Samstag, 3. Mai 2008, 11 Uhr

von Robert Schröpfer

Es ist der zweite Berliner Tag von Ruby Town, und der Abend vorher muss ziemlich lang gewesen sein. Denn nicht nur, dass draußen vor der Halle kaum ein Besucher Schlange steht, auch drinnen in diesem Reservat herrscht am Vormittag noch allgemeine Dösigkeit. Der Lebensmittelladen (Haferflocken, Sellerie) – ohne Bedienung. Die Bar Sonja – verwaist. Und während junge Frauen in die Peepshow locken wollen, pafft Martha Rubin, Urmutter fast des kompletten Dorfes, die gestern noch als scheintot galt, in ihrer Matratzengruft trotz Rauchverbots schon wieder Selbstgedrehte.

Die Erwartungshaltung haben tt-Einladung und Berichterstattung hochgeschraubt: "Die Erscheinungen der Martha Rubin", hieß es, sei kein Mitmachtheater, sondern ein Erfahrungsraum. Man werde eingesogen von religiöser Inbrunst. Und von Ideengeberin Signa Sørensen war zu lesen, sie wolle "verstehen, wie der Alltag einer solchen gläubigen und strengen sozialen Regeln unterworfenen Gesellschaft funktioniert". Zu erleben ist nun erstens, dass eine Nonstop-Performance durchaus Löcher haben kann, und zweitens eine Kauzigkeit, nicht unsympathisch, und in Spiel, Ausstattung, Geschichten mit viel Liebe zum Detail. 

Schmuggel, Inzest, Sellerie

Hector Leon Rubin, ein freundlicher Herr, mit 64 Jahren ältester Dorfbewohner, lädt zum Kaffee, "oder lieber Wodka?" Er ist der erste, der nach dem Check-in am Armeeposten die Situation aus Sicht der Autochthonen schildert: Seitdem das Nordstaat-Militär einmarschierte, wurden hier keine Kinder mehr geboren. Der Grund: Strahlung und "toxische Tests" der Besatzer, so mutmaßt er, während sich hinter ihm im Doppelbett Joel noch mal auf die andere Seite dreht. Seit beider Frauen mit Kinderwunsch nach Nordstaat ausgewandert sind, teilen Vater & Sohn (40) die Pritsche. Warum sie nicht auch gegangen sind? "Wir haben doch hier alles." 

Oder Vetter Josef Wagner Rubin, Typ bauernschlauer, verschlagener Geschäftsmann. Seine Besonderheit: Er ist nicht nur Ur-Enkel, sondern durch die vorherrschenden besonderen verwandtschaftlichen Beziehungen zugleich ein Ur-Ur-Enkel Martha Rubins. Außerdem wird über ihn, heißt es, der Zigarettenschmuggel mit dem Südstaat abgewickelt. Und vor drei Jahren fand man vor seinem Restaurant den Vorgänger der aktuellen Army-Kommandantin tot. Bis heute ein ungeklärter Mordfall.

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© Arthur Köstler

 

 

 

 

 

 

 

 So machen’s scheinbar alle hier in Ruby Town, Ethno-Zirkus, irgendwo zwischen ARD-"Landhaus 1902" und "Tagesthemen"-Bildern angesiedelt, zwischen Lager und (vielleicht dann abends) Jahrmarkt: Faulheit, Schmuggel, Inzest, und in der Peepshow dann die eigene Tochter verhökern. (Das Militär hält sich bis auf eine "Routinekontrolle" am Nachmittag auffällig zurück.) Ihren Reiz bezieht die Installation so vor allem aus der kaum auflösbaren Ambivalenz, ob die Performance nur Stereotypen wiedergibt oder ob es sich nicht immanent um eine Strategie der Bewohner handelt, die uns Besuchern unsere eigenen Vorstellungen vom Ethnier vorspielt, um uns besser abkassieren zu können.

Sie läuft, o Wunder! 

Mit der Figur der Martha Rubin jedenfalls ist dem Mix der Exotismen noch ein kräftiger Schuss Esoterik wie auch Varieté beigemischt: Von gestern auf heute vom Scheintod auferweckt, säuselt sie zwischen Nippes-Opfergaben und Kerzenschrein Unbestimmtes über frühe Zirkusjahre beim Stiefvater, einen Schwertschluckerinnen-Suizid (anno 1913) und ihre lange Zeit in der "Zwischenwelt", in der der Wind in Richtung Jenseits blase. Und am Nachmittag ist zu beobachten, wie die lange Totgeglaubte – o Wunder – auf ihrem Balkon sogar noch eine Runde geht.

Ansonsten ist zu vermelden, dass für Mittwoch eine Hochzeit angekündigt wurde. Martha Rubin will heute hier, wo wegen der Strahlung seit Jahren kein Strauch und Tier mehr wächst, eine Taube gesichtet haben. (Laut vorherrschender Deutung ein gutes Omen.) Und es gibt offenbar einen ersten Berliner Gast, der sich von den Militärbehörden ein Drei-Tages-Visum (mit Übernachtungsberechtigung) hat ausstellen lassen.

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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