Les enfants d'Olympe müssen draußen bleiben

von Wolfgang Behrens

Berlin, 2. Mai 2008. Am Ende konnte er sich's doch nicht verkneifen. Es gebe im Theater – wie auch in der Politik – eine Neigung zur "Verwechslung von Verpackung und Inhalt", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert am Schluss seiner kurzen Eröffnungsansprache zum 45. Berliner Theatertreffen, und wohlfeiler Applaus prasselte auf ihn nieder. Und, ja, die Schauspieler seien die Könige des Theaters – nochmal Applaus –, und schon hatte er sie wieder wachgerufen, diese immergleiche, gern auch mal präsidial angestoßene Debatte, ob nicht die Regisseure ein bisschen zu häufig ihre Kompetenzen überschritten.

Wundertüten-Zauberwelt

Vielleicht hat sich Lammert dann auch gleich bestätigt gesehen, als mit Shakespeares "Sturm" von den Münchner Kammerspielen in der Regie von Stefan Pucher die erste Inszenierung des Theatertreffens über die Rampe ging: Denn Verpackung gab's da viel, Barbara Ehnes' tolles Bühnenbild blätterte Shakespeares Spätstück auf wie die Seiten eines riesigen Buches, Chris Kondek steuerte beunruhigend schöne Videos bei, Marcel Blatti erfand ein irisierendes Soundgewebe – und zu allem Überfluss zeigte sich Stefan Pucher in dieser medial aufgepeppten Wundertüten-Zauberwelt an einer klar zu umreißenden Deutung des Dramas kaum interessiert. Ein typischer Fall also von blödem Regietheater? Leider haben wir Herrn Lammert hinterher nicht mehr gesehen. 

Sie ist also wieder auf dem Eis, die heilige Kuh des deutschsprachigen Theaters: das Theatertreffen – und gute zwei Wochen lang wird man sehen, wie man sie da wieder herunterbekommt. So wie die Regietheaterdebatte werden auch andere Diskussionen wieder hochkochen, nicht zuletzt die, wie künstlerisch ertragreich das Theatertreffen denn noch sei. Irgendjemand wird es vermutlich sogar zur Gänze in Frage stellen – nachdem Joachim Sartorius, der Intendant der Berliner Festspiele, es in seinen Begrüßungsworten gerade mal wieder als "unentbehrlich" und "unersetzlich" bezeichnet hat.

Und wie immer werden alle diese Debatten nirgendwo hinführen. Denn das Theatertreffen ist längst zum Selbstläufer geworden. Es ist ein Spektakel, dessen Publikumsakzeptanz so überwältigend groß ist, dass die Frage nach dem Sinn des Ganzen sinnlos geworden ist. Solange sich die Zuschauer glücklich schätzen, überhaupt dabei sein zu dürfen, ist die Relevanz per se gewährleistet.

Ausverkauft, Ausverkauft!

Und dass es schwer ist, dabei zu sein, davon können viele ein Lied singen. Während sich die Theatertreffen-Leitung bei der Pressekonferenz darüber freute, dass sogar Ticketwünsche aus Ägypten ins Festspielbüro gelangten, wurde für viele Kartenbesteller das Öffnen der Festspielpost zur herben Enttäuschung.

Besonders bitter traf es jene Hartgesottenen, die Jahr für Jahr am ersten Vorverkaufstag beim Haus der Berliner Festspiele nach einem ausgeklügelten System viele Stunden lang Schlange stehen. Für die drei Vorstellungen des Zürcher "Hamlet" von Jan Bosse beispielsweise gingen zu dieser Gelegenheit insgesamt nur fünf Karten über den Ladentisch. Wer also bei der Ticketlotterie der schriftlichen Vorbestellung nicht mit "Hamlet"-Karten bedacht worden war, der konnte selbst bei größtmöglichem Einsatz im Grunde keine mehr ergattern. Bei manch anderer Inszenierung sah es kaum besser aus.

Bemerkenswert an dieser Kartenverknappung ist, dass dem Theatertreffen so ein uraltes, angestammtes Publikum verloren geht, das gewissermaßen keine Lobby hat: die Hinterbänkler, die Kinder des Olymp, les enfants du paradis. Die Klagen über offenbar nicht bestehende Kontingente fürs "Fußvolk" erschütterten an diesem ersten Vorverkaufstag das Kassenfoyer der Festspielstätte – und mit diesen Theaterverrückten aus der letzten Reihe, die nun zum Gutteil keine Karten haben, wird dem Treffen entschieden eine Farbe fehlen.

Gimmicks statt Karten für's Fußvolk

Das "hochansehnliche" (O-Ton Sartorius) Publikum der Eröffnung ließ sich jedenfalls die Laune nicht verderben und feierte die erste Aufführung mit freundlichem Applaus und Buffet. Bei jungen Damen mit Bauchladen konnte der geneigte Theatertreffenfreund schließlich noch so schöne Dinge wie Bühnenstaub, ein Spray gegen Lampenfieber oder Berliner Luft erwerben. Denn die Berliner Festspiele verstehen es mittlerweile meisterlich, das Theatertreffen mithilfe von "Corporate Design" und kleiner nutzloser Gimmicks hübsch zu verpacken. Aber dank Lammert wissen wir ja, dass man Verpackung und Inhalt nicht verwechseln sollte. Wir sind jetzt gespannt auf die Inhalte. Nächstens mehr.

 
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