Nach dem Schock ist vor dem Schock

von Sascha Ehlert

Berlin, 11. November 2016. Wenn es eines gibt, was am Erfolgsmodell Gorki nervt, dann ist es der Umstand, dass sich die meisten guten Stücke des Hauses für das Stammpublikum allzu leicht konsumieren lassen. Fällt Feuilletonistinnen und Intellektuellen dieser Tage auf, dass linke Kulturbürger Donald Trump und die Mehrheit der wählenden Bevölkerung gnadenlos unterschätzt haben, weil sie zu stark damit beschäftigt waren in der eigenen Suppe zu planschen, dann meinen sie damit indirekt auch Orte wie das Gorki.

Wer hier hingeht, wusste bislang vorher wie nachher, dass starre Identitäten, Nationalitäten und Geschlechter von gestern sind. Man kaufte keine Karten, um das eigene Denken hinterfragt, sondern um es bestätigt zu bekommen. Ein altbekanntes Problem – in dieser Woche ist es wichtiger denn je.

Abwarten und çay trinken

"Love it or leave it!", das als "Projekt" von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu an den Start geht, wiederum beschäftigt sich zwar nicht mit dem Präsidenten Trump, tritt dem Publikum aber dennoch Gorki-untypisch wenig umarmend, geradezu abweisend entgegen. Eine zähe halbe Stunde vergeht, bevor das erste Mal gesprochen wird. Davor heißt es: abwarten und çay trinken. Betretene Gesichter in einem nach hinten enger werdenden Guckkasten mit vergangenheitsbewusster Wohnungseinrichtung.

LoveItOrLeaveIt 1 560 Ute Langkafel MAIFOTO uNach dem Spiel ist vor dem Spiel © Ute Langkafel / MAIFOTO

Die Hälfte der Schauspieler sitzt vom Publikum abgewandt, im Zentrum Lea Draeger in einem rot-weiß-roten Stewardessen-Kostüm, um ihren Hals eine Schlinge. Auf den Trichter, dass sie der türkischen Republik eine weibliche Gestalt gibt, ist man bereits gekommen, wenn Taner Şahintürk nach einer halben Stunde an die Rampe tritt und das Schweigen auf der Bühne bricht. Er spricht "türkisch": ein Fantasie-Kauderwelsch versetzt mit türkischen Wörtern (z.B. Ayran), die auch ein Alman versteht. Soweit: vielversprechend. Ein aufregender Abend hätte "Love it or leave it!" vielleicht werden können, wenn Erpulat dabei geblieben wäre: schweigen oder Quatsch reden.

Zum Schluss die Wutrede

Aber anstatt das Publikum konsequent weiter mit einer strengen Form zu fordern, driftet das Stück  ab, verliert seinen Fokus und will nun alles: die türkische Gesellschaft dekonstruieren, Erdogan und sein korruptes System entlarven, ... es zerfällt in viele kleinere Geschichten. Alle paar Minuten knipst eine unsichtbare Kraft die Bühnenbeleuchtung aus, und die Schauspieler wechseln die Rollen. So springt das Stück nun zwischen den Szenarios. Hier die gläubige Familie und der Priester, dort der junge Mann, der in seinem Kleiderschrank ein paar Millionen Dollar in Schuhkartons gebunkert hat – eine deutliche Anspielung auf den türkischen Korruptionsskandal von 2013, in den der Direktor der staatlichen Halkbank, 4,5 Millionen Dollar und Recep Tayyip Erdogan himself verwickelt waren.

LoveItOrLeaveIt 2 560 Ute Langkafel MAIFOTO uErzähler vor Ahnengalerie: Lea Draeger, Mehmet Yılmaz, Philipp Hagen, Tim Porath
© Ute Langkafel / MAIFOTO

Viele Geschichten werden dem Publikum im ungefähr einstündigen Mittelteil des Abends präsentiert. Assoziationsreich, manchmal mit bissigem Humor, manchmal aber auch schlecht erzählt, so dass in den ersten Reihen zur Mitte des Abends der eine oder andere einnickt. Wacher wird das Publikum erst wieder, als "Love it or leave it!" seine anfangs subtile Systemkritik in einer Wutrede à la Gorki eskalieren lässt. Mehmet Yilmaz schmeißt frustriert mit Obszönitäten um sich, redet von Wichsen und Arschficken und fragt "sein" Land: "Wann werden wir die Minderheiten endlich schlachten?"

Teuflischer Kreislauf

Der Abend krankt daran, dass er in zwei Stunden ein umfassendes Panoptikum unterbringen möchte und deshalb unweigerlich so zerfasert, dass keine der guten Ideen genug Platz bekommt. Außerdem ist Berlin-Mitte nicht die Türkei. Auf einer Istanbuler Bühne hätte "Love it or leave it!" wohlmöglich echte aufrührerische und emotionalisierende Wirkmacht. Die jedoch verpufft am Platz der Märzrevolution. Das Publikum geht danach nach Hause und kennt die toten Demonstranten und die zum Himmel schreiende Korruption weiter nur aus dem Fernsehen.

Die politische Dimension von "Love it or leave it!" reicht nicht aus, um über die erzählerischen Schwächen des Abends hinwegzutäuschen. Als schließlich ein letztes Mal das Bühnenlicht flackert und ausgeht, beginnt die Bühne zu bröckeln, und die SchauspielerInnen begeben sich zurück auf Anfang. Wieder wird çay gereicht, und das Ensemble schweigt. Alles wiederholt sich, nichts geht weiter. Die Türkei, gefangen in einem teuflischen Kreislauf. In Reihe 8, direkt hinter mir, flüstert einer: "Bitte nicht nochmal." Zumindest die Bühne erhört ihn.

Love it or leave it!
Ein Projekt von Nurkan Erpulat & Tunçay Kulaoğlu
Regie: Nurkan Erpulat, Text: Emre Akal, Bühne/ Kostüme: Alissa Kolbusch, Musik: Philipp Haagen, Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu.
Mit: Lea Draeger, Aylin Esener, Philipp Haagen, Tim Porath, Taner Sahintürk, Mehmet Yilmaz.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Barbara Behrendt schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (12.11.2016): Groß seien die Erwartungen an diesen Abend gewesen, der schon "im Titel implizit die Frage" stelle: "Kann man die Türkei lieben – oder muss man sie verlassen?" Erpulat wolle "nicht den Kommentar zu den aktuellen Schlagzeilen liefern, sondern vom Alltagsleben in der Türkei erzählen und die tieferliegenden Gründe für die Entwicklungen des Landes erforschen". Was er dann allerdings von der Türkei zeige, seien "müde Stereotype, die jedes Vorurteil bedienen".

"Die Bilder sind grotesk, komisch sogar, aber die Stimmung ist bitter. Ein Alptraum, aus dem man nicht mehr erwachen kann", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (14.11.2016) über "Love it or leave it". Die Schauspieler agieren oft wie Puppen, gelenkt von unkon­trollierbaren Trieben. "Die Augen starr auf ein Bündel Bananen gerichtet, klappt ihnen die Zunge aus dem Hals. Aber wer danach greift, bekommt einen Stromschlag." Absurdes Theater von blinder oder nicht nachvollziehbarer Gefolgschaft, das Nurkan Erpulat hier inszeniere, "kein Stück, das die Türkei erklärt, sondern sich verzweifelt dazu bekennt, dieses Volk nicht mehr verstehen zu können". Zwischen Realsatire und gruseligem Märchen entstünde "weniger ein explizit politisches Theater als vielmehr eine Studie einer depressiven und selbstzerstörerischen Stimmung".

"Auf die Couch mit der Türkei" lautet die Überschrift zu einem weniger angetanen Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.11.2016). Ärgerlich sei, "dass der Abend mit ausgewalzt drastischen Mitteln, großer Holzhammerdeutlichkeit und bei allem auch noch sehr langsam seine Assoziationsketten abwickelt − und man als Unbeteiligter dennoch nicht folgen kann, weil einem Voraussetzungen unterschlagen werden." Fazit: Integrativ sei diese Art von Theater nicht, es scheine sich als Selbstvergewisserung vor allem an Verbündete und Eingeweihte zu richten. "Fast wie eine Exil-Bühne."

Dass es mit einem simplem Erdogan-Bashing à la Böhmermann nicht getan sein wird, war schon klar, so Patrick Wildermann im Tagesspiegel (13.11.2016). Wie weit die Verweigerung gehe, überrasche dann aber doch. Nach endlos langem Vorspiel, Eröffnungsmonolog aus Türkisch und Fantasiekauderwelsch, "folgt eine Art zweistündige Familienaufstellung, die auf nicht weniger zielt, als eine Psychopathologie der gegenwärtigen Türkei zu entwerfen". Der schlaglichtartige Szenenreigen schwanke zwischen allegorischer Schärfe und melancholischem Achselzucken.

"Wer sich empörte Berichte von der brutalen Politik Erdogans erhofft hatte, erschütternde Fallbeispiele für die Entlassung Zehntausender aus dem Staatsdienst oder die Hetze auf bloß vermutete Staatsfeinde, der wurde am Freitagabend heftig enttäuscht", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (12.11.2016). Erpulat habe es sich künstlich – und künstlerisch – schwer gemacht mit seinem Türkei-Projekt, eine Art von kabarettistischem Familientheater, eine Konfusion aus mühsam verrätselten Zeichen und Informationen, "Geschichte und Gegenwart der Türkei als absurdes Theater, das alle Analyseversuche ad absurdum führt". Kurzum, "freundlicher kann es nicht gesagt werden, ein lähmendes Kuddelmuddel, das Nurkan Erpulat da angerichtet hat".

Peter Laudenbach bekennt in der Süddeutschen Zeitung (15.11.2016): "Das hätte ein spannender Abend werden können." Wenn er es einem Theater zutraue, "den politisch-mentalitätsgeschichtlichen Hintergrund dieses Landes auf dem Weg in die Diktatur (..) konturscharf auszuleuchten", dann dem Gorki.  "Leider verwechselt  Erpula Slapstick, nette Absurditäten und Kabarett mit politischem Theater".  Die Bilder, die der Abend produziere, geraten zudem "vor allem possierlich und arg beliebig". Was der Inszenierung nicht gut zu Gesicht steht: "Dass Erpulat sie als Diagnose der autoritären Strukturen und Deformationen der Türkei verstanden wissen will. Angesichts des beängstigenden Realgeschehens in Erdogans Staat wirkt das Stück wie eine selbstverliebte Petitesse."

Integrativ ist diese Art von Theater nicht, es scheint sich an diesem Abend der Selbstvergewisserung vor allem an Verbündete und Eingeweihte zu richten. Fast wie eine Exil-Bühne. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25085208 ©201
Das Ärgerliche ist, dass der Abend mit ausgewalzt drastischen Mitteln, großer Holzhammerdeutlichkeit und bei allem auch noch sehr langsam seine Assoziationsketten abwickelt − und man als Unbeteiligter dennoch nicht folgen kann, weil einem Voraussetzungen unterschlagen werden. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25085208 ©2016
Das Ärgerliche ist, dass der Abend mit ausgewalzt drastischen Mitteln, großer Holzhammerdeutlichkeit und bei allem auch noch sehr langsam seine Assoziationsketten abwickelt − und man als Unbeteiligter dennoch nicht folgen kann, weil einem Voraussetzungen unterschlagen werden. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25085208 ©2016

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Love it or leave it, Berlin: Hass-Sprech bei nachtkritik.de angekommenKulturjournalist 2016-11-12 12:01
Wenn Sascha Ehlert abfällig von "Linke Kulturbürger" spricht, dann klingt das nicht anders, als wenn Tatjana Festerling abfällig von "Gutmenschen" spricht - wir sehen also, die Strategie, mit bestimmten Kampfbegriffen, Menschen, die nickt rassistisch, xenophob, homophob und frauenfeindlich sind, abzuwerten, ist voll aufgegangen: Der Hass-Sprech ist nun auch bei den Redakteuren von Nachtkritik.de angekommen. Sascha Ehlert noch zur Information: Die Mehrheit der wählenden Bevölkerung hat Hillary Clinton gewählt und eben nicht Donald Trump. Einzig und allein durch die Tatsache, dass es ein völlig überholtes Wahlsystem gibt, nach dem über Mittelsmänner gewählt werden muss, wird in den USA nicht jede Stimme gleich gewertet und nur deshalb wurde den Amerikanern Trump und Bush als Präsident beschert. Sie haben zwar beide weniger Stimmen als ihre demokratischen Rivalen bekommen, werden aber trotzen Präsident. Aus diesem Grund gibt es gerade im ganze Land Unruhen.
#2 Love it or leave it!, Berlin: Also komm!Sascha Ehlert 2016-11-12 16:26
Lieber "Kulturjournalist, Die Formulierung à la "Mehrheit der wählenden Bevölkerung" mag ungenau sein, ist natürlich die Mehrheit der Wahlmänner. Wo ich abfällig über Kulturbürger spreche verstehe ich nicht. Das wir, ich bin natürlich mitgemeint, in unserer eigenen Suppe schwimmen ist für mich keine Diffamierung ...sondern Selbsterkenntnis. "Hasssprech"? Also komm, man darf das eigene Millieu doch noch sanft kritisieren ohne gleich zum Hassprediger gemacht zu werden..Grüße!
#4 Love it or leave it!, Berlin: Ich gut, Trump böseno Theater no Trump 2016-11-14 14:36
Das ist doch nichts neues. Ob Theatermainstream oder Mainstream bildender Kunst, der Bildungsbürger zelebriert dort die "feinen Unterschiede" (Bourdieu) zu den Trumpfans, die nie in so ein Theater gehen würden, und versichert sich, auf der richtigen Seite zu stehen, trotz höherem Einkommen. Er wünscht und erwartet dort Bestätigung, Schulterklopfen und die gewohnte liebgewonnene "Avantgarde"-Ästhetik. Er rekapituliert dort befriedigt, was er zuvor in der ZEIT las. Er möchte nicht wirklich herausgefordert werden oder seine Gewissheiten dem Zweifel anheimfallen sehen, sie gar "dekonstruieren" lassen. Weil er ein Spießer ist. Ich gut, Trump böse. Ambivalenz ist Teufelswerk. Grautöne sind gefährlich. Der Kulturjournalist von oben ist ein Paradeexemplar, mit seinem bürokratischen Gut-Jargon. Im Grunde ist das Biedermeier, passend zur Merkelära. Scheinprogressiv, neoliberal, Mehltau.
#5 Love it or leave it!, Berlin: erst prüfen, dann wetternHans Zisch 2016-11-14 19:07
@1: Erlauben Sie mir, Ihrer pointierten Äußerung etwas *Faktenlage* entgegenzusetzen. Ihre Feststellung "Einzig und allein durch die Tatsache, dass es ein völlig überholtes Wahlsystem gibt, nach dem über Mittelsmänner gewählt werden muss, wird in den USA nicht jede Stimme gleich gewertet" ist falsch!

Schlicht und ergreifend sachlich falsch.

Sie kolportieren einen Vorwurf weiter, ohne sich die Zusammenhänge klar gemacht zu haben. Ich bin erstaunt, wie schnell sich Ihre Argumente verselbstständigen. Das lässt auf nichts Gutes schließen. Daher im Folgenden ein wenig Abhilfe.

Nicht die Wahl von Wahlmännern erklärt im Wesentlichen den Unterschied der Mehrheit im Electoral College (Wahlmännergremium) und der Mehrheit des Popular Vote (abgegebene Wählerstimmen), sondern die Tatsache, dass es sich um Mehrheitswahlrecht in regionalen Untereinheiten (Bundesstaaten) handelt!

Erklärung: Selbst wenn die Anzahl der Wahlmänner exakt proportional zur Wahlberechtigtenzahl wäre, also jede Stimme gleiches Gewicht hätte (beispielsweise: Anzahl Wahlmänner = Anzahl der wahlberechtigten Wähler pro Bundesstaat), kann ein Mehrheitswahlrecht in regional disjunkten Untereinheiten zu dem Ergebnis führen, dass die Mehrheit der Wahlmänner nicht mit der der Wähler übereinstimmt.

Ein fiktives, aber realitätsnahes Beispiel: Eine Nation wählt. 50 Bundesstaaten mit je 5 Mio Wählern(!). Pro Staat 10 Wahlmänner, also vollkommen gleiche Stimmgewichte! Es gilt wieder Mehrheitswahlrecht pro Staat. Es gibt nur zwei Kandidaten (nennen wir sie der Einfachheit halber "H" und "D"). Aus den ersten 46 Staaten erhalten die beiden Kandidaten jeweils 230 Wahlmänner und jeweils 115 Mio. Stimmen. Gleichstand jedenfalls. In den folgenden vier Staaten (Staat "a", "b", "c", "d") ist die Situation wie folgt. In a, b, c erzielt D jeweils 2,6 Mio Stimmen, also knappe Mehrheiten, während D in d keinen einzigen Wähler überzeugt, dort trumptowerhoch unterliegt. Summarisch vereint D nun also 30 Wahlmänner auf sich (je 10 aus a, b, c), während H 10 Wahlmänner auf sich vereint (aus d). Allerdings hat D "nur" 7,8 Mio. (3 x 2,6 + 0) Stimmen auf sich vereint, während H 12,2 Mio. (3 x 2,4 + 5) Stimmen erhalten hat. Ergebnis: H hat 260 Wahlmänner bei 122,8 Mio. Stimmen und D hat 240 Wahlmänner bei 127,2 Mio. Stimmen. Wow!

Andersherum: Bei gegebenem Wahlrecht hätte Hillary Clinton ihre 300T Stimmen Vorsprung anders auf die Bundesstaaten verteilt benötigt, um zu obsiegen. In Kalifornien waren sie weniger erforderlich.

Mehrheitswahlrecht haben wir beispielsweise auch in Deutschland (Direktmandate Bundestag) und im Vereinigten Königreich (Unterhaus, wenn ich nicht irre). Das hat nicht nur seine historischen Wurzeln, sondern auch seine Berechtigung. Ich empfehle dazu die wahltheoretische Literatur.

*Nicht*gleichgewichtete Stimmen könnnen im Übrigen auch ihre Berechtigung haben. Darüber hinaus treten Sie automatisch auf, wenn bei gleicher ex-ante-Gewichtung (Vertreter pro Wahlberechtigter) die Wahlbeteiligung in den regionalen Untereinheiten unterschiedlich ist (Vertreter pro abgegebener Stimme). Wenn bei der nächsten Bundestagswahl (illustrativ extrem) beispielsweise in Bonn niemand außer mir wählen ginge, dann würde ich dort allein über einen Direktkandidaten entscheiden und mein Stimmgewicht für die Besetzung des Bundestages ziemlich hoch. Wow.

Insofern: Erst die Argumente prüfen, dann wettern.

Das Wahlrecht selbst ist übrigens auch Gegenstand demokratischer Debatte. War es aber bis zuletzt eher weniger. Das historische US-Wahlrecht im Angesicht der Wahl Donald Trumps als Argument ins Feld zu führen ist schlicht: traurig, weil am Kern der Dinge vorbei. Es gibt viele andere Dinge, für die wir unsere Kraft einsetzen sollten. Dinge, die am Kern liegen.
#6 Love it or leave it, Berlin: Insider-JokesSascha Krieger 2016-11-24 11:21
Love it or leave it! ist ein anstrengender Abend. Er hat jede Menge Leerlauf – man denke etwa an Mehmet Yilmaz’ müde, doch am Gorki mittlerweile fast obligatorische Wutrede (die zudem den narrativen Bogen gründlich zerstört), ist mindestens eine Stunde zu lang geraten, verlässt sich zu sehr auf Insider-Jokes (Glossar!), nur um gleich darauf ins Plakative zu kippen. Die Szenen haben etwas von Nummernrevue und sind nicht auf gleichem künstlerischen wie inhaltlichen Niveau. Manchen ist eindringlich, anderes albern banal. Und doch schafft der Abend etwas erstaunliches: ohne irgendeines der offensichtlichen Probleme der Türkei direkt anzusprechen, vermittelt er etwas von der Absurdität dieses Landes im lähmenden Griff einer autokratischen Ideologie, deren Basis so dünn ist, dass man sich wundert, wie wenige ihre Lächerlichkeit zu erkennen scheinen. Und die doch das Land fest im Würgegriff hat (auch dies übrigens ein Bild, das wiederkehrt). Fluchtillusionen bleiben auf Rattenfängerniveau und führen auch nicht weiter, das schmale Fenster, durch das Philipp Haagens Tuba lockt, ist auch nur eine Falle. Das Weiter-so kommt von innen, aus dem Individuum, aus der Familie, und es ist, was diese Groteske erst erzeugt, in der die Logik versagt und als seltsamer Außerirdischer beäugt wird. Die Stimmung kippt zunehmend ins Albtraumhafte, woran Haagens repetitiv-suggestive Musik und Sahintürks blutbeschmierter Geist eines lang vergessenen Dissidenten ein gehöriges Maß beitragen. Die Türkei 2016 – eine groteske Geisterwelt in kollektiver Lähmung und albtraumhaftem Rausch. Ein einziger Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Am Ende bleibt nur das Weitermachen.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2016/11/24/im-reich-des-absurden/
#7 Love it or leave it, Berlin: wie KaugummiKonrad Kögler 2016-11-24 12:57
Schon die ersten, wie Kaugummi in die Länge gezogenen Minuten lassen ein mulmiges Gefühl entstehen. Das Ensemble sitzt schweigend auf der abschüssigen Bühne von Alissa Kolbusch und rührt in den Tee- oder besser Çay– Tassen. Im Zentrum kauert Lea Draeger im blutroten Kleid, mit einem Strick um den Hals. Ein recht plattes Bild für ein Land im Würgegriff des Autokraten Erdogan…

Taner Şahintürk tritt anschließend an die Rampe und hält einen Monolog in einer Fantasiesprache, die an Türkisch erinnern soll. Leider ist dies nicht der erhoffte Befreiungsschlag für den Theaterabend, sondern der Auftakt für eine lose Abfolge kleinerer Nummern, die meist nicht über Slapstick hinauskommen.

Die zwei Stunden sind über weite Strecken zum Gähnen. Die Korruptionsaffären, in die der Erdogan-Clan verwickelt ist, werden kurz angedeutet. Der Abend kehrt immer wieder zum Versuch einer Familienaufstellung zurück: Lea Draeger wird zunächst gezwungen, sich als Tochter in das starre Korsett der Moralvorstellungen einzufügen und sich unter einem Tisch zusammen zu kauern. Später wird sie mit drastischen, zotigen Worten aufgefordert, gegen das Patriarchat aufzubegehren, während die restliche Familie ruhig weiter singt. Erzählstränge werden angerissen und zerfasern im Nirgendwo.

„Love it or leave it!“ fehlt eine überzeugende Idee, sein brisantes, hochaktuelles Thema entschlossen anzugehen.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2016/11/24/love-it-or-leave-it-nurkan-erpulat-scheitert-am-gorki-mit-einem-stueck-ueber-die-lage-in-der-tuerkei/

Kommentar schreiben