Im Sumpf von Milieu und Mafia

von Rüdiger Oberschür

Kassel, 2. Mai 2008. Wenn das Licht erlischt, liegen die Abgründe noch im Dunkeln. Drei Männer, zwei Frauen treten auf die Bühne, die aussieht wie ein in die Jahre gekommenes Fernsehstudio. Wie die Klischeevorstellungen von illegalen Einwanderern wirken die Fünf nicht. Eher wie ehemalige Abiturienten eines altsprachlichen Gymnasiums oder Mitglieder im Presseclub der 80er. Auch das minutenlange Schweigen fördert noch keinen Eindruck zu Tage. Erst wenn einer der Männer auf das gegenüberliegende Podest tritt und anfängt, von seinen Erfahrungen als Strichjunge zu erzählen, justiert sich die Atmosphäre. Das Quintett spricht "Schattenstimmen" – so haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihren Bühnentext aus Meinungen und Berichten illegaler Einwanderer in Deutschland genannt, die auf Recherchen im Milieu von Menschen ohne Papiere basieren.

Abgeschwächte Authentizität

Thomas Bischoff, für seinen antizipierenden, auf Blicke und Gesten reduzierten Minimalismus bekannt, bricht die Textstruktur von Senkel und Zaimoglu nicht auf, er spult sie Stück für Stück ab. Immer tritt einer der fünf auf das Podest am Rand und spricht Auszüge seiner Geschichte in die Webcam. Sein Gesicht wird in Nahaufnahme auf zwei hinter ihm hängende Flachbildschirme projiziert.

Die fünf Huren, Stricher und Dealer werden so wechselweise zu szenischen Close Ups, formalisiert wie in den Fotos von Martin Schoeller. Ihre entgleisenden Gesichtszüge, die vor allem bei Eva-Maria Keller und Frank Richartz berühren, das verlangsamte, überdeutliche Sprechtempo von Birte Leest, Peter Elter und Hans-Werner Leupelt sind weitere Dimensionen eines Verfahrens, das die Authentizität der Vorlage eher abschwächt.

Am Glanz des Flügels gebrochen

Gewöhnliche "deutsche Schauspieler", zu Bildschirmfratzen gefroren, sprechen authentische Texte von arabischen und afrikanischen Migranten und erzählen immer wieder von obszönen Banalitäten. Die als einzige "nicht-deutsch" aussehende Pianistin Masako Ohta spielt dazu über die ganze Dauer der Inszenierung aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier". Die verbale Pornographie des Textes vom Quintenzirkel kontrastiert, detaillierte Gewalt- und Sexexzesse, die am wohl behüteten Glanz eines Steinway-Flügels gebrochen werden. Etwas einsilbig auch die Homophobie und der Rassismus, der den "Schattenstimmen" selbst innewohnt, wenn sie von "Fidschi-Transen" oder "Anal-Albanern" sprechen. Um die Fallhöhe der Kloake Mensch zum Bildungsbürgerlichen noch zu unterstreichen, hat Isabelle Krötsch ganz am linken Rand einen heruntergekommen Sanitärbereich gebaut, in den ab und an das Talkshow-Wasser gekippt wird.

Schnell durchschaut

Das Regieproblem bei aller Lesbarkeit einer simplen Medienkritik bleibt, dass das kontrapunktische Konzept ebenso schnell durchschaut ist wie die Profile der Biografien. Bischoff hat genauso wenig Gegenstimmen für die Bühne gefunden, wie der Text eine differenzierte Sozialstudie darstellt. Alle fünf sind nicht Opfer illegaler Einwanderung, sondern gefangen im globalisierten Sumpf von Milieu und Mafia. Deswegen bleibt einem die ganze Geschichte so merkwürdig fern. Subtilere, voneinander stärker unterschiedene Fälle bräuchte es mindestens, um glaubwürdiges Dokumentartheater zu inszenieren.

Bischoff wollte seine Inszenierung erst mit anderen Texten auffüllen. Dem hat Zaimoglu jedoch seine Zustimmung verweigert. Ob das etwas Grundlegendes geändert hätte, bleibt fraglich.

Schattenstimmen
von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel
Regie: Thomas Bischoff, Ausstattung: Isabelle Krötsch.
Mit: Peter Elter, Hans-Werner Leupelt, Frank Richartz, Eva-Maria Keller, Birte Leest und der Pianistin Masako Ohta.

www.staatstheater-kassel.de

 

Mehr zur Uraufführung von Schattenstimmen am 20. April in Köln.

 

Kritikenrundschau

Wie authentisch die Kunstsprache sei, könne man nicht sagen, schreibt Matthias Lohr in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (5.5.) über Thomas Bischoffs Zweitinszenierung der "Schattenstimmen" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in Kassel, in jedem Fall gehe "sie einem gewaltig auf die Nerven." Das liege "weder an der handwerklich durchdachten Inszenierung noch an den überzeugenden Schauspielern", es liege "am Stück selbst, das laut Skandal schreit, einen nach zwei Stunden aber ratlos zurücklässt. Im Original geben Schauspieler den Illegalen ein Gesicht. Bischoff abstrahiert weiter und lässt so genannte Experten die Geschichten vortragen." Ein Verdienst des Stücks sei es immerhin, "dass es diese Menschen nicht einfach politisch korrekt als sympathische Opfer zeigt. Auch dafür gab es am Ende anerkennenden Applaus. ... Wer jedoch die Menschen sind, denen diese Stimmen im Schatten gehören, bleibt im Dunkeln."

 

 
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