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Shakespeare im Farb-Fachgeschäft

von Matthias Schmidt

Dresden, 29. Oktober 2016. Das Vorspiel zu "Othello" findet auf dem Platz vor dem Theater statt. Auf einer riesigen Video-Leinwand sprechen Schauspieler, Dresdener und Gäste der Stadt Zitate aus einem Text, der wie gemacht scheint für das Dresden dieser Tage: "Die Fremden". Zu hören sind Aufrufe für Toleranz gegenüber Menschen, die Zuflucht suchen, wirkstarke Worte, die an einen Pegida-Spaziergang gerichtet sein könnten. Nur sind sie eben mehr als 400 Jahre alt und mutmaßlich von Shakespeare geschrieben.

Erst in diesem Jahr hat sich die Forschung – nach Handschriftanalysen – darauf verständigt, ihm Teile dieses Stückes (im Original "The Booke of Sir Thomas Morus") zuzuschreiben. Die Texte sind eine großartige kulturhistorische Beglaubigung einer Weltoffenheit, die wir alle brauchen, wenngleich sie nicht zwangsläufig vor den "Othello" passen. Die damit behauptete Analogie Othello/Flüchtlingskrise wirkt ein wenig angestrengt, doch sei’s drum. Das Dresdener Große Haus ist nach der Sanierung des Saales effektvoll wiedereröffnet. Und einen roten Teppich gab es auch.

Ein Name als Maske

Die bewegendsten Momente der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson finden statt, wenn das Saallicht noch brennt und Ahmad Mesgarha die Bühne betritt. Noch nicht als Othello, sondern als er selbst. Als Deutscher mit iranischem Vater, geboren in Berlin, seit 1990 Schauspieler an diesem Haus. Als einer, dem eine frühe Kritik bescheinigte: "spricht sehr gut Deutsch", dem Othellos Fremdsein durchaus vertraut vorkommt, in den letzten Monaten mehr denn je. Als er erläutert, warum er an diesem Abend ungeschminkt spielen wird, weil, wie er sagt, sein Name seine Maske ist, spürt man, wie sehr ihn das innerlich aufwühlt.

Othello4 560 Krafft Angerer uDer Klassenkampf ist spürbar. Bühne: Julia Hansen © Krafft Angerer

Dass diese grandiose persönliche Anbindung der Othello-Geschichte an diesen wunderbaren Schauspieler im Laufe der Inszenierung verloren geht, ist nur einer, vielleicht aber der fatalste Grund für ihr Scheitern. Statt Mesgarha – und damit dem Publikum – die Chance zu geben, die verschiedenen Abstufungen des latenten Rassismus an Othello nachvollziehbar zu machen, fokussiert Arnarsson auf den Intriganten Jago und dessen Machenschaften. Daniel Sträßer ist ein guter Jago, überzeugend boshaft und skrupellos, keine Frage, und auch bei Shakespeare hat Jago bekanntlich mehr Text als Othello, aber je länger der Abend, desto mehr wirkt es, als interessiere sich die Regie für alles Mögliche, nur eben nicht mehr für Ahmad Mesgarha.

Doktorspielniveau

Dass Cassio seine Geliebte am Geruch ihres Unterleibs erkennt, lässt sich vielleicht gerade noch als schräger Humor abtun. Spätestens aber, als er Rodrigo einen Filzstift in den Hintern steckt, ist Doktorspielniveau erreicht, hat das Fremdschämen gewonnen. Schließlich ringen die beiden nackt miteinander und bespritzen sich mit roter Farbe. Desdemona hingegen wird, nach ihren peinlich übertriebenen Hysterieattacken, mit weißer Farbe eingeschmiert. Mit der sich Othello, als er sie erwürgt, ordentlich befleckt.

Die bunten Tags und Graffitis an der Rückwand werden mit schwarzer Farbe überpinselt. Einzeln betrachtet, mag jedes dieser Farbsymbole eine Metapher sein. Alles zusammen genommen, wirkt die Inszenierung jetzt wie ein vandalistischer Überfall auf ein Farb-Fachgeschäft.

Frischer, frecher Wind

Dabei, und das macht die Sache wirklich ärgerlich, liefert Arnarsson bis zur Pause so viele gelungene Bilder und Ideen, dass die Buh-Rufe vom Ende noch weit außerhalb des Vorstellbaren liegen. Die Bühne: zeitlos, sparsam heutig. Als Zeichen von Othellos Liebe fallen Banner mit Desdemona-Porträts herab. Die Kostüme: Barock meets Punk. Der Stil: eine unterhaltsame Mischung aus dem pathetischen Fried-Shakespeare und pointiert eingestreutem "Aus-den-Rollen-Fallen". Ein bisschen Klamauk, ein bisschen Spiel mit dem Publikum, wohl dosiert, flapsig eingestreut. Thomas Schumachers Rap als Doge von Venedig: kaum zu glauben, unfassbar gut. Der Musikeinsatz: unaufdringlich, aber stimmungssicher zwischen vielen stillen, konzentrierten Momenten. Simon Käser als treudoofer Rodrigo, herrlich. Desdemona und Emilia sprechen über das Wesen der Männer: naives Ignorieren bei der einen, herrlicher Zynismus bei der anderen. Ein frischer, ein frecher Wind weht über die große Bühne des Staatsschauspiels.

Othello1 560 Krafft Angerer uBlut ist nur flüssiges Rot: Alexander Angeletta, Daniel Sträßer © Krafft Angerer

Warum die Sache schiefgeht

Was aber nicht entsteht, ist ein Gefühl für die Gesellschaft, in der Othello lebt, ob man sie nun Venedig oder Dresden nennt. Man würde meinen, die Verhältnisse, und wie sie so sind, wäre wichtig für den Fortgang des Konfliktes. Für Arnarsson scheinbar nicht, sie spielen schlicht keine Rolle. Was sich dadurch kaum erschließt, sind die Motivationen, Othello zu hassen. Abgesehen von Desdemonas Vater, der einfach nicht wahrhaben will, dass seine Tochter einen "Mohr" lieben könnte. Die Rolle Othellos im "System Venedig", das ihm ja durchaus auch Respekt zollt, so lange er ihm nützlich ist, bleibt sträflich unerklärt. Als ob die anfangs gesetzte These von der Angst vor dem Fremden alles Folgende selbsterklärend machte.

Schlimmer noch, die rassistische Grundierung der gesamten Handlung verschwindet fast völlig hinter dem Eifersuchtsdrama. Was man durchaus so sehen kann, aber nicht, wenn man sie zu Beginn so stark betont. Und Othello selbst, hinter dem wir aus der Eingangsszene Ahmad Mesgarha wissen, einen, der das System nur allzu gut kennt? Er muss einfach seine Rolle herunterspielen, leichtgläubig in Jagos Fallen tapsen und am Ende sprachlos sein. Seltsam ist das. Unbefriedigend.

 

Othello
von William Shakespeare
Deutsch von Erich Fried
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Julia Hansen, Kostüm: Sunneva Ása Weishappel, Musik: Arnbjörg Maria Danielsen, Video: Wanja Saatkamp, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Ahmad Mesgarha, Daniel Sträßer, Katharina Lütten, Alexander Angeletta, Lucie Emons, Paula Skorupa, Simon Käser, Lars jung, Thomas Schumacher.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr zu Othello-Inszenierungen der jüngeren Zeit: Volker Lösch inszenierte im Oktober in Essen mit Das Prinzip Jago eine Othello-Writers-Room- Variante. Im Februar 2016 inszenierte Christian Weise Othello am Maxim Gorki Theater Berlin. Und Marcel Krohn versuchte im Sommer 2015 bei den Clingenburg Festspielen die Perspektive zu verschieben.


Kritikenrundschau

"Selten klang Shakespeare so bedeutungslos wie in Arnarssons Dresdner 'Othello'", so die Unterzeile zu Simon Strauss' Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.10.2016). Der "trostlose" Theaterabend brauche klare Wort, so der Kritiker. "Selbst Tomaten, faule Eier wären nicht genug. Im Ernst: Das kann man nicht einfach achselzuckend über sich ergehen lassen." Jago als "schwachschwülstiges Männchen mit Hipsterbärtchen, lackierten Fingernägeln und engen Leder-Leggings". Nach zwei Minuten ist schon die Hose runter, "Jago als Klassenclown – das kann nur schiefgehen". Egal, wo die Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson ansetze, "sie bringt nichts als Unzulänglichkeit und Unsinn hervor", mit "geradezu höhnischen Desinteresse an den psychologischen Tiefen des Stückes beziehungsweise seiner Figuren".