Melancholie und Schmiere

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. November 2016. Theater als Spiegel der Gesellschaft, Theater als Ort der progressiven Formen, die tradierte Sehgewohnheiten brechen und Denkmuster in Frage stellen? Hmmm, Frage in die Runde: Hat da jemand Bock drauf? Ach Quatsch, schieben wir diesen verquasten Feuilleton-Mist mal beiseite, fühlen uns in rüschigen Kostümen wohl, toben über die Bühne und machen die Zuschauer glücklich. Das in Kurzform ist der Eindruck, den gewinnen kann, wer Sebastian Hartmanns Interpretation des Schwanks "Der Raub der Sabinerinnen" in Stuttgart beiwohnt.

Einfach mal richtig herumalbern

Das überrascht – war Hartmann doch bisher am Staatstheater mit bedeutungsschwangeren Inszenierungen wie Staub und Im Stein präsent. Laut Begleitheft waren das für ihn Arbeiten mit großem künstlerischem Mehrwert, die beim Publikum allerdings nicht zündeten. Das reflektiert er nun mit einer Komödie, die das Theater reflektiert. Das bietet interpretatorisch doch wieder Stoff fürs Feuilleton. Dem Publikum aber auch einen einfacheren Zugang. Es erlebt Darsteller, die man selten so exaltiert hat spielen sehen. Das ist kein Boulevard mehr, das ist Groteske. Mit dabei: Marionetten-Moonwalk, sächsischer Dialekt, Voodoo-Anfälle, Bonbon-Kleider und was man sich sonst noch so einfallen lassen kann beim Stichwort "Schmierentheater", um das sich das Stück dreht. Der Effekt: Alle lieben es. Das Publikum lacht befreit, während die Schauspieler wie entfesselt wirken angesichts der Chance, mal so richtig rumalbern zu können.

RaubderSabinerinnen1 560 Conny Mirbach uSchleicht sich da doch noch getarnter Tiefsinn an? Manuel Harder und Peter René Lüdicke.
© Conny Mirbach

Dabei stechen vor allem die Frauen heraus. Etwa die Töchter des Professor Gollwitz, der als Jugendsünde eine römische Tragödie geschrieben hat, die nun ein abgehalfterter Theaterdirektor der Verwertung zuführen will. Birgit Unterweger stöhnt sich als hypersexualisierte Gattin hinreißend durch das Vorleben des Schwiegersohns. Sandra Gerling erntet als nerdige Paula Lacher um Lacher für die abrupten Wechsel zwischen Mädchencharme und freakigen Ausfällen. Etwas kippliger gestaltet sich die Zustimmung zu Peter René Lüdickes Professor Gollwitz. Dessen hypernervöses Gestikulieren nutzt sich nach etwa einer halben Stunde ab, es folgen dann aber noch zwei.

Widersprüche der Kunstwelt

Wem es eh zu bunt wird, der kann sich gedanklich ins Graubrot der Theaterdiskussion knien. Ein Einspieler bringt ein Interview mit dem Schriftsteller Thomas Brasch zu Gehör. Er stellt fest, dass die Gesellschaft durch die Kunst ihre Verletzungen nicht tiefer und damit sichtbarer machen lassen will. Erfasst man, wie begierig das Publikum der Sabinerinnen stattdessen den Schwank der Sabinerinnen aufnimmt, könnte man zustimmen. Andererseits wurde gerade erst dem scheidenden Stuttgarter Intendanten Armin Petras vorgeworfen, sein Programm habe keine Dringlichkeit und wenig Bezug zu Stadtdebatten. Diese Widersprüchlichkeiten in der Kunstwelt greift die Inszenierung auch optisch auf.

RaubderSabinerinnen2 560 Conny Mirbach uNur drei Säulen zeugen von verschwundener Theaterbürgerpracht... auch diese schon geborsten...
können stürzen über Nacht... © Conny Mirbach

Dann wird es doch noch ernst

Die Rahmenhandlung, in der der Professor der Eitelkeit erliegt, einem Wanderzirkus sein Jugendpamphlet anzuvertrauen, spielt vor einem pompösen roten Vorhang. Die Insignien der Gutbürgerlichkeit, Ohrensessel und Klavier, liegen in einer anderen Welt als die Sperrholzbretter, die die Welt bedeuten. Die sieht man ganz zum Schluss mit drei Säulen, die in einer Zeitlupensequenz einstürzen – auch das lässt sich als leicht als Metapher auf den Theaterbetrieb deuten.

Am eindrücklichsten gerät aber die Szene, in der die Schauspieler wie Puppen auf einen Requisitenwagen gestellt und abtransportiert werden. Zuvor war eine Diskussion über Schmierentheater vom ansonsten als gewitzter Screwballcomedian brillierenden Holger Stockhaus (als Theaterdirektor) ins Melancholische geholt worden – nach dem Motto: Theater ist mein Zuhause, auch wenn es die Leute scheiße finden. Da wird es kurz ernst – bis zum Finale: Pyrotechnik, eine Gesangseinlage als Zugabe und die Schlussfolgerung: Ja, auch das geht – man kann sich in einem Staatstheater einfach mal nur unterhalten lassen.

 

Der Raub der Sabinerinnen
nach Paul und Franz von Schönthan
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann Kostüme: Adriana Braga Peretzki Licht: Lothar Baumgarte Dramaturgie: Jan Hein, Katrin Spira.
Mit: Manolo Bertling, Sandra Gerling, Manuel Harder, Manja Kuhl, Peter René Lüdicke, Hanna Plaß, Birgit Unterweger, Abak Safaei-Rad, Holger Stockhaus.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

In seiner Zeit als Intendant in Leipzig, hat Sebastian Hartmann schon mal einen Schwank als Kommentar zur Theaterlage der Nation, bzw. der Stadt inszeniert. Nämlich Pension Schöller, und zwar im Jahr 2011.

 

Kritikenrundschau

Zweieinhalb Spielstunden münden in eine aufgekratzte Ratlosigkeit, so der Befund von Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (21.11.2016). Je mehr Schwank auf der Bühne voranschreite, "desto deutlicher schält sich Hartmanns Anliegen heraus. Er denkt auf dem Theater über das Theater nach, über das Wie und Wozu des Theatermachens, das seit geraumer Zeit nicht nur in Stuttgart in der Krise steckt. Er spielt, überwiegend an der Rampe, vor dem geschlossenen Vorhang, mit Stilen und Stimmungen, mit Sprechweisen und Szeneneinfällen, er flaniert durch Genres und Epochen und setzt am Ende gar die alte Theaterwelt in Flammen, grell, bunt, ironisch."

Eine kräftig gefledderte und geschredderte und als Mischung aus 'Klimbim' und Comedy wiederaufbereitete Fassung des Schwanks beschreibt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (21.11.2016). Hartmann setze auf Brüche, "aber irgendwann bleibt die Kontinuität der Geschichte ganz auf der Strecke. Nach reichlich Klamauk und Blödelei kippt die Stimmung, und das Finale gerät zur larmoyanten Selbstbeschau". "Im Ergebnis mag das Publikum ebenfalls kichern, aber es ist ein wohlfeiler Triumph über ein Stück, das hier samt Theatertradition bloßgestellt wird."

Hartmanns Inszenierung sei sehr originalgetreu und die Schauspieler agierten ihre diversen Knallchargenrollen grandios aus: komödiantisch, skurril, akrobatisch, so Rainer Zerbst in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.11.2016). "Freilich: Zweieinhalb Stunden eine Lachnummer an der anderen wirkt auch enervierend. Im Verlauf des Abends sagt Striese einmal zu einem jungen Mann, der seine slapsgtickartige Lachnummer zum zehnten Male wiederholte, man müsse auch wissen, wann ein Gag ausgereizt sei. Das hätte sich auch Hartmann zu Herzen nehmen sollen."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: grandiose RatlosigkeitPeter Schlegel 2016-11-19 10:05
Wenn ein großes Theater heutzutage den ”Raub der Sabinerinnen“ spielt, fragt man sich schon warum? Will man etwa dem Zuschauer- und Abonnentenschwund durch Schenkelklopferstücke entgegenwirken, oder was sonst?

Der Anfang war jedenfalls vielversprechend. Vor einen klassischen roten bordürten Bühnenvorhang tritt eine junge Frau (Hanna Plaß) in einem Kleid, angesiedelt zwischen Barock und Revue, singt eindringlich leise ein Lied und verwandelt das Publikumsgeraune in aufmerksames Zuhören. Schwere Ledermöbel werden vor den Vorhang geschoben, ein Tisch, ein Klavier und ein mannshoher Ficus Benjamini und zwischen diesen Requisiten entspinnt sich unter grotesken Grimassen klamottenhaft die bekannte Story die sich erst mal hinzieht, so dass ein erstes Gähnen kaum unterdrückt werden kann. Daran ändert sich eine ganze Weile nicht viel, obwohl die Schauspieler wirklich alles geben vom üblen Kalauer, komischen Dialekteinlagen bis zu vollem Körpereinsatz in lustigen Klamotten und es wird sogar versucht das Publikum in der üblichen Weise mit einzubeziehen.. Irgendwie nichts Neues, nichts was einen von den Sitzen reißt.

Und dann auf einmal ist alles anders. Vollkommen verausgabt geht den Schauspielern der Text aus, und auch vom Souffleur kommt nichts mehr, so sitzen sie ratlos vor dem Vorhang und bewegen nur noch stumm die Lippen. Ein Wiener Kaffeehauskellner (Sandra Gerling?)poltert herein und wartet auf Bestellungen. Als nichts kommt bietet er das ganze Sammelsurium seiner Menükarte an, Drama, Komik, Tiefsinn, Witz, Provokation und vieles mehr. Die Schauspieler wissen nicht was sie bestellen sollen und der Kellner fragt deshalb das Publikum das ebenfalls sprachlos bleibt. Selten hat das Theater derart grandios seine vollkommener Ratlosigkeit präsentiert. Was soll Theater noch wenn alles gesagt und gespielt ist und wenn alle Beteiligten alles gegeben haben was sie geben können? Was bleibt wenn alle Akteure von den Requisiteuren von der Bühne geschafft wurden?

Die Antwort, die Regisseur und Bühnenbildner Sebastian Hartmann in einem grandiosen Schlussbild zusammen mit allen Akteuren gibt, ist überwältigend. Der Vorhang öffnet sich auf einen antik anmutenden Bühnenraum der von drei riesigen Säulen und einem Wasserbecken beherrscht wird. Nach und nach betreten die Schauspieler in langsamen zeitlupenhaften Bewegungen stumm diesen Raum und nehmen im gedämpften Licht klassische Posen ein. Mit großer körperliche Präsenz vermitteln sie die Faszination dessen was Theater seit tausenden von Jahren ausmachen kann. Unter dem eindringlichen Gesang von Hanna Plaß beginnen sich die Säulen zu neigen, drohen die Bühne und die Schauspieler, die ihre Arme zum vergeblichen Schutz nach oben stecken, unter sich zu begraben. Diese sich fast zeitlos hinziehende Szene lässt einen den Atem anhalten und es wird einem klar, warum man heute Abend hier sein möchte.

Da es sich aber bei dem Stück um einen Schwank handelt, muss es auch so enden. Das obere Drittel einer der bereits stark geneigten Säulen bricht ab und der Schreckensschrei im Publikum löst die Spannung auf und auch die Schauspieltruppe, die ihre Sprache wiedergefunden hat, tut das Übrige dazu; gibt sogar noch eine Zugabe, die sie selbst gefordert hat und so vermischt sich alles im großen verdienten Schlussapplaus. Mein großes Kompliment an alle Beteiligten.
#2 Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: ZuordnungWiener Kellner 2016-11-19 11:59
Der Wiener Kellner war übrigens Birgit Unterweger!

(Liebe*r Wiener Kellner, bezieht sich das auf einen Fehler im Text? (Den ich hier gerade nicht finden kann)? Fragt, mit freundlichem Gruß, sd/Redaktion)
#3 Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: EntschuldigungPeter Schlegel 2016-11-19 12:59
Tut mir leid, dass ich den falschen Namen gepostet habe, deswegen auch das ? hinter dem Namen. Leider hat sich in den Programmheften, die für mich unverständliche Gewohnheit durchgesetzt, nur die Schauspieler/innen zu nennen, ohne die Rollen dazu.

(Liebe*r Peter Schlegel, liebe*r Wiener Kellner, jetzt fällt der Groschen auch bei der redaktion. Mit freundlichem Gruß, sd)
#4 Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: Zitat aus Deutschlandradio-KritikMaß 2016-11-19 19:40
"Im Verlauf des Abends sagt Striese einmal zu einem jungen Mann, der seine slapsgtickartige Lachnummer zum zehnten Male wiederholte, man müsse auch wissen, wann ein Gag ausgereizt sei. Das hätte sich auch Hartmann zu Herzen nehmen sollen."

www.deutschlandradiokultur.de/der-raub-der-sabinerinnen-am-schauspiel-stuttgart-ein.1013.de.html?dram:article_id=371863
#5 Der Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: vortrefflicher SpagatJohannes Liebig 2016-11-19 22:26
Wunderbare Übertreibung im 1.Teil des Stückes bis zur Groteske. Darin: herrlicher Wortwitz und doppeldeutige Botschaften. Witzig und klug. Räumliche Reduzierung des Schwankes auf die Bühnenrampe- dann, der Bogen zum letzten Teil des Stückes auf die Hauptbühne.
Ein Bühnen-Bild- ein Kunstwerk aus wenigen sensibel zusammengefügten Elementen,drei Säulen, Licht und Schatten, Musik, Schauspielern als im Wortsinn "Figuren"... atemberaubend, ergreifend!
Ein gelungenes Werk, dass den Spagat zwischen Komik und Ernst vortrefflich ohne Bruch vereinte und die Zuschauer am Ende kritisch mit einer tatsächlich
grandiosen Präsentation der Frage konfrontierte:
Was ist, was soll Theater heute?
Vielen Dank für den Humor, die Tiefgründigkeit, die kritischen Aussagen, die Denkanstöße und diese Bilder!
Großartig!
#6 Der Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: der TitelJohannes Liebig 2016-11-19 22:27
@ Steffen Becker: "Melancholie und Schmiere" als Titel trifft es nicht


(Lieber Johannes Liebig, für den Titel ist die Redaktion verantwortlich. Freundliche Grüsse, sle)
#7 Der Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: schönJohannes Liebig 2016-11-19 22:29
@4 eine schöne Überzeichnung :-)
#8 Der Raub der Sabinerinnen, Stuttgart: Logik der SchmiereJ. Marc Reichow 2016-11-21 23:51
Natürlich "darf" man, irgendwie, auf der Bühne Kunstschätze plündern und "darf" man - auf dem moralischen Niveau von Fernsehwerbung, versteht sich, - klassische Kulturgüter einem eigenen Kommerz-, Image- oder Diskurszweck einverleiben, ohne ihnen (sic) dauerhaft zu schaden. Ob das für eine Inszenierung von Gewinn ist, dürfte von der Abgestumpftheit des Publikums abhängen. Doch auch in Stuttgart, wo solche Provokation eigenartigerweise verpufft wie gegenstandslose Pyrotechnik, und auch wenn ein paar stürzende Bühnensäulen noch keinen Fall Palmyra machen, beschädigt sich eine Inszenierung so doch selbst, der Frage ihres Ernstes oder Unernstes völlig ungeachtet.

Aber dazu später, zu dieser Herausforderung am Ende des Rückertjahres (sic), und vor dem obligatorischen Einspruch erst zurück zur Aufführung; dass auch ein "Kulturhauptstadt"-Publikum heute kaum mehr anti-bildungsbürgerlich provozierbar wäre, wusste Sebastian Hartmann vorher - beschreibt er diese Stuttgarter Inszenierung doch (siehe Programmheft) in der Hinsicht als Prozess der Auseinandersetzung oder auch Revision seiner eigenen Arbeitsweise.

Dem gegebenen Stück gab seine Interpretation wenige Chancen, Qualitäten zu zeigen. Das dürfte in der Logik der Schmiere selbst liegen, sie sollte sich hier als solche geben und selbst reflektieren. Tatsächlich kam die Aufführung in vielen guten Momenten über internes Geplänkel hinaus, und gerade die muffige Beschränktheit selbst des Humors auf eine von rotem Samt verhangene Welt wurde sehenswert und lustvoll ausgespielt, bis sie sich totgelaufen hatte, im Stück und weit vor dessen Ende. Genug Raum für glänzende Darstellungsleistungen, doppelte Karikaturen, Schauspiel über Schauspiel bis ins Detail, so in der szenischen Experimentalkomik der Echofigur "Manolo"/"Manuel" (Bertling und Harder) oder in Lüdickes großartig komischer Verletzbarkeit, selbst wenn er zum bloßen lustigen Kommentar auf sein (?) Sofa verbannt war. Dass Holger Stockhaus kaum ein Buch braucht, um Komödie zu spielen, ist nicht neu - und hier gelang ihm ebenso meisterhaft, die Handlung schließlich in ernste Bekenntnishaftigkeit zu überführen.

Die interessanteste und schönste Figur allerdings
verkörperte Hanna Plaß, die sich (dank ihres Ohrs und ihrer Gestaltungsfähigkeit rhythmisch und dynamisch fein abgestimmter Livemusik) der Schmierendarstellung völlig entziehen durfte und wie ein zunehmend beseelter Teil des klingenden Inventars, in immer hinreißenderen Kleidern zu einer Art Integritätsfaktor und geheimen Schlüssel-Erzählerin wurde. Integer, nicht von der Handlung kompromittiert wirkte sie, sondern "abhanden", wie "in einem stillen Gebiet" ironiefreier Ichfindung und anti-theatralischer Entfremdung von der Bühnenwelt.

Auf ihre Schultern hatte Hartmann somit aber auch die Verantwortung für die Entwertung von Mahlers berühmtestem Rückert-Lied zu einem Song geladen: hier scheiterte nicht Plass mit ihrem zweimal schön gesungenen "a cap[p]ella cover" (wie das im youtube-Jargon hieße), wohl aber dessen sinnlose Funktionalisierung durch ein Mashup mit dem Lohengrinvorspiel von der Mythos-& Bühnenweih-Festplatte.
Ähnlicher Verschleiß wurde vom Regisseur schon in "Im Stein" in Kauf genommen ( www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10845:im-stein-sebastian-hartmann-pfeift-in-stuttgart-auf-die-jugendfreigabe-und-macht-aus-clemens-meyers-unterwelt-roman-theater-jenseits-der-freiwilligen-selbstkontrolle&catid=39:schauspiel-stutt#comment-49668 ), aber eigenartigerweise kaum irgends kritisiert. Es handelt sich um halbherzige, ganz herzlose Aut(omat)ismen der Bühnenpraxis, und sie besagen viel über die verlorene Rolle großer Musik in diesem Theater. -

Das "poetisch" visionäre und langsame, in die imaginierte Antike transzendierte Schlussbild musste auf dieser Bühne schwächer wirken als andere Versionen statischer oder skulpturaler Szenerie, verglichen etwa mit Hartmanns noch großspuriger dimensioniertem STAUB oder Petras' Pfisters Mühle ( www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10240:pfisters-muehle-in-stuttgart-bringt-armin-petras-den-fruehen-umweltroman-wilhelm-raabes-auf-die-buehne&catid=39:schauspiel-stuttgart&Itemid=100190 ).
Es bildete aber den passenden Raum für die leichte Traurigkeit und den im Verlauf des Abends aufgekommenen Ton von Resignation, welchen auch die wienselige, aber unironische Sentimentalisierung im zugegebenen Epilog nicht weiter stören sollte, jenes adäquat und gegen alle Schlussapplauskonvention dem Abend eingepflegte Liadl nämlich. -

Und, ach ja: die Frage, ob man mit Schwänken, gar Metaschwänken das Schauspielhaus füllen will oder soll oder kann, muss nach dieser zweiten Vorstellung unbeantwortet bleiben.
Man werfe sie der Presse vor.

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