Kalte Zeit

von Elisabeth Maier

Esslingen, 20. Oktober 2016. Über der Bühne hängt ein Heiland am Holzkreuz. Die ausgemergelten Rippen sind mit Blut verschmiert. Unter diesem gespenstischen Blickfang gerät die Welt ziemlich aus den Fugen in dieser Dramatisierung von Robert Seethalers "Der Trafikant". 2012 veröffentlichte der österreichische Autor und Schauspieler den Roman, der die fiktive Begegnung des jungen Franz Huchel mit dem Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, beschreibt.

Es ist das Jahr 1938, Österreich steht vor der Machtergreifung durch die Nazis. Da entdeckt ein junger Mann seine Sexualität. Schaurig und schön ist diese Mär, die trotz ihrer historischen Verankerung so gar nichts Verstaubtes hat. Hans-Ulrich Becker setzte die Uraufführung der Textfassung, die der Autor selbst geschrieben hat, nun in Esslingen in Szene.

Seelenlandschaft eines Heranwachsenden

Damit ist dem Intendanten Friedrich Schirmer ein doppelter Coup geglückt. Denn nachdem Seethaler mit der Uraufführung am Salzburger Landestheater im Januar dieses Jahres gar nicht einverstanden war, dramatisierte er den Prosatext nun selbst. Becker, einst Schirmers Hausregisseur in Stuttgart, arbeitet ansonsten an deutlich größeren Bühnen als der in Esslingen. Für die zauberhaft zerfurchten Seelenlandschaften in Seethalers Prosa beweist der Altmeister ein Händchen. Bierselige Prater-Romantik und Wiener Schmäh wischt er weg, konzentriert sich auf die inneren Kämpfe des jungen Franz, der nach Liebe lechzt. In dem Zeitungs- und Tabakladen des Trafikanten Otto Trsnjek knallen nun Liebesleid und Weltgeschichte in das Leben des Jungen aus der Provinz.

trafikant 32 560 patrick pfeiffer uHalb Tabaktrafikat, halb Verhörstube: die Bühne von Frank Chamier © Patrick Pfeiffer

Mit staunenden Augen und tiefem Schmerz peitscht Felix Jeiter seine Figur durch die politischen Wirrungen. Klug spielt er mit der Naivität des Heranwachsenden, den seine Mutter nach Wien in die Lehre schickt. Bei dem einbeinigen Trafikanten Trsnjek, den Martin Theuer als lebensklugen Lehrer konzipiert, lernt er seinen Beruf ebenso kennen wie Weltpolitik und "Wichsheftln" unterm Ladentisch.

Musikalische Abenteuerreise

Wie Blitzlichter lässt Regisseur Becker Stationen in Franz Huchels Leben aufleuchten. Die kantige, zugleich aber tief poetische Sprache des Romans übersetzt er in starke Bilder. Schön sind die Dialoge mit der Mutter, die mit ihrem Sohn Postkarten vom Attersee und aus der Hauptstadt Wien austauscht. Zärtlich und schroff schickt Sabine Bräuning ihr Kind in die Fremde, ohne ihn wirklich loszulassen. Aus der Machtgier ihrer Glucke macht sie keinen Hehl. Nicht zuletzt wegen dieser Abhängigkeit von Mama ist Franz für Nina Mohrs derb-berechnendes böhmisches Mädchen Anezka leichte Beute.

trafikant 69 560 patrick pfeiffer u Felix Jeiter als Franz Huchel, Martin Theuer als Otto Trsnjek © Patrick Pfeiffer

Mit einer wuchtigen Holztheke, Zeitungsstapeln und einem Sofa aus Teppichstoff ist Frank Chamiers Bühne voll gestopft. Im Spiel entwickelt sich der Raum zur Simultanbühne, die schnelle Wechsel zwischen den Szenen möglich macht. Dass die fieberträumerische Atmosphäre von Seethalers Erfolgsroman so schön zum Tragen kommt, ist nicht zuletzt Steffen Moddrows Klangkunst zu danken. Mit Schreibmaschinen, Schlagzeug, Keyboard, ja sogar mit platzenden Luftballons lässt er seine Musik da beginnen, wo den Akteuren die Sprache versagt. Seine atonale Abenteuerreise ist grandios.

Verdichtet überkomplex

In diesem Traumraum fällt es dem souveränen Peter Kaghanovitch als "Deppendoktor" Freud leicht, den jungen Franz mit den Spielformen der Liebe vertraut zu machen. Es ist wunderbar, ihren Gesprächen zu lauschen. Wenn sie reden, fällt Schnee. Langsam erfriert der jüdische Arzt (Peter Kaghanovitch), und Schuld sind nicht nur die Scheeflocken, es ist die Kälte der Zeit, die seine Glieder erstarren lässt.

Als am Ende die Nazis die Macht ergreifen, zerfasert Beckers bis dahin so stimmiges Regiekonzept. Da rächt sich der Kunstgriff von Autor und Regie, die vielen Nebenrollen auf drei Akteure zu konzentrieren. Dass Täter und Opfer von einer Person verkörpert werden, bewahrt Becker und das Ensemble zwar vor Schwarzweißmalerei. Das Ende wird so aber zu komplex. Franz Huchels persönliche Tragödie, die Seethaler im Roman so virtuos mit der Weltgeschichte verknüpft, geht in einer schrägen Geisterparade unter. Und doch gelingt ein Abend, der von menschlicher Seelenkälte erzählt, die es zu allen Zeiten gibt.

Der Trafikant
von Robert Seethaler
Uraufführung der Textfassung von Robert Seethaler
Regie: Hans-Ulrich Becker, Bühne und Kostüme: Frank Chamier, Bühnenmusik: Steffen Moddrow, Dramaturgie: Michaela Stolte. Mit: Felix Jeiter, Sabine Bräuning, Martin Theuer, Peter Kaghanovitch, Nina Mohr, Antonio Lallo, Frank Ehrhardt, Ursula Berlinghof.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.wlb-esslingen.de

 

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung von Hans-Ulrich Becker ist ein Fest", schreibt Dorothee Schöpfer in den Stuttgarter Nachrichten (22. 10. 2016), was die Kritikerin wesentlich auf die "großartigen" Schauspieler und die "Führung eines klugen Regisseurs" zurückführt, "der auch die vielen Momente der Stille auf der Bühne so zu zeigen vermag, dass alles gesagt wird. Neben dem achtköpfigen Ensemble, das souverän über zwanzig Rollen ausfüllt, gebe es noch einen weiteren Mitspieler: "die Musik. Steffen Moddrow und Andrew Zbik setzen am Schlagzeug und anderen Instrumenten Akzente und Stimmungen – vom schmalzigen Liebeslied bis zum dramatischen Trommelwirbel. Da braucht es keinen Bühnenumbau, da genügt ein musikalischer Impuls".

 
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