier schreibt in der Frankfurter Neuen Presse (10.10.2016): Der so "ausdrücklich" zugerümpelte "theatrale Raum" sei für den ersten Pinter zu "unkonkret". Noch "schwerer" wiege, dass "Gewalt und Brutalität", die unter den Aussagen schlummerten, geradezu versickerten unter dem "vielen Bühnenblut und der krusetypischen Vertheaterung mit eingespielten Songs, zerdehnten Wörtern, wiederholten Phrasen oder eingebauten Kalauern". Es könne sein, dass Kruse "nicht die Illusion aufkommen lassen wollte, dass Folter oder Folgen von Folter auf der Bühne gezeigt" werden könnten. So werde die Existenz von Gewalt zwar "grell und laut ausgestellt", aber weggerückt.
Besser passten "Regiehandschrift und Stück" in "Der stumme Diener" zusammen. Als Killer sollten Dentler und Kraushaar zwar Menschen umbringen, rängen allerdings mit einer undurchschaubaren Welt auf "äußerst komische und herrlich absurde" Art.

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