Der große Haufen Frust

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 10. November 2016. "Zuerst verarschen wir uns selbst", versichert Regisseur Martin Gruber, Gründer und Leiter des aktionstheater ensemble (Wien). Dieser Tage erst haben er und seine Truppe den Nestroy-Preis für die beste Off-Theater-Produktion ("Kein Stück über Syrien") entgegengenommen. "Schnelle Eingreiftruppe", schrieb die Nestroy-Jury, "was unter den Nägeln brennt, gehört auf die Bühne". Doch nichts läge Martin Gruber ferner, als sich und die Seinen als moralische Besserwisser, als Straßenverkäufer für fein gewebtes Gutmenschentum auf die Bühne zu schicken.

Auch in der neuen Produktion "Immersion. Wir verschwinden." hält er es so: Wir können ziemlich gestörte Typen bei einem ungemein temperamentvollen und ur-witzigen Danse macabre beobachten, zielstrebig hinaus aus der realen Welt. Das passiert beileibe nicht schleichend, sondern wortstark, gestenreich und mit Musik. Wäre Frust als Materie greifbar, läge er in großen Haufen herum. Aber da ist mal nichts als eine mit kleinen viereckigen Matten in Schuhabstreifergröße belegte Spielfläche. Dort berichten die drei Leute von dem, was sie für sich als Tort, als Zurücksetzung oder Abstieg, als erfolgreiche Attentate aufs Selbstwertgefühl erleben.

Wutbürgerin aus Prinzip

Sie alle fühlen sich nämlich auf der Loser-Seite: Der Poet hat auf einer VIP-Hochzeit ein Gedicht vortragen dürfen. Nicht sein Name, sondern jene der Ehrengäste sind in der "Bunten" und in der FAZ erwähnt worden. Um nichts besser geht es seinem Schauspielerkollegen: Das Casting per Facebook war freilich rasch positiv erledigt. Dass es keine Hauptrolle wird in dem Film, der im Himalaya gedreht wird, hat sich umso schneller herauskristallisiert. Andere werden zum Bettnässer, wenn sie leiden müssen wie ein Hund. Dieser eine wird zum Bühnenpinkler. Auch nicht so toll.Immersion Wir verschwinden1 560 Michael Groessinger uDer Poet, dessen Name nichts zur Sache tut: Andreas Jähnert (vorne) © Michael Größinger

Die junge Frau in der Runde ist vielleicht am besten dran, auch wenn sie oft den Tränen nahe scheint: Sie kann sich emotional grandios hochschaukeln im Ärger über eine Kollegin, die mit einem Werbefilm für eine steirische Provinzstadt Erfolg hat. Und sie wird zur Wutbürgerin, weil das Schleckeis durchgefroren ist. Einen neuen Jolly dürfe sie sich aussuchen? Also bitte: Hier geht's nicht ums Eis, sondern ums Prinzip!

Zum Totlachen ernst

Wie man den Begriff "Immersion" (den Ausstieg aus der realen Welt in virtuelles Schein-Dasein) auch genau definiert: All diese so wunderbar normal gestörten Typen spinnen sich ein in ihrem vermeintlichen Unglück, was von außen betrachtet über die Maßen komisch anmutet. Selten so gelacht wie über die Tragödien dieser Grands Guignols eines nicht bewältigten Alltags. Ihr Scheitern ist zum Totlachen ernst.

Die Produktion hatte im Rahmen des "Open Mind Festivals" in der Salzburger ARGEkultur ihre Uraufführung, wandert weiter ins Wiener Werk X-Eldorado und geht dann in den Spielboden Dornbirn (Vorarlberg). Michaela Bilgeri (ein famoses Temperamentsbündel), Martin Hemmer (das ist der gescheiterte Bergfilm-Star) und Andreas Jähnert (der Poet in der Runde) sind die drei, die einander in ihrer Suada immer wieder ins Wort fallen. Vertraute Formulierungen, banaler Alltags-Sprech wird zur hochmusikalisch und genau synchronisierten Textfläche, aufgebrochen durch ironische Popsongs, die Sonja Romei (die Sängerin auf der Bühne) und Kristian Musser am Mischpult anführen, zu denen aber die drei Schauspieler nicht minder beitragen.

Komödie geht immer

All das hat ansehnlichem Humorwert, man kann es als grenzgenial einstufen – andere Zuschauer mag es rasend machen. Genau das ist wohl bezweckt. Nur kalt darf und wird es einen nicht lassen. Der Ausstieg aus der echten Welt: das ist der Moment, da sich die drei Protagonisten als Mitglieder eben des aktionstheater ensemble wiederfinden, als Spieler in einer Tragikomödie. Trump ist schon Wirklichkeit, ein Rechtsruck droht? Komödie habe immer funktioniert, versichern sie einander. Halten wir die Daumen, dass sie recht haben.

 

Immersion. Wir verschwinden
von aktionstheater ensemble, Martin Gruber, Claudia Tondl
Buch, Regie: Martin Gruber, Bühne: Sebastian Spielvogel, Musik: Sonja Romei, Kristian Musser, Dramaturgie: Martin Ojster.
Mit: Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Andreas Jähnert, Sonja Romei, Kristian Musser.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.aktionstheater.at

www.argekultur.at

 

Kritikenrundschau

Von der Präzision der textlichen und szenischen Form dieser Arbeit schwärmt Hedwig Kainberger in den Salzburger Nachrichten (12.11.2016). "Dieses Theater der Einsamkeit ist so nahe am Realen, dass sein Stoff aus heutigem Alltag, sogar aus dem Leben der Schauspieler gegriffen ist. Weil in Form gebracht, weil auf der Bühne gekonnt dargestellt, weil mit Rhythmen und Gesang durchwoben, weil immer wieder ins Absurde gekippt, mag man gut verstehen, dass Martin Gruber und sein Off-Theater-Ensemble Anfang neuerlich mit einem 'Nestroy' ausgezeichnet worden sind."

Eine "hochpolitische, rasante und provokante Performance" hat Elisabeth Pichler gesehen und schreibt in der Dorfzeitung (15.11.2016): Nicht nur Mitlachen, auch Mitdenken sei ausdrücklich erwünscht.

"Das hohe Level an Selbstironie und brutaler Selbstreflexion bringt das Publikum zum Lachen, aber auch zum Nachdenken", schreibt Stefanie Ruep in Der Standard (18.11.2016). "Immersion" halte den Zusehern den Spiegel dahingehend vor, "wie banal und oberflächlich die eigenen Gespräche oft sind". Die "treffend ausgewählten Popsongs" betteten den Text "in einen Teppich ein", so Ruep: "Sie sind geradezu notwendig, um den wortstarken Frust der drei tragisch-komischen Figuren ertragen zu können." Brandaktuell politisch werde es, wenn der Rechtsruck beklagt wird. "Dagegenhalten, aber wie? Die Komödie habe immer schon funktioniert. Da bleibt einem das Lachen im Hals stecken."

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Zeitung Die Presse (26.11.2016): "Immersion. Wir verschwinden" überzeuge in jeder Hinsicht. Es sei ein wahres Kunststück. Das Schaugeschäft werde "gewitzt entzaubert und sogleich wieder verzaubert – in das einzig Wahre, Gute und Schöne". Man sehe einen "prekären Jahrmarkt der Eitelkeit", der "ein wenig wehtut", aber nicht "allzu lang, dafür ist diese Aufführung viel zu spritzig und wortgewandt". Die eigene Situation der Schauspielerinnen werde "gnadenlos aufgedeckt", der "Nestroy-Preis und das Fehlen eines Ensemblemitglieds" umstandslos mit eingebaut. Und die Lieder!"

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