Im Wahn-See

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 19. November 2016. Ein – feuchter – Traum, gestrandet in einer großen Pfütze. "Das Käthchen von Heilbronn" könnte sein: Heinrich von Kleists Traum vom Glück und von einem Sein, dem auf Erden doch zu helfen wäre. Nicht so in Düsseldorf, wo Simon Solberg das Stück inszenierte. In knappen, personell auf sechs Personen reduzierten und textlich ausgedünnten 100 Minuten, die dennoch Zeit haben, Nicht-Dramatisches aus Kleist-Briefen und auch ein bisschen Kant zu zitieren, ohne dass es dabei zur Krise käme.

Katchen3 560 Matthias Horn uRiesenkampfwürmer aus Kleists Fanatsy-Welt © Matthias Horn

Wie Tentakel rollen und schlingen sich gräuliche Plastikschläuche über die knöcheltief unter Wasser gesetzte Bühne (Sabine Kohlstedt), greifen aus, machen sich hoch und breit – mehr ein vegetatives System bizarren Urwachstums als Abbild eines hochentwickelten Hirns in seinen Windungen. Was ja zu Kleists irrationalem Drama passt, das planer Intelligenz spottet. Im Düsseldorfer Schauspielhaus-Central steht keine historische Ritterburg-Welt, sondern ein Fantasy-Produkt, wo in Winkeln ein Alien lauern könnte, um sich in Ellen Ripley einzunisten. Die elastischen Röhren verwandeln sich bei minimalistisch elektronischem Musik-Rattern in Riesen-Kampfwürmer wie aus Dune, der Wüstenplanet, sind umnebelt wie der Drache aus Fritz Langs Nibelungen oder blähen sich zu XXL-Kondomen. Kleists romantische Fabel – Wucherwerk mit Mittelalter, Feuersbrunst, Feme, Gaukelei, Giftgemisch und frommer Legende – hat ihr Geheimnis. Das gilt es zu wahren, im Guten wie im Bösen, und am besten im Spiel.

Dunkel, bitte!

Im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz stand vor 16 Jahren für drei Stunden das Paradies offen, als Jürgen Gosch das "Käthchen" (mit dem Paar Maria Simon und Devid Striesow) inszenierte – für sie hatte sich das Nachdenken "Über das Marionettentheater" gelohnt: weniger "Reflexion", mehr "Grazie"! Nun, bei Solberg, sind die Pforten der Hölle, die das Leben für Kleist wohl war, geöffnet. You want it darker, um Leonard Cohens letztes Album zu zitieren, dessen Titel-Song das hebräische Wort "Hineni" ("Bedingungslos für jemanden da sein") enthält, was doch sehr gut auf das Käthchen passt und dessen absolute Hingabe an den Wetter vom Strahl.

Das anfängliche Femegericht wird als episches Theater vorgetragen, das mit einer Art von Rückblenden das vom braven Vater beklagte Verfallensein der Tochter an den Grafen dar- und nachstellt. Diese Methode frontalen Erzählens wird beibehalten und ist ein Problem der Aufführung, in der Text und Spiel, Wort und Bild aueinanderfallen: in fast szenische Lesungen und zum anderen in Pantomime und Choreografie. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Und andauernd das Plitsch-Platsch im Feuchtgebiet. Käthchen fällt ins oder tänzelt, hoppelt, hüpft, geigt und schwimmt sich durchs Nass. Ihr Graf muss schon mal die aufgeweichten Hosen wechseln. Alles nur, weil der todesmüde Dichter sich 1811 am Wannsee-Ufer entleibt hat. Wie sollte da das Märchen ein gutes Ende nehmen? Noch die himmlische Erscheinung, die Käthchen aus den Flammen rettet, sieht hier aus, als käme zwischen Plastikmüll-Beseitigern der Angel in America.

Getauft vom Styx

Solbergs Versuch – mit Abstand die bisher ambitionierteste Arbeit der neuen Intendanz von Wilfried Schulz – hat eine schon rabiate Konsequenz. Gewiss auch ein paar komische Einlagen und gewitzte Stimmungswechsel. Aber in der Summe genommen steht das Ganze, um im Bild zu bleiben, auf dem Schlauch. Das Stück wird ausgewrungen. Schade um die drei Hauptfiguren: Minna Wündrichs souveräne Kunigunde kommt eine ganze Weile ohne das Automaten-Getue aus und ist fast so klug wie Lessings Orsina. André Kaczmarczyk – an und in sich irre werdend wie der Prinz von Homburg – scheint noch im ruppigen Wüten zartbesaitet und somnambuler als das Käthchen (Lieke Hoppe: großäugig staunend und nicht naiv), wenn er nicht durchs Wasser waten müsste wie in der Kneipp-Kur – aber dort immerhin auch mal mit seinem Käthchen-Schatz plantscht und backfischhaft juchzt.

Katchen1 560 Matthias Horn uLieke Hoppe (Käthchen) und André Kaczmarczyk (Stahl) © Matthias Horn

Manchmal denkt man, die Figuren seien wie getauft vom Styx – doch dann ist es nur wieder Effekt-Ekstase. Statt Herzkammern auszuleuchten, munkelt und tapst es schummrig, trägt fahl angeleuchtete Gesichter zur Schau, ist von Trance umstellt und verschwiemelt. Die umnachtete unterweltliche Tortur trifft und betrifft kaum eine Menschenseele.

Solbergs "Käthchen" tritt in Widerspruch zum Wunderbaren. Es kann kein Ehe-Glück geben für das Paar (schon bei Stefan Bachmann vor zwei Jahren nebenan am Schauspiel Köln machte das Käthchen sich davon, wollte nichts wissen von ihrem Un-Wetter, von Hochzeit, dem albernen Kaiser-Vater, womöglich nicht mal von Gott und dessen Cherub). Nur die feucht-kalte Umarmung im Wahn-See mit Tod und Verderben. Aber ob das die Wahrheit ist – Kleists Wahrheit auf Erden?

 

Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Regie: Simon Solberg, Bühne: Sabine Kohlstedt, Kostüme: Katja Strohschneider, Dramturgie: Janine Ortiz, Musik: Jann Marvin Beranek, Lukas Berg.
Mit: Lieke Hoppe, André Kaczmarczyk, Jonas Friedrich Leonhardi, Rainer Philippi, Thiemo Schwarz, Minna Wündrich.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause.

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Episches Frontaltheater wechsele mit Wasserballett und effektvollem Technikgewitter, schreibt Regine Müller in der Rheinischen Post (21.11.2016), die den Abend sehenswert findet. Solberg habe "ein minutiöses Timing jenseits der Erzähllogik ausgetüftelt. Um den Preis freilich, dass der Abend auf interessante Weise zerfällt". Und zwar "in blitzende Fragmente, die neugierig auf den Edelstein machen, von dem sie abgesplittert sein mögen." Auch das Schauspielensemble erhält das Prädikat "famos".

"Aber wozu?" fragt Jens Dirksen auf dem WAZ-Portal derwesten.de (21.11.2016) angesichts eines "düstergrauen Bühnennichts", Kunstnebel, effektsicherer Lichtregie und des überaus einfallsreichen Einsatzes flexibler Schlauch-Röhren in diversen Größen als Burg, Baum oder Pferd, als Harnisch, Stola, Felsen, Rüstung, Armreif, Schwert und Lanze, die aus Kleists Stück aus seiner Sicht "so etwas wie ein abstraktes Fantasy-Spektakel" machen. "Das alles bliebe jedenfalls leer laufendes Räderwerk, wenn nicht Lieke Hoppe in der Titelrolle und Minna Wündrich als aasige Kunigunde so wunderbar mit dem Wesen ihrer Figuren spielen würden."

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