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von Sabine Leucht

München, 22. Oktober 2016. Die übermannshohen Lettern, die in verwaschener Kreideschrift auf der Rückwand der nackten schwarzen Bühne prangen, beginnen am Schluss zu leuchten. "HOPE" steht da wie zum Hohn auf eine Geschichte, die bekanntlich nicht gut ausgeht. Doch halt! Schwingt sich Elisabeth nicht gerade ziemlich behände auf die Neonlampe, die auf ihre Leiche herabgefahren ist, und schaukelt mit ihr in die Aufführungsdämmerung?

Solides Handwerk

David Bösch inszeniert Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" am Münchner Residenztheater: Bei dieser Aussicht stellt sich im Vorfeld weder der große Adrenalinschub noch Bangigkeit ein. Man erwartet von der Kombination dieser gleichermaßen erprobten Zutaten schlicht solides Schauspielertheater. Und ungefähr so ist der Abend auch geworden. Bösch beherrscht sein Handwerk und weiß, in welche Trickkiste er greifen muss, um hier Poesie, dort soziales Elend und zwischendurch den ein oder anderen Gag aus dem Ärmel zu schütteln. Von diesem Schlag ist zum Beispiel die Szene, in der Markus Hering als Präparator eine fette Leiche mit Mückenklatsche und Gartenbrause traktiert und dabei Kaffee trinkt.

Es ist eine ganz und gar unheikle Gesellschaft, die uns der Regisseur hier vorsetzt. Eine, zu der es passt, dass ein Mädchen schon zu Lebzeiten ihren Körper an die Anatomie verkauft, weil sie eine Geldstrafe abbezahlen muss und einen Wandergewerbeschein braucht. Eine Gesellschaft, die so rechtschaffen ist, dass sie nicht mit den Wimpern zuckt, wenn sich ein Leben in den "kleinen Paragrafen" verheddert, bis ihm auch die letzte Hoffnung wegbröckelt wie trockener Dung. Dabei kommt Valerie Pachners Elisabeth schon als eine auf die Bühne, die sich zum Muthaben erst überreden muss. Springt mit einem Hoffentlich-sieht-mich-keiner-Blick in eine einsame Pfütze und lässt sich vom Schutzmann Alfons Klostermeyer Feuer für eine aus dem Müll geklaubte Zigarette geben.

GlaubeLiebeHoffnung11 560 ThomasDashuber uBühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Cátia Palminha © Thomas Dashuber

Zwischen Kafka und Bauerntheater

Der lässt die Flamme lodern, wo er gerade steht. Wer von ihm etwas will, muss es sich erst verdienen. Das wird Elisabeth noch erfahren, die sich nach der Betrugsanzeige durch den Präparator und dem Rausschmiss bei der Miederwarenverkäuferin Irene Prantl an die Zweisamkeit mit ihm klammert. Bösch nimmt die Beziehung der beiden so ernst, als könnte wirklich etwas daraus werden und gibt Pachner und Till Firit sehr viel Zeit und Ruhe, um von den beiden Enden der Bühne zueinander zu kommen. Wo es still und gefühlvoll zugeht, ist seine Inszenierung oft schön.

An anderer Stelle wirkt sie allzu routiniert und versendet ein wenig wahllos ihre Signale. Katharina Pichler gibt der drallen Prantl mehr als nur einen Schuss derbes Bauerntheater mit. Wenn Elisabeth vor Gericht kommt, hagelt es Formularnummern aus dem Off und massenweise Papier vom Bühnenhimmel. Ein wenig Kafka kommt so mit hinein in den Abend und versandet rasch. Später wird dann das soziale Elend besonders dick ausgemalt, indem Elisabeth auf den Strich gehen muss. Mit der einen Hand im Hosenschlitz eines wahren Schmierlappen, der ihr danach mit Spucke benetzte Geldscheine ins Gesicht klebt, spricht sie von ihrem Horoskop. Im rosa Licht tanzt sie in einer Strip-Bar, während eine hotzenplotzige (Vater-)Stimme sie beschimpft: "Hahahahaha, du miserables Geschöpf!"

Mag sein, dass Bösch die Figur hier quer durch den Horváthschen "Fräuleins"-Kosmos schickt. Doch wozu? Der Autor selbst macht ja aus gutem Grund wenig Umstände mit ihr: Als Alfons sie wegen ihrer Vorstrafe und ihres Leumunds verlässt und ihr "nichts mehr zu fressen" bleibt, geht sie ziemlich sofort ins Wasser. Muss es für uns heute dicker kommen, damit wir das nachvollziehen können? Wohl kaum. Im Gegenteil steht man vor dem Rätsel, warum einen das Schicksal Elisabeths hier so gar nicht berührt.

GlaubeLiebeHoffnung03 560 ThomasDashuber uAlles Gute kommt von oben: Valerie Pachner als Elisabeth, hinter ihr Wolfram Rupperti
© Thomas Dashuber

Sehnsuchtsort Miederwarenhandel

Pachner, die völlig verdient den Bayerischen Kunstförderpreis 2016 bekam, spielt sie spröde, zerbrechlich und stets auf der Hut, aber die Fallhöhe ihrer Figur bleibt gering und einige ihrer Schlüsselszenen sind höchst kitschverdächtig. So gönnt ihr die Regie etwa mehrere Blicke zum Bühnenhimmel wie in Erwartung herabfallender Sterntaler. Dabei ist es einmal ihre Zukunft im Miederwarenmetier, die in Gestalt der Wäsche-Hardware im Schnürboden verschwindet und zuletzt das Wasser, das hier aus dem Hahn wie von oben kommt und das todestrunkene Sterntalermädchen fast ausgelassen tanzen lässt.

Die hier wie in der eingangs beschriebenen Schlussszene betriebene Ästhetisierung des Todes hat einen eigenartigen Geschmack. Dass Alfons mit seinem "Ich hab kein Glück" das allerletzte Wort behält, ist hingegen ein kluger Schachzug. Denn Firit spielt diesen unempathischen Ichling über weite Strecken so nüchtern und bar jeder Selbstbeobachtungsgabe, dass einen doch noch schaudert: Diesen Menschen kennen wir alle!

 

Glaube Liebe Hoffnung
von Ödön von Horváth
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Cátia Palminha, Musik: Karsten Riedel, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Valerie Pachner, Till Firit, Arnulf Schumacher, Markus Hering, Thomas Huber, Katharina Pichler, Hanna Scheibe und Wolfram Rupperti.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Egbert Tholl von der SZ (24.10.2016) lobt die Schauspieler*innen, insbesondere Valerie Pachner und Katharina Pichler. Auch Regisseur David Bösch mache eigentlich alles richtig. "(E)r erzählt die Geschichte, und Geschichtenerzählen kann er, mit aller Plastizität, mit ein bisschen Irrsinn, mit vollkommener Klarheit." Aber letztlich wirke das alles hier wie eben in der Anatomie, oder wie in einem zeitlich undefinierten Zwischenreich, fahl ausgeleuchtet von einer Neonröhre, dunkelgrau grundiert. "Es rührt einen nicht."

Seltsam lebslos reihe Bösch die engstirnigen Egokämpfer Horváths zunächst in die knappen Stationen, die Elisabeth in ihrer kleinen Leidensgeschichte durchlaufe, so Teresa Grenzmann von der FAZ (24.10.2016) "Seltsam ungerührt folgt der Zuschauer diesem Schicksal im kalten Licht einer einzelnen Neonröhre, vielleicht weil Elisabeth in Valerie Pachner bislang nur zappelige Rollen der Anpassung spielt, sich ausprobiert, imitiert, resigniert." Am Ende verteile der Regisseur die Schuldlast gerecht auf die drei nun vergangenen christlichen Tugenden: "den verlorenen Glauben, die verspielte Liebe und die verratene Hoffnung." "Lediglich an der riesigen grauen Wand hinter Elisabeth prangen immer noch und schon seit hundert Minuten vier verschmierte überdimensionale Kreide-Großbuchstaben: HOPE. Sollte das ein pauschaler, globaler Hoffnungsschimmer sein?"

 

 
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