Mit Special Effect

von Elisabeth Maier

Konstanz, 8. Oktober 2016. "Nowhere Man" von den Beatles schallt aus einem nostalgischen Radiokasten. Ein Sprecher berichtet von den Truppen des Warschauer Pakts, die 1968 mit Panzern die Reformbewegung des "Prager Frühlings" niederschlugen. In diese zeitgeschichtliche Szenerie verpflanzt Neil LaBute Anton Tschechows "Onkel Wanja". Die russische Tragödie von Menschen in der Provinz inspiriert den in Europa wohl bekanntesten amerikanischen Dramatiker, über jüngere europäische Geschichte nachzudenken. Dieses "Umtopfen" hat etwas Erzwungenes. Denn LaButes Inszenierung bleibt trotz Retro-Stoffsesseln, Blumenkitsch und Geschichtsunterricht aus dem Lautsprecher vor allem eine psychologische Studie, wie die meisten Tschechow-Inszenierungen.

Immerhin mit Tiefgang: Auch in seinen eigenen Stücken schürft LaBute ja in Tiefenschichten der Psyche, blickt hinter die Fassade des Zeitgeists. Zuletzt arbeitete er in den USA als Filmemacher an der Miniserie "Van Helsing", in deren Mittelpunkt die Tochter des aus dem gleichnamigen Spielfilm (2004) bekannten Vampirjägers steht. In Konstanz gibt er als Regisseur sein Deutschland-Debüt (in Europa hat er bisher nur in London gearbeitet), 2014 hat er hier bereits ein Autorenlabor für junge europäische Dramatiker als Mentor geleitet.

Seelische Abgründe in betulicher Umgebung

Sein "Onkel Wanja" plätschert anfangs über weite Strecken höchst vergnüglich dahin. Aus der Perspektive deutschen Regietheaters wirkt LaButes Ansatz filmisch schlicht, fast altmodisch. Und auch die Musik von James Douglas und Andreas Kohl hat trotz erheblicher Lautstärke eher etwas von einem gefälligen Beatles-Medley.

Onkel Wanja1 560 Ilja Mess uSebastian Haase, Natalie Hünig © Ilja Mess

Was LaBute spielerisch aus dem Konstanzer Ensemble herauskitzelt, ist jedoch stark. Vor einem kitschigen Birkenwald-Gemälde, kleine Reminiszenz an die russische Seele, lebt der Gutsverwalter Wanja seinen Frust aus. Sebastian Haase gelingt eine grandiose psychologische Studie seiner Figur. Mit Gewalt unterdrückt der hagere Spieler im siffigen Rippenhemd seine Wut, die dann doch immer unkontrollierter aus ihm herausbricht.

Endlich Ausrasten

Natalie Hünig hingegen schöpft das Potenzial ihrer lebenshungrigen Professorengattin zu wenig aus. Als böse Stiefmutter der traurigen Sonja, die mit Wanja auf dem Gut verkümmert, wagt sie sich ebensowenig an Grenzen wie in den Liebesszenen mit dem Arzt Michail Astrow. Betörend schön erzählt Thomas Fritz Jung vom Scheitern seines Mediziners in der geistigen Provinz.

In Elina Finkels Übersetzung ist Tschechows Text vom melancholischen Ballast befreit. Für die inneren Kämpfe der Figuren findet sie schöne, gegenwärtige Bilder. Und LaBute ist ein texttreuer Regisseur – bis kurz vorm Schluss: Denn das Stück endet in Konstanz nicht, wie bei Tschechow, mit dem Gespräch von Sonja und Wanja am Küchentisch. Laura Lippmann, die als zurückgelassene Tochter des Professors die Schicksalsgemeinschaft souverän zusammengehalten hat, redet Wanja sein kaputtes Leben schön. Der aber hat längst alle Hemmungen verloren und vergewaltigt die junge Frau. Quälend lang ist das Publikum diesen Bildern ausgesetzt, bis sich der eiserne Vorhang senkt. Danach entfällt sogar der Schlussapplaus. Das brutale Ende geht unter die Haut, auch wenn LaBute da eine gewisse Lust am Knalleffekt made in USA nicht abzusprechen ist.

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Deutsch von Elina Finkel
Regie: Neil LaBute, Ausstattung: Regina Fraas, Produktionsleitung und Dramaturgie: Andreas Bauer, Musikalische Leitung: James Douglas und Andreas Kohl, Licht: Ulrich Babst.
Mit: Ralf Beckord, Natalie Hünig, Laura Lippmann, Sebastian Haase, Thomas Fritz Jung, Arlen Konietz, Franziska Kleinert.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theaterkonstanz.de

 

Kritikenrundschau

Für einen "Onkel Wanja“ in Konstanz musste erst ein berühmter Amerikaner in die deutsche Provinz kommen: Neil LaBute, schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.10.2016). Denn was der an diesem Abend präsentiert, was er da zusammen mit seinen Schauspielern erarbeitet habe, "ist über weite Strecken außergewöhnlich". Und zwar nicht wegen des (zum Glück) folgenlosen Einfalls, des Geschehens in die Endphase des Prager Frühlings zu verlegen, nicht wegen der Beatles-Platten, der Streifenkaugummi oder Lederjacken sind, sondern der "Fähigkeit, fast beiläufig dem Text seine Schwere zu nehmen, ohne sein Gewicht zu verringern". Die Inszenierung sei ein Ereignis. "Die Tschechowsche Melancholie wird weder krampfhaft vergeistigt noch aktualisiert. Die Dialoge sind ebenso genau inszeniert und aufeinander abgestimmt wie die nuancenreiche Körpersprache der Figuren." LaButes Realismus sei umfassend – und eben nicht nur psychologisch. "Unter seiner Führung werden Tschechows Figuren zu Kaltblütern, sie verlieren an Schwere, an Trägheit und finden doch keinen Weg, sich in die Freiheit hinauszuwinden."

"Neil LaBute als Regisseur in Konstanz, das ist eine Win-win-Situation", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.10.2016). Dem Konstanzer Haus bringe es überregionale Aufmerksamkeit und dem Ensemble einen ganz anderen Input. "Allerdings nimmt LaBute - hierin ganz Amerikaner - Tschechows Stück ungeniert als well-made play", mit der Folge, dass "Onkel Wanja" bei ihm wie eine Boulevardtheaterkomödie daherkomme: "sehr direkt, unverblümt, entertaining - mit effektbewussten Auftritts-, Lied- und Lachnummern. Was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, insgesamt aber doch erfrischend ist." Erst nach dem Schluss-Knaller verstehe man die Setzung besser und warum er viel Beatles-Musik einspiele. Fazit: "Zu gestehen, dass man so einen Abend in Konstanz nicht erwartet hätte, mag nach Großstadtarroganz klingen. Aber man muss es einmal sagen: Die sogenannte Theaterprovinz ist sehr viel besser als ihr Ruf, es hat sich da in den letzten zehn, fünfzehn Jahren inhaltlich und ästhetisch viel getan."

"Auf nach Konstanz!", ruft Elske Brault ihren Hörer*innen auf Deutschlandradio Kultur (7.10.2016) zu. "Der Zuschauer wird bestens unterhalten durch die Komik eines Well-made-play gemäß der angelsächsischen Theatertradition, doch zugleich hineingezogen in die hausgemachten seelischen Katastrophen der Tschechow-Stücke. Selten passierte auf dem Theater so angenehm drei Stunden lang – fast – nichts."

"Die Inszenierung selbst zeichnet zwar eine intensive Personenführung aus. Konzeptionell aber ist sie blass und deshalb über weite Strecken ermüdend“, berichtet Johannes Bruggaier für den Südkurier (online 9.10.2016). Die Verortung der Handlung "im revolutionären Prag bleibt ebenso beziehungslos im Raum stehen wie die musikalische Verknüpfung mit den Beatles. LaButes Bebilderung des Untergangs durch Metaphern wie entlaubte Bäume und verstummte Vögel wirkt reichlich abgestanden: Die wenigen Assoziationen zu aktuellen Fragen ergeben sich vor allem aus der literarischen Kraft des Werkes selbst."

Vor der finalen Vergewaltigungsszene habe Thomas Morawitzky von der Stuttgarter Zeitung (11.10.2016) eine "im Ansatz gewagt(e), in der Umsetzung jedoch konventionell(e)" Inszenierung erlebt. Morawitzky erwähnt, dass es LaButes erste Arbeit in einer Sprach ist, die er nicht beherrsche. "Vielleicht ist das der Grund, weshalb manche Szenen aus dem Landleben immer wieder in Stocken geraten und der Funke nicht überspringt." Die Wahl von Handlugnsort und Hanldungszeit wirke "beliebig".

Veronika Fischer von saiten.ch (11.10.2016) schreibt: Der Abend überzeuge durch Feinheiten, "die nur gelungene Produktionen aufzeigen können". Die einzelnen Charaktere seien "dermassen fein ausgearbeitet, dass sie ganze Welten mit auf die Bühne bringen, erkennbar in winzigen Details, die so wohl durchdacht sind, dass sie auf Anhieb verstanden werden". Am Ende vernichte LaBute Tschechows "romantische() Schwelgerei" einer besseren Zukunft "mit einer Radikalität, die dem Zuschauer die Sprache verschlägt".

 

 

 
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