Einfühlung als Waffe

von Esther Slevogt

Berlin, 3. November 2016. Die Bühne ist nüchtern und leer. Vorne an der Rampe stehen nur vier Mikrophone, im Hintergrund ist ein Klavier zu sehen. Doch bevor die Vorstellung anfängt, treten erst einmal die Macher auf. Leonie Jeißmann und Michael Ruf erklären (eine Dolmetscherin übersetzt alles ins Türkische), was jetzt kommt: die Geschichten von drei Familien, deren Angehörige vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ermordet wurden. Die jedoch selbst erst jahrelang als Täter behandelt wurden, eine von ihnen zehn Jahre lang. Jahre, in denen sie depressiv und krank geworden ist – bis 2011 die Zwickauer Zelle aufflog, sich die Mörder jedoch durch Selbstmord der Verantwortung entzogen. Und nur Beate Zschäpe vor Gericht gestellt wurde. (Wo, wie hinzugefügt werden muss, ihr Schweigen stets lauter durch die Medien tönte, als die Stimmen ihrer Opfer.)

Es kriecht einem unter die Haut

Jeißmann und Ruf berichten, wie die drei Monologe dieses Abends zustande kamen – durch Interviews und ihre Verdichtung nämlich – Interviews mit Elif Kubaşık, deren Mann Enver 2001 das erste NSU-Opfer war, mit Adile Şimşek, deren Mann Memet 2006 erschossen wurde und Ismail Yosgat, dessen 21jähriger Sohn Halit das neunte Opfer der Mordserie war. Auch wird betont, dass es sich hier um wortgetreues Theater handelt: dass also nichts verändert und literarisiert wurde, sondern die Schauspieler alles so sprechen werden, wie es gesagt worden ist.

NSU Monologe 560 Schokofeh Kamiz x© Schokofeh Kamiz

Auch später wird von diesem Abend an keinen Moment behauptet, die Schauspieler würden die Menschen wirklich verkörpern, deren Texte sie sprechen. Im Gegenteil, es wird anfangs sogar ihre Austauschbarkeit unterstrichen: Die Bühne für Menschenrechte, die den Abend verantwortet, ist ein landesweites Netzwerk aus etwa zweihundert Schauspieler*innen und Musiker*innen. So sind die Produktionen schnell und ohne große Kosten überall unkompliziert aufführbar. Nichts muss aufwändig irgendwo hin transportiert werden: Schauspieler*innen vor Ort übernehmen, lernen den Text, der aber via Teleprompter den Abend hindurch vor ihren Augen mitläuft. Es geht nicht um Kunst. Es geht um die Schaffung von Öffentlichkeit. Man kann sogar sagen: es geht um Agitation. Gegen Ende des Abends fallen Sätze wie "Der Kampf geht weiter!" Doch die Geschichten, die in den anderthalb Stunden zuvor im Heimathafen Neukölln, wo nun die Uraufführung der NSU-Monologe heraus kam, zur Sprache kommen, kriechen bald unter die Haut.

Empathischer Sog

Es beginnt mit Adile Şimşek und Elif Kubaşık. Mit leiser und eindringlicher Stimme erzählen die jungen Schauspielerinnen Elisabeth Pless und Selin Kavak (die hier in Berlin zum Einsatz kommen) aus der Ich-Perspektive derer, denen sie nun Körper und Stimme leihen, wie sie als Teenager ihre Männer kennenlernten: in den Dörfern der türkischen Provinz, wo sie geboren wurden. Kleine romantische Geschichten von Aus- und Aufbrüchen – von Liebe und von Zukunftsplänen. Wie und warum man dann nach Deutschland kam. "Ich hatte immer gedacht, Deutschland ist ein aufrichtiges, ein gerechtes Land", sagt Ismail Yosgat mit der Stimme von Asad Schwarz-Msesilamba. Wie hier am gesellschaftlichen Rand Existenzen gegründet wurden, man langsam Fuß fasste und Kinder geboren wurden. Alltagsgeschichten der berühmten kleinen Leute, manchmal von Details zu islamischen Festen und religiösen Gepflogenheiten zart durchweht. Bis zu dem Tag, als der Mord geschah und die alptraumhafte Spirale von Verdächtigung, Kriminalisierung und Verfolgung durch deutsche Behörden begann, während der NSU ungehindert mit derselben Waffe (einer Pistole des Typs Česká CZ 83) weitermordete, in der Presse von "Mafia-" und "Dönermorden" geschrieben wurde, die in der türkischen Parallelgesellschaft schwer aufzuklären seien.

Gerahmt und phrasiert werden die Monologe von einer kammermusikhaften Cello- und Klavierbegleitung (Komposition: Michael Edwards), die das Ganze gelegentlich tragisch entrückt oder romantisch verklärt, meist aber als Empathieverstärker ihre suggestive Wirkung nicht verfehlt. Denn je tiefer die immer prätenziöser werdende, hochgradig stilisierte Beiläufigkeit des Vortrags in die Geschichten der Betroffenen vordringt, desto soghafter wird ihre Wirkung. Der Abend ist darauf angelegt, die apathische Mainstreammasse zum Hinsehen, zur Empathie mit den Opfern zu zwingen. Dabei wird die gute alte Einfühlung, die seit der Erfindung des Agitationstheaters dafür eigentlich stets als ungeeignet betrachtet wurde, als höchst effektive Waffe eingesetzt: So, wie die Geschichten den Zuhörern und Zuschauern hier unter die Haut gerieben werden, ist es schwer, sich einfach zu entziehen. Der Agitationszweck leidet in der zweiten Hälfte des Abends allenfalls unter einigen Längen und Redundanzen.

 

Die NSU-Monologe. Der Kampf der Hinterbliebenen um die Wahrheit
Buch und Regie: Michael Ruf
Team: Leonie Jeismann, Lara Chalal, Barnie Ecke, Franziska Abt, Florentine Seuffert, Musik: Michael Edwards.
Mit: Selin Kavak, Elisabeth Pless, Asad Schwarz-Msesilamba, Meri Koivisto. Musiker: David Sills (Cello), Michael Edwards (Klavier).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.buehne-fuer-menschenrechte.de
www.heimathafen-neukoelln.de

 

Kritikenrundschau

Tom Mustroph von der tageszeitung (5.11.2016) lobt die Schauspielerinnen: Elisabeth Pleß zeichne die Gemütsbewegungen ihres Vorbilds, die Trauer, den Zorn, die Verlassenheitsgefühle und auch die verklärten Erinnerungen so überzeugend nach, dass man sich der Frau des Mordopfers gegenüber wähne. Gleiches gelte für die Selin Kavak. Frank Rufs Abend nennt er voyeuristisch, findet es aber gut, dass die Familien der Opfer für das Projekt gewonnen werden konnten.

Diese Arbeit falle "im Aufklärungsgrad hinter bereits Bekanntes weit zurück", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (7.11.2016) und verweist auf die Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin, die 2015 dem NSU-Thema gewidmet waren. Das Kunstkonzept des "authentischen" und "wortgetreuen" Theaters, wie es die Bühne für Menschenrechte, formuliert, überzeugt die Kritikerin an diesem Abend nicht. "Vier Schauspieler stehen wie bei einer heiligen Zeremonie an Standmikrofonen und bemühen sich, mitfühlende Sprachrohre zu sein." Problematisch sei daran, "dass sich keinerlei analytischer Blick daraus entwickeln kann, weil die professionellen Sprecher sehr bald ihre eigene Emotionalität auf ihre Zeugentexte propfen. Die Bekenntnisse, die sie 'authentisch' vortragen wollen, schrumpfen dadurch zu bloßen emotionalen Privatereignissen."

Auch Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (5.11.2016) befindet, dass diese Monologe der Bühne für Menschenrechte den zahlreichen Stücken über den NSU-Komplex "keine neuen Aspekte" hinzufüge, "aber das müssen sie auch nicht. Das Stück gibt denen eine Stimme, denen Unrecht widerfahren ist. Und die bis dato vergebens auf Gerechtigkeit hoffen."

 

 
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