Ruby Town – Signa beim Theatertreffen 2008

 

Freitag, 2. Mai 2008, 18 Uhr

von Esther Slevogt

Es ist kühl und dämmrig, die Stimmung beklommen. Besonders angesichts der Soldaten, ihrem altertümlichem Bürogerät und autoritären Verhalten spült das emotionale Gedächtnis Zeiten wieder hoch, als in Berlin noch die Mauer stand und man sich durch Kontrollpunkte wie diesen fädeln musste, um von einer Stadthälfte in die andere zu gelangen. Bloß dass damals der vorherrschende Dialekt das Sächsische war, während die Herrschaften aktuell nur Englisch sprechen.

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Samstag, 3. Mai 2008, 11 Uhr

von Robert Schröpfer

Es ist der zweite Berliner Tag von Ruby Town, und der Abend vorher muss ziemlich lang gewesen sein. Denn nicht nur, dass draußen vor der Halle kaum ein Besucher Schlange steht, auch drinnen in diesem Reservat herrscht am Vormittag noch allgemeine Dösigkeit. Der Lebensmittelladen (Haferflocken, Sellerie) – ohne Bedienung. Die Bar Sonja – verwaist. Und während junge Frauen in die Peepshow locken wollen, pafft Martha Rubin, Urmutter fast des kompletten Dorfes, die gestern noch als scheintot galt, in ihrer Matratzengruft trotz Rauchverbots schon wieder Selbstgedrehte.

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Samstag, 3. Mai 2008, 13 Uhr

von Dirk Pilz

Es war vor allem heimelig, fast kuschelig in Ruby Town. Zumindest am frühen Samstagnachmittag traf ich hier auf ein friedliches und schrulliges Völkchen. Hector schimpfte ein bisschen über die Soldaten, Sonia verkaufte an ihrer Bar Schnaps und Martha Rubin hockte in ihrer Kapelle zwischen Heiligenbildchen und raunte in Rätseln von einer ungewissen Zukunft. Mit Leo habe ich einen Kassettenrecorder repariert, mit Josef heimlich Südstaaten-Tabak geraucht und von einer Kollegin ließ ich mich zum Besuch im muffigen Peep-Show-Kabuff überreden, in dem es auf engstem Raum tatsächlich eine Peep-Show gibt.

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Sonntag, 4. Mai 2008, 1 Uhr

von Dorothea Marcus

"Willst du heute Nacht hier schlafen?" flüstert mir Camillo ins Ohr. Er hat Locken, trägt Hut und redet schon den ganzen Abend auf mich ein – unter anderem erzählt er mir, wie fantastisch es ist, mit Roumina verheiratet zu sein. Eigentlich war es eine Art Zwangsheirat. Aber mittlerweile lieben sich die beiden sehr, beteuert Camillo. Und jeden Abend arbeitet er daran, dass sie endlich schwanger wird.

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Dienstag, 6. Mai 2008, 9 Uhr

von Wolfgang Behrens

Ich habe Glück. Die erste, die mich im morgens noch fast besucherfreien Ruby Town anspricht, ist Stella. Sie sagt: "Grüß Gott!", aus welchen Gründen auch immer verstehe ich: "Bonsoir", und antworte: "Bonjour, es muss bonjour heißen!" Sie sieht mich verwirrt an, und schon sind wir im Gespräch. Stella berichtet, dass man immer die Franzosen zu ihr schicken würde, weil sie als Kind mit ihrer Mutter mal kurz in Frankreich gewesen sei. Was dann mich verwirrt: War Stella als Kind in Frankreich, oder war es ihre Darstellerin? Die Fangfragen, die ich ihr zu stellen versuche, kontert sie geschickt – es bleibt offen.

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Mittwoch, 7. Mai 17.30 Uhr

von Lena Schneider

Die Hochzeit. Alle reden an diesem Abend von ihr, alle haben davon gehört, auch wir. Von den gestrengen, spitzlippigen jungen Damen am Check-in des Nordstaates bis zu dem Burschen Mischa, dem einzigen Kind in RubyTown, das überall zugleich zu sein scheint – alle fragen früher oder später im Gespräch das Gleiche. Bleibst du zur Hochzeit? Are you staying? Wann genau das Fest stattfinden soll, weiß keiner so richtig. Wer nachfragt, verrät sich als frisch eingereister Tourist. Und bekommt eine typisch Ruby-Townsche Antwort: Wenn es dunkel wird.

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Donnerstag 8. Mai 2008, 9 Uhr

von Nikolaus Merck

Strahlende Sonne überm Schöneberger Südgelände, noch der letzte Dreckhaufen sähe heute pittoresk und irgendwie verzaubert aus. Die Sonne scheint auch durch die Dachfenster der alten Lokhalle bei der Einreise nach R.T. Die Barackenstadt IST ein Dreckhaufen und sie SIEHT verzaubert aus, wie ein von Ilya Kabakov, Alvis Hermanis und Christian Boltanski geträumtes Osteuropa im Kalten Krieg.

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Freitag, 9. Mai 2008, 24 Uhr

von Wolfgang Behrens

Oben, am höchsten Punkt von Ruby Town, auf dem Balkon Martha Rubins, findet die Tragödie statt. Oder vielmehr: wird die Tragödie aufgeführt. Denn kurz nach Mitternacht – ich bin seit etwa einer halben Stunde wieder in Ruby Town – zieht Signa Sørensen, die sich hier Martha Rubin nennt, alle Register. Sie spielt mehrere Dramen gleichzeitig, darunter "Kassandra" und "Christus am Ölberg". Sie sitzt, gestützt von einigen Jüngerinnen, auf einer Bank und sticht immer wieder drei Finger in die Luft: "Drei Tage! Drei Tage noch! Dann sind wir alle tot! Drei Tage!"

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Samstag, 10. Mai 2008, 18 Uhr

Das Ende der Geschichte erzählen Leser in den Kommentaren: Nämlich wie Ruby Town unterging, obwohl ein paar beherzte Berliner Zuschauer (die ja über reichliche Besatzungerfahrungen verfügen), versucht haben, Stadt und Bewohner zu retten ... (einfach nach unten zur Kommentarzone scrollen).

 

Montag, 12. Mai 2008, 17 Uhr

Man hätte sich wohl noch endlos Geschichten erzählen können von den Erlebnissen, inneren wie äußeren, in Ruby Town. Realität und Fiktion auseinander zu sortieren, fiel einem Teil der Zuschauer, die zum Gespräch mit SIGNA ins Haus der Berliner Festspiele gekommen waren, sichtlich schwerer als den Darstellern auf dem Podium. Aber eines war wie zuvor im Lokschuppen: Martha Rubin alias Signa Sørensen dominierte kraft ihrer lasziven Autorität die Szenerie. Esther Slevogt berichtet.

Ruby Town – Signa beim Theatertreffen 2008

 

Freitag, 2. Mai 2008, 18 Uhr

von Esther Slevogt

Es ist kühl und dämmrig, die Stimmung beklommen. Besonders angesichts der Soldaten, ihrem altertümlichem Bürogerät und autoritären Verhalten spült das emotionale Gedächtnis Zeiten wieder hoch, als in Berlin noch die Mauer stand und man sich durch Kontrollpunkte wie diesen fädeln musste, um von einer Stadthälfte in die andere zu gelangen. Bloß dass damals der vorherrschende Dialekt das Sächsische war, während die Herrschaften aktuell nur Englisch sprechen.

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Samstag, 3. Mai 2008, 11 Uhr

von Robert Schröpfer

Es ist der zweite Berliner Tag von Ruby Town, und der Abend vorher muss ziemlich lang gewesen sein. Denn nicht nur, dass draußen vor der Halle kaum ein Besucher Schlange steht, auch drinnen in diesem Reservat herrscht am Vormittag noch allgemeine Dösigkeit. Der Lebensmittelladen (Haferflocken, Sellerie) – ohne Bedienung. Die Bar Sonja – verwaist. Und während junge Frauen in die Peepshow locken wollen, pafft Martha Rubin, Urmutter fast des kompletten Dorfes, die gestern noch als scheintot galt, in ihrer Matratzengruft trotz Rauchverbots schon wieder Selbstgedrehte.

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Samstag, 3. Mai 2008, 13 Uhr

von Dirk Pilz

Es war vor allem heimelig, fast kuschelig in Ruby Town. Zumindest am frühen Samstagnachmittag traf ich hier auf ein friedliches und schrulliges Völkchen. Hector schimpfte ein bisschen über die Soldaten, Sonia verkaufte an ihrer Bar Schnaps und Martha Rubin hockte in ihrer Kapelle zwischen Heiligenbildchen und raunte in Rätseln von einer ungewissen Zukunft. Mit Leo habe ich einen Kassettenrecorder repariert, mit Josef heimlich Südstaaten-Tabak geraucht und von einer Kollegin ließ ich mich zum Besuch im muffigen Peep-Show-Kabuff überreden, in dem es auf engstem Raum tatsächlich eine Peep-Show gibt.

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Sonntag, 4. Mai 2008, 1 Uhr

von Dorothea Marcus

"Willst du heute Nacht hier schlafen?" flüstert mir Camillo ins Ohr. Er hat Locken, trägt Hut und redet schon den ganzen Abend auf mich ein – unter anderem erzählt er mir, wie fantastisch es ist, mit Roumina verheiratet zu sein. Eigentlich war es eine Art Zwangsheirat. Aber mittlerweile lieben sich die beiden sehr, beteuert Camillo. Und jeden Abend arbeitet er daran, dass sie endlich schwanger wird.

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Dienstag, 6. Mai 2008, 9 Uhr

von Wolfgang Behrens

Ich habe Glück. Die erste, die mich im morgens noch fast besucherfreien Ruby Town anspricht, ist Stella. Sie sagt: "Grüß Gott!", aus welchen Gründen auch immer verstehe ich: "Bonsoir", und antworte: "Bonjour, es muss bonjour heißen!" Sie sieht mich verwirrt an, und schon sind wir im Gespräch. Stella berichtet, dass man immer die Franzosen zu ihr schicken würde, weil sie als Kind mit ihrer Mutter mal kurz in Frankreich gewesen sei. Was dann mich verwirrt: War Stella als Kind in Frankreich, oder war es ihre Darstellerin? Die Fangfragen, die ich ihr zu stellen versuche, kontert sie geschickt – es bleibt offen.

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Mittwoch, 7. Mai 17.30 Uhr

von Lena Schneider

Die Hochzeit. Alle reden an diesem Abend von ihr, alle haben davon gehört, auch wir. Von den gestrengen, spitzlippigen jungen Damen am Check-in des Nordstaates bis zu dem Burschen Mischa, dem einzigen Kind in RubyTown, das überall zugleich zu sein scheint – alle fragen früher oder später im Gespräch das Gleiche. Bleibst du zur Hochzeit? Are you staying? Wann genau das Fest stattfinden soll, weiß keiner so richtig. Wer nachfragt, verrät sich als frisch eingereister Tourist. Und bekommt eine typisch Ruby-Townsche Antwort: Wenn es dunkel wird.

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Donnerstag 8. Mai 2008, 9 Uhr

von Nikolaus Merck

Strahlende Sonne überm Schöneberger Südgelände, noch der letzte Dreckhaufen sähe heute pittoresk und irgendwie verzaubert aus. Die Sonne scheint auch durch die Dachfenster der alten Lokhalle bei der Einreise nach R.T. Die Barackenstadt IST ein Dreckhaufen und sie SIEHT verzaubert aus, wie ein von Ilya Kabakov, Alvis Hermanis und Christian Boltanski geträumtes Osteuropa im Kalten Krieg.

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Freitag, 9. Mai 2008, 24 Uhr

von Wolfgang Behrens

Oben, am höchsten Punkt von Ruby Town, auf dem Balkon Martha Rubins, findet die Tragödie statt. Oder vielmehr: wird die Tragödie aufgeführt. Denn kurz nach Mitternacht – ich bin seit etwa einer halben Stunde wieder in Ruby Town – zieht Signa Sørensen, die sich hier Martha Rubin nennt, alle Register. Sie spielt mehrere Dramen gleichzeitig, darunter "Kassandra" und "Christus am Ölberg". Sie sitzt, gestützt von einigen Jüngerinnen, auf einer Bank und sticht immer wieder drei Finger in die Luft: "Drei Tage! Drei Tage noch! Dann sind wir alle tot! Drei Tage!"

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Samstag, 10. Mai 2008, 18 Uhr

Das Ende der Geschichte erzählen Leser in den Kommentaren: Nämlich wie Ruby Town unterging, obwohl ein paar beherzte Berliner Zuschauer (die ja über reichliche Besatzungerfahrungen verfügen), versucht haben, Stadt und Bewohner zu retten ... (einfach nach unten zur Kommentarzone scrollen).

 

Montag, 12. Mai 2008, 17 Uhr

Man hätte sich wohl noch endlos Geschichten erzählen können von den Erlebnissen, inneren wie äußeren, in Ruby Town. Realität und Fiktion auseinander zu sortieren, fiel einem Teil der Zuschauer, die zum Gespräch mit SIGNA ins Haus der Berliner Festspiele gekommen waren, sichtlich schwerer als den Darstellern auf dem Podium. Aber eines war wie zuvor im Lokschuppen: Martha Rubin alias Signa Sørensen dominierte kraft ihrer lasziven Autorität die Szenerie. Esther Slevogt berichtet.

Kommentare

Kommentare  
#1 Ruby Town: wieso dieser Hype?eher nicht 2008-05-06 00:54
ich kann den ganzen hype um diese sache nicht verstehen. das ist doch ganz simples bastel-theater. wieso sollte mich das weiter angehen? es ist wie im zoo, da glotzt man auf die raubtiere und freut sich, dass sie da sind und nicht raus können.
#2 Ruby Town: man steckt mit im KäfigJK 2008-05-06 03:07
Danke für diese tiefgreifende aber ungenaue Analyse. Du beschreibst herkömmliches Theater. Da glotzt man auf die Raubtiere hinterm Orchestergraben und freut sich, dass sie nicht raus können. In Ruby Town wird man mit in den Käfig gesteckt und darf die Raubtiere sogar anfassen. Etliche Stunden später haben sie einem dann das komplette Geld aus der Tasche gesoffen und man kann wieder gehen.
#3 Ruby Town: herrlich langweiligAntonin 2008-05-06 11:14
Herrlich langweilig das Ganze. Gut es zu erleben, sonst wäre der Jury ständig der Vorwurf zur Seite, "das wichtigste Ereignis" nicht eingeladen zu haben. Nun sind des Kaisers neue Kleider zu betrachten und nüchtern gähnen die Besucher sich durch eine rührend emsige Theaterwerkstatt. Schön mal nicht klatschen zu müsssen, schön jeder Zeit gehen zu können.
Traurig die Projektionsfläche erlebnisarmer Theaterkritiker zu betrachten. Ist "Euer" Leben wirklich so langweilig?
Ich schaue in den Fernseher und er schaut zurück.
#4 Ruby Town: Ich will Schlingensief zurück!!AA 2008-05-06 17:33
Unglaublich, olles 60ies theater ! Raubtiere ? Kuschelhäschen eher. Die Schauspieler scheissen sich an, dass man sie anspricht. Das ganze schon zigfach gesehen, das macht inzwischen jede 2. Uni in irgendeinem Mietshaus. Und das kommt zum TT ? Ich will Schlingensief zurück !!
#5 Ruby Town: rührend emsige TheaterwerkstattNa na na 2008-05-06 18:55
Nun kriegt euch mal wieder ein. Eine rührend emsige Theaterwerkstatt ist das nicht, weil es doch gar kein Theater sein will. Es ist ein großes Spiel. Vielleicht nicht arg relevant, aber wenn man mit einer gewissen Kindlichkeit da durchgeht, dann ist es in der Weise, wie sich die Geschichten fortzeugen, schon toll und sehr schön. Und bei mir hat sich auch keiner angeschissen, als man ihn ansprach. Wenn man länger da ist, kann man mit denen doch wunderbar leben und spinnen und Kind sein und staunen und spielen. Eins stimmt aber: Die Regierung Merkel wird's nicht aushebeln. Dazu brauchen wir halt doch den Schlingensief!
#6 Ruby Town macht Hunger auf Theaterantonin 2008-05-06 21:07
Nichts GEGEN diese Theaterwerkstatt, das ist interessant und hat immerhin etwas mit den Zuschauern zu tun, anders als so manch' andere Kulturveranstaltung.
Es ist ein Angebot für Leute, die nicht immer etwas mit sich selbst anfangen können oder wollen und das ist auch eine! pädagogische Aufgabe von Kultur. Nur!!
Liebe Rezensenten, was habt ihr gesehen, gegessen und getrunken? Nichts von dem beschworenen Zauber konnte ich erleben. Hunger habe ich bekommen, auf Theater!
#7 Ruby Town: Nicht so spannendaha 2008-05-08 10:22
interessant, erst hieß es: da kommt man eh nicht rein, da rennen alle hin. jetzt hat das theatertreffen einen "mondscheintarif" (billiger in der nacht), weil's offenbar überhaupt nicht so voll ist und man kommt ohne probleme rein. es ist ja auch nicht so spannend, wie vorher getan wurde.
#8 Ruby Town: Depressive Geilheitrk 2008-05-08 12:13
Die Damen und Herren Rezensenten sollten vielleicht auch mal bis etwas später am Abend bleiben. Wenn die Gespräche plötzlich immer privater werden und das Spiel der Rubystory in den Hintergrund tritt. Oder ist auch das Teil des Spiels? Denn die Möglichkeit der Verführung wird ja angekündigt. Man kann auch drei Tage dort schlafen, wenn man eingeladen wird und insbesondere junge Frauen wird das wodkamutig angetragen und irgend eine findet sich immer. Etwas moderner ausgedrückt. Drunter und drüber ficken als Kunst. Bemerkenswert, daß Null Erotik im Spiel ist, sondern Langeweile und eine seltsam depressive Geilheit.
#9 Ruby Town: innere Grenze überschreiten, statt bloß GlotzenUlf Steinebrunner 2008-05-08 13:53
Leider offenbart sich bei den Kommentaren zu Teilen ein todtrauriges Theaterverständnis, keine Neugierde ist zu erkennen, es soll unterhalten werden durch bloßes "Zuschauen" und "Glotzen" am besten nach ureigenem Geschmack. Dabei war doch von Beginn an klar, worum es bei diesem Projekt geht: entweder man lässt sich auf ein sonderbares Leben mitsamt der Vorgaben der Lebens- oder besser: Gefangenengemeinschaft aktiv (!!!) ein, oder man möchte passive Berieselung, dann ist von dem Besuch des Projektes dringend abzuraten. Sollte Langeweile aufkommen, ist der Besucher bei Signa eben selbst Schuld: entweder er konnte sich nicht in die fremde Gemeinschaft einfinden oder er war so uninteressant, dass er noch nicht einmal von den Mitgliedern angesprochen / eingeladen wurde. Wer Essen möchte, kann die Bewohner fragen und manchmal auch mit Ihnen gemeinsam kochen, wer eine neue Frisur verpasst bekommen möchte, kann die Bewohner ansprechen, usw. Wer diese innere Grenze zur Selbsteinlassung und Toleranz nicht überschreiten kann, wird sich langweilen. Selbst ist der Zuschauer!
#10 Ruby Town: wie man ein Erlebnis schafftchrüschnak 2008-05-08 23:32
Auch ich kann die hier geäußerte Langeweile oder ähnliches nicht nachvollziehen. Während ich in Ruby-Town war, habe ich Menschen erlebt die sich einfach beeindruckt zeigten und den Bewohnern zugehört haben. So kann man sich schnell ein Kreislein von Bekannten erzeugen, was wiederum dazu führt, dass einem geneigte Dörfler kleine Aufträge zukommen lassen oder einem unter die Arme greifen. Natürlich gibt es auch Besucher die erwarten an die Hand genommen zu werden bzw. irgendwas besonderes das sich "wohl von allein" einstellen wird. Das ist es aber gerade nicht. Ich hörte auch einen Besucher der sich bei Leo beschwerte, dass er ein "Outsider" in der Stadt geblieben sei. So wie ich ihn mitbekam, ständig laut und überdreht, die Sonnenbrille auf der Nase und alle nach Zigaretten fragend .. kein Wunder. Mir selbst hat die Anwesenheit in Rubytown gut gefallen, ich habe die Momente genossen auf einer Bank zu sitzen für mich und den Trubel ringsherum zu verfolgen. Vielleicht sollte man erkennen, dass keine Handlung, egal ob innerhalb oder außerhalb von Rubytown irgendeinen tieferen Wert für das Leben hat. Es ist doch alles Schauspiel irgendwie. Aber das habe ich nicht erfunden ;-)
#11 Ruby Town: ich schaue anders auf die Weltll 2008-05-10 01:07
Ich bin sehr positiv verstört durch diese Performance. Es ist doch eine Abwechslung. Ein Theater zum mitmachen, aber ohne, dass der Zuschauer besonders genötigt wird.
Man ist ja nicht gezwungen, eine bestimmte Person anzusprechen oder eine bestimmte Handlung vorzunehmen. (Man muss z.B. nicht auf einer Bühne vor allen Zuschauern den Clown machen.)
Man kann gehen wohin man will, und sprechen mit wem man will, man kann selbst der Akteur sein, man ist frei in seiner Handlung. Wo gibt es das sonst?
Ich empfinde das einzigartig.
Nach kurzer Zeit und einigen Gesprächen empfinde ich die Situation nicht als Theater, die Schauspieler nicht als Schauspieler. Das ganze erscheint als reale Situation einer Art Favela.
Nachts ist es hier wirklich kühl und haben diese Menschen nicht wirklich Hunger, wenn ich wieder zuhause bin und eine Schokolade oder ein Schnitzel
esse? Ich muss mich absichtlich daran erinnern, dass es sich hier nur um ein Theaterstück handelt und diese Menschen am Sonntag wieder "frei" sein
werden. Nachrichten über Burma, Bilder über Menschen, die in einer Schlange stehen
und Nahrungsmittel in Blechtellern unter "Bewachung" von Soldaten empfangen,
nehme ich doch nun ganz anders wahr.
Dieses Theater bietet eine einzigartige Möglichkeit eine bestimmte Lebenssituation "mit zu empfinden".
Im Gegensatz dazu denke man mal an das Holocaust Denkmal, wieviel von der Lebenssituation der Menschen im Konzentrationslager kommt denn aus
diesen Steiwürfeln 'rüber?
#12 Ruby Town: eine Utopie des Kollektivs!TT 2008-05-10 15:45
Ich habe insgesamt 10 wundervolle Stunden in Ruby Town verbracht, die Konsequenz, bis ins kleinste Detail vorhanden, und die immer wieder neu aufkommenden Möglichkeiten, Zeit und Ort zu vergessen, haben mich sehr beeindruckt. Mit völlig Fremden, Bewohnern wie Gästen, habe ich so viel Zeit am Stück intensiv verbracht, wie zu lange nicht mehr mit guten Freunden. Eine Utopie der Offenheit, des Vertrauens, des Kollektivs. Die Momente der Meditation oben bei Martha: unfassbar. Ich habe große Bewunderung übrig für jemanden, der ein solches communio Erlebnis mit so unaufdringlichen Mitteln schafft. Davon träumt das Stadttheater doch, ein Publikum, im ursprünglichen Sinne des Wortes. Wenn die Zuschauer dazwischen rufen, wenn sie Türen knallend den Saal verlassen, wenn "Skandal" die Schlagzeilen beherrscht, ja, dann wird im Stadttheater von erfolgreicher Publikumsbildung gesprochen und die großen Meinungsspalter klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Nicht so in Ruby Town, wo sich die communio über ein gemeinsam positives Erfahren bildet. Kompliment. Der Kontrast danach in der S-Bahn, wenn Sie mal eine Minute steht und Flüche und Verwünschungen die Athmosphäre beherrschen, die puritanischen Panzer, die jeder um sich baut, das ist das eigentlich Erschreckende.
Was Schlingensief, der mittlerweile ewig Gestrige, noch am Theatertreffen soll, kann ich mir ebensowenig erklären, als wie er Die Regierung Merkel aushebeln soll.
#13 Ruby Town: Das Endeulli 2008-05-12 14:16
Liebe Nachtkritiker,

Asche über Eure Häupter! Wie kommt es, dass Eure Berichterstattung aus Rubytown am frühen Freitagmorgen, 40 Stunden vor dem Ende unvermittelt abbricht? "Drei Tage noch!!" Hat sich niemand gefunden, der über das furiose Finale in Rubyown berichten wollte? Das sollte man denen, die nicht dabei waren, nicht vorenthalten!

Am Samstagmorgen, bei meinem ersten und leider einzigen Besuch in Rubytown fand ich folgende Situation vor:
Das Militär ließ über Lautsprecher verkünden, daß das Dorf am Abend um 19.00 Uhr evakuiert werden müsse. Das Ausmaß der Strahlung hätte zugenommen, die Bewohner würden in ein Krankenhaus im Nordstaat verbracht, dort untersucht und ggf. behandelt, später dann, wenn möglich, woanders angesiedelt.

Die Rubytowner, misstrauisch gegenüber dem Militär (zwei ehemalige Mitbewohner, die schon einmal ins Krankenhaus gebracht worden waren, sind nie zurückgekehrt), überlegten, wie sie mit der Situation umgehen sollten.

Gab es eine Alternative? Sollte man der Aufforderung Folge leisten oder in den Tod gehen (kollektiven Selbstmord begehen) und darauf hoffen, später aus dem "Zwischenreich" zurückkehren zu können, wie es ja Martha auch gelungen ist?

Während die Bewohner deprimiert ihre Koffer packten, bildete sich unter den Besuchern eine kleine "Kommission", die zwischen Militär und Bewohnern vermitteln wollte, um Garantien für das Fortbestehen der Gemeinschaft auszuhandeln.

Ein Vertrag wurde geschlossen, die Garantien gewährt. Martha befahl ihren Leuten, die Koffer in einen magischen Kreis vor ihrem "Schrein" zu stellen. Gegen 17.00 fanden sich alle Bewohner dort ein, vollzogen ein kurzes Ritual und während Martha majestätisch die Treppen zu Ihren Jüngern hinunterschritt, sanken sie sterbend zu Boden.

Als auch der letzte der Bewohner tot zu ihren Füssen lag, bespuckte sie die Leichen und rief Milan herbei, einen Bewohner, der sich im Dorf versteckt hatte. Dieser trug sie aus dem Kreis ihrer Opfer heraus. Mit Geldscheinen um sich werfend und nach Wodka und Musik rufend vergnügten sich die zwei in einer der Hütten...

Und die Moral von der Geschicht: trau' den falschen Propheten nicht!

Dann erschien das Militär und scheuchte uns, die Besucher, aus dem Dorf.
#14 Ruby Town: Dokument einer Besuchergruppe f. MilitärDavid Baltzer 2008-05-12 16:08
In Ergänzung hier das Dokument, das eine Besuchergruppe ausgearbeitet hat und das von Martha wie auch der Militärverwaltung unterschrieben wurde:

Ruby Town, 10/05/2008
This contract guarantees safety and health of the people of Ruby Town.
1. The inhabitants of Ruby Town will be transorted into the hospital as a complete group.
2. An independent group of North State citiziens will accompany the whole evacuation and medical treatment process.
3. An independent physician will control the radiation level in Ruby Town. All results will be published in the press.
4. If the radiation is too high for living in Ruby Town, a new place for living has to be given to the people.
5. The North State will respect the special way of living and the certain culture of the inhabitants of Ruby Town at the new place too.
6. The private property of the people of Ruby Town will be respected an guarded during the time of absence from Ruby Town.
7. The whole contract will be published in the press.
8. The details of the evacuation will be announced and explained exactly by the military forces before the evacuation start.

Unterzeichnet und gestempelt von der Leitung der Militärverwaltung und Martha Rubin.
#15 Ruby Town: Zartes Gespinst von WirklichkeitDavid Baltzer 2008-05-12 16:51
Schön war, dass sich unter einigen Besuchern eine Diskussion um die Pflicht zum Eingreifen (responsibility to protect) ergab.

Es ging über die Überlegung den Abtransport der Einwohner zu verhindern, die Militäreinheit festzusetzen, Gewalt gegen das Militär anzuwenden bis zum dann erfolgten Versuch zu vermitteln und der Angst der Einwohner im Krankenhaus ermordet zu werden etwas entgegenzusetzen. Auslöser waren sowohl ein Unwohlsein über die latente Todessehnsucht der Rubytowner als auch der Wunsch die eigene Passivität zu durchbrechen und handelnd ins Geschehen einzugreifen.

Die Militärverwaltung hat sich überraschenderweise ohne Vorbehalte auf den Vermittlungsversuch eingelassen und zeigte sich durchaus rational und hilfsbereit. Martha Rubin und die Einwohner, die davon etwas mitbekamen, blieben aber im Grossen und Ganzen bei ihren Zweifeln daran, dass ein Wechsel des Dorfstandpunkt möglich sei und dass man sie nicht ermorden wolle.

Schwierig war es, in einer Situation, die nur auf Vertrauen beruhte, sich auf einen Handlungsweg zu einigen, zumal nicht klar war, was für ein Staat die North State eigentlich war, dessen Bewohner wir ja in der Spielvereinbarung repräsentierten. Welche Möglichkeiten einer Bürgerinitiative es wirklich gab, rechtstaatliche Garantien etc. ...

Enttäuscht hat mich, dass es dann doch zu einem sehr theatralischen Ende mit deus ex machina kam. Massenselbstmord by nutella (den Toten und Sterbenden lief eine dunkelbraune Masse aus den Mündern). War überhaupt ein anderes Ende möglich, bzw. warum hat sich Martha nicht dafür entscheiden können?

In den Verhandlungen, die die Bürgerinitiative immer im Rückschluss mit ihr führte, hat sie nicht zu erkennen gegeben, dass sie auf jeden Fall ihr Dorf zu selbstmorden gedenke. So sah man dann dem pittoresken Sterben zu, der dramaturgischen Behauptung, dass die Prophetin dann nichts Besseres zu tun hatte, als sich zu vergnügen um damit ein Ausrufezeichnen hinter was? zu setzen?

Schade, ein offeneres Ende würde die Köpfe freier gelassen haben, als dieses todesverklebte filmfilm Finale. Der Versuch, mit Hilfe des größtmöglichen Negativen Wirkung zu erzielen ist mir hier zu pornografisch und flach.

Der Reiz der Tage davor war nicht zuletzt, innerhalb der Ruby Town Realität ein eigenes zartes Gespinst von Wirklichkeit anzulegen und sich an dem allseitigen Wachsen zu erfreuen. Das forderte die eigene Fantasie, sozialen Fähigkeiten, brachte einen aber immer wieder auf das houellebecqsche "Attraktivität als Ökonomie" Verdikt wie auch auf "Die Möglichkeit einer Insel".

Die Widersprüche und Reibungserfahrungen hätten nach meinem Verständnis kein Sektenfanal gebraucht, um sich selber ein Relevanzsiegel auszustellen.
#16 Ruby Town: Texte nicht lesbar?Leserin 2017-06-04 20:47
Hallo liebes Nachtkritik-Team,

ich würde gerne die Berichte über Ruby Town nachlesen, wenn ich aber auf "weiter geht's hier..." klicke, kommt nur eine leere Seite. Liegt der Fehler bei mir oder sind die Inhalte nicht mehr abrufbar?

(Liebe Leserin, das soll nicht sein und wird gerichtet – einstweilen können Sie sich hier durchklicken (von unten nach oben, entschuldigen Sie die Macken unserer Suchfunktion... www.nachtkritik.de/index.php?searchword=Neues%20aus%20Ruby%20Town&ordering=newest&searchphrase=all&limit=100&option=com_search – herzlich, sd/Redaktion

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